Jaron Lanier, einer der Pioniere des Internet, äußert sich nach der Printversion jetzt auch online im Spiegel zu seinen aktuellen Bedenken über das Internet. Kernsatz: «Die schlimmste ist der Glaube an die sogenannte Weisheit der Massen, die im Internet ihre Vollendung findet.» Im Grunde hat er damit recht. Auf schwarmartig usergenerierte Inhalte setzende Angebote, wie eben Wikipedia, sind sehr problematisch. Wahrheit ist hier nich mehr absolut sondern der Kompromiss zwischen dem Gedächtnis vieler. Das ist im Zweifelsfall sogar mal umfassender oder richtiger als der herkömmliche Weg der Wissensgenerierung über eine objektive redaktionelle Erstellung, das Problem liegt aber darin, dass der Konsensus der Vielen bestimmt, was «wahr» ist. Wikipedia hat da eine lange Historie von Missbrauch hinter sich, von Selbstdarstellern, und Colberts Wikipedia-Gag spricht für sich. Wenn fünfzig Leute bestimmen, Zuckerwatte schmeckt sauer, können drei andere noch so sehr auf süß bestehen, sie wird als sauer definiert sein. Problematisch daran ist, daß zum einen psychologisch seit Jahrzehnten in Tests untermauert ist, dass sich der einzelne unter auch nur sanfter peer pressure der Meinung der überwiegenden Mehrheit anzupassen versucht und zum anderen, daß es so etwas wie übergelagerte neutrale Wahrheiten gibt, die hier untergehen kann. Redet mal mit etwa 30 Amerikanern gleichzeitig über Hiroshima und ihr wisst, was ich meine. Demokratie schützt, das ist ihre Aufgabe, die Wenigen vor den Vielen. Das man dem Massengeschmack aber prinzipiell misstrauen muss, weiss jeder, der mal ins Fernsehen sieht oder in die Musikcharts. Scheiße ist rpima, eine Million Hausfliegen können sich ja nicht irren.
Auf der anderen Seite: Auch von offizieller Seite durch Fachleute erstelltes Wissen muss nicht unbedingt «wahr» oder «neutral» sein. Ich bin sicher, Lexika aus dem Dritten Reich, aus der DDR und aus China sind da interessante Studienobjekte. Wahrheit ist relativ. Und kann gefiltert werden. Der Gedanke, dass drei informierte «Offizielle» Hüter einer höheren Wahrheit sind, ist nicht weniger gruselig als ein anonymer Menschenschwarm, der sich im Diskurs auf eine Art Mittelwertigkeit von Fakten und Meinungen einigt. Die Leistung von Wikipedia ist dabei, den Diskurs offen zu legen, und somit – hallo Meister Habermas – etwas geschaffen zu haben, was oft spannender ist als der Eintrag selbst, nämlich den Metadiskurs über die Generierung gesellschaftlichen Wissens. Das dieses ohnehin seit eh und je ein Konstrukt ist – Wissen und Wahrheit sind soziale Konstrukte, Riten, Übereinkünfte… eine absolute Wahrheit ist meist wenig mehr als eine Art eine gesellschaftlicher Meme, deren Quelle wir vergessen haben. Es gibt also zu Wikipedia auch kein absolut erfolgreiches Gegenmodell.
Last not least ist Meinungs- und Wissensbildung im Internet eher weniger en bloc geworden, sondern kleinteiliger. Die «Wahrheit» setzt sich heute nicht aus Einträgen in Lexika zusammen (wiewohl der Trend, Wikipedia blind zu glauben, wirklich besorgniserregend ist, viele missverstehen es als eine Art echtes Lexikon (und nicht als eine Art Browser, auch, weil es in seiner Bandbreite ohnegleichen ist), sondern aus Artikeln, Foren, Blogeinträgen. Sie wird – mit dem Internet – auch in den Augen der meisten Menschen zu einem formbaren Puzzle, das man sich selbst zusammenzusetzen hat. Wahrheit an sich wird mehr und mehr hinterfragt. Nicht umsonst suchen die Leute ihre Wahrheit ausgerechnet im 21. Jahrhundert wieder im Esoterischen, Absoluten. Die Wirklichkeit, mit all ihren holographischen Subwahrheiten und Diskursen und ihrer fast kristallartigen Komplexität, die das Internet durch seinen Zugriff auf verschiedenste Meinungsströme ja erst richtig greifbar und transparent macht, erschreckt oft auch, wenn man einfache Antworten mag.
Wer aber ohnehin schon immer dachte, dass Wahrheit eher ein hochrelativer Begriff ist, dem man auf offener Straße im Dunkeln lieber nicht begegnen will, weil ihm immer zu mißtrauen ist, sollte sich von Lanier keine schlaflosen Nächte machen lassen.
