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Freitag II

Um 6:45 raus, Schnee schaufeln, dann eine Stunde spazieren, zu laute Musik hörend. Die Straßen leer stumm weiß und du je nach Song Trauer oder Aufbruch im Kopf.

Tagsüber läßt die Arbeit keine Luft zum Denken. Du produzierst einfach. Sitzt an drei Abendprogrammen, Postkarten, Schneiderbuch hat die Ideen für die Brezina-Imagekampagne nicht nur genommen, sondern die Auflage von 3000 auf 20.000 erhöht, wir müssen zig Medien produzieren und das in halsbrecherisch kurzer Zeit. Einzig zu Dortmund komme ich kaum; die kreative Energie, die innere RUhe und Fokussierung, einen schlüssigen neuen Auftritt zu schaffen, fehlt. Aber die Deadlines sind da und die Uhr tickt ziemlich gnadenlos. Angst, in Folge der Situation den Pitch zu verlieren. Du verlierst die Frau wegen der Arbeit und die Arbeit wegen der Frau.

Zwischendurch Ordnung schaffen. Simplify your life. Herauszufinden, was Singles motiviert, den Tag zu überleben. Ich bin niemals wirklich richtig allein gewesen und muß das erst lernen, praktisch wie psychologisch. Du ziehst also deine Bilanzen, triffst Entscheidungen für die nächsten Monate und Jahre. Wartest vor allem – nachdem der emotionale Lebensinhalt übernacht verschwunden ist –, ob du zumindest ökonomisch überleben wirst und nicht auf beiden Ebenen untergehst. Du versuchst nicht daran zu denken, wie du dich an Sonntagen oder an Weihnachten fühlen wirst. Nicht zu denken ist im Arbeitsstreß einfacher, aber an den ruhigen Tagen…

Zwischendurch Anrufe und eMails von Freunden. Darunter Didi, der sich freut, daß unsere Situationen nun 180° sind und der mir mit meinen eigenen Weisheiten auf die Sprünge helfen wird, mich lange genug kennt und die genau richtigen Dinge sagt, und meinen zweiten Weihnachtstag rettet; man plant Sylvester mit ein paar Leuten. Horst, der vorbeikommt um zu sehen, ob ich schon auf dem Fenstersims stehe und springen will. Wobei mir im Moment überraschend gar nicht nach Suizid und Suff ist, mehr nach Neustart und Mineralwasser. Leute, die du endlos ignoriert hast, um mit deiner Frau zu cocoonen, weil eine Folge von Lost wichtiger schien als deine Freund – und die ungefragt und überraschend da sind. Die ich auch brauche. Sandra wechselt ja sozusagen nur das Pferd, geht von einer Zweierbeziehung in die nächste/frischere/ bessere aber strukturell ähnlkiche Sache, beruflich und privat ändern sich da wichtige Details, aber nicht die Grundkonstruktion, nicht die existentielle Architektur. Bei mir ist Abriß. Da brauchst du Ablenkung, Freunde, soziales Netzwerk, das dich fängt. Bin gespannt, wieviel davon nach der obligatorischen Mitleidsphase bleibt, aber das hängt auch von mir selbst ab. Neue Fundamente gießen.

Abends weggehen mit Steffi und Kirsten. Vorweg ein perfekt entertainender Taxifahrer, der aus Sommerreifen und Schnee ein Kunststück macht. Ich war ewig nicht mehr in dePrins – etwa seit den Forbidden Colours –, aber viel geändert hat sich nicht. Pommes Spezial, Jenever und Grolsch und Talk. Vielleicht funktioiniert das so – man erzählt den verschiedenen Leuten so oft die gleiche Geschichte, bis man sie selbst nicht mehr hören kann, man schwitzt sie mit jedem Wort aus sich heraus. Healing by Talking. Therapie durch Freundeskreis. Jedesmal, wenn du es neu erzählst, schließt du für dich selbst etwas mehr damit ab.

Zwischendurch noch schnell in eine schreckliche Cocktailbar, die schrecklich aussieht, schreckliche Gäste hat, schreckliche Nachos bietet und schreckliche Cocktails mixt (der von Stefanie sah aus wie Glasrein und schmeckte wohl auch so), das Click hat schon zu, es ist kalt also huschhusch wieder zurück zum Holländer. Kirsten friert im Schnee, ich mag ihn. Alles ist weiß und still und leise und neu. So um drei Uhr schlafe ich im Prins im Stimmengewirr halb ein, losgelöst zufrieden, wir sind alle drei so herrlich todmüde, sind die letzten, die gehen (vielen Dank für das letzte Bier, Prins’ler). Noch einen Kaffee bei Steffi und der Fußmarsch nach Hause, die Skyline von Essen im Schnee. Unterwegs die Feuerwehr, die einen umgefallenen Baum zersägt, der ein oder zwei Autos zermanscht hat. Wie surreal der Schnee im blauroten Stroboskoplicht aussieht. Stück um Stück sägen vermummte Feuerwehrleute im dichten weißen Schneetreiben geduldig mit ihren kleinen Kreissägen den toten Baum in tragbare Stücke, um die Fahrzeuge freizulegen, die zerdrückten Autos abschleppen zu lassen, die Straße wieder freizumachen für neuen Verkehr.

Ich erfinde das nicht. Das Leben schickt dir die Metaphern, die du brauchst.

Um sieben Uhr morgens, nach 24 Stunden, sirrend vor Kaffee und Alkohol und Gesprächen und Gefühlen, weißt du, daß heute ein guter Tag war, aufgeladen und stark, intensiver durch blank liegende Nerven. Draußen stürmt weiter der Schnee und das Haus knarzt und ächzt und wiegt mich.

Und endlich Schlaf.

26. November 2005 12:21 Uhr. Kategorie Leben. Keine Antwort.

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