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ELMORE LEONARD: THE HOT KID

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Elmore Leonards Schreibstil ist auf den Punkt wie kaum ein anderer – über die Dekaden hat er seinen persönlichen, unnachahmlichen Stil so geschliffen, dass kein Wort zuviel fällt in seinen Büchern. Im Grunde schreibt er – bei allen unterschiedlichen Epochen und Szenarien, die er liefert – doch immer eine klassische Gunslinger-Geschichte, die wie ein Dieselzug mit voller Geschwindigkeit auf das Duell hinausläuft.  The Hot Kid ist da keine Ausnahme.  In der US-Wirtschaftsdepression der zwanziger Jahren angesiedelt, setzt Leonard hier den Havanna-Roman Cuba Libre fort, mit Carl Webster, dem Sohn von Virgil Webster, der inzwischen in Oklahoma zu Ölreichtum gekommen ist. Leonard bevölkert sein Buch mit Bankräubern, Gansterbräuten, harten Sheriffs, illegalem Alkohol und jeder Menge Gaunerfiguren aus den Roaring Twenties, wie etwa Bonny und Clyde oder John Dillinger, die am Rande auftauchen. Carl Webster entscheidet sich, nachdem er mit 15 einen Viehdieb erschießt, ein US Marshall zu werden und wird schnell als «The Hot Kid» berühmt, ein cooler, eitler, etwas zu gut gekleideter Detective, der seine Waffe nur zieht, um zu töten. In den Cocktail vermengt Elmore Leonard noch einen einen Reporter, der eigentlich ein Faible für Crime Fiction hat und Jack Belmont, erzogenes Öl-Millionärssöhnchen, der unbedingt Verbrecher werden will, faktisch Carls Gegenentwurf.

Die große Stärke von Leonard ist, wie er ohne große Worte einen abstrusen Mix durchaus glaubhafter, wenn auch nur sparsam skizzierter Charaktere erzeugt und über die Dynamik dieser Figuren seine Handlung in Gang bringt. Man hat glaubhaft das Gefühl, dass Leonard ohne große Vorbereitung in ein Werk stürzt und einfach selbst zuschaut, wie sich das Ganze entwickelt. Dabei ist für das tyische Leonard-Flair der historische Background immer ein wenig irrelevant, die testosteronschwangeren Konflikte gehen immer zurück an die Wurzel des Western-Romans, mit dem Elmore Leonard sein über fünfzig Jahre umspannendes Gesamtwerk begann, und die knorrige Qualität dieser Wurzel ist spürbar. Ob in der Gegenwart, im späten 19. Jahrhundert oder wie hier in den 1920er Jahren,  die Leonard mit zahlreichen Details zum Leben erweckt – die Geschichten wirken zeitlos, die Charaktere nie verstaubt, sondern immer zugänglich und authentisch. Hier ist der fast arrogante Showman Webster, der einen seltsamen Helden abgibt, ein Aufreisser, ein Macho, ein Großmaul, im Kern ein (zu) junger Clint Eastwood, der sich ein bisschen zu stolz in seine ersten Abenteuer wirft.

The Hot Kid verschmilzt Leonards Western-Prosa mit seinen subversiven Crime-Novels zu einem sehr trockenen Cocktail, schnell erzählt, mit Leonards einzigartigem Humor und lakonischen Dialogen, voller schillernder Figuren, die oft so skurril  wie liebenswert sind. Zwischen Depression, Krieg, Ölboom und dem Staub des mittleren Westens inszeniert Elmore Leonard eine brutale Farce voller Monster, Gesetzloser, Neureicher und andere seltsamer Kreaturen, die in diesem Sturm nach oben wollen… ein Buch voller Selbstdarsteller und Emporkömmlinge, die sich oft verdächtig ähneln, und nur fast zufällig auf verschiedenen Seiten des Gesetzes stehen. Leonard, inzwischen 83, geht es greifbar zunehmend weniger um die Action, als vielmehr um die Figuren, ihre oft sinnfreien Motive und Absichten. Seine Bücher scheinen oft eine zeitlang zu driften, bevor sie urplötzlich phantastische Geschwindigkeit entwickeln, um dann wiederzu dekompressieren. Der Nachteil dieser freien Art der Erzählung ist ein etwas hervorsehbarer Höhepunkt, ein oft beliebiges Umherirren zwischen Szenen und Charakteren, denen es mitunter an wirklicher Unterscheidbarkeit und Motivation mangelt. Leonard reduziert seine Charaktere mit der routinierten Handschrift des Altmeisters auf sparsamste Striche, und diese fast Carver-esque Reduktion macht sie natürlich auch austauschbarer, redundanter. Mehr als je zuvor wird Leonard dabei zu jemanden, der im Mainsstream das Ungesagte in den Mittelpunkt zu stellen vermag.

Süffig und zugleich nicht dumm, ein Thriller mit einem über das Genre hinausreichenden dramaturgischen, fast belletristischen Flow und einem Gespür für knarzigen, authentisch klingenden Dialog, ist The Hot Kid eines der besseren aus den vielen guten Büchern des Elmore Leonard, der hoffentlich noch einige viele Geburtstage feiert und in bester Manier jährlich ein kleines seltsames Meisterwerk abliefert.

26. September 2008 11:08 Uhr. Kategorie Buch. Keine Antwort.

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