
Und noch einmal 80s-Retro. Während der Titel des neuen Albums von Duran Duran «All you need is Now» nahelegt, dass die Band um Simon LeBon hier eben nicht nostalgisch in die Vergangenheit blickt, ist das Album in Wirklichkeit natürlich durchaus ein Rückblick in bessere Tage der Band.
Ich muss sagen, dass ich in den 80ern alles andere als ein Fan von DuranDuran war – mir waren die Herren zu Popper-haft, zu glatt, zu schick. Mit der Zeit und der Altersmilde kann ich inzwischen den ersten drei Duran-Duran-Alben (also bis «Seven and The Ragged Tiger») eine Menge abgewinnen. Die Fusion aus britischem Pop, etwas NewWave und kühlem Funk hat rückblickend einen Sound ergeben, der so prägnant wie bisher unkopierbar ist. Nach «Tiger» haben Duran Duran ihren Karrierehöhepunkt erreicht (finanziell, nicht kreativ), ihre Karrierekrise und sind, freundlich gesagt, unwichtig geworden.
Auf ihrem dreizehnten Album haben sich die beiden Taylor-Brüder (ohne Andy), Nick Rhodes und Le Bon nach drei Jahren Pause den Retro-Soundmeister Mark Ronson als Produzenten gesichert, der sich ja seit einiger Zeit als der Duran Duran-Fan schlechthin generiert. Und so klingt das Ergebnis dann auch. «All you need is Now» ist eine so schamlose wie gelungene Reise zurück an die Wurzeln der Bands und Ronson gelingt es über weite Strecken tatsächlich, die Idee der frühen DuranDuran zu greifen und in modernen Klang zu wickeln. Nichts klingt wirklich nur einfach Retro, die Band lässt klugerweise die Finger von 80s-Synthsounds und murkeligen Drums, aber die Melodien, Harmonien und Arrangements sind so dicht an «Rio», wie man nur kommen konnte nach fast drei Dekaden. LeBons Stimme ist pathetischer, dicker aufgetragen als früher, aber ansonsten scheint kaum Zeit vergangen zu sein, «All You Need» wie das Album, das «Notorious» hätte werden können. Die straighten Beats, die pulsierenden Synthlines, die sich hochschraubende Stimme von LeBon und die immer einen Tick zu polierten und glatten, aber eben sehr typischen Powerrefrains – alles da, alles wie früher und paradoxerweise eben deshalb absolut auf der Höhe der Zeit. Ronson gelingt der Trick, ohne den Nasenring der Nostalgie zu arbeiten, indem er an die Wurzeln des Sounds der Band zurückgeht, aber diesen nicht kopiert, sondern poliert. Völlig wider Erwarten entsteht so ein Pop-Album, das streckenweise phantastischen Pop produziert, shiny und etwas oberflächlich, irgendwie steril und plasticelastic – aber genau dieses Plyester-Feeling ist ja die Essenz von Duran. Ernsthaftigkeit und Erwachsensein, das alles ist verschwunden und die Band scheint einen Heidenspaß an einer Art zweitem Teenie-Dasein als Schickimicki-Lifestyler zu haben, die eine Musik irgendwo zwischen schnellen Autos, Koks und zu langen Nächten am Strand produzieren. Jeder Track is voll von Energie und zu großen Gesten, Pathos und Shiteater-Grinsen – und Ronson gelingt die Fusion von Alt und Neu, indem er den Mix um unerwartete Elemente erweitert: «Blame The Machine» ist ein klassischer Duran-Track, der durch die an We Have Band erinnernde androgyne Gesangseinlage von TV-Moderatorin Nina Hossein eine frische Note gewinnt, während der sexy Blondie-Rap von Scissor-Schwester Ana Matronic auf dem ähnlich auf Hit gebügelten «Safe (in the Heat of the Moment)» dafür sorgt, dass der Song zugleich old-school und doch unerwartet klingt. Die Kunst ist die Einheit von Erwarteten und Unterwarteten, der Bruch, die kleinen Kanten und Schrägheiten, die dem Album das Berechnende, am Reißbrett konstruierte nehmen – was sicher eine Illusion sein muss, denn mehr Reißbrett, mehr gezieltes Entwerfen als bei Ronson ist ja kaum denkbar.
Es ist nicht einfach, als Designer (und Ronson ist, wie Danger Mouse, in erster Linie ein Sounddesigner) etwas zugleich ehrlich und authentisch wieder an die eigenen Essenz zurückzuführen und dabei auf die Höhe der Zeit zu bringen. Ronson hat hier den ideosynkratischen Markenkern der Band herausgearbeitet, alle Modernismen herausgekegelt und dann dezent poliert, bis eine Band, die ein Schatten ihrer Selbst, ein Witz, war, auf einmal ein hochsolides Alterswerk in den Händen hält, das jung klingt, in seiner Zeitlosigkeit irgendwo zwischen Indie und Pop tänzelt, eine schöne egale Haltung hat und genau deshalb Chartpotential hat.
16. Februar 2011 20:14 Uhr. Kategorie Musik. Tag Pop. Keine Antwort.