Der wunderbare Schnee der letzten Wochen hat etwas, was lange brodelt, seltsamerweise nicht abgekühlt, sondern zum Kochen gebracht – den Volkszorn. Die Bürger empören sich darüber, dass die Städe trotz Haushaltssperren und schließenden Theatern die Straßen nicht picobello freihalten, nicht genug Streusalz verwenden, nicht oft genug die Straßen wie einen Döner abschaben, dass Müllfahrzeuge sich nicht durch Straßen zwängen, durch die kleine Kfz schon kaum noch sicher kommen und der Müll mal zwei oder drei Wochen liegt. Klaus Kunze, Chef der Essener Entsorgungsbetriebe, gibt in seinem Interview mit Der Westen einen Einblick in die vielen Parameter, die er zu jonglieren versucht – durchaus sympathisch -, und wird in den Kommentaren (der hysterisierten Form des Leserbriefes) dafür angegeifert und persönlich beschimpft. Die Bürger fangen sogar an, Klagen gegen die Entsorgungsbetriebe verschiedener Städte vorzubereiten.
Wegen etwas Schnee, wohlgemerkt.
Zugegeben, um Weihnachten ist etwas dumm, wenn Müll liegenbleibt, weil gerade da viel Papier anfallen kann (obwohl das ja auch schön den Überkonsum verdeutlicht und uns einen Geschmack des eigenen Giftes gibt). Zugegeben, Autofahrten um den 24.12. waren nahezu undenkbar und haben meist mehr als doppelt so lange gedauert und waren oft von der Angst geprägt, in irgend eine Leitplanke zu schliddern. Aber haben wir uns schon so weit von der Natur entfernt, dass wir mit dem Wetter auf Kriegsfuß stehen? Den Sommer bekämpfen wir mit Klimaanlagen und ruinieren dabei unsere Gesundheit, im Winter verlangen wir offenbar, dass ad hoc ein Normalzustand wieder hergestellt wird. Meine Nachbarn haben im Grunde ganztägig gegen den Schnee angefegt und geschippt, damit ihr Teil der Straße (und auch nur ihrer) bitte immer noch so aussieht, als sei Frühling, als sei gar kein Winter. Gut, dafür gab es dann vor ihren Häusern keine Parkplätze mehr, weil sich irgendwann meterhohe Schneeberge am Straßenrand auftun, aber der Bürgersteig als solcher war blitzeblank. Immer. Die Tatsache, dass man auf gefallenem Schnee an sich ausgezeichnet gehen kann – im Wald fegt ja auch niemand und man kann dort bestens unterwegs sein – spielt bei diesem Fegewahn keine Rolle. Es geht nicht um die Begehbarkeit der Straße oder um gesetzliche Vorschriften. Es geht um den Kampf gegen die Natur. Es scheint auch niemand auf die simple Idee zu kommen, sich zusammenzutun und die Straße einfach gemeinsam selbst vom Schnee zu befreien, wenn die Entsorgungsbetriebe die Seitenstraßen nicht streuen. Soviel Anonymität muss selbst in Wohnvierteln sein, wo jeder Nachbar alles über den anderen weiß.
In den USA wäre das übrigens undenkbar. Dieses paternalistische Staatsverhältnis – ich zahle Steuern, dafür musst du mich rundum verwöhnen. Es ist in einem Land wie Amerika vielleicht einleuchtender, vielleicht ticken die Menschen auch nur anders, dass der Staat sich nicht um die Weite des Landes, um jedes Detail kümmern kann. Also machen die Leute es, ganz dem Let’s-Do-It-Mythos einer Nation verpflichtet, die den Wilden Westen erobert hat, einfach selbst, adoptieren Autobahnabschnitte, fegen die eigene Straße, beschneiden die eigenen Bäume. In Deutschland scheint aber schon die Vorstellung, einen Müllsack zum Recyclinghof selbst fahren zu müssen, eine Zumutung zu sein.
