
Mehr Disco, haben die schottischen Art-Britpopper um Alex Kapranos anscheinend gedacht – und um jeden Zweifel an der Ernsthaftigkeit dieses Ansatzes beiseite zu fegen, haben Franz Ferdinand ihrem dritten Studioalbum nach vier Jahren Pause gleich ein Dub-Remix-Bonusalbum beigelegt, auf die eigentlichen Tracks bis zur Unkenntlichkeit dekonstruiert werden und das im Grunde mitunter spannender daherkommt als das Mutterschiff Tonight, das sich eben in reguläreren Song-Gewässern bewegt. Denn trotz der Selbstsicherheit, mit der Franz Ferdinand ihren Gitarrensound ausbremsen, langsamer werden, konzentrierter, auf Synths und Drumcomputer zugreifen, bleibt Tonight absolut ein Franz Ferdinand-Album. Tanzbar, smart, ein bisschen unsicher wie der Typ an der Bar, der versucht, cool zu posen und doch nervös wirkt. Es wirkt mitunter, als sei über eine Art Ferdinand-in-Zeitlupe-Sound ein Tortenguss aus dicken Retro-Synths gelegt worden, der echte Richtungswechsel, als der Tonight angekündigt war, ist das nicht, der Moshbeat ist immer noch in den Stücken – gottseidank, eigentlich. Die zackigen Highspeed-New-Wave-Beats von You could have it so much better und Franz Ferdinand sind durch ein Downer-Bad gegangen, runtergebremst, Zeitlupe, raus aus den Londoner Clubs von 1979, rein in die New Yorker Studio-54-Discos der 80s, mehr Gel in den Haaren, mehr Glam, mehr Blondie, mehr Talking Heads, mehr Roxy Music. Die Synths von Songs wie Twilight Omens oder Live Alone sprechen Bände. Kapranos sieht auf dem Weegee-artigen Cover ja nicht ohne Grund ein bisschen wie Bryan Ferry. Bei alledem geht das enorme Talent der Herren aus Glasgow für Hooklines nie verloren, es ist nur verfeinert. Ulysses dürfte insofern die Band endgültig in den Mainstream heben und auf zukünftigen Best-Of-Alben ebenso vertreten sein wie No Girls. Tatsächlich wirken nahezu alle tracks auskoppelbar, wenn auch mal an der Grenze der Belanglosigkeit (Send him away). Mit studentischer Gründlichkeit wird der Dancefloor der frühen bis mittleren 80er analysiert und neu mit dem eigentlichen Sound von Franz Ferdinand amalgiert. Das Ergebnis ist eine Musik, die tatsächlich frisch und etwas anders klingt, und sich doch treu geblieben ist – eine Hürde, an der viele Bands scheitern, die entweder ihrem eigentlichen Sound nie ganz entwachsen oder sich in Experimenten verlieren und den magischen Funken verlieren. Von beidem kann hier keine Rede sein, die Souveränität und zeitgleiche Spielfreude, Direktheit ist immer greifbar. Tonight wirkt fast wie ein Konzeptalbum, der Soundtrack der urbanen Jugend, die sich mit Musik für die Nacht aufputscht, tanzt, zu viele miese Drogen und gepantschte Biere trinkt, bis zuletzt mit den Armen in der Luft Party macht (Can’t Stop Feeling und das wie ein Drogenrausch verebbende TB606-Ende von Lucid Dreams), bis die Musik abgedreht wird und man einsam und betrunken durch die flüsterndmagische Nacht heimgeht (Dream Again) um am Ende verkatert beim Come-Down am nächsten Nachmittag Johnny Cash zu hören (Katherine Kiss Me). Die eigentliche Leistung des Albums ist aber, dass es darunter eine seltsame Trockenheit hat, eine Oberflächkeit, ein (hoffentlich) ironisches Posertum, eine aufgeschminkte Attitude, die Suggestion von Drogen und Sex und durchgemachte Nächten, aber ebenso offensichtlich inszeniert wirkt wie das Albumcover, ein hämischer Selbsthass, der die Teenieindiepophymnen durchwebt. Dieser Mix aus pulsierender Energie und Frustration, zwischen dem ausgeputschten Sextrieb und Leere, zwischen Discobeats und verhallter Gitarre, zwischen Egotismus und Selbstverachtung, bringt ultimativ das Pop-Lebensgefühl einer hedonistischen und zugleich allein gelassenen MySpace-Hipster-Generation auf den Punkt. Eine Müdigkeit, ein Abfinden damit, dass man den eigenen Sound nicht ändern kann, nur noch Einflüsse neu re-arrangiert wie Möbel in einer zu großen Loft, Zitate in einem Hypertext, der alles zulässt und nichts ermöglicht. Unter der Lebensfreude des Albums gähnt eine entsetzliche Leere, und ich möchte zumindest hoffen, mit Absicht – es würde die Platte vom reinen Popalbum zum Statement veredeln. Das allein, ob beabsichtigt oder nicht, ist eine Leistung, die nicht jedem Album gelingt. Es ist, als fände unterhalb der eigentlichen Tracks, noch eine zweite Story statt, die bitter und zynisch die scheinbare Lebensfreude der Songs kommentiert. Mag aber sein, dass ich mir das nur einbilde oder Franz Ferdinand zu viel Absicht unterstelle – vielleicht ist Tonight auch einfach nur ein Album voller Dancefloor-Knaller mit zwei drei ruhigen Nummern und fertig.
Die Bonus-Disk Blood remixt die Tracks von Tonight zu drogenumnebelten African-Beat-Dub-Versionen mit einem ordentlichen Touch Glitch oder mal einem Schuss New Order/Joy Division (The vaguest of feelings, einem der vielleicht besten Zitat-Tracks beider Scheiben), die einen ordentlichen Tick soundtrackiger und moderner wirken als das eigentliche Album. Blood wirkt weniger wie ein Zusatz oder Nachgedanke, sondern wie das eigentliche Experiment, bei dem die Fragmente von Kapranos Gesang oder die maueren Remixe (wie Feeling Kind of Anxious oder Katherine Hit Me) oft fast störend wirken. Wenn Tonight der Soundtrack einer Nacht ist – so wie das Buch, nach dem der Track Ulysses benannt ist einen Tag umspannt – ist Blood der nebelige Second Dancefloor, wo die härtere Musik läuft und die härteren Leute rumhängen.Ehrlich gesagt, auch wenn Blood ganz offenbar eine Beigabe zu sein scheint, wäre es vielleicht schöner gewesen, Blood als das Hauptalbum zu veröffentlichen und Tonight als Bonus.Wo Tonight nur die Einsicht dokumentiert, dass FF ihren eigenen Sound nicht ändern, nicht entwickeln, nur modifizieren und ironisch brechen können, zeigt Blood das genaue Gegenteil – hier wird das Retrozitat aufgebrochen, mit anderen Einflüssen durchmixt und wirkt tatsächlich recht modern und weit weg von den Leuten, die wahrscheinlich bei No You Girls fröhlich mithüpfen und sich bei dem Dubhallnebel von Feel the Envy seltsam fühlen würden. Tonight ist die lebensmüde, wunderbar hochglänzende Dandypose der Band, Blood zeigt aber den dringenden flirrenden 5-a.m.-Wunsch, mehr zu sein, als man eigentlich ist, aus dem eigenen Kokon zu entkommen, sich selbst zu überwinden. Mehr davon, bitte.
3. April 2009 05:57 Uhr. Kategorie Musik. Tag Pop. Keine Antwort.