
Ich wüßte zu gern, was Adobe Steve Jobs getan hat, dass er jetzt auch noch – offenbar nervös werdend angesichts der lauter werdenden Kritik an Apples Umgang mit Flash auf dem iPhone/iPad und anscheinend auch im Angesicht des neuen Flash 10.1-Betas – sogar einen offenen Brief schreibt, um Adobes Online-Technologie zu attackieren.
Jobs Kritik an Flash:
1) Offenheit. Jobs kritisiert, das Flash ein geschlossenes System ist. Was natürlich nicht stimmt – es gibt zig Tools, mit denen sich Flash-Content erzeugen lässt. Während ich selbst auch denke, Adobe hätte gut daran getan, die Software in ein OpenSource-Projekt umzuwandeln und selbst eben nur die besten Editor-Tools anzubieten, wirkt diese Kritik etwas bizarr von einer Firma, von deren iPods man Musik kaum jemals wieder runterkriegt (außer mit speziellen Softwares) und deren iPhone man förmlich knacken muss, um seine Funktionalität voll ausreizen zu können. Niemand darf sich weniger über «closed systems» beschweren als Apple, die eines der wasserdichtesten Systeme schlechthin anbieten mit iTunes und iPhone/iPad. Sein Argument, dass alles, was mit dem Web zu tun habe, «offen» sein solle, ist fast unwirklich bei der Firma, die den Weg dafür ebnet, an sich unbezahlte Web-Inhalte auf der iPhone-Plattform zu kommerzialisieren.
2) H.264 ist doch super. Anstatt Flash-Video könnte man doch auch prima das von Apple preferierte H.264-Codec benutzen. Mit der gleichen Logik kann das iPad/iPhone Formate wie AVI nicht, die ja auch kaum benutzt werden. Die Tatsache, dass die Anbieter unter dem Druck von Apple tatsächlich auf H.264 umstellen, ist eigentlich eher das unglaubliche. Wie kann man einerseits ein «offenes Web» fordern und andererseits vorschreiben, welche Codecs denn «die richtigen» sind.
3) Sicherheit/Batterie/Leistung. Hierzu müsste man sich Flash 10.1 genauer ansehen, für den alten Player trifft das absolut zu – aber anstatt zu nörgeln, sollte man nicht einfach mit Adobe zusammenarbeiten um Flash für die iPhone-Plattform funktional aufzustellen? Keine Frage, Adobe hat seit einiger Zeit auf OS X Performanceprobleme und kommt mit Apples Sprung auf 64 bit nicht mit, wechselt erst jetzt mit CS5 auf Cocoa und so weiter. Dieser Punkt ist bisher absolut richtig – sinnvoll wäre aber, Adobe ins Boot zu holen und zu unterstützen, vielleicht sogar zu motivieren, die Flash-Technologie zu öffnen. Wenn es nur um mangelnde Sicherheit und Leistung geht, sollte Apple sich mal ein paar eigene Angebote (*hust* Mobile.me *hust*) ansehen und im eigenen Stall mit dem Flammenwerfer kehren.
4) No Touching please. Ist seit Flash 10.1 eigentlich auch kein Thema mehr, da 10.1 multitouchfähig ist, wie viele Demo-Videos bewiesen haben. Und nebenbei, für Websites wäre das ja egal – ist keineswegs so, dass HTML für Touch ausgelegt wäre. Was sich per Maus bedienen lässt, lässt sich auch Finger bedienen, oder? Ich befürchte fast eher, dass reine Flash-Sites in der speziellen Art, wie Safari das Web abbildet, nicht sauber funktionieren würden (Zoom auf Textbreite usw) – aber das wäre ein sekundäres Problem, das man mit Adobe sicher lösen könnte. Wenn man nur wollte.
Was Jobs unterschlägt ist, das Flash qua Action-Script deutlich mehr ist als ein Animations- oder Video-Abspieltool (ich hab nie ganz verstanden, wieso sich FLV so durchgesetzt hat, kein sonderlich gutes Format), sondern eine hochkomplexe Umgebung, in der sich immersive und vom Absender grundlegend kontrollierbare Sites und Anwendungen erstellen lassen, die mit HTML so nicht näherungsweise zu verwirklichen sind. Welche Möglichkeiten Flash – voll ausgereizt – auf einem mobilen Device bieten würde, ist gänzlich offen, aber durchaus extrem vielversprechend. Aus Designersicht ist Flash so viel mächtiger als HTML, dass es fast unwirklich ist. Und ja, es gibt 90% miese Flash-Sites – aber ist das bei HTML nicht ganz genau so?
