Apropos Theater: Im Spiegel dieser Woche schreibt der 1956 geborene Autor Joachim Lottmann über den Niedergang von «250 Jahren deutscher Theatergeschichte». Angestoßen durch den an sich doch eher harmlosen Skandal um den FAZ-Chefkritiker Stadelmaier, besucht Lottmann mehrere Theater – Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg und Bochum – und ergießt sich in Ekel und Abscheu gegenüber dem modernen Regietheater, das seiner Meinung nach gegen die klassischen Stücke geht, Goethe und Horváth entstellt werden. Erst in Elmar Goerdens Schauspielhaus Bochum geht sein Herz auf, wird doch Oscar Wilde – der nun auch nicht nach Dekonstruktion schreit – mit Vorhang, in klassischen Kostümen und textgetreu gegeben. (Das auch in Bochum hier und da mal ein Klassiker demontiert wird, blibt dabei unerwähnt).
Nun hab ich selbst schon der Bochumer Dramaturgie – noch unter Hartmann – ab und zu mal wieder am Telefon vorgeschlagen, daß es lustig wäre, ein Stück einfach 1:1 ganz klassisch zu spielen, ohne große Re-Interpretation, einfach nur makellos umgesetzt. Das kann nämlich auch ganz schön sein. Aber eben als Kontrast, nicht als Formel für das moderne Theater. Würde man diese Form der Darstellung zum Standard erheben, so würden sich Aufführungen in den verschiedenen Häusern bald nur noch in der Farbe der Kostüme oder der (ja auch eher subjektiven) Darstellerqualität unterscheiden.
Der reaktionäre Wunsch zurück zu einem prä-Brechtschen Theaterbegriff paßt natürlich in die Zeit und so ist es vielleicht kein Wunder, daß die politisch ohnehin eher konservative FAZ mit ihrem Feuilleton zum Stoßhorn einer Rückwärtsbewegung mutiert. In härteren Zeiten, determiniert von großen Koalitionen oder – in NRW – einer brandneuen CDU-Landesregierung, mußte ja fast die Debatte losgetreten werden, ob der Staat «so ein» Theater finanzieren will. Lottmann führt Jürgen Goschs Düsseldorfer Macbeth an, in dem entblösste Darsteller auf der Bühne pissen und scheißen… Lottmann erzählt wie ein Trek von Alten und Gebrechlichen schockiert das Theater verläßt. Achtung, Symbolik. Und das soll der Staat auch noch finanzieren, ist die Frage, die dahintersteht. Es ist die Frage nach der Subvention von Kunst, die da hervorblitzt. Eine Frage, die die Zensur bereits in sich trägt. Eine Frage, die so erschreckend gut in die Zeit paßt, daß ich hoffe, die Theater stellen sich ohne einzuknicken gegen sie.
Denn Regietheater ist schon korrekt. Ich mag es auch nicht immer, aber es ist die einzige Chance, Theater als wirkliche Kunstform weiterzuführen, nicht als Käseglocke antiker Stoffe. Ein modernes Theater muß einen Dreiklang bilden dürfen aus werkgetreuen alten Stoffen, de/rekonstruierten Stücken (oder Bühnenadaptionen von Romanvorlagen) und vor natürlich allem neuem aktuellen Material. Neue Stoffe, sind meiner Meinung nach die wichtigste Säule, aber eine wichtige Brücke zwischen Aktualität und Publikum ist schon, ein altes Stück für die heutige Zeit neu zu interpretieren. Und yeah, es kann dann anstrengend sein, wenn man als Zuschauer das Original gar nicht so sehr kennt und dann den Remix sieht und kaum versteht. Ist mir auch schon passiert. Und siehe da… meist habe ich das Stück danach gelesen und damit hatte es sich. Der Remix aus Sampling-Fragmenten alter Werke und neuer Elemente macht im Idealfall neugierig auf Original.
Ich glaube nicht, daß ein guter Dramaturg oder ein guter Regisseur, und mehr und mehr Leute in diesen Kategorien sind um oder unter 30, sich nur als unsichtbarer Mittelsmann verstehen kann, der stillschweigend den Goethe in Perücke und Periodenkostüm auf die Bretter stellen mag. Das wäre doch auch Dorftheater-Niveau. Wer Shakespeare so sehen will, fährt zur Laienspielschar in einer Kleinstadt. Und fertig. Sprechautomaten und Puderfrisuren.
