
Einen «Heimatfilm» nennt die gebürtige Koreanerin Sung-Hyung Cho ihre Dokumentation über das nördlich von Hamburg gelegene 2000-Seelen-Dorf Wacken, das für Metalfans weltweit zum Inbegriff eines der größten Festivals der Szene geworden ist, das jährlich gut 60.000 Besucher anlockt. In Wirklichkeit, das legt das Szenario nahe, ist es natürlich ein Katastrophenfilm, und wie jeder guter Film dieses Genres folgt die Regisseurin einer handvoll von Protagonisten durch den Sturm. Das Festival selbst nimmt dabei im Film einen vergleichsweise geringen Raum ein, die Ruhe vor dem Sturm scheint es Cho deutlich mehr angetan zu haben und – tatsächlich, den Gegensatz zwischen Metalheads und Bauern braucht es eigentlich gar nicht. Die Wackener öffnen sich der seit knapp zwei Dekaden in Deutschland lebenden Südkoreanerin mit einer an Naivität grenzenden Offenheit und entblößen sich als verschrobene, schreckliche, bemitleidenswerte, liebenswerte Menschen.
Da ist der Multibauer Uwe Trede, meisterhafter Kettenraucher und Dorf-Dagobert, der sich in seiner Eigen-Inszenierung als jovialer Geldsack mit losem Mundwerk verheddert und fast nahtlos zur Witzfigur mutiert. Da ist seine Frau, der die Kamera subtil entlockt, wie gefangen und einsam sie in ihrer Ehe ist. Da ist der Milchbauer Plähn, stoisch-ruhiges Oldschool-Bauer-Gegenmodell zu Trebe, mit seiner kranken Frau, die wir kurz vorm Abspann großartigerweise noch sehen, der bescheiden, fast naiv und doch leicht hinterfotzig auftritt, und dem Cho – man glaubt kaum, was man da sieht – mit der Frage, was für ihn Liebe bedeutet, fast Tränen entlockt. Man merkt schnell, wie dünn die bürgerliche Schicht ist und welche Abgründe dahinter warten, besser als es jedes Theater, jeder inszenierte Film könnte. Wenn Kathrin Schaack, die wir anfangs beim Möchtegern-Model-Training mit ihrer Paris-Hilton-Klon-Freundin erleben, als Vorbereitung auf die Bewerbung bei einer kaum seriös wirkenden Agentur, vor laufender Kamera gesteht, ihr größter Wunsch sei es, im Zweiten Weltkrieg gelebt zu haben, weil sie so vom Dritten Reich und dem Führer begeistert ist, wenn ihre Großmutter Irma von der Vertreibung aus Ostpreußen berichtet oder sich beim Gebet am Bett filmen lässt… mit fast beiläufiger Ruhe entlarven sich die Wackener hier vor Cho selbst, als sei die Kamera ein Beichtstuhl, als würden sie von der Kamera Absolution erbitten. Nicht umsonst beendet Trede jeden zweiten mit «Ne?». Auch Norbert Trenohr, einer der Miterfinder des Festivals, der aber wegen Frau und Kindern und Finanzgründen dereinst ausgestiegen ist und heute arbeitslos, während seine Ex-Kumpel das große Geld machen, gibt einen fast voyeuristischen Blick auf Schmerz und Neid frei und lässt vor der Kamera Ausfälle gegen polnische und russische Gastarbeiter ab, die den deutschen die Arbeitsplätze wegnähmen. Es scheint, als enthemme das Objektiv, als würde die Dokumentarfilmcrew die Bürger animieren, sich selbst zu inszenieren, sich selbst in Stories zu casten, die einer RTL-II-Reality-Soap entsprungen sein könnten.
