DIE NEUE VITRA SITE

Keine Frage, ich liebe Vitra. Unsere Möbel sind größtenteils von Vitra, ich liebe Tibor Kalmans Chairman-Buch über Rolf Fehlbaum, ich halte Vitra für eine der wichtiigsten deutschen Erfolgsgeschichten in Sachen Design, durch deren Speerspitzen-Effekt andere großartige deutsche Möbel-Firmen überhaupt erst so großartig werden konnten, wie sie sind. Wir haben nicht nur durch aber sicher eben auch entscheidend mitgeprägt von Vitra in Deutschland einen typischen «sachlichen» Möbelflair, immer wieder in letzter Zeit durchbrochen durch eine neue Lust auf moderne Materialien und die Farbigkeit, die diese mit sich bringen – Vitra ist eben mehr als der ewige Eames.
Leider wird die neue Homepage des Konzerns, gemacht von de-constuct in London, keine Ruhmestat des Designs. Zwar mag ich, dass Vitra auf Flash setzt und auch das generelle Flair der Site, aber selbst auf einem großen Bildschirm wirkt die Site irgendwie eng, es fehlt immer etwas, ich muss faktisch für gewisse Inhalte scrollen, obwohl es keine HTML-Blog-Site ist (wo das vertikale scrollen hauptsächliches Navigationselement darstellt), sondern eine geschlossene Flash-Site. Auch die vielen, stets etwas sinnlosen Farbflächen erinnern mich eher an Quark-Express aus den 80ern (wow, schau mal, wie leicht ich ein Rechteck aufziehen kann…) und somit an das grafische Niveau von Ersatzkrankenkassen. Vor allem scheint es eine inhaltlich nicht mehr sinnvolle Referenz an die alte Site, die von dort durchaus sehr sinnvollen farbigen Flächen geprägt war, zu sein. Das Ergebnis ist so aber weder Fisch noch Fleisch, etwa so unentsc hieden wie der permanente Wechsel zwischen echtem Font mit Antialias und Pixelfonts. Es gibt viele gute navigatorische Ansätze – die Site scheint sich quasi ständig zu bemühen, die Navigation auf verschiedensten Wegen deppensicher zu machen, mit einer History, mit Übersichten, mit einem Zurück-Extrafeld, mit Cookie-Gedächtnis – aber die Flut der Möglichkeiten verwirrt oft leider eher. Es gibt viele Stellen, wo ich intuitiv in ein Bild klicken will, um weiterzukommen, aber es passiert nichts und ich muss ein Textlink suchen.
Was mich aber am meisten irritiert ist, dass die Website keinerlei Mehrwert liefert – das Bildmaterial gab es überwiegend bereits in der alten Version, deren Informationstiefe auch etwa gleich gewesen zu sein scheint. Außer Kosmetik hat sich nicht viel getan. Was schade ist. Zumal einige Bereiche noch nicht mit Content gefüllt sind (wobei ich das aus eigener Erfahrung auch nur zu gut kenne), die Bildqualität wirklich schlecht ist und der generelle Eindruck irgendwie— unübersichtlich ist. Da kann Vitra vielleicht gar nichts für – immer mehr und mehr Firmen scheuen den Aufwand, das Internet aktiv zu bespielen und sind immer noch auf dem Stand, den Besuchern mehr oder minder eine Art Gesamtkatalog vor die Füße zu werfen, plus etwas Imagematerial.
Denn Vitra ist eins der spannendsten Unternehmen schlechthin – und das merkt man dem Online-Auftritt einfach nicht an. Die Marke ist nicht inszeniert, nicht gespielt, nicht ergründet, nicht entdeckt. Bei jeder anderen Marke würde ich bei einer solchen mehr oder weniger professionell-glatten Präsentation ja achselzuckend weitersurfen – schließlich sind USM, FSB oder COR ja nun auch eher mit sehr braven, eben sehr deutsch-architektonischen Sites unterwegs, aber bei einem MythBrand wie Vitra tuts schon irgendwie weh, wenn ein Relaunch so wenig mitreissend ausfällt. Die Site ist beileibe nicht schlecht, nicht missverstehen – aber ist die gut genug für diese Marke? Es macht vielleicht Sinn, dass eine Firma, die ein so handfestest, greifbares Produktportfolio hat, mit dem etheralen einer Webpräsenz Schwierigkeiten hat – wie setzt man das Gefühl, auf einem Stuhl zu sitzen, denn auch online um? – und man darf sich nichts vormachen, bei solchen Marken hat die Site sehr wenig mit dem direkten Umsatz zu tun, der auch nicht wirklich vom Straßenkunden generiert wird – aber eben darm ist es umso trauriger, dass Vitra die Chance vertan hat, mit der eigenen Site zu spielen, auf der Basis der Freiheit neue Dinge zu tun, eben Design zu entdecken. Das Rolf Fehlbaum dies in der wirklichen Welt sehr wohl vermag – in Kulturprojekten, im Vitra-Museum, in der stets lebendigen Produktwelt der Marke, und eben auch in Image-Print-Produkten – steht außer Frage. Umso trauriger, dass einer der großen Design-Entrepreneure Deutschlands nicht mehr Liebe in seinen Online-Auftritt gesteckt hat, oder? Die Vitra-Site ist eine solide Sache geworden, keine Frage. But it could have been magic.
Zwei PS: Ich habe eine sehr freundliche, dezidierte, aber für die Umstände über das professionelle Maß hinaus gute eMail von Vitra gekriegt. Dieses Maß an Da-Sein und Engagement des BrandManagements sagt viel, Glückwunsch.
Und: Design ist eben nicht alles. Ich habe den .04 natürlich trotzdem (oder gerade als Wiedergutmachung) bestellt. Mein erster Post-RobertOffice-Stuhl, ich bin ganz traurig, Ich glaube, nur Marian kann nachvollziehen, wie mich mitnimmt, von den Robert-Stühlen Abschied zu nehmen. Der .04 it aber eine schöne Alternative, hoffe ich.