
Geography ist das erste und vielleicht beste, konsequenteste Album der belgischen Legende. 1982 veröffentlicht, wirkt das Album in seiner remasterten Fassung heute frischer und zeitloser als viele Tracks, die die zunehmend mit Samplern operierende EBM-Combo in den späten 80er und frühen 90er produzierte. Aus heutiger Sicht losgelöst aus dem etwas peinlich-pseudoschock- Parafaschismus-Auftritt der Band und aus dem engen New-Wave/Electronic-Body-Music-Korsett, bleibt ein erfrischend cleaner und experimenteller Analogsound. Im 4- oder 8-Spurverfahren aufgenommen, mit dem warmen Rauschen alter Synthesizer und Drummaschinen, liefert Geography keine Songstrukturen oder Musik im herkömmlichen Sinne, sondern man darf eher zuhören, wie die Band versucht, aus den Geräten Töne und Rhythmenzu melken, in oft skizzenhaft kurzen Homerecording-Tracks, die fast vorbildhaft für eine ganze Generation von Laptronica-Musik stehen und zugleich, vielleicht unbewusst, an die frühen elektronischen Klangexperimente der 60er anschließen. Die minimalistischen, oft nur aus wenigen Pattern bestehenden Songs fangen die Kälte der 80er Jahre und den grauen, industriellen Anti-Charme von Brüssel ein, die klirrende und surrende Ästhetik einer neuen Dekade, die die Do-It-Yourself-Attitüde des Punk formal auf elektronische Musik übertrug und diese eben so weit weg verschleppte von den sphärisch-verkopften Klassik-Ansätzen etwa eines Klaus Schulze wie die Sex Pistols den Gitarrenakkord von Pink Floyd entführten. In einem Atemzug mit Cabaret Voltaire, DA, Fad Gadget und anderen frühen Phänomenen dieser Musikrichtung zu nennen – die die Mitglieder von Front 242 mit zahlreichen Nebenprodukten selbst fleissig stärkten – wurden Front zum Vorbild einer echten Flut von Bands aus Brüssel, die alle recht ähnlich klangen und den zunächst radikalen Terror-Elektronik-Sound der Szene zunehmend verwässerten, bis auch Front mehr nach Party-Techno als nach etwas grundsätzlich neuem klang. Geography ragt aus dem sehr durchwachsenen Oevre von Front 242, aber auch aus der Flut mediokrer Wave-Songs als ein kompromissloses, zeitloses Frühwerk heraus, dass sichkeinen Hauch um Eingängigkeit, Komposition, Arrangement oder andere Pop-Parameter kümmert (was die meisten anderen NW-Tracks durchaus tun), sondern auf eigenen Pfaden wandert, fast so, als würde man den Musikern beim Kennenlernen ihrer Billig-Synthesizer zuhören, in ihrem Skizzenbuch blättern. Es ist bezeichnend, dass Front mit besserem Equipment und Erfolg eher langweiliger als spannender wurden und Geography rückblickend das einzige Album war, das (vielleicht zufällig) eine wirkliche Tiefe hat. Es wirkt improvisiert und primitiv-ungehobelt, als ginge es nur darum, einen Dschungel an kalt-elektronischen Klängen und billigen Echoeffekten zu durchwandern, ohne wirkliches Ziel, verloren in den halligen, stählernen Kavernen der Musik der Frühachtziger. Der dazu passende, fast eingeborenenhaft ungeschliffen gegrunzte Gesang, selbst mehr Instrument als wirklich tragendes Element der Komposition, wie ein Nachgedanke wirkend, verortet Geography und die frühen Front als eine Art elektronischer Zwilling der Einstürzenden Neubauten als Suchende nach einer neuen Form von Musik, die einem neuen technischen Zeitalter, dem PostHippie-Leben, den aufkommenden digitalen Technologien, dem plötzlichen Futureshock (Tofflers Buch erschien zwar in den 70ern, aber nicht umsonst kam der Begriff erst mit Herbie Hancock 1983 wirklich im Mainstream an, wurde aus Tofflers Prophezeiungen zumindest teilweise gefühlte Wahrheit) den passenden Soundtrack verpassen wollten. Geography nimmt die Welt klickender Personal Computer und surrender Faxe, pfeifender Bildschirme und klirrender Lautsprecher vorweg, eine dystopische hässliche Neonfassade, die in ihrer Verkürzung und Reduktion so gar nicht zu der bekifften Weichspül-Ausschweifung der 70er passen sollte und so gar nicht zu der folgenden Neue-Deutsche-Welle-Happiness und dem ABC/Duran-Duran/Paul Young-Popsound, der heute anscheinend für viele den Inbegriff der achtziger Jahre darstellt. Geography war, und ist überraschenderweise immer noch ein Stück Musik gewordene Kunst, ein echtes Album zur Zeit.
9. März 2009 08:32 Uhr. Kategorie Musik. Tag Electronic. 2 Antworten.
[...] FRONT 242: GEOGRAPHY [...]
Okay, dass ist der bizarrste Pingback ever.