Das Full Metal Village aber eben nicht bei einem Trash-Sender im Vormittagsprogramm nudelt, sondern auf Arte und im Kino, liegt daran, dass die Inszenierung stets behutsam und leise ist, ein Auge und ein Ohr für Zwischentöne hat, und bei allem grellen Humor, der immer zu fast hysterischem Lachen zwingt, zur Rührung fähig ist. Village ist ein brüllkomischer Film, und schafft es zugleich, sich niemals über die Subjekte des Films wirklich lustig zu machen. Wenn der örtliche Priester zunächst voller Toleranz und Nächstenliebe den Black Methal… äh Metal-Fans bescheinigt, dass sie gar nicht so schlimm seien wie ihr Ruf, um wenig später im Film seine Familie ins Auto zu setzen und die Flucht zu ergreifen, dann ist das komisch, ehrlich und entblößend zugleich. Und die Abgründe, die man hier sieht, daran kann kein Zweifel sein, würden sich in jedem Dorf in Westfalen, Baden-Würtemberg, Bayern wiederfinden… und einen ähnlichen Film könnte man sicher auch über urbane Stadtteile drehen. Die ländliche Idylle erweist sich – ebenso wie die urbane Hipness – als dünnes Makeup, unter dem jederzeit die Narben, die Akne und der dünne Schweißfilm des stinkenden Lebens erahnbar bleibt. Frustrierte Hoffnungen, gescheiterte Träume und die Erkenntnis, das es keinen Weg zurück gibt, um sich noch einmal anders zu entscheiden. Was bleibt, universell, ist Seufzen. Um so grandioser, dass Cho es schafft, uns an der Dorfjugend vorzuführen, wie sinnlos und absurd diese Träume heute geworden sind. Wenn Kathrin und ihre Freundin sich zwischen Heu und Dreck Schminktipps an die Wand heften und auf einem Bauchtrainer à la Ottoversand an der Modelfigur arbeiten, dann wird die ganze Tragik dieser Generation und ihrer Luftblasen deutlich, und auch, wie unwahrscheinlich sich die Welt geändert hat zwischen dem, was Kathrin will und dem, was ihre Großmutter erlebt hat.
Die Invasion der Metalheads – mit allerlei Zeichen und Omen inszeniert, eben ganz im Stil des Katastrophenfilms – ist dann an sich natürlich ebenfalls ein Clash of the Cultures, der komisches Potential birgt. Die Zeltinseln, der exzessive Alkoholeinkauf, der Look und die permanenten «WACKEN»-Shoutouts. Aber auch hier zeigt sich wieder die Reaktion des Dorfes als das spannendere Moment. Ein altes Paar, das stocksteif neben einem Verkaufsstand sitzt. Uwe Trebe, der zum Bonanza-Chaf mutiert und mit Bierstand und Trecker-Quadbike die Organisation der Freiwilligen übernimmt. Mit einer soliden Mischung aus Gier und Verwirrung setzt sich Wacken mit dem Einfall der «Teufelsanbeter» auseinander, versucht zu überleben und dabei möglichst viel Geld verdient zu haben. Das ganz normale Leben also.
Village schafft alles, was sich andere Filme nur vornehmen. Lustiger als alles an deutschem Comedy-Output zusammengenommen und zugleich mit mehr Tiefgang als jeder beliebige deutsche Problemfilm, hat Cho ganz im Stile eines Michael Moore gearbeitet und ihre Dokumentation zu einem keineswegs trockenen, sondern hochunterhaltsamen, nach allen Regeln der Dramaturgie geschnittenen Pop-Event gemacht, das zunächst wie Zuckerwatte schmeckt und dann einen vergifteten Kern enthüllt, bei dem man sich ständig fragt, ob den Leuten vor der Kamera eigentlich bewusst war, was sie da so sagen. Die verblüffende Leistung von Full Metal Village dabei aber ist nicht nur der richtige Mix aus dadaistischer Komik und tragischer Ehrlichkeit, sondern vielmehr, dass der Film niemals auf Trash-Doku-Soap-Format abrutscht, sondern immer auf eine stille Art liebevoll, ruhig und sanft mit den Menschen vor der Kamera umgeht. Als wäre Cho bewußt, daß gerade, die, die sich hier der öffentlichen Lächerlichkeit preisgeben, eine tiefere, wahrere innere Größe aufweisen.
