HD Schellnack /// Kontakt iPhoto s90 Typographie Pop Alternative Aktionen Twitter nodesign Licht Apple Photographie Denken Fail Natur Fragen Dayshot Belletristik Winter Studium Software Medien Vernacular Fun Comics Werbung Gesellschaft Farbe Web Print iOS ScienceFiction Electronic Zukunft Jazz Frühling Magazine Hardware Retro Klassik Kitsch Drama Sommer Zitat Herbst Sachbuch Kunst Fantasy Emma Organisation Kultur

FULL METAL VILLAGE

Einen «Heimatfilm» nennt die gebürtige Koreanerin Sung-Hyung Cho ihre Dokumentation über das nördlich von Hamburg gelegene 2000-Seelen-Dorf Wacken, das für Metalfans weltweit zum Inbegriff eines der größten Festivals der Szene geworden ist, das jährlich gut 60.000 Besucher anlockt. In Wirklichkeit, das legt das Szenario nahe, ist es natürlich ein Katastrophenfilm, und wie jeder guter Film dieses Genres folgt die Regisseurin einer handvoll von Protagonisten durch den Sturm. Das Festival selbst nimmt dabei im Film einen vergleichsweise geringen Raum ein, die Ruhe vor dem Sturm scheint es Cho deutlich mehr angetan zu haben und – tatsächlich, den Gegensatz zwischen Metalheads und Bauern braucht es eigentlich gar nicht. Die Wackener öffnen sich der seit knapp zwei Dekaden in Deutschland lebenden Südkoreanerin mit einer an Naivität grenzenden Offenheit und entblößen sich als verschrobene, schreckliche, bemitleidenswerte, liebenswerte Menschen.

Da ist der Multibauer Uwe Trede, meisterhafter Kettenraucher und Dorf-Dagobert, der sich in seiner Eigen-Inszenierung als jovialer Geldsack mit losem Mundwerk verheddert und fast nahtlos zur Witzfigur mutiert. Da ist seine Frau, der die Kamera subtil entlockt, wie gefangen und einsam sie in ihrer Ehe ist. Da ist der Milchbauer Plähn, stoisch-ruhiges Oldschool-Bauer-Gegenmodell zu Trebe, mit seiner kranken Frau, die wir kurz vorm Abspann großartigerweise noch sehen, der bescheiden, fast naiv und doch leicht hinterfotzig auftritt, und dem Cho – man glaubt kaum, was man da sieht – mit der Frage, was für ihn Liebe bedeutet, fast Tränen entlockt. Man merkt schnell, wie dünn die bürgerliche Schicht ist und welche Abgründe dahinter warten, besser als es jedes Theater, jeder inszenierte Film könnte. Wenn Kathrin Schaack, die wir anfangs beim Möchtegern-Model-Training mit ihrer Paris-Hilton-Klon-Freundin erleben, als Vorbereitung auf die Bewerbung bei einer kaum seriös wirkenden Agentur, vor laufender Kamera gesteht, ihr größter Wunsch sei es, im Zweiten Weltkrieg gelebt zu haben, weil sie so vom Dritten Reich und dem Führer begeistert ist, wenn ihre Großmutter Irma von der Vertreibung aus Ostpreußen berichtet oder sich beim Gebet am Bett filmen lässt… mit fast beiläufiger Ruhe entlarven sich die Wackener hier vor Cho selbst, als sei die Kamera ein Beichtstuhl, als würden sie von der Kamera Absolution erbitten. Nicht umsonst beendet Trede jeden zweiten mit «Ne?». Auch Norbert Trenohr, einer der Miterfinder des Festivals, der aber wegen Frau und Kindern und Finanzgründen dereinst ausgestiegen ist und heute arbeitslos, während seine Ex-Kumpel das große Geld machen, gibt einen fast voyeuristischen Blick auf Schmerz und Neid frei und lässt vor der Kamera Ausfälle gegen polnische und russische Gastarbeiter ab, die den deutschen die Arbeitsplätze wegnähmen. Es scheint, als enthemme das Objektiv, als würde die Dokumentarfilmcrew die Bürger animieren, sich selbst zu inszenieren, sich selbst in Stories zu casten, die einer RTL-II-Reality-Soap entsprungen sein könnten.

