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GENIUS

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Die neue Genius-Funktion von iTunes8 hätte niemals von Microsoft kommen können. Und zwar, weil dann jeder User sofort hyperparanoid reagiert hätte, wenn ein Unternehmen seine gesamte Musikbibliothek durchforstet und fröhlich an den eigenen Server sendet – und das vor allem, um dir danach in einer Sidebar Kaufvorschläge zu machen. Microsoft wäre für die IDEE schon öffentlich als Big Brother hingerichtet worden – aber Apple-User scheint es nicht zu stören, Steve Jobs konnte es bei der Let’s-Rock-Keynote am 9. September bis zum Geht-nicht-mehr als DAS Killerfeature von iTunes8 verkaufen.

Aber ist es das?

Der neue Gridview kann es nun wirklich nicht sein – der erweist sich nur als praktisch wenn man a) eher Alben als einzelne Songs besitzt und hört, also sozusagen eine virtuelle Plattensammlung durchgehen will, b) das Artwork für die Alben vorher zusammensucht oder eben nur bei iTunes seine Musik kauft, wo man das Cover mitgeliefert bekommt, c) nicht Shuffle hört und d) ist Grid nicht wirklich entscheidend anders als der zuvor von Apple gehypte Cover Flow.

Bleibt also Genius. Das Durchforsten meiner Musikdatenbank samt Upload dauert fast zweieinhalb Stunden, danach geht es aber zugegeben recht fix, aus einem beliebigen Track meiner Mediathek eine Genius-Playlist zusammenzustellen, die aufgrund bestimmter Eigenschaften eines Songs ähnliche Musik sucht. Das geht nahezu in Echtzeit und die Ergebnisse sind natürlich nicht immer so, als würde es John Peel persönlich machen, aber auch nicht wirklich schlecht. Um schnell im Büro oder daheim mit Gästen für eine bestimmte Stimmung ein Set von etwa 25 Songs zusammenzustellen ist das Genius-Tool wirklich absolut brauchbar. Die Kunst, selbst eine Art Mixtape zusammenzustellen, verschwindet so natürlich – aber das kann man ja immer noch tun. Auf die schnelle ist Genius wirklich eine brauchbare, durchaus auch witzige, Option.

Die Sidebar, in der der iTunes Store zu jedem Song der Mediathek versucht, dir «das hier könte Ihnen auch gefallen»-Songs zu verkaufen, lässt sich gottseidank schließen (mit dem kleinen Pfeil-Button neben dem Genius-Button). Es ist etwas penetrant, in welchem Maße Apple seine Hardware und auch Software NUR noch als Verkaufsportal für Songs, Videos und andere Software sieht. Das ganze iPhone ist ein Outlet – und die Software, mit der wir eigentlich Musik abspielen sollen, wird mit Genius noch mehr zu einer Art Candystore für Musikjunkies. Apple setzt offenbar auf Impulsivkäufer (zumal bei Genius nur der 1-click-buy geht, da ist nicht viel mit Nachdenken). Was bei Amazon schon funktioniert, wird bei Apple perfektioniert – die Mediatheken anderer User generieren eine Art Wenn-du-A-hörst-solltest-du-dir-auch-mal-B-anhören Einkaufsliste. Smart – und beängstigend. Auf Dauer nervt diese Form von Geschäftemacherei und ich bin sicher, der Zuklapp-Button für Genius ist nicht umsonst so dezent gemacht. Genius ist kein User-Feature, sondern eine Marketingstrategie. Mit dem im Hinterkopf, ist es wirklich nett, ausgehend von einer bestimmten Band oder einem Musiker andere, ähnliche Acts zu finden und sofort eine kurze Musikprobe hören zu können. Ich bin gespannt, wie lange ich der Versuchung wiederstehen kann. Wenn Apple mp3 und DRM-freie Songs standardmäßig anbieten würde, wäre es nur eine Frage der Zeit, bis ich da schwach würde. Wie gesagt, ein Aufschrei würde umgehen, wenn Microsoft aus dem Media-Player nur zum eigenen Musikstore verlinken würde und das Kartellamt würde bemüht. Bei Apple scheint es niemanden zu stören, was mich als Windows-Paranoiker irgendwie irritiert. Ich würde zumindest gern auch zu anderen Stores weitergeleitet werden können, und sei es nur optional. Denn sobald Amazons mp3-Angebot aus den USA auch hierzulande richtig verfügbar ist, hat der iTunes-Store langfristig einen sehr, sehr ernsthaften Gegner mit dem richtigen Format und der richtigen Einstellung zu Digital Rights Management (das es bei Amazon eben nicht gibt).

Probleme hat Genius mit allem, was er nicht kennt. Dazu gehören nicht nur ältere Songs, die im iTunes-Store nicht vorhanden sind (Don’t Misbehave in the New Age von Animals&Men etwa führt zu keinem Ergebnis), als auch Songs, die so gerippt sind, dass sie keinen klaren ID-Tag haben, also etwa keinen Albumtitel oder iTunes bekannten Artist aufweisen. Solche Tracks, ebenso wie obskurere Remixe, alte Platten, DJ-Sets und andere Rare-Tracks, werden auch gar nicht erst bei der Generierung der Genius-Playlist berücksichtig… der Bauer frisst nur, was er kennt. Das schränkt die Bandbreite des Tools etwas ein. Es mainstreamt sozusagen.

Im Grunde macht Genius das gleiche wie das inzwischen leider hierzulande eingestellte Pandora-Radio des Music Genome Project, nur lokal und im iTunes-Store. Die eigene Mediathek zu durchmixen macht nur begrenzt Spaß – man kennt die Songs ja. Und der Kaufzwang lässt die Lust am Entdecken neuer Musik längst nicht so aufkommen wie das Pandora-Projekt, durch das ich schon reichlich gute CDs entdeckt und gekauft habe, das man aber auch einfach nur mal als Hintergrund-Radio mißrauchen konnte. Genius ist nicht näherungsweise ein Ersatz hierfür.

Richtig Spaß wird mit Genius erst aufkommen, wenn man via Flatrate quasi den gesamten iTunes-Store «besitzt» und jederzeit via Genius durchforsten kann und aus der gesamten Database des Shops Musik zusammengesucht wird. Dieser Schritt zum Flatrate-Musik-Angebot, der eigentlich überfällig ist, bei den Rechteinhabern aber nur schwer zu kommunizieren sein wird (vor allem, wenn die User nach einer gewissen Zeit die Tracks bitte behalten dürfen, nicht eine Dauermiete zahlen müssen!), würde Genius erst zu einer wirklich sinnvollen Applikation machen. Vorher bleibt es eine nette Spielerei für die lokale Playlist, eine tückische Verkaufsmasche für Apple (etwa so wie der AppStore direkt auf dem iPhone), aber wenig mehr. Genial ist der Genius noch lange nicht. Aber ein schönes Feature allemal.

Bleibt zu hoffen, dass das erwartete MacBook-Event im Oktober mehr Bewegung bringt als das iPod-Event diesen Monat.

Photo via Engagdet

11. September 2008 08:28 Uhr. Kategorie Technik. 9 Antworten.

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