23. April 2007 10:07 Uhr. Kategorie Film. 9 Antworten.
jetzt weiß ich auch was du neulich mit Full Metal Village gemeint hast. Möchte betonen, dass ich mir den KOMPLETTEN Beitrag durchgelesen habe. Leider läuft der Film hier in keinem Kino. Es ist sehr zu bedauern. Drück mir mal die Daumen, dass der noch mal irgendwann in Leipzig anläuft!
@ Kirsten: Full Metal Village ist mit wenigen Kopien gestartet und bestimmt noch in Leipzig zu sehen.
@ HD: Ich wüsste gern, ob der (wahrscheinlich einzige) Supermarkt im Dorf extra für das Festival Lagerräume anbauen musste :-) Allein die Szene, wo die *hüstel* grell geschminkte Verkäuferin die Mengen an Bier über die Scannerkasse zieht, ist grandios. Die machen in den drei, vier Tagen bestimmt mehr Umsatz als im restlichen Jahr.
Und das Headbangen zur Musik des Orchesters der freiwilligen Feuerwehr ist auch nicht zu verachten :-)
warte ja auch schon sehnsüchtig auf den kinostart dieses films und nerve meine freundin bei jedem diesbezüglichen feature im fernsehen und anblick der mittlerweile relativ weiträumig gestreuten plakate mit “will ich sehen”, “geil!”, “da muss ich auch mal wieder hin..”, etc.
als ehemaliger teil der einen im film gezeigten gruppe (nein, ich komme nicht aus wacken….) stach dieses festival schon immer durch diesen oberflächlich so zu nenenden clash of (sub-)cultures heraus – wobei ich ja einen äußerst interesannten aspekt diesen finde: die metalszene besticht trotz einem extrovertierten rebellentum unter der oberfläche durch teilweise unglaublich kleingeistigkeit und spießigkeit. nur halt mit verschobenem ansatz. man muss sich nur mal eine der szenepostillen zulegen und die leserbriefseiten lesen. erstze band x durch opel und band y durch vw und wir sind mitten drin im scheuklappenkampf um geschmäcker und die selbstdarstellung des kleinen mannes…regt mich schon lange auf und mit ein grund, warum mein interesse immer mehr abnahm…
und ja, der lokale lebensmittelsstützpunkt hat nach mittlerweile fast 2 jahrzehnten (oder so) das prinzip von angebot und nachfrage perfekt verinnerlicht und lagert seine windeln, kosmetikartikel und vollkornnudeln wahrscheinlich für ein wochenende bei bauer trebe ein!
Also,erstmal. Ich bin keine ” Paris-Hilton-Klon-Freundin, sondern die Cousine!
Es hat mir sehr viel Spaß gebracht bei dem Film mitzudrehen und möchte auch hiermit meine liebsten Grüße an das Film-Team ;-D senden…
Man sollte sich vllt doch vorher überlegen, was man so an Kritik schreiben sollte=)
Naja, wünsche euch aber trotzdem viel Spaß beim anschauen und auf jedenfall weiter empfehlen….is ein super Film geworden!
Alles liebe ” Paris”
Hey Malena…. Wieso ist Paris-Hilton-Clone KRITIK? ;-).
Ich käme gut damit zurecht, wenn Leute mich als.. was weiß ich.. Robbie Williams Clone bezeichnen würden, *g*.
Und… ganz wichtig… ich schreibe keine Sekunde darüber, wie die Leute in Wacken wirklich SIND, sondern wie der Film sie – aus meiner subjektiven Sicht – wirken LÄSST. Das ist ein Riesenunterschied, weil Film ja auch immer Montage, Selektion und insofern Manipulation ist.