Man kann sicher darüber reden, daß es gute und durchaus auch sehr schlechte Aufführungen im Regietheater gibt. Sowas solls ja geben. Ein Stück zur Fäkalshow umzumontieren und nur schocken zu wollen, greift im Zweifelsfall eben einfach zu kurz. Ist zwar irgendwie schon pubertär-geil, aber: been there done that. Ehrlich, ich habe aber bisher noch nie ein Stück auf dem Niveau selbst gesehen. Was ich an Remix gesehen hab, hat meist clever einen alten Stoff aufgefrischt, abgestaubt und belebt, um ihn so lebendig zu halten. Dabei gibt es ganz klar auch mal Fehlgriffe… aber das ist ja das Gute. Ein Stück werkgetreu zu spielen vermeidet eben diese Fallhöhe, den Mut, auch mal ins Klo zu greifen und greifen zu dürfen. Und genau diese Fallhöhe macht Theater eben vom Handwerk zur Kunst. Stücke 1:1 auf die Bühne zu wuchten, ist Handwerk. Schön für die Schauspieler, schön für die Schneiderei, aber in der Gesamtform eine Käseglocke, keine lebendige, atmende, relevante Kunstform. Die Lust an der Neuerfindung, am Übermalen alter Schinken… das ist die Kunst für unsere Zeit. Theater muß ins 21. Jahrhundert passen, nicht ins 18.
Was Reaktionäre wie Lottmann also wollen, ist Soap. Berechenbarkeit. Vorhersehbarkeit. Verliebt in Berlin statt Documenta. Die Kritik offenbart hier ihre eigene Mutlosigkeit, ihre Angst, ein Stück nicht so zu sehen, wie man es ja eigentlich schon kennt. Sie will einen Video sehen, eine Reprise, nichts neues. Ist vielleicht ein Alterssymptom. Das moderne Theater ist ein junges, die Zuschauer und die Kritik aber sind oft überaltert. Das hat auch viel damit zu tun, daß die Theater sich nicht absolut trauen, ein junges Publikum zwischen 20 und 30 zu erobern, sondern oft zu vorsichtig an den bestehenden Zielgruppen klammern. Mehr ein Problem der Außenkommunikation (und damit der Budgets, die an allen Häusern viel zu wenig ins Marketing fließen) als dessen, was tatsächlich auf den Bühnen gespielt wird.
Nein, die Zukunft des Theaters liegt nicht darin, eine Art Animatronic zu sein, in der das Bürgertum Kostümschinken genießen kann und sich entspannt. Entspannung ist nicht die reine Mission von Theater. Ein urbanes Theater sollte sicher Inhalte haben, die einfach unterhalten und dem Publikum Spaß machen (wobei man auch in solche Stoffe Akzente einbringen kann, die eben über reines Entertainment hinausragen) und es sollte sich den Luxus leisten, ein Ort der Selbstbespiegelung, der Kritik, der Irritation, des Mutes, der Kunst zu sein. Die gibts selten genung und genau dafür ist die Subvention ja da. Und auch solche konfrontativen Stoffe können ja durchaus umgekehrt auch Entertainment-Elemente enthalten. Fast keinurbanes Theater, das heute nicht in den Stücken selbst aber sowieso zwischen den Stücen wie ein Supermarkt die Bandbreite möglicher Ansprachen und Mittel mischt. Wie das Buch kommt das Theater von oben, als kluge Unterhaltung, die dem Publikum die Hand reicht und sie nach oben ziehen möchte, anregen und beleben… nicht berieseln und betäuben.
Was Lottmann als Kritiker fordert, ist Narkose. Was wir uns als Publikum wünschen sollten, ist Adrenalin.
9. März 2006 06:58 Uhr. Kategorie Leben. 2 Antworten.
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[...] Neugierig geworden durch Joachim Lottmanns Artikel über das Regietheater, haben wir uns Jürgen Goschs skandalumwitterte Fassung von Shakespeares Macbeth im Düsseldorfer Schauspielhaus angesehen. Drei Stunden Theater bei eingeschaltetem Saallicht, ohne Pause… da wird die Kunst zur Anstrengung. Auf beiden Seiten. Goschs Fassung ist stressig für das Publikum, das hochkonzentriert drei Stunden dem komplexen Text folgen und dabei in dem minimalistischen Stück auf nahezu jede visuelle Hilfestellung verzichten muß und ebenso anstrengend für die Darsteller, die bis an die Grenze dessen gehen, was Menschen auf der Bühne leisten können. Da wird gerannt, gesungen, getanzt, werden Tische geworfen und zerschlagen, wird gemordet und mit Theaterblut gespritzt, bis die Darsteller mehrfach fast darin ausrutschen, die Texte werden mal aus vollem Halse gebrüllt, mal geflüstert. Körperlicher geht es kaum. [...]