
Das durch den Tod des Pianisten Esbjörn Svensson wohl letzte (aber vor seinem Ableben fertiggestellte, also nicht posthume) Album von e.s.t. markiert in mehr als einem Sinne das Ende einer Reise. Das für den Jazzbereich ungewöhnlich band-artig operierende, festgeschweißte Trio von Svensson, Schlagzeuger Magnus Öström und Basser Dan Berglund hat sich bereits auf den vorhergegangenen Alben spürbar aus den Parametern normaler Klavier/Bass/Schlagzug-Arrangements freigeschwommen und etwa auf Tuesday Wonderland einen hochfragilen, einsamen und doch oft wütend verzerrten Sound präsentiert, der seinesgleichen suchte. Leucocyte zeichnet diese Entwicklung weiter – fast säuberlich getrennt in Stücke, die immer skizzenhafter, verlorener, ätherischer wirken, kaum noch zusammengehalten, federleicht, Herbstlaub im Wind, und andererseits in Tracks, die man in Ermangelung besserer Worte vielleicht als Grungejazz bezeichnen mag, ein an das Fieber von der Jimi Hendrix Experience oder an das Monomanische, Epische von Bands wie den Red Sparrows erinnernder Sound, bei dem schnell vergessen ist, dass nur drei Musiker dafür verantwortlich zeichnen oder dass man sich im Jazz-Schwimmbecken befindet, dessen seniorengerechte Wassertiefe e.s.t. hier absolut verlassen und dem Hörer jeden Boden unter den Füßen nehmen. Das hier ist Musik, die alle Genre überschäumend hinter sich lässt, eine meisterhafte Improvisation, die ebenso brutal wie elegant, ebenso chirurgisch wie manisch. Jedes e.s.t.-Album ist auf eine eigene Art ausgezeichnet, aber dieses ist das vielleicht emotionalste, im Sinne einer breiten Spanne von Gefühlen, die von dem leisesten Pianohauch ebenso getriggert werden können wie von furiosen Maschinengewehrsalven der Snaredrum, die wütend über die musikalische Wüste feuern. Nie waren e.s.t. auf einem Album so experimentell, so sperrig, so vielleicht auch unzugänglich und avantgarde wie hier, und doch entpuppt sich Leucocyte als ein ausgesprochen rundes, reifes Werk, als ein wahres Kunstwerk, das nicht zu einem Ohr rein und dem anderen wieder raus fährt, sondern verstanden, gehört werden will. Die Verzahnung von zeitgenössisch-moderner Kunst und Jazz, seit John Coltrane und Miles Davis fast ein Klischee, ist selten so greifbar wie hier – Leucocyte ist eine holographische, seltsam mutierte Klangskulptur, in der jeder Ton das Ganze umfasst und zugleich komplex dreidimensional verästelt wirkt, sich verändert, je nachdem, wie man ihn dreht, die eigenen Stimmungen reflektiert und zugleich verändert. Weiter weg von Gefälligkeitsjazz kann man kaum kommen, ohne atonal zu werden, was e.s.t. tatsächlich nie werden, weil Svensson eben doch ein präziser Melodiker bleibt, der auf Berglunds verlässliche Strukturen auch im wildesten Lärm noch nachvollziehbare weiche Harmonien à la Keith Jarrett stapelt, sich nie im Noise verliert. Die fast empathische Zusammenarbeit des Trios, aufbauend af endlosen Livekonzerten in der gleichen Besetzung und einer Chemie, wie man sie im Jazz mit seinen häufig wechselnden Besetzungen selten hat, gibt den ausgedehnten Improvisationen eine Dichte, die unverkennbar e.s.t. ist, selbst wenn die Band alles tut, um nicht nach e.s.t. zu klingen. Insofern ist Leucocyte vielleicht auch der Versuch – oder die Konsequenz – eines Prozesses der Befreiung von der eigenen Perfektion. Schon auf Tuesday Wonderland ist die sonst so perfekte nordische Klarheit und Beauty der Musik immer mal wieder von Störungen, von Kratzern in der Fassade durchzogen – hier übernehmen die Störungen mitunter das Ruder, den vergleichsweise herkmmlichen geschliffenen Triojazz alter Alben sucht man hier vergebens, die Fassade wirkt zerborsten, unzivilisiert, draußen tobt der Krieg und drinnen spielt ein Kind ohne Eltern auf einem kaputten Kinderklavier eine katatonische Phrase. Es ist ein dekonstruktives Album, ein destruktives, wütendes Album, das anspielt gegen einen funktionierenden, glatten Jazz für Chill-Out-Bars und Hotellobbys, das alles andere als der Soundtrack für die Midlife-Crisis-Männer sein will. Es ist ein Album gegen den eigenen Ruhm, gegen den eigenen Erfolg, die eigenen Routine. Es ist selbstdestruktiv, die Sorte Album, die eine Karriere völlig verändert oder aber ruiniert. Svensson hämmert wütend gegen die Käfigstäbe seiner eigenen handwerklichen Perfektion und sucht das Kaputte, das Schräge, das Schmerzhafte, einen groben, ungehobelten Sound, der vielleicht nicht mehr immer schön ist, aber wenigstens echt. Leucocyte ist deshalb so ein verfluchtes Meisterwerk, weil es nicht nur das Ende einer tatsächlich als Hörer nachvollziehbaren Evolution des Trios ist, sondern weil es in einer Zeit perfekt geschliffener blutleerer Produktionen so ein verdammtes potentes pockiges narbiges Monstrum voller Fehler und Macken ist, das nur wackelnd auf seinem Podest steht, eine Art Musik gewordener Mickey Rourke, der sich vom Schönling zum bizarren aber gerade deshalb inmitten der glatten Hollywood-Gesichter so schrecklich glaubhaften stolzen Freak gewandelt hat. Es ist natürlich ein schreckliches Klischee, das letzte Album eines verstorbenen Künstlers sein Meisterwerk zu nennen, aber manchmal sind Klischees eben wahr.
27. Februar 2009 09:30 Uhr. Kategorie Musik. Tag Jazz. Keine Antwort.