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Elisabeth Rank: Und im Zweifel für dich selbst

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Wer Elisabeth Rank als Bloggerin kennt, dürfte von diesem Debut der Autorin wenig überrascht und doch überrascht sein, denn obwohl der Sound ganz eindeutig der gleiche ist, gelingt ihr das nicht zu unterschätzende Kunststück, ihren sensiblen Stil, der von der Vignette, dem oft hingehauchten und geheimnisvoll-alltäglichen lebt, auf rund 200 Seiten zu strecken, ohne dass es sich nach «Extended Club Mix» anfühlt. Wer die Intensität ihrer Kurzform kennt, den wird nicht verwundern, dass «Und im Zweifel für dich selbst» ebenso sensibel wie wuchtig ist, einerseits fast zerbrechlich, so dass du fast behutsam umblätterst, mit diesem Gefühl von Vorsicht, dass man vielleicht aus Kirchenbesuchen kennt, andererseits brutal in dem Versuch, Gefühl zu kommunizieren.

Durchbrochen von Rückblenden und Vignetten, erzählt Rank eine Art Roadmovie über Tonia (die Ich-Erzählerin) und ihre Freundin Lene, deren Freund Tim bei einem Autounfall gestorben ist und deren Leben verrutscht ist. In diese Coming-of-Age-Struktur ist eine Art Beziehungskrise von Tonia eingewebt, die auf der Reise, im Schutz von schlechtem Handyempfang und Abgeschiedenheit entdeckt, dass sie nicht bei ihrem Freund Friedrich Verständnis und Hilfe sucht, sondern bei Vince. Drum herum webt Rank kleine Erlebnisse und Begegnungen, Miniaturen, die oft alleinstehend stark sind, oft etwas bemüht den generellen emotionalen Tonus des Buches metaphorisch ummanteln und unterstreichen sollen/wollen. Was mitunter schade ist, denn das braucht es kaum. Rank erzählt auch so erfolgreich die Gesichte einer Entrückung, die schwer zu greifen ist. Unwillkürlich erinnert das Buch an Joss Whedons Buffy-Folge, in der die Mutter der Serienfigur stirbt, in der Whedon den Mantel von humorvollem Teenie-Drama-Abenteuer-Fantasy rigoros abstreift und unerwartet eine ernsthafte, phantastisch Lynch-esque Episode produziert, die von schrägen Kameraeinstellungen, surrealem Ambiente und einem tiefen Gefühl der Unwirklichkeit durchzogen ist, als sei die Welt, die Serie als solche, mit dem Tod von Buffy Summers Mutter völlig aus der Bahn geworfen und entglitten. Ähnlich entschieden wirft Rank ihre Figuren aus dem urbanen Alltag und es ist nicht ganz sicher, ob die Autorin wirklich die Flucht an die Küste wählt oder ob sie fast amüsiert beobachtet, dass ihre Figuren diese etwas klischeehafte, dem Kino entliehene «Flucht» als Lösung wählen. Vielleicht muss auch einfach nur etwas passieren, um die Handlung loszutreten, die an sich nur eine Ausrede, ein McGuffin ist, um in die Gefühlswelt von Tonia und Lene einzutauchen, um die Verarbeitungsprozesse der trauernden Freundin und ihres Umfeldes mitzuerleben.

Die eine, verzeihbare, Schwäche des Buches ist, dass es unbedingt etwas sagen will. Einem Debut-Roman, zumal dieser Qualität, darf man ein bisschen Sturm und Drang einfach verzeihen, aber es ist glasklar, dass Rank es eigentlich nicht nötig hätte, so viel Rücksicht auf ihre Leser zu nehmen. Auf verschiedensten Ebenen bemüht sie sich, symbolisch, metaphorisch, direkt und indirekt, Bedeutung zu schaffen, große Gefühle durch Beschreibungen und Simile herbei zu schreiben. Und da Rank phantastisch schreiben kann, gelingt ihr das auch meist. Ihr kurzer, mitunter auch sparsamer Stil, der plötzlich eruptiv-ausufernd werden kann, das glaubhaft wie aus dem Moment geschrieben wirkende, der zwar mitunter etwas an die Neon, aber insgesamt sehr aus der Gefühlswelt heutiger Twens kommende Klang – all das funktioniert wunderbar. Und gerade weil das so ist, würde ich mir manchmal etwas weniger wünschen. Ein Stück mehr Ray Carver oder Amy Hempel, ein Stück Wortdiät (sagt gerade der richtige, ich weiß). Wenn Hempel über das Sterben schreibt, reichen ihr wenigste Zeilen, das nackteste sprachliche Gerüst, um den Leser zu zerquetschen, wenn Carver vom Tod einer eingeschlafenen Beziehung schreibt, reichen drei Striche, eine hingehauchte Skizze, ein scheinbares Nichts an Handlung, um alles gesagt zu haben. Ganz an dieser Sparsamkeit ist Rank nicht, muss sie vielleicht auch nicht sein, wird sie vielleicht auch nicht sein, aber während des Lesens gibt es immer so Stellen wo du denkst: Lass das, das ist zu viel, streng dich weniger an, ich habs ja auch so kapiert. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass ich generell mit deutschen Büchern immer etwas probleme habe, sie zu direkt finde, zu aufdringlich – der Filter des Englischen hilft ja manchmal, das kennt man von Liedtexten, Enzensbergers Erkenntnis, dass Love immer noch anders klingt als Liebe, gilt ja nach wie vor. Das alles ist also eine vorsichtige, schwache Kritik an einem Buch, dessen teilweise Angestrengtheit du sofort vergisst, wenn Rank einen dieser phantastischen Sätze raushaut, die einfach völlig perfekt dastehen und die du zwei, dreimal lesen und jedesmal gut finden kannst.

Und im Zweifel für dich selbst ist ein herausragend geschriebenes Buch, das erfolgreich die Episoden und Miniaturen der Blog-Autorin auf die größere Bühne des Romans transferiert und hoffentlich den Auftakt einer Karriere als Schriftstellerin markiert, ich würde nämlich nur zu gerne lesen, wohin es Rank in ihrem fünften, sechsten, siebten Buch treiben mag, wenn sie mit weniger Arbeit den gleichen emotionalen Impact zu erreichen versteht.

7. Dezember 2010 11:47 Uhr. Kategorie Buch. Tag .
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