[...] Umso bewundernswerter, dass bei aller Spritzigkeit der Dialoge, die schon hier und da das Brigitte-Lebensgefühl aufgreifen und mitunter dicht an der Grenze zur etwas platten Botschaft entlangschliddern, die verschiedenen Figuren dafür sorgen, dass eine eventuelle Botschaft nie zu platt wird. Das der Film (leider) fast so etwas wie ein unnötiges Happy End bietet, im Großen oder Ganzen aber seine Protagonisten nach der Dating-Katastrophe eben doch wieder in die Gefühlsverwirrung entlässt, rettet Shoppen vor dem Kitsch. Die schnellen Schnitte, das solide Tempo, die sorgfältige Kameraarbeit und die oft großartigen Einzelleistungen der Darsteller garantieren einen ebenso unterhaltsamen wie eben auch nicht doofen Abend vor der Leinwand. Denn allein der Titel – Shoppen – spielt ja auf die Darwinisierung der Romantik an, die im Film öfter auch mehr oder minder deutlich angerissen und gespiegelt, kommentiert und diskutiert wird. Wenn der pseudohipnasengepiercte Anmacher Patrick mit dem offenen pinkfarbenen Hemd ausgerechnet derjenige ist, der die Gesellschaftskritik absondert (Liebe wird mehr und mehr als Konsumprozess betrachtet), dann ist das ein cleveres kleines Ironie-Schattenboxen, das Westhoff hier präsentiert, und solche feinen Shifts zwischen den Rollen, solche kleinen Brüche, machen die Figuren (und damit den Film) liebenswert. Vielleicht hätte etwas weniger erklären-wollen, etwas weniger Psychologie-Potpurri den Film stärker gemacht, mehr Dreck eben, weniger Absicht… aber wenn ich nach dem Film gefragt werden, warum er denn nun Shoppen heißt… vielleicht auch eben nicht. Das Westhoff etwas Tiefgang und «Message» reinbringen will kann man ihm nicht verübeln und der Film ist ja trotzdem insgesamt schnell, überraschend und vor allem immer wieder brüllkomisch. Ein bisschen Pop-Psychologie und Hände-über-den-kopf-zusammenschlagen-über-die-komplexität-moderner-balzschwierigkeiten kannst du da also irgendwie schon als Zuschauer auch gut verpacken. Das Shoppen sich zudem ganz unhip als Münchener Film durch und durch zu erkennen gibt und mit breitem Akzent daherkommt, macht die Sache grundsympathisch und betont das authentische Flair des Ganzen. Ob als Pärchen oder Single – Shoppen ist ein flockiger, unterhaltsamer Film, der vielleicht ein bisschen zum Diskutieren über die Liebe einlädt, aber nicht gleich den bretterdicken Diskurswalzer tanzt. Eher so wie die andere wunderbare deutsche Produktion Full Metal Village ein zuckerwatterleichter Film mit einem – allerdings nicht ganz so bitteren – Cyanidkern. Wenn das so weitergeht, kann ich bald ohne angstschweißpatschnasse Hände ins Kino, wenn ein Film made in germany läuft… Beitrag vom 21. Mai 2007 aus der Kategorie FILM. // Kommentare durch RSS 2.0 Feed verfolgen. // Kommentar schreiben // Trackback // // zurück zum Blog [...]
Wie er sich um Kopf und Kragen redet :D Nein mal im Ernst… ich denk auch diese Paris Hilton sache ist weit hergeholt, immerhin zeigt der Film Meiner Meinung nach einfach nur die Menschen unverfälscht mit allen komischen Seiten, u.a. eben auch der Pupertät. Aber soll jeder selbst einschätzen. Der Film ist einfach ein Muss für jeden Metal-head, könnt ihn immer und immer wieder schauen, einfach zu ulkig.
Gruß
[...] sind, wenn sie – im Stile der post-Michael-Moore-Ära – Unterhaltung und Neugier gut mischen. Ob Full Metal Village oder Comeback, deutsche Dokumetarfilme die den Sprung ins Kino schaffen, überzeugen meist mehr als [...]