
Another year, another Elmore Leonard novel. Leonards lebenslanger Output, die Konsistenz seiner Arbeit, die Art, wie er seine lakonischen Geschichten mit den Jahren mehr und mehr zur perfekten Form raffiniert hat, ist schlichtweg atemberaubend. Leonard mag oberflächlich betrachtet immer noch im Crime-Genre arbeiten, aber wie viele andere Autoren (derzeit etwa Richard Price mit Lush Life) seitdem Chandler und Hammett das Genre vom Whodunnit emanzipiert haben, ist der «Fall», von dem man bei Road Dogs kaum noch sprechen mag, nur ein literarisches Werkzeug, ein Katalysator, um die Atome und Moleküle der Charaktere und Handlungen anzuregen, ins Vibrieren zu bringen, bis es zischt und explodiert.
Während Up in Honey’s Room mit seiner Over-the-Top-Nazi-Persiflage ein eher schwächeres Buch in Leonard’s Oeuvre war, zeigt Road Dogs den inzwischen 85-jährigen Autoren in einer Form und Potenz, die es mühelos mit seinen Büchern aus den 70ern aufnehmen kann. Wie bei ihm üblich, greift er auf bereits etablierte Figuren zurück und bringt den Gentleman-Bankräuber Jack Foley (aus Out of Sight), den aus La Brava bekannten Gangster Cundo Rey und das durchtriebene Medium Dawn Navarro, die als Nebenfigur bereits in Riding the Rap erschien, zusammen. Wie ein guter Jazzmusiker gewinnt Leonard dabei diesen Figuren neue Töne, neue Facetten ab und es ist ein Vergnügen, ihm dabei zuzusehen, wie er seinen Schöpfungen neue Wendungen geht, ohne dabei jemals wie ein «Serienautor» zu wirken, der Jahr um Jahr den gleichen Protagonisten fortsetzt. Statt dessen tanzt Leonard mit Leichtigkeit und Virtuosität durch den reichen Garten seines eigenen Schaffens, pflückt drei Figuren und setzt sie in ein neues Beet und scheint selbst abzuwarten, was aus dieser Kombination wachsen könnte. Das Trio wird von Cundos schwulen Buchhalter Little Jimmy und seinem Chauffeur Zorro, Nazi-Skins, dem jugendlichen Kleingangster Tico, einem FBI-Agenten, der Foley verfolgt und zugleich ein Buch über ihn schreiben will (wiederkehrendes Thema bei Leonard) und einer Schauspielerin vervollständigt… und diese Vielfalt an Figuren bedient Elmore lässig, fast lasziv, wie ein schriftstellerisches Gegenstück zu David Bowie, der in seiner Altmeister-Phase ja auch dem Selbstzitat nicht abgeneigt ist und aus der Bandbreite seines bisherigen Schaffens ein Best-of melken kann, ohne dabei stumpf oder lustlos zu wirken. Die Figuren schillern, selbst wenn sie nur kurz skizziert sind, wie wunderbare Pustefix-Blasen – und gerade weil Leonard so schlank schreibt, alles unwichtige wegläßt, werden die Charaktere umso spannender, ihr In-sich-zuückgezogenes macht sie umso attraktiver.
Dabei passiert in Road Dogs, wenn man so will, fast gar nichts. Es gibt eine entspannt dahertrudelnde Handlung, vom ersten Kennenlernen Cundos und Foleys im Gefängnis und dem Entstehen einer vorsichtigen Männerfreundschaft und Kriminellen über allerlei Betrügereien und einige Morde, die so breezy und selbstverständlich ist, dass man erst nach Beenden des Buches bemerkt, wie viel eigentlich tatsächlich an Plot und Entwicklung in Road Dogs steckt. Ähnlich wie bei Hempel oder Carver, in deren matt/karg/trägen Gesellschaftsskizzen die Miniatur zum Ganzen wird und nur durch wiederholtes Wenden und Drehen das Hologramm der tatsächlichen Handlung sichtbar wird, entpuppen sich Leonards Bücher zunehmend als meisterhaft aus dem Handgelenk geschleuderte Bleistift-Scribbles, deren enorme Virilität in der Pose der eigenen Lässigkeit versteckt ist, bis man sich ein Detail hier oder eine Feinheit dort ansieht. Leonard, der auf fast jedwede Beschreibungsorgien verzichtet, wie man sie von anderen Autoren kennt, der fast nie den Leser mit langen Expositionen in die Köpfe der Figuren blicken lässt, kann seine Figuren in kurzen Dialogen auf den Punkt bringen. Die Architektur seiner Figuren ist karg, minimalistisch und so beiläufig, dass man stets wieder erschrickt, wenn aus der lässigen Selbstverständlichkeit, mit der seine Protagonisten Mord und Diebstahl planen, brutale Gewalt explodiert.