Vor allem aber auffallend ist die Ungeduld mit der Natur, die einfach daherkommt und sich in die Planbarkeit des Lebens einmischt. Wer über beheizbare Gehwege sinniert, hat sich endgültig für ein Leben entschieden, das ebenso gut unter einer Plastikkuppel über der Stadt stattfinden könnte, die Regen, aber auch zu viel Sonne, Wind und Schnee, einfach abhält. Mit anderen Worten mutieren wir zu Terrariums-Tierchen, die neurotisch reagieren, wenn ein Parameter der künstlichen Umwelt zu stark variiert wird. Die Wirklichkeit macht uns nervös. Ein zwei Tage ist der Schnee ein Ah-Ereignis, danach manifestieren sich nur noch Ärgernisse, weil der Terminplan derangiert wird. Wenn das Leben ein Güterbahnhof ist, darf uns eben keine höhere Macht die Logistik verhageln. Und da wir in einer Welt leben, in der selbst die Freizeit per Terminplaner organisiert wird (und per Facebook dokumentiert), ist das Leben nun mal ein Güterbahnhof, sorry, lieber Schneemann.
Es ist verblüffend. Die gleichen Bürger, die sich sonst permanent um den eignen Burn-Out zu sorgen scheinen (dem gefühlten Buch- und Pressethema Nummer Eins derzeit), sehen den Schnee nicht als naturverordnete Auszeit, sondern burnen noch ein wenig intensiver dagegen an, wutschäumend. Anstatt Termine zu reduzieren (eine Ausrede hätte man ja), zu Hause zu bleiben, vorm Schneefenster mit etwas Heißem in der Tasse ein gutes Buch zu lesen oder unter der dicken Decke zu kuscheln, wird in den Leserbriefen ein Kryptofaschismus der eisfreien Straße deklamiert, das totale Schneefrei gefordert. Dahinter steckt nicht nur eine unfassbare Entfremdung von der Natur und ihrem Rhythmus, sondern auch eine Ungeduld, die uns alle erfasst hat und der die Realität als solche total egal geworden ist.
Und in der Tat, wir sind verwöhnt. Alles hat sich beschleunigt. Gute Zeiten, um ein fußwippender Ungeduldsmensch zu sein. Amazon liefert nicht mehr nur binnen 24 Stunden, was an sich ja schon verblüffend genug ist, sondern binnen eines Tages bis 18 Uhr. Downloads, die vor zehn Jahren noch den ganzen Tag gebraucht hätten, sind heute ohne Kabel in wenigen Minuten auf dem Rechner. Man kocht nicht mehr stundenlang, sondern blitzdingst sich in Minuten ein Essen aus der Microwelle. Auch im Restaurant denken wir uns anscheinend nichts dabei, wenn Sauerbraten, ein Fischgericht und ein Schnitzel seltsam schnell, seltsam gleichzeitig aus der Küche kommen, selbst wenn die Teller wärmer sind als das Kartoffelpüree – die Frage, wie ein Sauerbraten ernsthaft in 5 Minuten halbwegs seriös gemacht sein soll, stellt man besser nicht. In den Fast-Food-Ketten warten entsprechend schon viele Gerichte verpackfertig vorbereitet auf uns, damit man sie direkt am Autoschalter ordern kann, whambam, von der Bestellung zum Dinner in 2 Minuten, das Herabschlingen braucht kaum länger. Wir tippen nicht mehr mit der fehlerhaft-langsamen Mechanik einer Schreibmaschine, sondern direkt mit Rechtschreibkontrolle eingebaut, verschicken keine Post mehr über zwei drei Tage, sondern eMails im Sekundentakt, Gigabytes davon im Jahr (wären es Postbriefe, wir würden jedes Jahr Schränke von Aktenordnern mit dem ganzen Hin und Her füllen). Wir teilen unsere impulsiven Gedanken unserem Freundeskreis in Echtzeit mit, just in time, kein Warten mehr, es der Freundin morgen am Telefon zu erzählen, sie hat es schon bei Facebook gelesen. Abgeordnete twittern Abstimmungsergebnisse, bevor wir sie aus den Zeitungen lesen, die mit einem Tag Verspätung gegenüber der Newsflut in unseren RSS-Readern sowieso furchtbar lahm wirken. Navigationssysteme bringen uns schnell uns sicher ans Ziel, kein minutenlanges Kartenwälzen mehr vor der Fahrt, kein Verfahren, reinsetzen und losfahren und jederzeit im Blick, ob man es noch pünktlich schafft oder nicht. Notizen schreiben wir nicht mehr ab, eine Software macht das für uns. Medien konsumieren wir nicht mehr in Ruhe, wir zappen zwischen den Kanälen und Angeboten, schnell gelangweilt, wenn eine Handlung oder Information zu langsam kommt, keine neuen Impulse auf uns eindonnern. Dass manche Prozesse einfach physikalisch und mechanisch sind und Zeit brauchen wollen wir zunehmend nicht mehr hören. Für uns Designer bedeutet das oft, dass ein Kunde nicht versteht, warum die 100-seitige Broschüre nicht doch in einem oder zwei Tagen gedruckt werden kann – und oft werden Termine so gebaut, dass man sich wirklich eine Art Digitaldruck in hohen Auflagen wünschen muss. Bei Korrekturen wird, kaum sind die Mails angekommen oder kaum die Änderungswünsche durchgegeben, kaum eine Stunde später nachgefragt, wo die neuen Fassungen bleiben. Egal, wem du heute eine Mail schreibst, wenn sie eine gewissen Länge erreicht und Dinge erklärt, beschleicht dich schon beim Absenden das Gefühl, niemand wird sie wirklich lesen – nicht ohne Grund gibt es ja längst Software, die dem Empfänger den eingehenden Text in eine Kurzfassung zusammenschnürt. Und dass Ideen und Kreativität sich in keinerlei Zeitplan pressen lassen und einfach auch etwas Ruhe brauchen, ist nahezu eine Tabu-Aussage geworden.
