
Es muß schwer sein, derzeit ein Intellektueller in den Vereinigten Staaten zu sein. Frustrierend. Es passieren Dinge seit 9/11, die einen ja schon als nicht-intellektuellen Europäer nur noch die Wahl zwischen Zynismus oder Verzweiflung lassen, aber direkt vor Ort zu sein und eine öffentliche Stimme zu haben… die dann doch nicht gehört wird, das muß wirklich anstrengend sein. Entsprechend frustriert klingt Nicholson Baker (oder besser: seine Protagonisten Ben und Jay) in Checkpoint, einem für Baker insofern ungewöhnlichem Buch, als daß es zwar (wie fast jedes Buch von Baker) auf vertraute Strukturen zurückgreift (die dialogische, aufgezeichnete Struktur von Vox in diesem Fall), ansonsten aber ungewohnt greifbar ist. Wo Baker sich sonst in seinen meist grandiosen mikroskopischen Betrachtungen verliert (am besten nach wie vor in The Mezzanine und The Everlasting Story of Nory), kommt diese Storyrecht druckvoll zur Sache, bekommt nur einmal – bei den Betrachtungen zur Arbeit mit einer alten Mittelformatkamera – einen Anflug von Bakers üblichem Sound. Ansonsten geht es knapp und druckvoll und wütend zur Sache mit einem schönen Auftakt, in dem Jay erklärt, daß er den Präsidenten der Vereinigten Staaten erschießen wird. Jay wird zur Stimme des frustrierten Autors, der einen sinnlosen Krieg sieht, in dem es nur um Geld geht, um gewinne für Haliburton und Lockheed (und ich wußte beispielsweise noch nicht, daß Dick Cheneys Frau Linda bis zur Wahl von Cheney zum Vizepräsidenten im Vorstand von Lockheed Martin saß…), darum, daß die USA selbst nichts mehr fertigen, sondern nur noch verkaufen, und um eine Vielzahl anderer up-to-date-Mißstände in den USA. Jay will handeln, ein Symbol setzen, irgend etwas tun, um seiner Wut ein Ventil zu bieten. Ben, die andere Stimme Bakers, ist etwas resignierter, abwartender, symbolisiert den Rückzug ins Private, ins Meditative, den Trend zum Cocooning. Die Frage im Buch ist also die zwischen Resignation und (selbstzerstörerischer) Aktion. Die Falle hierbei ist, daß man in dem Akt der gewalttätigen tat ja auf das Niveau derer sinkt, die man eigentlich bekämpfen will.
Baker schwirrt dabei schnell und leichtfüßig zwischen den Themen einher, vielleicht eher irrlichternd als zielgerichtet, streift dieses und jenes und bleibt, unterm Strich, in seiner Argumentation nicht so überzeugend wie der sehr viel ironischere Michael Moore, selbst wenn Moore Baker schriftstellerisch nicht das Wasser reichen kann. Zumal das Ende wirklich verplätschert und nichtssagend, fast albern ist, dem Aufbau des Stückes nicht gerecht wird. Es gibt keine Steigerung, keinen Spannungsbogen, keine Dramatik. Am Ende geht es nur darum, aufzuzählen, was derzeit alles falsch ist an und in Amerika. Das ist vielleicht ausreichend für einen Essay, aber eben nicht gut genug für ein Buch, nicht gut genug für die Struktur eines Kammerspielstückes à la LaBute, die hier embryonal ja gegeben wäre. Etwas enttäuschend für Baker, der mit Mezzanine und Fermate wirklich relativ einzigartige Bücher geschrieben hat und dessen verschachtelter Stil der Behandlung des amerikanischen Alptraums vielleicht sogar hätte dienlich sein können.
So sind es wenige großbedruckte Seiten Resignation, Wut und Frustration ohne Katharsis. Vielleicht ist das Absicht. vielleicht soll man sich als Leser am Ende ebenso frustriert und desorientiert fühlen wie Baker sich fühlt. Wer weiß…
20. März 2005 10:24 Uhr. Kategorie Buch. Keine Antwort.