
Ron Howard ist nicht unbedingt die Sorte Regisseur, der ich großes Vertrauen entgegenbringe. Eher der Mann fürs solide Handwerk, ohne bemerkenswerte eigene Note, hat er zuletzt mit DaVinci-Code einem schlechtem Buch den endgültigen Todesstoß versetz. Nicht die besten Voraussetzungen, ein Theaterstück und zudem einen medienhistorisch wichtigen Moment auf die Leinwand zu bringen und sich – nebenbei – mit Oliver Stones Nixon-Verfilmung messen zu wollen. Doch vielleicht gerade weil Howard der Mann ohne Eigenschaften ist, gelingt ihm ein ruhiger, reibungslos funktionierender Film, der zwar dem Stoff geschuldet etwas kammerspielartig dahinfließt und sich wie so viele Filme darin gefällt, als Ausstattungsoper eine Epoche – in diesem Fall die 70s – wiederauferstehen zu lassen, inklusive den seltsamen Farben, die altes Filmmaterial mit sich brachte, der aber auf die Kraft seiner Darsteller setzen kann und deshalb von der eigenen Konturlosigkeit ideal profitiert.
Die Story ist einfach: Einem unbedarften Talkshow-Host gelingt es, ausgerechnet die politische Skandalfigur der frühen Siebziger zu einem TV-Interview einzuladen, nicht zuletzt, weil Nixon, frisch zurückgetreten. hier einen naiven Gegenspieler vermutet, mit dessen Hilfe er sich öffentlich reinwaschen kann, vielleicht sogar eine politische Karriere wiederbeleben. Frost, Womanizer, Schönling und beileibe nicht in der Gewichtsklasse eines gewieften Polit-Fragestellers, tritt in vier Gesprächsrunden gegen Nixon an, der ihn zunächst locker in die Tasche steckt und die Gespräche als rhetorischer Profi dreht, wie er es braucht. Erst in der letzten Runde gibt es eine dramatische Wendung…
Die Filmadaption von Peter Morgans Bühnenstück setzt auf die beiden Hauptdarsteller, die die berühmten Vorbilder schon 2006 bei der Bühnenpremiere verkörperten. Sheen und Langella merkt man an, dass sie die Figuren über hundert Mal gegeben haben, sie sitzen auch im Film nahezu erschreckend in ihren Rollen, Sheen als der stets etwas überschminkte und überdresste Möchtegern-Dandy, Langella als hünenhafter Ex-Präsident, dessen größter Feind der eigene Kontrollverlust zu sein scheint. Langella, visuel fast ein Amalga, aus Breshnev, Reagan und Nixon gewinnt dem Präsidenten enorm menschliche, fast weiche Züge ab, schafft vielleicht sogar zu viel Sympathien für Nixon mit deinen weichen braunbärigen Augen und den sanft wippenden Augenbrauen, die mehr Humor erahnen lassen als das Gesicht des echten Nixon, mehr Wärme. Überhaupt scheint der Film rückwirkend milde gestimmt zu sein – Sam Rockwells Wut auf Nixons Verbrechen in Vietnam und gegen das Bürgerrecht scheinen fast die Stimme eines wütenden Radikalen zu sein, und Howard räumt Nixons menschlicher Seite viel Raum ein, zeigt einen gebrochenen Mann, der alles andere als ein vorsätzlicher Krimineller ist, sondern scheinbar nur über seinen eigenen Eifer, seine eigenen Gefühle stolperte. Wenn Nixon am Ende des Films sich nicht an seinen nächtlichen Droh-Anruf (offenbar eine reine Erfindung des Autors) bei Frost erinnern kann, fragt man sich, welche psychischen oder neuronalen Probleme dieser Mann haben mag und hat man fast Mitleid mit ihm, kommt an den Punkt, den man bei Ronald Reagan im echten Leben eben tatsächlich hatte. Der Film gewinnt so einen Unterton von Vergebung, «tragödisiert» – wie die Serie 24 es permanent tut – den permanenten Ausnahmezustand des Präsidentenamtes, den Entscheidungsdruck, der auf dem Amtsinhaber ruht. Es weht ein Hauch von Vergebung mit George Bush durch diesen Film, der ebenso unkontrolliert emotional wirkt wie Langellas Nixon – insgesamt wirkt der Film zu sanftmütig, zu palliativ-amüsant, zu sehr an den glatten Regeln eines Boxerdramas à la Rocky orientiert, um wirklich jemals Wucht zu haben.