17. November 2006 09:19 Uhr. Kategorie Online. 8 Antworten.
Uh, huh, was das katastrophile Fachunken anbetrifft, neigt die breite Masse glücklicherweise zu einer Nivellierung auf den generaloptimistischen Konsens (et het noch immer jut jejangen).
Allerdings HD, wenn Du sagst: “Wissen und Wahrheit sind soziale Konstrukte …” dann schleudert Deine Argumentation glatt von der Straße. Für die Wahrheit würde ich diese Aussage noch zur Diskussion zulassen, das Wissen sortiere ich jedoch in die Schachtel mit den individualpsychologischen Phenomena, daran ändert auch der gehäufte Glaube an das Vorhandensein von Wissen in der Gesellschaft nichts. Und wenn wir das phänomenologisch-nihilistische Torpedoargument “Was der Mensch glaubt zu wissen, wird ihm vom Gehirn vorgegaukelt” NICHT zulassen, dann stehen wir also vor der Annahme, dass es Erkenntnisregionen der Menschheit gibt, in denen Wissen existiert. Und es gibt auch gute Gründe, so zu verfahren: Genau dieses phänomenologisch-nihilistische Torpedoargument ist DER Generalschlüssel für die ganzen esoterischen Fliegenfänger in der Welt, mit dem sie die bösen rationalistische Welt aussperren können.
Ein gutes Beispiel ist dieser Satz von Dir: “Die Wirklichkeit, mit all (…) ihrer fast kristallartigen Komplexität (…) erschreckt oft auch, wenn man einfache Antworten mag.”
Daran mag ich die “kristallartige Komplexität” besonders. Kristalle sind, wenn man die sie formenden Gesetzmäßigkeiten (Physik, Chemie, Mathematik) kennt, überhaupt nicht komplex. Leberwurst ist komplex. Das Maß an Komplexität, das ein Beobachter in einem Kristall sieht, ist also ein Maß für sein Wissen. Vermutlich sehen Wahrsager deshalb in eine Kristallkugel.
Na egal. Et het noch immer jut jejangen.
Gruß, H.
Henning hängt das Niveau hoch. Immer dran denken: Ich tippe sowas nur, wie eine Notiz, ein, es ist nichts durchdachtes.
Wahrheit, sieht man mal von Onkel Hegels (alles gute zum Todestag vor ein paar Tagen) Sicht der Dinge ab, ist sicher eine Konstruktion. Wie gesagt, es sei denn, man neigt dazu, eine jenseitige «wahrere» absolute Wahrheit (z.B. in Form einer Gottheit) zu postulieren. Und mehr als postulieren kann man da ja nicht, man kann ja leider nie bei Gott klingeln und mal nachfragen, was ER den so senkt.
Obwohl ich genau dieses nihilistische Virtual-Reality-Argument sehr teile, müssen wir natürlich eben im Paradigma (hohoho) dieser vorgegaukelten Welt argumentieren. Man hat ja sonst nix. Wissen ist ein gesellschaftlicher Sammeln- und Häufchenmachenprozeß (in doppeltem Wortsinne, Berge bauen und Scheißhaufen), lustig gepaart mit Das-vergessen-wir-mal-wieder. Das Individuum hat ein Wissen, klar, aber es ist ein sozialer Prozß. Gerade beim Menschen.
Ah, was ich mit Kristall meinte war eher eine Bild für einen vielseitigen, geschliffenen, Licht aus verschiedenen Perspektiven je anders brechenden bearbeiteten Stein. Leberwurst ist aber auch äher BÄH, zumindest in diesem Kontext. Obwohl «WAHRHEIT IST WIE LEBERWURST» eine schöne Headline wäre.
Die Welt ist ein Scheibe…BASTA!!!
>Ich bin sicher, Lexika aus dem Dritten Reich, aus der DDR und aus China sind da interessante Studienobjekte.
Ach ein hundertjähriger Brockhaus tut’s auch ;-) hab den jetzt grad nicht zur Hand (steht bei meinen Eltern) – aber in meiner Erinnerung stehen da ganz interessante Sachen drin z.B. unter dem Stichwort “Feminismus” – bin mir nicht mehr sicher, aber irgendwas mit «Frauenwahlrecht entspricht nicht der natürlichen Bestimmung der Frau…»
jaja, jetzt kommen hier gleich die fiesen Bemerkungen aus der Männerrunde – ich kann mich jetzt einfach grad an kein anderes Beispiel erinnern, hab den alten Brockhaus schon lange nicht mehr angeguckt.
Ich mein ja nur, dass frühere Lexika auch immer ein bestimmters Weltbild wiederspiegelt haben, nämlich jenes, welches der zu jener Zeit herrschenden Elite grad in den Kram passte. Und dass diejenigen Stimmen, die die Vorherschaft dieser Elite ins Wanken brachten, selbstverständlich von deren Seite bekämpft wurden.