Jeder hat es eilig, wenn er nicht gerade als Kind oder Rentner außerhalb des Systems steht und sich das Irrenhaus-Treiben amüsiert anschauen darf und wie Hans-Jochen Vogel amüsiert-schockiert die SMS-Sucht der Kanzlerin aus dem Altersheim heraus kommentieren kann, als zugleich etwas befremdlich wirkendes Symbol einer vergangenen Ära von Schreibmaschinen und Aktenordnern. Aber selbst die Pensionäre, man sieht es in Stuttgart, haben keine Geduld mehr, sich die Umbaumaßnahmen für einen Bahnhof anzusehen, den sie nie mehr nutzen werden. Das gleiche Gefühl, das sich gegen den Winter positioniert – bitte keine Störungen in der Komfortzone – ballt sich hier gegen Bagger und Kräne. Es mag Sachgründe für und gegen S21 geben, aber im Kern geht es um die Frage, wie viel Geduld und Veränderungs-Elastizität wir noch aufbringen können. Selbst die Integrationsdebatte lässt sich auf Ungeduld reduzieren, leider – es scheint, als brächten Sarrazins Jünger den muslimischen Einwanderern nicht die Geduld entgegen, sich langsam in eine Balance zwischen Identität und Integration zu finden. Obwohl dieser Prozess Dekaden braucht und durchaus erfolgreich läuft, scheinen wir als Gesellschaft die Energie zur Hilfe, die Ruhe und Reife für diesen Prozess nicht mehr aufzubringen und zucken nervös zwischen Realitätsverschleierung einerseits und hysterischen Überfremdungsängsten andererseits. Die Wutbürger wippen nervös mit dem Fuß, als wäre ein generationenüberspannender Vorgang ein zu spät kommender Zug, der unser Effizienzkorsett zum Platzen bringt. Wir haben keine Zeit für gesellschaftlichen Wandel, also lehnen wir ihn ab.
Längst sind wir nicht nur ungeduldig, wir fiebern der Zukunft entgegen. Trailer, Leaks und Websites verraten uns Details von Büchern, Filmen und Serien bevor sie überhaupt fertig geschrieben oder gedreht sind, neue Alben kursieren im Web, während die Musiker noch im Studio stehen, Apple stellt Software vor, die erst in einem Jahr überhaupt erscheint – wir werden permanent mit einem Hunger auf das nächste kommende Ding, das nach der nächsten Ecke auf uns wartet, aufgeladen. Wir sind nie mit dem zufrieden, was jetzt ist, sondern hecheln ungeduldig schon der nächsten Etappe entgegen. Ich bin da keine Ausnahme, habe schon als Kind zuerst das Ende vom Krimi gelesen und mag bis heute Spoiler über alles – dieser präkognitive Blitz, der ja immer nur ein Teil des Ganzen ist und der erst Sinn macht, wenn man dann das Buch tatsächlich liest oder den Film sieht. Mein Hang zu Multitasking und Ungeduld ist so alt, wie ich zurückdenken kann – aber wenn solche ADHS-artigen Eigenschaften in der gesellschaftlichen Psyche massenhaft aufblühen, sind es nicht mehr unbedingt positive Features, im Gegenteil.