Und so entpuppen sich Leonards Bücher auch hier wieder als soziologische Experimente, diesmal als Miniatur des multikulturellen und scheinbar relaxten Venice Beach, wo Hollywoodambitionen, Grifter, Homeboys und all die anderen Spielformen der amerikanischen Westküstenkultur wie unter einem Brennglas zusammengefasst sind, und in Elmores erfahrenen Fingern mit großer Präzision, mit unerhörtem Ohr für Slangs und winzigste Details, die einer Figur wie aus dem Nichts einen Background, ein virtuelles Leben anziehen, auf dem hier sehr kleinen Spielfeld unweigerlich aufeinander zu marschieren, langsam aber mit der unweigerlichen Gewissheit eines griechischen Dramas, bis die Kamera ihren Blick zurückzieht und wir sehen, wer stirbt und wer vom Schlachtfeld humpelt. Man merkt Leonard jederzeit an, dass der Western, der Showdown, die Zeitlupe, das dekonstruktive Strecken der gesamten Handlung auf einen einzelnen, fast unsichtbar schnellen Moment hin, ihn als Autor prägt. Die Beiläufigkeit, in der die entscheidenden Momente dann stattfinden, die unverkrampfte Selbstverständlichkeit des Tötens, ist das beängstigende an seinen Figuren, deren Taten stets so absolut zwingend nachvollziehbar wie außerirdisch fremd zugleich wirken. Und so sinniert Leonard über Lust, Gier, Liebe, Angst, Treue, Freundschaft anhand der Entscheidungsbäume seiner Figuren, die so widersprüchlich und authentisch wirken, eben weil die Handlung sich den Luxus leistet, nicht nach einem glatten Krimi-Schema abzuspulen, sondern stockt, stottert, Haken wirft… und sich so den Glücksfall erlaubt, im Nicht-Richtigen, im Mangel an glatter Perfektion, in den Ritzen und Pausen und verutscht sitzenden Versatzstücken, überhaupt erst die Chance zu etwas wirklich Überraschenden und Großen zu erreichen.
Road Dogs ist, wenn man so will, ein Kammerspiel, das anfangs keine Orientierung zu haben scheint, sich ausprobiert, als würde der Autor selbst mit kindlicher Freude zusehen, was passiert, wenn er nur bestimmte Konstellationen erzeugt und zusieht, wie sich seine Figuren in der Petrischale des Romans aus ihrer eigenen Logik und der Beziehung zueinander her entwickeln werden – ein Ansatz, der auch davon lebt, dass Elmore eine Neutralität (oder sagen wir eine für alle Figuren gleichförmige Zuneigung) seinen Protagonisten gegenüber wahrt, zumal hier niemand eine weiße Weste trägt und die vielleicht noch «sauberste» Figur (Foley, dem man anmerkt, dass Leonard ihn sehr eindeutig mit George Clooneys Interpretation dieser Rolle im Kopf fortgeschrieben hat) immerhin 127 Banküberfälle hinter sich hat. Elmore Leonard schreibt diese Art von Buch – wie ein Maler in immer und immer wieder ähnlicher Konstellation, immer auf der Suche nach dem endgültigen Ergebnis – nun seit Dekaden, und statt sich zu wiederholen oder berechenbar zu werden, sitzt hier jeder Satz, jede noch so fein hingeworfene Beschreibung, jede Absurdität und Abschweifung wie ein Faustschlag auf Fleisch und Knochen… und das alles mit einer an Eastwoods Steingesicht erinnernden Coolness, wie ein großer alter Magier, der uns vergessen lässt, wie unsagbar schwer es doch eigentlich sein muss, so makellos entspannt zu wirken.
2. Juli 2010 13:31 Uhr. Kategorie Buch. Tag Crime. Keine Antwort.