Auf der anderen Seite darf Adobe sich zu Recht Sorgen machen. Was Apple zurücklässt, hat schlechte Zukunftschancen. Dass der erste «neue» iMac keine Floppy mehr bot, führte zu einem Aufschrei, vor einigen Tagen hat Sony endgültig die Produktion eingestellt. Der CD und DVD dürften ähnliche Effekte bevorstehen. Auch bei Firewire und USB hat Apple Deutungsmacht. Bei HDMI/MiniDP wird man abwarten müssen, da steht Apples «No» einer massiven Front von Anbietern im Unterhaltungsbereich gegenüber. Für Adobe wird in Zukunft entscheidend sein, ob andere Anbieter Flash massiv unterstützen. Wenn Android – sicher in Zukunft die große Alternative zu OSX – Flash unterstützt und die Ergebnisse gut sind, kann Adobe mit der in der CD5-Suite extrem verankerten und leichten Erstellung interaktiver Inhalte sicherlich punkten. Apple dominiert mit dem iPhone und dem iPad derzeit den mobilen Markt wie selten ein Anbieter zuvor – aber das Beispiel Nokia sollte deutlich machen, wie schnell solche Vormachtsstellungen vorbei sein können. Und Google ist kein Leichtgewicht, im Gegenteil, ein Pad von Google dürfte eine große Alternative für viele User sein – gerade Windows-User -, die vielleicht keine Lust haben, ein Pad nur benutzen zu können, wenn sie gleichzeitig auch einen PC haben müssen, um es überhaupt erst einmal in Betrieb nehmen zu können. Ein völlig autarkes Gerät, das mit dem ersten Einschalten funktioniert, leicht zu bedienen ist und dem großen (aber unattraktiven) Angebot von Google eine ansehnliche Form verleiht, könnte Apples Arroganz schnell ein Ende bereiten.
Steve Jobs hat sich die Zeit genommen, einer Firma, die ihm in einem entscheidenden Moment seiner Karriere nicht geholfen hat, in die Seite zu treten. Mag sein, dass dahinter ein größerer Plan steckt – etwa, Adobe aufzukaufen -, mag sein, dass er Flash nur einfach wirklich nicht mag oder versteht. Mag sein, dass Jobs in Flash nur zu Recht ein Konkurrenzangebot zu Inhalten aus dem eigenen iTunes-Store sieht. Sicher aber ist, dass es schlechtes Karma ist, so zuzutreten und einer anderen Firma so offensichtlich und so rücksichtslos den Fuß auf die Gurgel zu stellen, vor allem angesichts der enorm wachsenden Frustration bei Adobe. Das ist einfach schlechtes Karma – Apple sollte sich im Moment des Erfolges großzügiger und offener zeigen und mit Adobe kooperieren. Zumindest aber sollte die Firma erwachsen genug sein, um die Käufer entscheiden zu lassen, ob man ein Plug-In laufen lässt oder nicht – es wäre ein einfacher Klick in den Systemeinstellungen des iPhone (FLASH OFF/ON), wie man ihn bei Bluetooth usw. ja auch hat. Denn Bluetooth ist auch eine Batteriefresser… aber ich kann es abschalten, wenn ich es nicht brauche und aktivieren, wenn es gebraucht wird. So wie es sein sollte. Bei OS X kann ich via Click to Flash ja auch entscheiden, wann ich auf Flash verzichten will und wann nicht. Das wäre mit Flash 10.1 und dem iPhone sicherlich auch zu realisieren. Alle logischen Argumente gegen Flash werden in dem Moment sinnlos, wo Jobs nicht argumentiert und mir als Nutzer die Entscheidungsfreiheit gibt, sondern dogmatisch eine existierende Webtechnologie mit 95% Verbreitung einfach kategorisch ausschließt. Für Entwickler und Programmierer ist Apple in den letzten Monat eine rätselhafte, frustrierende, bevormundende Erfahrung gewesen… hier wäre der richtige Zeitpunkt, sich zu öffnen, bevor es zu spät ist.
29. April 2010 15:58 Uhr. Kategorie Technik. Tag Apple, Medien, Software. 5 Antworten.
1) Das Apple da im Glashaus sitzt stimmt schon. Auf der anderen Seite ist es wirklich von Vorteil, wenn eine Technologie nicht nur von einer Firma kontrolliert wird. Und das ist bei HTML5/CSS/Javascript ja gegeben.
2) Das ist glaube ich auch eine Frage der verfügbaren Hardware. Videos auf dem Handy ohne Hardwareunterstützung abzuspielen, dürfte schwierig sein. Wenn sich die Chiphersteller da auf einen Standard geeinigt haben, und bspw. nur H.264 decodieren können, dann ist das eher der maßgebliche Faktor.
4) Hier ist dieser Artikel überaus interessant: http://www.roughlydrafted.com/2010/02/20/an-adobe-flash-developer-on-why-the-ipad-cant-use-flash/
An vieles denkt man auf den ersten Blick einfach nicht.