Wir entwickeln uns nicht nur zu einer hektischeren und oberflächlicheren Gesellschaft, wie von zahlreichen Autoren oft etwas kurzsichtig prognostiziert (wie in Schirrmachers unsagbar schlechtem Buch), sondern vor allem zu einer permanent wütend-ungeduldigen. Witterungsbedingte Verspätungen und Verkehrsengpässe lösen bei vielen Menschen offenbar Gefühle aus, die aus dem Anlass heraus nicht zu erklären sind. Es mag daran liegen, dass in ohnehin unsicheren Zeiten die Bürger angesichts der großen Unwägbarkeiten bei den kleinen, alltäglichen Chaos-Momenten überzogen reagieren, sich sozusagen blitzableitern am Entsorgungsunternehmen, wenn es in Wirklichkeit um die Großbanken geht, die Deutsche Bahn für die Terrorismus-Angst und Wirtschaftskrise büßen muss. Es mag auch sein, dass wie in so vielen Dingen 40% besser zu ertragen sind als 90% – je besser es uns geht, umso schärfer nehmen wir die immer kleiner werdenden Restunterschiede war. Unsere Welt ist schneller geworden, die Befriedigung eines Wunsches nahezu aufschubfrei… umso schlimmer ist vielleicht, wenn doch einmal etwas nicht so läuft, wie man es gewohnt ist. Wo sich unsere Großeltern von Krieg und Wiederaufbau nicht haben beirren lassen, scheint uns schon eine vereiste Autobahn aus der Balance zu bringen.
Natürlich kann es kein Zurück zur Ruhe geben, und ich wäre der letzte Mensch, der das propagieren würde. Die Welt wird schneller und das ist in der Natur unserer Evolution, nicht erst seit einigen Jahren, sondern seit Anbeginn der Geschichte. Eskalation ist menschliche Natur. Dennoch darf man nicht vergessen, das Muße, Ruhe und Nichtstun entscheidende Lebensfaktoren sind. Es ist erwiesen, dass Ideen eine Inkubationszeit brauchen. Informationen sammeln, nachdenken, drüber schlafen, Ideen kommen lassen, das ist die Mechanik der Kreativität -, und das gleiche gilt für das Leben als solches. Es sollte hyperaktive Phasen geben, aber auch Abschaltphasen, Anspannung und Entspannung, Dehnung und Erschlaffung, in sinnvoll-weichen Sinusbewegungen. Ein Gummiband, das immer nur gedehnt wird, reißt nun mal. Das hat nichts mit Burn-Out-Moden zu tun, sondern ergibt sich aus dem Kreislauf der Natur, wo wir solche Wellen immer wieder sehen, das Auf- und Absteigen, Anwachsen und Zurückgehen, Ebbe und Flut. Es schadet also nicht, diese Gegensätze als gut zu sehen und Hemmungen wie Schnee oder verspätete Züge entspannt als Gang der Dinge, als unweigerlichen Bestandteil des Seins zu begreifen, nicht als Hindernisse, die es zu bekriegen gilt. Es ist gut, wenn es schneit und wir langsamer werden müssen. Es ist okay, wenn Müll mal ein paar Wochen länger liegen bleibt – umso mehr wissen wir zu schätzen, wie unsichtbar und reibungslos die Infrastruktur normalerweise läuft. Erst durch das Ausbleiben des reibungslosen Funktionierens wird das uns umgebende Versorgungssystem spürbar, sichtbar. Erst wenn die Bahn zu spät kommt, verstehen wir die Logistik, die dieses Netzwerk normalerweise vorantreibt. Im Scheitern wird also auch die Schönheit eines bestehenden Systems spürbar. Wer den Schnee nicht genießt, sondern sofort manisch solange fegt, bis wieder der Asphalt sichtbar wird, hat vielleicht tatsächlich ein Problem, die Welt zu genießen. Und ist es nicht eigentlich ein tolles Abenteuer, über Schnee und Eis zu schliddern auf der Autobahn, nachts um Drei – kann man das bei aller Panik um das schöne Blech nicht auch mal genießen?