Dennoch – das (in vielerlei Hinsicht nicht mit dem echten Interview kongruente) Wortgefecht zwischen Nixon und Frost zeigt, wie spannend Talking Heads sein können. Das Duell zwischen Frost und Nixon, bei dem es weniger so ist, dass Frost gewinnt, als dass sich der fiktionale Nixon im Grunde schlussendlich selbst entscheidet, einen kathartischen Moment herbeizuführen, hat hohe Spannungsmomente und lebt von Langellas großartiger Körpersprache, die – über Nixon hinausgehend – die Urform aller Berufspolitiker einfängt. Ausweichen, Antäuschen, Dominieren, Ablenken – Frost/Nixon präsentiert auf dem Objektträger genau jene Techniken, die wir nur zu gut aus Politikerinterviews kennen. Der geschulte, unauthentisch-authentische Habitus des Berufspolitikers, der so echt sein möchte und sofort als falsch identifiziert ist, der nahtlose Übergang von Politiker und Schauspieler – dem Schauspieler Langella, der den Politiker Nixon mimt, der wiederum schauspielert – lässt sich hier genüsslich dekonstruiert betrachten.
Angesichts der Wichtigkeit, die das Medium Fernsehen heute für die Politik hat, verwundert es nicht, das Ron Howard das Interview von Frost und Nixon ex post zu einer Art Sternstunde amerikanischer Politik hochjazzt – und damit seinem eigenen Medium, dem Bildmedium, zugleich ein Denkmal zu setzen versucht. Langella/Nixon selbst erzählt den urbanen Mythos, das Nixon gegen Kennedy hauptsächlich verlor, weil er im Fernsehen visuell eine schlechtere Figur gegen den gutaussehenden Youngster abgab – und das Voiceover des Films lässt keinen Zweifel daran, dass es die Großaufnahme war, die Nixon im Frost-Interview den Rest gab. Hier zelebriert sich ein Medium selbst – die Kamera streicht fast zärtlich über das alte Filmequipment, vergleicht sorgfältig die realen Gesichter mit denen auf schwarzweißen Bildschirmen, der Film wechselt fluide zwischen fiktionalen und realen Elementen. Dass das Medium Fernsehen in Wirklichkeit Politik längst nicht mehr entblößt und transparenter macht, sondern im Gegenteil verschleiert, fällt dabei unter den Tisch. Längst ist das Fernsehen mit seiner Verkürzung komplexer Inhalte und Prozesse auf den emotionalen, vor allem aber kleinsten gemeinsamen Nenner, ein Gegner demokratischer Diskursformen geworden und hat beileibe kein Anrecht auf den Orden investigativen Jounalismus, den Howard dem Fernsehen hier anzuhaften versucht. David Frost mag – fast zufällig und auch nur einmalig aufblühend – von Talkshow-Moderator zum Politik-Interviewer gereift sein, heute aber ist die gesamte Interview-Kultur längst im Umkehrschluss zum Showbiz geraten… Frost war seiner Zeit also nur voraus mit der Erkenntnis, dass ein Gameshow-Host qua blauer Augen und gefälligem Gesicht auch befähigt sei, Politiker zu interviewen. Was 1973 noch die fast skandalöse Ausnahme war, die kein Sender einkaufen wollte, ist heute Norm geworden, niemand nimmt Anstoß, wenn ein Sportmoderator ganz postmodern auch Spielshows, aber eben auch politische Interviews führt – am Ende gerinnt auf dem Bildschirm eben alles zu Entertainment. Mit Nixon ging eine Ära zu Ende, die von Zeitung und Radio – und die Blütezeit des TV Mitte der Siebziger bis in die Neunziger hinein begann. Ähnlich, wie mit Bush – womöglich, man sollte es nicht zu früh beschreien – die Dominanz des TV ihr Ende erlebt, und das Internet zum Leitmedium avanciert.
