Im Grunde seit der Studienzeit interessiert mich die unter dem Druck der rational-arbeitsteiligen Arbeitsgesellschaft folgende Fragmentalisierung des sozialen Lebens. Es scheint ein Ausfluß der Logik der Arbeitswelt zu sein, die Prozesse zerlegt und optimiert, ähnliche tayloristische Verfahren auch ins Privatleben zu übertragen. Soziale Gruppen werden in Folge immer flüchtiger und kleiner, die Suche nach einem individuellen – wie auch immer geartetem – «Optimum» zugespitzt. Man merkt dies unter anderem sehr schön an der permanenten Suche nach der subjektiv «besseren» Beziehung. In jeder Disco kann man freitag nachts gut beobachten, wie das Balzverhalten mehr und mehr zu einem Supermarktverkauf mutiert, bei dem die Konsumenten (beider Geschlechter) nur so lange mit ihrem Produkt zufrieden sind, wie im Regal nicht das nächstbesser scheinende Angebot auftaucht. Das hier längst Produktmarketing-Strategien angewandt werden (die ja nur logischerweise eben auch die Vermarktung von Produkten zur Steigerung der eigenen Attraktivität prägen), ist da nur logisch… die Ware will ja verkauft werden, wird also wie in einem modernen Rokoko aufgeplustert. Sell what you got, Baby. Die Bückware bleiubt dann liegen, die Bestseller sind schnell ausverkauft. Das Beziehungen eigentlich gar nicht dem kapitalistischen Imperativ gehorchen sollten, bleibt dabei unbemerkt. Flirt ist zur Castingshow geworden. Was sich – als reiner Beobachter – ja durchaus ebenso witzig anschaut wie DSDS, im Grunde aber eben genau so fehlgeleitet ist wie Dieter Bohlen als Mitglied irgendeiner Jury, die über Gesang zu urteilen hat ;-).
Weniger spaßig ist aber eben die fraktalisierte Privatgesellschaft. Schon zum dritten Mal in Reihe ergibt sich so z.B. ein Silvester, zu dem der Freundeskreis nicht in der Lage ist, sich zusammenzurotten. Jeder pokert im Supermarkt so lange, sucht die bestmögliche, optimierte und maximalen Konsumgenuß versprechende Party so lange, bis am Ende keine mehr bleibt. In Köln sind die Leute beispielsweise um 23:00 noch von einer Party., die sehr solide hätte werden können, aufgebrochen, um zu einer vermeintlich besseren Party in einer Disco zu gehen… in die sie dann gar nicht mehr hereinkamen. Die verbleibende Splittergruppe hat sich dann noch mal in drei Subgruppen aufgeteilt. Gleiches im Freundeskreis… zig Kleinst-Partys, weil kein Konsens mehr herzustellen ist, wo und wie man ins nächste Jahr rutschen soll. Da wird dann auch oft der Anspruch zu hoch gelegt, bis am Ende gar keiner mehr übers Brett balanciert.
Wie gesagt, sowohl Konsumoptimierung als auch der Abschied von der sozialen Kohärenz sind nur logische Übernahmen aus der warenwirtschaftlichen Basis in den Überbau. Sein bestimmt das Bewußtsein und blablabla. Zoomt man in die Totale erklären sich so Phänomene, wie etwa die Abgabe der Verantwortung für KInder und Alte an den Staat, denn für beide ist in der hedonistischen und zersplitterten (Selbst-)Verwöhngesellschaft einfach kein Platz mehr. Es ist schon interessant, daß ein wirtschaftlich hoch ausdifferenzierter und arbeitsteiliger Staat wie die Bundesrepublik zunehmend eben auch die zersprungenste kleinteiligsten Minimal-Milleu-Struktur aus Paarbeziehungen und Singles aufweist, vor allen eben in den urbanen Zentren.
Ganz klar ist das neu emergierende bürgerliche Bild der Großfamilie hierauf per se keine Antwort, aber es wre schon spannend, im kleinen wie im großen, neue Formen sozialer Kommuniaktion zu finden, die die aus der Fraktalisierung von Gesellschaft emergierenden Nachteile auffängt und managt. Man sollte gezielt an postindustriellen modernen Kommunikationsmodellen arbeiten, die eine sich auflösende Arbeitswelt, zersetzenden sozialen Zusammenhalt und eine zunehmende Egozentrierung von Lebensplanungen rekonfiguriert und – jenseits überkommender Traditionsmodelle – neu auflädt. Spontane, via SMS und Web organisierte, Demonstrationen punktuellen sozialen Zusammenhalts, zeigen ja, daß die Möglichkeiten denkbar sind. Foren, Blogs, Chats, IM-Systeme, OpenBC und so weiter sind weitere Ebenen, auf der eine neue gänzlich ort/zeit-freie Sozialstrukturen blühen und – vor allem in Foren – auch aktive Nächstenhilfe stattfindet, wenn auch eher immaterialer Natur (im Sinne von Ideenaustausch/Ratgebung). Was hier aber mobil – in everyday life – mit RFID und WiFi machbar wäre, ahhhh… kaum auszudenken. Wir müssen sehen, daß wir virtuelle neue Marktplätze schaffen, neue Meeting Points, neue (wahrscheinlich elektronisch basierte) Kommunikationsformen, die alltagstauglich sind und – eben anders als Foren – in ganz konkrete praktische und ortsnahe Nächstenhilfe münden. Ich sitte deine Babies, du sittest meine. Ich repariere deinen Wagen, du baust meine Küche auf. Der so lang von den Soziologen angekündigte dritte Weg könnte mit Wirelaess Lan und RFID-ID-Chips Realität werden, eine Art permanentes lokales eBaying ist greifbar. Suche… Biete.
Wenn es nur bitte nicht so wird wie es derzeit mit den Handies läuft. Wenn ich noch ein paar Leute sehe, die mitten in sozialen Events SMS an irgendwen meinen schreiben zu müssen und ergo den virtuellen Freundeskreis permanent bespielen müssen, selbst wenn sie in realen Situationen eventuell mehr Spaß haben könnten (wenn sie sich nur darauf einlassen würden), muß ich echt zum Hammer greifen. Die Kommunikationstools werden zu Kommunikationskillern, mutieren – ebenso wie mit den iPods und mobilen Spielen und Video eben auch der gute alte Walkman – zu kleinen Isolierzellen. Man sollte Wege finden, über solche Gagdets die interpersonelle Kommunikation aufzubauen und zu stärken, anstatt den Einzelnen noch weiter in den medialen Solipsismus zu jagen…
7. Januar 2006 17:38 Uhr. Kategorie Leben. Keine Antwort.