Ich war früher auch mal Flash-Fanatiker. Inzwischen empfinde ich es aber nur noch als Fremdkörper im Browser. Jetzt wo die Ausführungsgeschwindigkeit von Javascript in aktuellen Browsern immer weiter steigt, mit CSS3 vieles bisher unmögliche möglich geworden ist (auf dem iPhone sind die CSS3-Transitions sogar schon hardwareunterstützt) wird HTLM5/CSS3/Javascript zur eigentlichen hardwareübergreifenden Plattform. Bliebe nur noch das leidige Problem der ungenügenden Verbreitung aktueller Browser. Da sind so geschlossene Systeme wie das iPhoneOS wieder von Vorteil. Man kann nicht jahrelang mit dem IE6 durchs Netz gurken. Gibt’s eine neue Browserversion, wird die einem von Apple einfach aufgedrückt :)
2) Ja, das mit der mit der Offenheit stimmt schon. Ich meinte auch eher, dass es vermutlich eine ökonomisches Frage der Hardwarehersteller ist, welche Formate sie unterstützen. Da spielen ja auch lizenzrechtliche Fragen im großen Maßstab eine Rolle.
Ich glaube bei Apple ist das kritischere Problem eher, dass sie inzwischen die Möglichkeit haben zu kontrollieren, welche Inhalte auf ihre Geräte kommen und nicht welche Technologien.
Dafür hat mich Scene Ungarn gerade “geflash” :) Die ist großartig geworden. Dass die typographische Umsetzung ein Kampf war, kann ich mir vorstellen. Noch dazu hätte man in Flash inzwischen all die Kontrollmöglichkeiten die man auch schon von InDesign kennt. Aber ist doch gut geworden.
Dafür fühlt sich die Seite im Browser auch “vertraut” an. Das Scrolling funktioniert so wie man es gewohnt ist, man kann Bookmarks setzten, sie wird hoffentlich fleißig von Google indiziert. Das ist alles mit HTML kein Thema.
Und man braucht sich bei der Umsetzung nicht mit Softwarelizenzen herumärgern, theoretisch würde ja schon der einfache Editor reichen. Außerdem kann sich jeder den Quelltext anschauen und lernen.
Dein Radio kann übrigens alle Sender empfangen, weil sich alle Hersteller und Sender auf einen Standard geeinigt haben :P
Übrigens an dieser Stelle mal Danke für die vielen leicht umfänglichen Rezensionen.
Aus allen Löchern kommen kleine, schnelle und schicke Bildbearbeitungen und beißen sich kleine Stückchen aus der alten Cash Cow Photoshop und dann grätscht Apple der anderen Kuh auch noch die Füße weg. Das alles mit dem Hintergedanken, dass Apple Adobe auch kaufen könnte, aber vielleicht erst noch den Preis ein wenig drücken möchte. Ich wäre auch stinke sauer.
Auf Windows verzichten könnte Apple IMHO nicht, wollten sie aber vielleicht auch gar nicht. Sie könnten weiterhin zweigleisig fahren (machen sie bei iTunes ja auch). Sie würden damit jedenfalls auf einen Schlag einen ziemlich großen Einfluss auf Anwenderschaften bekommen, die sie bisher noch nicht “kontrollieren”.
Ich denke, in seinem Offenen Brief hat Steve Jobs die wirklichen Gründe für den Ausschluss von Flash nicht genannt. Insofern hat Adobe mit dem “Smokescreen” recht. Allerdings glaube ich auch nicht, dass Apple Adobe einfach nur kaputt machen will. Viel mehr geht es darum, die Kontrolle über das System zu behalten. Man muss sich nur einmal anschauen, was für Verrenkungen Apple machen musste, damit Safari unter 10.6 im 64-bit Modus laufen kann – die Internet-Plug-Ins, die noch als 32-bit Version vorliegen, werden in einem eigenen Prozess gestartet und die Kommunikation (Events zum Plug-In, Grafikausgabe vom Plug-In) läuft über Shared-Memory. Will man so etwas?
So wenig Anstrengungen, wie Adobe unternommen hat, Flash auf dem Mac stabil und schnell zu bekommen, lässt vermuten, dass man auf eine 64-bit Version noch lange warten kann. Aber Apple kann es sich nicht leisten, mit seinem Browser auf Adobe zu warten. Man will schließlich Technologieführer sein. Da hat man beim iPhone erst einmal auf Flash verzichtet und dann festgestellt, dass es auch ohne geht (und ohne nervige Bannerwerbung im Browser sowieso). Zumal die Crashes von Safari, die durch Flash verursacht werden, auf Apple zurückfallen.
Den Gedanken, dass Apple Adobe kaufen könnte, finde ich interessant. Dann hätte man die Weiterentwicklung von Flash selbst in der Hand. Glaube ich aber nicht so recht. Was will Apple mit Photoshop? Illustrator? – Hey, vielleicht gehen sie uns Freehand zurück :-) Warum noch ein Videoschnitt-Programm in Carbon, wo doch die Zukunft auf den Cocoa-Framework liegt. Zumal Apple den Grafikdesignmarkt wohl schon aufgegeben hat. Gibt es darauf irgendwelche Hinweise?
Apple Schritt mag egoistisch sein und die genannten Gründe zum größten Teil nur vorgeschoben, aber niemand ist gezwungen sich Apples Hard- und Software zu kaufen. Wer Flash braucht, kann ein anderes Smartfon kaufen – es gibt kein Monopol im Touch-Device Markt.