Liebe Leserbriefschreiber und Straßenfeger, liebe Armbanduhrchecker an den Flughäfen, liebe Schlangenvordrängler – ich bin ja genau so ungeduldig wie ihr, genauso übertaktet, genauso unfähig mal ein paar Stunden ohne Twitter oder RSS, ohne Mail oder Medien klarzukommen. Ich verstehe euch ja. Aber es gibt Situationen, da ist es gut, den inneren Kontrollfreak in den Schrank zu stellen und das Leben nicht als Fließband misszuverstehen. Es gibt Brüche, Pausen, Unwägbarkeiten unter der ja nur scheinbar glattgezogenen Zivilisationsfassade, und die kleinen alltäglichen Störungen können als Erinnerung daran dienen, wie fragil die Balance unseres Alltags ist und wie groß der Luxus, den wir genießen. Wir erleben meist keine Orkane, keine Sturmfluten und noch hat uns niemand Hochhäuser weggesprengt – lasst uns verschneie Straßen und rutschige Gehwege, Warten am Bahnhof und unklimatisierte Züge als homöopathische Dosen der Risiken wahrnehmen, die wir gebändigt haben.
Auf keinen Fall aber sollten wir uns nach einer 100%ig kontrollierbaren, klimatisierten, beheizten Welt sehnen, in der es keine Überraschungen mehr geben kann und alle Züge immer pünktlich fahren, alle Briefe immer zeitig eintreffen, es wäre die langweiligste aller Existenzen.
12. Januar 2011 11:46 Uhr. Kategorie Stuff. Tag Denken, Gesellschaft, Winter. 15 Antworten.

Hast Du »Der kommende Aufstand« schon gelesen?
Nein, sorry. Ich lese gerade (immer noch) Richard Price, William Gibson und die Raddatz-Tagebücher (die allein schon für zwei Jahre Stoff bieten dürften). Ich hab den Text als The Coming Insurrection (also die englische Übersetzung) seit in Instapaper rumschwirren, aber irgendwie ist es zum einen für jemand, der die Adbuster wegen «generell gut, aber immer das selbe» wieder abbestellt hat und der sich über an Guy Debord herangetastet hat, irgendwie auch Deja vu.
Ich glaube vor allem gar nicht an Revolutionen. Nicht nur, weil unser System das Revolutionspotential sozusagen narkotisiert hat – die Leute, die am meisten unter dem System leiden sind die sicherste Säule, die es hat -, sondern auch weil ich denke, dass bisher keine gewaltsame Lösung ein besseres System hervorgebracht hat. Sicherlich darf man sagen, dass der Chicago-Kapitalismus, der unser Leben derzeit prägt, an allen Ecken und Enden krankt und das die Politik keine Chance hat, ihn auch nur einzudämmen.
Aber im Ernst – siehst du in Deutschland eine Revolution? Von wem? Ich seh das nicht. Im Gegenteil, ich sehe in Europa eher den Rollback zum Rechtskonservativen herandämmern, Ungarn ist überall, in Frankreich und Italien schon längst, eleganter herausgeputzt, und in Deutschland wäre das doch auch der Traum der Politik, so durchzuregieren wie Sarkozy, so gnadenlos abzugreifen, so dekadent zu herrschen. Es gibt keinen Aufstand in Italien, wie sollte dann hier jemals einer kommen. In Frankreich brennen Autos – aber die FESTIGEN nur die Herrschaft des Kärchermännleins Sarkozy. Die Angst vor revolutionären oder terroristischem Aufruhr (beide sind ja verwandt) ist ein zentrales politisches Motiv der letzten Dekaden – das System braucht diese Angst (vgl Naomi Kleins Shock Doctrine).
Und ob man von innen etwas bewirken kann, darf man seit Obama auch bezweifeln – sein Scheitern und der durch seinen Erfolg und die drei Sekunden globales ausgelöstes Aufatmen ausgelöste Rechtsruck ins Absurde der USA zeigt, das die Ära von Ghandi und MLK und anderen Systemveränderern in unserer Mediengesellschaft scheinbar vorbei ist. Wer bedacht und reflektiert handelt ist nicht so Medienwirksam wie Draufhau-Rechte. Man beachte wie der zunächst doch vernünftig erscheinende Thomas de Maizière förmlich selbst von der «linken» Presse attackiert wurde, weil er diffus und nicht «scharf» genug erschien, also nicht ausreichend schäublifiziert war. Ist es nicht abstrus, dass sein «Rating» in der Bevölkerung steigt, sobald er Terrorismuswarnungen vom Stapel lässt?