Und auch im Kino herrscht die Regel dass eben alles Entertainment zu sein hat, alles konsumierbar sein muss – so dass der Film allzusehr einer Erfolgsstory hinterherjagt; den Mut des kleinen Mannes gegen den großen Politiker, den Träumer, belohnt sehen will – und so erleben wir, wie Rocky sich kurz vorm dem Abgezähltsein aufrappelt und in letzter Sekunde den Champion besiegt und Nixon paradoxerweise nicht seine Rache an den JFK-glatten fernsehfreundlichen «homo medialis» bekommt, sondern erneut scheitert. Howard erzählt diese klassische amerikanische Story als fast abgefilmtes Theater in routinierten Bildern, die wunderbar grobkörnig und farbstichig sind (was leider nur zu schnell einen Vergleich mit Die Unbestechlichen herbeiführt – dem Frost/Nixon nicht wirklich gewachsen ist) und mit Darstellern, die dem kargen Plot durchaus Tiefe abzugewinnen wissen, wie etwa Kevin Bacons Nixon fast verliebt zugetane Stabschef Brennan oder Oliver Platt als scharfzüngiger Bob Zelnick, und allen vorweg Frank Langella als Nixon selbst. Das Ergebnis sind zwei Stunden sehr solide, spannende und niemals wirklich platte Unterhaltung mit vielen kleinen bemerkenswerten Details – vielleicht Ron Howards bester Film.
16. Februar 2009 18:43 Uhr. Kategorie Film. Tag Drama. 4 Antworten.
schoene rezension, hd. der film hat mir besonders in den momenten gefallen, in denen er das dokumentarische verlaesst und das dramatische streift. nixon ist grossartig und von seinen getreuen yesterday’s friends schoen flankiert. der limousinenkorso, das winken ins nichts – das koepfchenklopfen des dackels zum schluss – das ist herrlich schon so hohl, wie es nur herrlich hohl sein kann.
frosts chuzpe ihm die italoschlaeppchen zu besorgen ist wunderbar. und sheen spielt gerade diesen so zynischen moment mit der liebe und unschuld, die ihm hier die richtige und finale gravitas durch leichtigkeit verleiht. – nixons intime frage “sagen sie mal, frost, gefallen ihnen eigentlich ihre ganzen parties, ueber die permanent die presse berichtet?” – frost antwort “na klar” – nixons “wissen sie, sie muessen ein verdammt gluecklicher mann sein” – klingen lange nach.
Das ist eine feine, und fein vorbereitete Szene, die wunderbar davon abhängt, ob man Frost die blauäugige naive Unschuldigkeit abkauft oder dabei Hinterfotzigkeit unterstellen mag, ob Nixon nur – auf anderer Ebene – für seine eigene Verlogenheit bestraft wird, oder ob Frost noch einmal nachtritt.
Dass Frost keineswegs nur der Happy-Go-Lucky-Guy war, wird aber im Film eigentlich auch klar. Etwas schade – fast untypisch für das amerikanische Kino – ist, dass er nach seiner Wandlung vom Popanz zum gereiften Fighter dann wieder zurückfällt in die Playboy-Pose, den Kajalstift und das wächserne Dauergrinsen.
na, der ‘kajalstift’ passt doch ganz wunderbar. und mir gefaellt diese ueberzeichnung frosts ungeheuerlich gut.
block head nixon gegen den taenzer frost. “probier mal meine maedchenschuhe, alter freund… ohne schnuersenkel, einfach so zum reinschluepfen…” – das ist schon fast travestie, und ein ganz unmoralisches angebot zum perspektivenwechsel. und nixon kokettiert mit der einladung. – ob er die schuehchen nackt vorm spiegel anprobiert, wir wissen es nicht. wir wissen nur, dass es eine andere, eine ganz andere welt ist, die ihm frost da anbietet. doch der steinerne vater bleibt gefangen in seiner meeresburg. “es haette alles auch anders kommen koennen” philosophiert er noch “wenn ich nicht politiker geworden waere”. “es ist schon gut, wie es ist” laechelt ihn frost still an.
und in frosts lustiger einladung zum perspektivenwechsel liegt dann auch die vergebung, die nixon sucht. – wir sind anders und doch gleich – try my shoes.
das ist praezise und schoen gemacht.
ps
frage mich, wo du eine wandelung vom “popanz” zum “fighter” gesehen hast. – die muss sich dann vielleicht in die deutsche synchronisierung reingeschlichen haben. im original ist schon das englisch frosts so weit von aller amerikanischen lebenswelt entfernt, dass er niemals auch nur in die naehe kommen wuerde, us-amerikanischen genreklischees zu entsprechen – mit ausnahme natuerlich der auffangkategorie, die man in den usa fuer ganz riskante voegel bereithaelt: eurotrash naemlich.
niemals fighter – immer popanz … – das ist ehrensache.