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Gonzales: Solo Piano

Diese 2004 in Paris von dem Exil-Kanadier Jason Beck alias Gonzales nach seinem Umzug von Berlin nach Paris (und von Kitty Yo zu Universal) aufgenommene Platte ist ein seltsames Stück. Nicht nur weit weg von dem gewohnten Sound von «Chilly Gonzales». Nachdem er mit seltsamen Hiphop-Crossover, Remixes, Produzent und als Multiinstrumentalist bei verschiedenen Projekten mitwirkte, ist Solo Piano eine Studie in Sachen Minimalismus. Aus einem normalen Klavier eingespielt, nicht Flügel, mit einer eher bescheidenen analogen Aufnahmequalität, wirkt das Album wie eine bewusste Kehrtwende weg vom elektronischen Sound. Mit dieser Mischung ist er nicht ohne Grund in diesem Jahr sowohl solo als auch mit Freund Mocky einer der vielen mehr als hörenswerten Gäste beim Donaufestival.

Solo Piano dürfte die Geister scheiden. Nicht nur wegen des mulligen, sehr warmen Klangs, dem es an Obertönen und Klarheit fehlt – auch weil die Musik ebenso warm und einlullend ist. Gonzales hat wenig Scheu, auf diesem Album oberflächlich etwas süßlich-belanglos zwischen Satie, Keith Jarret, Yanni Tiersen und vielleicht auch noch Richard Claydermann zu irrlichtern. Die Kompositionen sind niemals wirklich bissig, immer eher naiv, und das Tastenspiel hat eine langsame, suchende Qualität, die Lichtjahre hinter der Virtuosität anderer Pianisten zurückliegt. Auf der anderen Seite haben die Stücke eine beiläufige Ruhe, eine Introvertiertheit, einen naiven Charme, der glaubhaft ist. Wie bei Piano-CDs so oft und so oft unvermeidlich, ist die Platte etwas an der Grenze zur Entspannungsmusik, Rotweinsound, dieses traurigschöne melancholische Ding, das so schnell ins süßliche kippen kann. Aber die lo-fi-Aufnahme und die offenbare Suche nach Klängen, die Gonzales betreibt, machen die Sache glaubhaft, ebenso die augenzwinkernden Titel, deren leiser, urbaner Humor sich in die Songs schummelt. Es ist Gonzales gelungen, tatsächlich eine Platte zu machen, die Heimweh und zugleich einen Hauch Pariser Nachtflair einfängt, einen Soundtrack ohne Film zu machen.

Die Stücke klingen zackig durchgeplant, kleine Miniaturen, Stilleben. Grenzwandelnd zwischen jazzigen und klassischen Anschlägen, oft mit fast kleinkindartigen Melodiebögen, oft nur noch einen Hauch vom Kitsch, vom Allzuharmlosen entfernt. Die Kompositionen sind so irreführend leicht und eingängig, dass man sie allzuschnell unterschätzen kann, allzu schnell in den Amélie-Topf werfen würde. Dabei ist es nur eine neue Form der Bescheidenheit, die hier Regiment führt. Von «Gonzales über alles», wie Chilly sein Debut nannte, ist hier nicht mehr viel zu spüren. Solo Piano folgt stockenden Akkorden und perlenden Melodien, durch ein Flair von Herbstwind und Stummfilm-Grauschleier, durch Rotwein in der Nacht und Kaffee und Toast zum Frühstück. Die Sorte Musik, die dich dazu bringt, über die wichtigen Dinge reden zu wollen oder einfach zu schweigen und zuzuhören.  Es ist eine unerhört intime Platte, deren Bittersweetness man sich nach einigem Hören einfach ergeben muss, die wenig von Jarrets intellektueller Schärfe aufweist, sondern eher wie persönlich für dich kurz eingespielt klingt, die eine unerhörte Ehrlichkeit hat, wie ein Liebesbrief von Jason Beck an dich.  Jedes Stück ist ein, wie das Inlay-Poster nahelegt, kleiner Schattenriss eines größeren Songs, eine minimale Skizze, ein Blueprint, in dem alles wichtige gesagt und angelegt ist. Solo Piano ist eine bescheidene, Genregrenzen überschreitende Aufnahme, die man unbedingt haben sollte.

28. März 2007 07:51 Uhr. Kategorie Musik. Tag , , . 4 Antworten.

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