Die einzigen «Revolutionäre» die derzeit die Medien bewegen sind Rentner in Stuttgart, die zu 40% sicher gute Gründe haben und tolle Menschen sind, die mir in der Masse aber als Verhinderer und Blockierer suspekt sind, die eben nichts ÄNDERN, sondern die Nicht-Veränderung zementieren wollen. Wer da wie Geißler ein Wiedererblühen der Demokratie sieht, muss schon ganz schön was an den Augen haben. Das Gegenteil ist der Fall – hier manifestiert sich nur die Angst vor Veränderung und Zukunft und Zumutungen und Kampf.
Denn die Unzufriedenheit und Nörgelei mit allem ist ja auch eine Gemütlichkeit (Deutsches Markenprodukt, ohnehin) – eine Faulheit, eine uns infizierende Hängemattenmentalität. Selbst die Finanzkrise ist so lala an uns vorbeigerauscht, why bother? Dioxinskandal, ach ja, hatten wa schonma, leben wa doch imma noch. Wer so gemütlich ist, darf sich nicht wundern, wenn er in der Hängematte irgendwann sanft entschläft. Andere arbeiten härter und entschlossener an der Zukunft ihres Landes und ihrer selbst – und werden diese Zukunft dann auch besitzen. Wir nicht. Wir hatten unsere Zukunft in der Vergangenheit.
danke – sehe ich genauso. wir leben in einer “alles-immer-überall-sofort” kultur und ich habe den dämpfer den die paar wochen schnee verursacht haben echt genossen.
ich habe den letzten absatz zuerst gelesen. schuldig im sinne der anklage.
ein sehr treffender artikel, danke dafür.
Puh, das hat gesessen!
Was für eine Abrechnung auf geschätzten 200 Zeilen!
Alles richtig.
Aber warum steht das nicht auf den Lifasssäulen?
Mir ging es nicht um den Glauben an die Revolution oder die Lethargie unserer Gesellschaft, sondern viel mehr darum, dass einige deiner Aussagen sich eben ähnlich in der Flugschrift des unsichtbaren Komitees wieder finden.
Indes habe ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben ;)
> Aber warum steht das nicht auf den Lifasssäulen?
das find ich auch! alles sehr treffend.
> Denn die Unzufriedenheit und Nörgelei mit allem ist ja auch eine Gemütlichkeit (Deutsches Markenprodukt, ohnehin) – eine Faulheit, eine uns infizierende Hängemattenmentalität.
man kann ja auch schon jetzt oft genug beobachten das andere länder mutiger und weniger gemütlich mit der zukunft umgehen. ein ganz wunderbares beispiel hab ich auf der face to face konferenz gesehen, wo ein britisches designbüro für eine dänische partei ein radikales erscheinungsbild zur neuausrichtung entwickelt hat. in dieser art undenkbar in deutschland. (http://www.radikale.dk) (http://www.parriswakefield.com/page/portfolio/politics)
natürlich ist eine dänische partei nicht zu vergleichen mit einer großen deutschen partei, aber der mut zur neuausrichtung wäre auch bei uns möglich, nur ist er nicht gewollt. wir wollen es gemütlich. es war sowieso bezeichnet für die konferenz, das die mutigen und spannenden projekte alle aus dem ausland kamen. aus deutschland gab es nur spießer kost.
das gemütliche findet sich in allen branchen und arbeitsbereichen wieder und als engagierter mensch (oder auch designer) ist es immer wieder viel kampf dagegen anzugehen. ich hoffe ich habe noch viele viele jahre die kraft dazu ;)
Vielen Dank, eine der wenigen deiner Reden die vollkommen den Anklang bei mir fand – pathosfrei und schnörkellos. Leider zu spät für die Neujahrsansprache, doch um Längen besser. Es freut mich, dass diese, meine Sichtweise so treffend zu Sprache kam.