Das Full Metal Village aber eben nicht bei einem Trash-Sender im Vormittagsprogramm nudelt, sondern auf Arte und im Kino, liegt daran, dass die Inszenierung stets behutsam und leise ist, ein Auge und ein Ohr für Zwischentöne hat, und bei allem grellen Humor, der immer zu fast hysterischem Lachen zwingt, zur Rührung fähig ist. Village ist ein brüllkomischer Film, und schafft es zugleich, sich niemals über die Subjekte des Films wirklich lustig zu machen. Wenn der örtliche Priester zunächst voller Toleranz und Nächstenliebe den Black Methal… äh Metal-Fans bescheinigt, dass sie gar nicht so schlimm seien wie ihr Ruf, um wenig später im Film seine Familie ins Auto zu setzen und die Flucht zu ergreifen, dann ist das komisch, ehrlich und entblößend zugleich. Und die Abgründe, die man hier sieht, daran kann kein Zweifel sein, würden sich in jedem Dorf in Westfalen, Baden-Würtemberg, Bayern wiederfinden… und einen ähnlichen Film könnte man sicher auch über urbane Stadtteile drehen. Die ländliche Idylle erweist sich – ebenso wie die urbane Hipness – als dünnes Makeup, unter dem jederzeit die Narben, die Akne und der dünne Schweißfilm des stinkenden Lebens erahnbar bleibt. Frustrierte Hoffnungen, gescheiterte Träume und die Erkenntnis, das es keinen Weg zurück gibt, um sich noch einmal anders zu entscheiden. Was bleibt, universell, ist Seufzen. Um so grandioser, dass Cho es schafft, uns an der Dorfjugend vorzuführen, wie sinnlos und absurd diese Träume heute geworden sind. Wenn Kathrin und ihre Freundin sich zwischen Heu und Dreck Schminktipps an die Wand heften und auf einem Bauchtrainer à la Ottoversand an der Modelfigur arbeiten, dann wird die ganze Tragik dieser Generation und ihrer Luftblasen deutlich, und auch, wie unwahrscheinlich sich die Welt geändert hat zwischen dem, was Kathrin will und dem, was ihre Großmutter erlebt hat.

Die Invasion der Metalheads – mit allerlei Zeichen und Omen inszeniert, eben ganz im Stil des Katastrophenfilms – ist dann an sich natürlich ebenfalls ein Clash of the Cultures, der komisches Potential birgt. Die Zeltinseln, der exzessive Alkoholeinkauf, der Look und die permanenten «WACKEN»-Shoutouts. Aber auch hier zeigt sich wieder die Reaktion des Dorfes als das spannendere Moment. Ein altes Paar, das stocksteif neben einem Verkaufsstand sitzt. Uwe Trebe, der zum Bonanza-Chaf mutiert und mit Bierstand und Trecker-Quadbike die Organisation der Freiwilligen übernimmt. Mit einer soliden Mischung aus Gier und Verwirrung setzt sich Wacken mit dem Einfall der «Teufelsanbeter» auseinander, versucht zu überleben und dabei möglichst viel Geld verdient zu haben. Das ganz normale Leben also.

Village schafft alles, was sich andere Filme nur vornehmen. Lustiger als alles an deutschem Comedy-Output zusammengenommen und zugleich mit mehr Tiefgang als jeder beliebige deutsche Problemfilm, hat Cho ganz im Stile eines Michael Moore gearbeitet und ihre Dokumentation zu einem keineswegs trockenen, sondern hochunterhaltsamen, nach allen Regeln der Dramaturgie geschnittenen Pop-Event gemacht, das zunächst wie Zuckerwatte schmeckt und dann einen vergifteten Kern enthüllt, bei dem man sich ständig fragt, ob den Leuten vor der Kamera eigentlich bewusst war, was sie da so sagen. Die verblüffende Leistung von Full Metal Village dabei aber ist nicht nur der richtige Mix aus dadaistischer Komik und tragischer Ehrlichkeit, sondern vielmehr, dass der Film niemals auf Trash-Doku-Soap-Format abrutscht, sondern immer auf eine stille Art liebevoll, ruhig und sanft mit den Menschen vor der Kamera umgeht. Als wäre Cho bewußt, daß gerade, die, die sich hier der öffentlichen Lächerlichkeit preisgeben, eine tiefere, wahrere innere Größe aufweisen.

23. April 2007 10:07 Uhr. Kategorie Film. 9 Antworten.

9 Antworten

Antworten

Schreibe eine Antwort, oder hinterlasse einen Trackback von deiner Site. Antworten abonnieren.


Creative Commons Licence