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Ghost of Tom Joad: Matterhorn

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Das zweite Album zeigt Ghost of Tom Joad deutlich gereift, weniger punky, näher bei Indie und sogar mitunter sehr radiotauglich. Was dem einen der Ausverkauf nach dem Ostkreuz-Album sein mag, ist für mich ein fast überraschender Sprung zu einer der besten deutschen Bands zur Zeit. Abwechslungsreich, aber immer mit klarem eigenen Sound, mit markanten, aber niemals nervendem Gesang, fühlen die Herren aus Münster sich mitunter an wie die ganz frühen (sprich guten) Bloc Party, kraftvoll bis in die Backen, aber zugleich filiran und spielerisch absolut Herr der Lage, niemals Opfer der eigenen Musik. Der zweite Track The Body of Lord Francis Douglas lässt keine Fragen offen, dass diese Combo den Internationalen Durchbruch absolut verdient hätte. Die Strophen wirken oft tighter und atmosphärischer als die Refrains, die mitunter den Druck rausnehmen (statt hochzuputschen), aber fuck it, bei Strophen wie diesen ist das okay. A Place where you belong zeigt mit einem brutalen Bass-Synth und abgehackt zackigen New-Wave-Gitarren eine so wuchtige Strophenarbeit, da kommst du als Refrain eben schlecht mit. The Waves Call your Name ist der nächste unglaublich kraftvoll, von Henrik Roger, Jens Mehring und Christoph Scheider förmlich durch die Wand geprügelte Song, vielleicht die beste Nummer unter einem Album, dass eigentlich nur gute Tracks unter einem fast konzeptalbumartigen Dach versammelt und zeigt, wie elegant und wütend zugleich Post-Punk sein kann. Mit der klassischen Drums/Gitarre/Bass-Besetzung ist es schwer, über die lange Strecke eines Albums zu fesseln, aber Ghost of Tom Joad schaffen diesen Trek mit wenigen Durchhängern bravourös, man würde sich von Bands wie Death Cab for Cutie, Placebo oder Jimmy Eat World (die  immer mal wieder durchblitzen) Alben wünschen, die so frisch sind. This Bed is a fortress zeigt einen seltsam gebrochenen Police-Flair, nicht nur im Titel, und ist doch ganz im Stil dieses neuen Tom-Joad-Sounds, bei dem man fast bei jedem zweiten Track zuerst checkt, ob das noch die gleiche Besetzung wie auf dem Debüt ist und sich dann vorstellt, wie der  A&R beim Hören der ersten Demos durch sein Büro getanzt haben muss… fast jede Nummer hier ist auskoppelbar, nicht schlecht für eine erst 2006 gegründete Band. Es mag sicherlich zu Hauf Kritik wegen Ausverkauf, verlorener Toughness und der etwas britisch-emohaften Musik des zweiten Albums geben, dem sich Anschmiegen an internationale Vorbilder (ganz zu schweigen von Muff Potter (deren Gitarrist ja nicht ohne Grund für dieses Album als Produzent zeichnet) oder Gods of Blitz usw.). Kann ich alles sehr gut verstehen, auch wenn ich mich frage, wie man sich bitte «deutschen» Indie vorzustellen hat – die Musik kommt aus den UK und wird auch immer danach klingen, und das ist auch okay so. Nur kann man ein Album wie Ostkreuz nicht endlos selbstkopieren, und Matterhorn ist kaum weniger getrieben, kaum weniger bissig als Ostkreuz, im Gegenteil, entgegen der Ausverkauf-Kritik finde ich es härter, weniger naiv, dunkler als den Erstling und insofern um einiges ernsthafter. Trio-Rock ist immer ein sehr sehr enges musikalisches Genre und nicht jede Band hat einen Andy Summers oder Stewart Copelandan Bord, und so ist es eher erfreulich, wenn hier ein sehr auf straighte Bauchmusik programmierte Band es schafft, sich treu zu bleiben und dennoch klar neue Akzente in die Musik zu bringen. Der Größenwahn scheint ja eingebaut: Nachdem man sich im ersten Albumtitel direkt an dem Hammersmith-Album einer anderen namhaften Triocombo vergreift, ist es nun der Aufstieg zu unbezwingbaren Bergen. So viel Pioniergeist macht Spaß. Aber: Viel weiter in Richtung Pop darf man vielleicht eben nicht gehen, bevor man irgendwann klingt wie Fury In The Slaughterhouse Light, Kap Farvel, der Schlusstrack, kippelt da für einige Sekunden in diese Richtung, bevor er von Red-Sparrows-artigem Krach gerettet wird. Es gibt ein paar Tracks, die etwas wie Füller wirken (Back to School), andere überraschen mit zusätzlichen Keyboards und mehr Experiment (Hibernation is over), aber kein Track kann verschleiern, dass Ghost of Toam Joad sich in Komposition und Arrangement auf trotz aller Lust am Spiel immer noch sehr engem Terrain bewegen – die meisten Refrains klingen etwas gleich. Der Trick zum dritten Album dürfte also vielleicht sein, weniger an der Produktion zu spielen als vielmehr an den individuellen grundsätzlichen Ausdrucksmöglichkeiten als Musiker. Wenn der Sprung zwischen zweiten und dritten Album so positiv ausfallen würde wie zwischen Matterhorn und No Sleep until Ostkreuz, darf man sich jetzt schon freuen. Ghost of Tom Joad machen nichts wirklich Neues, nichts wirklich Einzigartiges und Niedagewesenes… aber was sie machen, nämlich einfach soliden zeitlosen Mosh-Uptempo-Rock, das machen sie verdammt gut. Mehr muss doch nicht.

5. Juni 2009 08:02 Uhr. Kategorie Musik. Tag . Keine Antwort.

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