Ich – pathosfrei. Muss ein Ghostwriter gewesen sein (ne, is ja nur rausgehackt, man beachte die Tippfehler, von denen Katha gottseidank noch einige gecatcht hat (danke!)).
parriswakefield ist natürlich aber immer aber eben auch «saville» und deshalb sowieso immer richtig (allerdings irgendwie nicht «radikal»). und leider in deutschland so nicht gegeben, seltsam eigentlich – zuviel nomenklatur halt. ich glaube, selbst jvm und meta zusammen hätten nicht die power, einen parteiapparat umzukrempeln, strategisch, inhaltlich und vom look her. was sehr schade ist – ich glaube, dass man UNbedingt in der Parteienwerbung viel mehr tolle Arbeiten braucht. Ruhig auch experimentell. Tut doch nicht weh. Wie in allen Bereichen würde das klappen, wenn man den Apparat umgehen kann und mit Entscheidern arbeitet, die einfach… keine… Angst… um… ihren… Job… haben… müssen, sondern zupackend und engagiert entscheiden, was sie selbst als Mensch und Profi richtig finden (und ihrem Designer vertrauen).
Ansonsten ist Politik ein TRAUMprodukt. Ich hab mich jahrelang dagegen gewehrt, find das momentan richtig gut, auch wenn wir da eher wenig bewegen und nur bescheiden unseren Job machen und ich sehr gern sehr viel mehr bewegen würde da. Ich hätte gerade SO eine tolle Idee fürs Integrationsministerium, geht gar nicht mehr :-D
Ich kann dem letzten Satz von Andrė Meyer aber auch gaaaar nichts hinzufügen.
Verliebt in diesen Blog.
Die Plattenbesprechungen sind auch groß! Merci.
Ein verspätetes frohes Neues…
Ich geb Dir Recht, nur so ein klein wenig Schnee und alles bricht schon zusammen!
Aber gleich von Volkszorn sprechen? Naja, ich weiß nicht!
Die EBE hats hier halt nicht gebacken gekriegt!
Nur leid tut mir ihr Chef dabei nicht. Wenn man sich das Interview so durchließt, kann man sich doch eigentlich nur an den Kopf fassen, oder?
Schon im Herbst haben eigentlich alle Meteorologen vorausgesagt, dass wir nen ziemlich, ziemlich kalten Winter kriegen! Und er bestellt nur 2000 t Salz! Um dann ein paar Sätze weiter zu sagen, dass man im wärmeren Winter im letzten Jahr schon allein 4500 t gebraucht hat! Aber man hat ja nen tollen Liefervertrag mit nem Unternehmen, welches schon im letzten Jahr gepatzt hatte und deswegen verklagt wurde! Das ist doch schon fast Satire! :-D
Dazu wurden die schwereren Räumschilde gegen leichtere aus Kunststoff ersetzt, damit man mehr Salz laden kann…!
Großartig! :-D
Und die leichteren räumen nicht so gut!
Und wie sollte er wissen, das Salz im Winter teurer ist?
Was ist noch mal der Job von dem Mann, und was verdient er dafür?
„Die Bürger fangen sogar an, Klagen gegen die Entsorgungsbetriebe verschiedener Städte vorzubereiten.“
Ja, was denn sonst! :-D
„Meine Nachbarn haben im Grunde ganztägig gegen den Schnee angefegt und geschippt, damit ihr Teil der Straße (und auch nur ihrer) bitte immer noch so aussieht, als sei Frühling, als sei gar kein Winter. Gut, dafür gab es dann vor ihren Häusern keine Parkplätze mehr, weil sich irgendwann meterhohe Schneeberge am Straßenrand auftun, aber der Bürgersteig als solcher war blitzeblank. Immer. „
Ist man leider zu verpflichtet! Denn, wenn dann doch einer mal fällt, muss man in Deutschland dummerweise zahlen…! Zudem ist es Menschen gegenüber, die vielleicht nicht mehr ganz so gut auf den Beinen unterwegs sind, doch ganz nett! :-)
„Es scheint auch niemand auf die simple Idee zu kommen, sich zusammenzutun und die Straße einfach gemeinsam selbst vom Schnee zu befreien, wenn die Entsorgungsbetriebe die Seitenstraßen nicht streuen“
Hat hier bei uns im Westen sogar geklappt!
War witzig, gemeinsames Schnee schaufeln mit anschließender Schneeballschlacht!
Spannender finde ich allerdings die Frage, was denn deine Nachbar gesagt haben, als Du denen das vorgeschlagen hast?