Es geht doch nicht um «die Wahrheit» – es geht doch einfach um Macht, bzw. die Befürchtung, die eigene Vormachtstellung zu verlieren.
Seltsam finde ich in diesem Zusammenhang auch die Befürchtung, die Erziehung könnte dereinst auf dem Mehrheitsprinzip beruhen. Was tut sie denn heute? Schulen sind ja nun mal überhaupt nicht auf Individualität ausgerichtet – es wird ja bereits alles in Sonderschulern, Förderschulen, Hochbegabtenförderungen ect. aussortiert, was nicht dem Durchschnitt entspricht.
Auf dass am Ende eine schöne graue Masse rauskommt, die nicht mit unterschiedlichen Begabungen, Lebensweisen, Menschen, Meinungen konfrontiert wurde, sondern nur mit Ihresgleichen zu tun hatte. Wo wird denn bei den Kindern heute das Verständnis dafür gefördert, dass es nicht nur EINE Wahrheit gibt? Sondern dass verschiedene Lebensweisen mit verschiedenen Werten gleichberechtigt nebeneinader exisitieren können?
Schule vermittelt aber ja zur Zeit immer noch genau das Gegenteil: das EINE Wissen. Anstatt der Fähigkeit, selbst zu denken, Dinge in Frage zu stellen und mit der Möglichkeit klarzukommen, dass es nicht die eine absolute Wahrheit gibt.
Ist ja gut HD, ich red doch auch nur in die Tüte ;-) Ich wollt ja auch nur an der unsauberen Begrifflichkeit rumpopeln (Wissen vs. Wissen_schaft) und meine hübsche Miniatur vom Kristall loswerden.
> Der Gedanke, dass drei informierte «Offizielle» Hüter einer höheren Wahrheit sind, ist nicht weniger gruselig als ein anonymer Menschenschwarm, der sich im Diskurs auf eine Art Mittelwertigkeit von Fakten und Meinungen einigt.
Die Vorstellung, dass die Vielen, die tatsächlich wenig wissen, hinsichtlich der Weltendeutung das Heft in die Hand bekommen und uns erzählen könnten, was Sie für wahr halten, braucht uns nicht zu erschrecken. Denn sie haben das Heft längst in der Hand, die Umdeutung des Konsenses ist ihnen einfach nur zu lästig – das Heft in der Hand ist nämlich die Programmzeitschrift. Seit der Erfindung des Fernsehens ist die Revolution schlicht unwahrscheinlich geworden, sagt McLuhan und ich neige dazu, ihm zuzustimmen. Das sind gute Nachrichten für die Wikipedia. Wissensvandalismus ist einfach zu unsexy. Der schlichte Geist ist vollauf damit beschäftigt, selbstgedrehte Pornos bei YouTube hochzuladen. Da gruselts mir dann doch mehr vor den wild entschlossenen Überzeugungstätern.
Und WAHRHEIT IST LEBERWURST ist überhaupt DIE postphilosophische Überschrift ;-)
H.
In Tüten reden ist super. Überhaupt— Tüten!!!!
Meine Begrifflichkeit ist immer unsauber. Ist Methode. Schwammigkeit als Konzept :-D
>Seit der Erfindung des Fernsehens ist die Revolution schlicht unwahrscheinlich geworden
Da hat der Marshall recht. Wie immer. Das ist ja das blöde an ihm…
Und selbstgedrehte Pornos sind doch super.
TRUTH = LEBERWURST ersetzt ab heute Sagmeister STYLE = FART :-D.
(sorry für den Germanismus, aber «liver sausage» klang öde)
>Auf dass am Ende eine schöne graue Masse rauskommt, die nicht mit unterschiedlichen
>Begabungen, Lebensweisen, Menschen, Meinungen konfrontiert wurde, sondern nur mit
>Ihresgleichen zu tun hatte.
Ja, das ist das Problem am Bildungssystem, so sehr ich die soziale Nivellierung mag, die intellektuelle Gleichmacherei sucks Noodles. Uniforme Curricula erzeugen uniforme Menschen. Und, wie beim Fernsehen, die Masse erzeugt Durchschnittlichkeit. Und das Umdenken in Richtung Elite-Uni ist an unfreiwilliger Komik kaum zu toppen.
>Schule vermittelt aber ja zur Zeit immer noch genau das Gegenteil: das EINE Wissen. Anstatt >der Fähigkeit, selbst zu denken
Was ja auch an den Schülern liegt. An der RA ärgert uns Dozenten diese «Fütter mich»-Haltung eher und wir arbeiten alle gemeinsam an einem Akzentshift von Lehren zu Lernen, was aber auch ein nichtganz einfacher Prozess sein wird. Aber anders geht es nicht.
Amerikaner sagen liverwurst, das ist dann auch sprachlich die ganz grobe Leberwurst …