


Okay, es ist meine eigene Schuld. In der Zeche Bochum war es beim Dredg-Gig einfach so voll, daß man irgendwann aufgibt und so in der zehnten Reihe stehenbleibt, weil es nicht weiter nach vorne geht in der dicht gepackten Menge, dann also nonchalant an die Bar gelehnt das Konzert hört. Wenn ich aber ein Konzert so aus der Distanz mitkriege, wechsele ich leider recht schnell von einem Live-Erlebnis zu einer Art Musikkritiker-Modus, ich höre statt zu fühlen. Was natürlich stets etwas gegen den Sinn eines Live-Konzertes geht. Ich gehe also davon aus, daß – hätte ich nur in der zweiten Reihe gestanden und gemosht – dredg live ganz ausgezeichnet sein können. Die Band gibt sich wirklich redlich Mühe, ihren musikalischen Mix irgendwo zwischen My Vitriol, Tool, U2 und Coldplay druckvoll rüberzubringen, wobei vor allem die neueren Tracks von Catch without arms eben doch sehr poppig, sehr amerikanisch, sehr stadionorientiert und vor allem unglaublich selbstähnlich sind. Man verliert im Laufe eines Konzerts schon das Gespür dafür, welchen Song man eigentlich gerade hört. Und damit auch ein bißchen das Interesse. Die alten Tracks, die eine Spur zu prätentiös zwischen Pink-Floyd-Tapeeinspielungen und Gitarrenexperimenten schwirren, sind per se deutlich spannender, lassen das Publikum aber spürbar kalt. Nach gut 90 Minuten ist der Gig ohne echte Zugaben vorbei (jede Hoffnung auf Zugaben macht die Band clever zunichte, indem beim letzten Track das gesamte Drumkit um den noch spielenden Drummers Dino Campanella abmontiert wird, nettes Gimmick).
Aber analytisch betrachtet, eben nicht in der Masse mitfeiernd, fallen dir natürlich ein paar Sachen auf, die vielleicht ansonsten egal und untergegangen wären… daß Campanella zwar sehr entsetzlich angeberische LA-Mätzchen an seinem Drumkit macht und mit den Armen wedelt, als ginge es um einen Luftgitarren-Wettbewerb, sich aber wahrscheinlich auch genau deshalb sehr gerne einfach mal verspielt. Neben Anflügen echter Brillianz an den Drums gibt es so einen oft etwas holprigen Beat, dazu auch häufiger komplett gepatzte Breaks und Fills, die dich aus dem Lied schleudern. Auch, daß er so in die Snare hämmert, daß Breaks einfach eben nur grobmotorisch laufen können, weil er fast permenent Crosstick spielen muß, um den Pegel zu halten (also Rim und Snare zugleich), und somit alle komplexeren fligigranen Sachen zum Sterben verurteilt sind (gehen im Sound unter), ist eher nervig. Man fühlt sich wie bei einem Guns-and-Roses-Gig. Es fällt auch auf, daß der Sound für eine im Grunde dreiköpfige Backline einfach zu undifferenziert ist, ein krachender Wall of Noise, der mitunter natürlich genial wirkt, mitunter aber auch einfach nur trübe Suppe ist, in der alle permanent lauter werden, um sich überhaupt noch gegen das zu brachiale Schlagzeug durchzusetzen – ein Noise-Nebel, durch den der Gesang von Gavin Hayes bei allem Schreien und Jodeln nicht mehr so richtig durchdringen will. Da helfen auch die permanenten Stevie-Wonder-Bewegungen nicht, die wohl Inbrunst beim Singen darstellen sollen. Mark Engels Gitarrenarbeit ist hingegen flat out beeindruckend, der kleine Mann steht hinter seinem Instrument unauffällig neben den Selbstdarstellern an Bass und Drums und Vocals, macht aber den wichtigsten Job und erinnert mich in vieler Hinsichgt an The Edge von U2. Unter’m Strich liefern dredg soliden Metalpop, der allerdings live nicht so geschliffen wirkt wie auf dem Album und dennoch nicht lebendiger, nicht wärmer oder energetischer wird, sondern nur einfach lauter und unsauberergespielt. So bleibt der Eindruck von kalkuliertem Pathosrock, dem nur noch drei vier traumatische Beulen in der Produktion fehlen dürften, dann ist er bei Bon Jovi angelangt. Sowas geht ganz schnell.
Aber ganz ehrlich: All das liegt einfach daran, daß ich eben nicht in der zweiten oder dritten Reihe stand und meinen Kopf wackeln lassen konnte. Ich bin mir ziemlich sicher, die Sache hier klänge sonst wahrscheinlich sehr anders und deutlich begeisterter :-D.
7. Juni 2006 16:38 Uhr. Kategorie Live. 3 Antworten.
Dass schreibt man heutzutage mit ss, es sei denn man schreibt für die FAZ. oder wars die Bild? Whatever. Das fällt einem aber auch nur auf, wenn man eine Konzertkritik nicht zustimmend liest sondern findet, dass der gute HD das “Erlebnis” als solches tatsächlich zu sehr in die Breite tritt. Verspieler live zugunsten von Poserei? Hey, wofür steht man denn da oben? Als Klicktracknazi hat man nunmal beim Zocken nur den halben Spaß, dann lieber mal vergreifen und ab nach L.A…
Und die Snare machte ganz nebenbei das Kopfnicken einfacher ;)
Jetzt muss ich dich aber mit aufs Pukkelpop nehmen da mit ich dich auch mal beim Moshen erleben darf!
So long und Depeche Mode sucken wirklich!
Daß schreibe ich mit ß, sorry.
Und als Schlagzeuger bin ich zwar nicht für Klicktracknazi, aber wenn vor Lauter Vorm-Spiegel-Geübt-Haben ein der Groove und die Musik leiden, ist schluß mit lustig.
Ich denke du hast in dem Punkt Recht, dass man an der Bar lehnend sicherlich eher Gefahr läuft, sich die Mucker-Polizei-Marke anzustecken. Ich habe dredg im November in Hamburg erleben dürfen und ich stand zwar in der ersten Reihe, bin jedoch nicht der Typ, der sich die Ellbogen blutig mosht. Habe also auch einfach viel zugehört und habe einen etwas anderen Eindruck. Die von dir beschriebenen Patzer, speziell bei den Drums, sowie das vemeintliche Posertum machen den Herrn Campanella erst sympathisch, wie ich finde. Ich selbst bin ebenfalls Drummer und auf mich hat das keineswegs den Eindruck eines Sunshine-Rock’n'Roll-Drummers gemacht. Er drischt heftig, das ist wahr, doch ich fand es zu keinem Zeitpunkt übertrieben. Eher energetisch. Ansonsten behaupte ich mal, dass die meisten Drummer in der modernen Pop-Rock-Musik so oder so viel zu klinisch und undynamisch spielen. Ein verhauener Kick (was ja sicherlich auch von der Tagesform eines Menschen abhängig ist) hier und da fällt da für mich nicht ins Gewicht. Da lächelt man doch kurz und freut sich dass es auch noch andere Musiker gibt, die nicht perfekt sind!
Ich finde es nicht schön, einem Album das zweifelhafte Prädikat “stadionorientiert” aufzudrücken, nur weil es teilweise mit eingängigeren Harmonien daher kommt. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Über den Vergleich mit U2 wiederum weniger…