„Anstatt Termine zu reduzieren (eine Ausrede hätte man ja), zu Hause zu bleiben, vorm Schneefenster mit etwas Heißem in der Tasse ein gutes Buch zu lesen oder unter der dicken Decke zu kuscheln,“
Könnte eventuell daran liegen, dass dann doch die meisten Menschen eher Angestellte sind, und halt nicht selbstständig! Da hat man halt nicht die Wahl!
Und vor allem brauch man dann freie Straßen.:-D
„Bei Korrekturen wird, kaum sind die Mails angekommen oder kaum die Änderungswünsche durchgegeben, kaum eine Stunde später nachgefragt, wo die neuen Fassungen bleiben. Egal, wem du heute eine Mail schreibst, wenn sie eine gewissen Länge erreicht und Dinge erklärt, beschleicht dich schon beim Absenden das Gefühl, niemand wird sie wirklich lesen“
Fasse dich kurz! ;-)
„Erst wenn die Bahn zu spät kommt, verstehen wir die Logistik, die dieses Netzwerk normalerweise vorantreibt. Im Scheitern wird also auch die Schönheit eines bestehenden Systems spürbar. Wer den Schnee nicht genießt, sondern sofort manisch solange fegt, bis wieder der Asphalt sichtbar wird, hat vielleicht tatsächlich ein Problem, die Welt zu genießen.“
„alle Züge immer pünktlich fahren“
Wann bist Du noch mal das letzte Mal mit der Bahn gefahren?
Ich meine jetzt so richtig, nicht mit nem ICE?
Heutzutage kann man ja schon froh sein, wenn bei bestem Wetter irgendwas mal pünktlich kommt!:-D
Interessant wie Schnee bei dir eine solche Schreibwut auslöst. In der Zeit hättest du doch einen schönen Schneemann bauen können :-P
Maschinen und CPUs sind nun mal Taktgeber in unserer Gesellschaft. Wir zerteilen den Tag mitlerweile nich nur in Millisekunden sondern konkurrieren bereits mit diesen extremen Zeitsegmenten. Hinzu kommt unser Erbe der preußischen Obrigkeitshörigkeit. Beschleunigung und Ungedult gehen da Hand in Hand.
Wer einen Tag lang ohne Uhrzeit auskommt, der werfe den ersten Stein.
Immer mal innehalten, hoch in den Himmel oder nach unten auf den Krabbelkäfer zu schaun ist eine berechtigte Forderung. Wer mit Rastlosigkeit aufwächst hat oft einen verstellten Blick auf die “Natur” wie du sie nennst. Obwohl in unserer künstlich geschaffenen Welt nichts mehr wirklich natürlich ist. Vieles ist nur noch ein dürftiges Abziehbild dieser Natur. Selbst unsere Parks oder der verwilderte Vorgärten sind strukturiert. So ist der zivilisierte Mensch. Er braucht Struktur um sich zurecht zu finden und zwingt diese dem allgegenwärtigem Chaos auf. Auch auf dem Land umgibt uns gemachte Landschaftsstruktur. Und darin liegt auch das Problem mit der Rastlosigkeit begründet. Wir kennen es nur noch so, dass sich alles unserem Willen fügen muss. Ich kann bestimmen welche Blümchen im Frühjahr im Garten das Licht der Welt erblicken oder ich reiß sie wieder raus, in welchem künstlichen Sommerparadies ich den zugeteilten Urlaub verbringe, kann Herbstlaub mit ohrenbetäubenden Lärm wegblasen und Schnee mit Salz zum schmelzen bringen. Und das Ergebnis ist Perfektionierung oder Optimierung und einer entsprechende Erwartungshaltung.
Was wir nicht können ist das Wetter beeinflussen und diese Tatsache überrascht noch mehr als das plötzliche erscheinen von Weihnachten. Und aus der Überraschung heraus formt sich schnell der Mob, der es schon immer besser wusste und für alles eine schlaue Antwort parat hat. So ist der Mensch, eben anthroprozentrisch.
Das moderne Leben hat uns mit seiner faszinierenden Geschwindigkeit berauscht. Gelegentlich ausgebremmst von Naturgewalten schreien wir hysterisch auf, zappelt mit dem Schneeschieber epileptisch auf dem Fußweg herum um anschließend wieder uns dem Rausch hinzugeben.
Es gibt keine Lobby für die Entschleunigung. Das sind alles Spinner und Aussteiger ;-)
Tina is also Schuld: http://www.zeit.de/2011/02/Indien-Auroville
alternativlos?