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Die Kunst der Fuge…

Anläßlich der Potter-Party von SchmitzJunior ging mir durch den Kopf, das Thomas und Sandra hier etwas machen, was eigentlich für Geschäftsleute heute oft unüblich geworden ist: Sie denken nicht ans Geldverdienen. Während es in mehr und mehr Branchen nur noch um den Hard Sell geht, um Verkaufen um jeden Preis, war es bei dieser Party faktisch unmöglich, mit einem Gewinn nach Hause zu gehen. So viele Potter-Bücher konnten gar nicht verkauft werden um die Generatoren, Zelte, Schauspieler und Musiker, Gratis-Getränke und Süßigkeiten, Kostüme und Effekte und nicht zuletzt eine historische Dampflok wiedereinzuspielen. Zumal Thomas – anders als anscheinend andere Buchhändler – keinen Eintritt nahm, sondern sogar noch obendrein Preise verloste und Geschenke verteilte. Was Sandra und Thomas hier also tun, ist nicht ans Geschäft zu denken (anders als Amazon oder Weltbild), nicht strategisch zu operieren, sondern den eigenen Spaß am Spaß der Gäste in den Vordergrund zu stellen.

Das ist selten geworden. Das bringt dir kein BWL-Buch als Sinn einer Firma bei. Wann habe ich das letzte Mal den Vorstandsvorsitzenden einer großen Firma im Sinne des eigenen Spaßes handeln sehen? Im Gegenteil, die Spaßverweigerung, die calvinistische Pose der Pseudo-Askese, die Lust am Leiden, am eigenen Tun-Müssen, der Sachzwang, all das ist ja geradezu ein Merkmal modernen Managements geworden.

Das liegt nicht zuletzt daran, daß mit der Managerial Revolution, die die Gründer mit realem Bezug zum eigenen Unternehmen durch eine hochbezahlte Angestellte ersetzte, ein Focus Shift in den Zielsetzungen stattfand: Weg von der Firma und der ich-nahen Selbstverwirklichung, hin zum Shareholder Value. Hin zur Gewinnsteigerung als Selbstzweck. Was in etwa so ist, als würde man auf die Frage nach dem Sinn des Lebens antworten: «Atmen».

Gewinn zu machen und Produkte zu verkaufen bzw. Aktienkurse zu steigern ist aber nicht der Zweck einer Unternehmen, sondern das Mittel. So einfach das ist, so vergessen ist es auch. Der Zweck ist ein ganz anderer, eine Art Metaziel, das mit dem eigentlichen Tätigkeitsfeld oft nicht viel zu tun haben muß. Solche Metaziele können sehr unterschiedlich sein. Ein ganz simples und primäres ist oft, den Menschen in der Firma einen sicheren (und möglichst angenehmen) Arbeitsplatz zu geben, möglichst faire Gehälter zu zahlen, möglichst gutes Betriebsklima zu erzeugen usw. Gerade in kleinen Betrieben ist dieses Ziel neben oder sogar über dem Umsatzziel da, weil man nur ungern Leute entlassen würde, mit denen man Tag für Tag persönlich seit langer Zeit arbeitet und die man mag. In großen Unternehmen, wo mehr Anonymisierung der Arbeitskraft vorherrscht, mehr Distanz, ist dieses Ziel gegenüber der Gewinnmaximierung nahezu nonexistent geworden, der Abbau von Arbeitsplätzen sogar zum kurzfristigen Kostensenken längst das operative Standardtool geworden. Andere kleine Unternehmer sind Kunstmäzenen oder wollen sich einfach selbst in ihrer Arbeit künstlerisch integer wiederfinden… oder wollen – auch so ein einfaches Ziel – möglichst zufriedene und glückliche Kunden. Und so weiter. Vieles davon ist bewußt oder unbewußt oft auch durchmengt und parallel nebeneinanderlaufend.

Kern dieser Metaziele ist: Glücklich sein. In den meisten mittelständischen Betrieben, die selbstgegründet ist, gibt es ein starkes Bedürfnis nach Entfaltung, nach individuellem Glück im eigenen Laden. Da die Arbeit einen Hauptteil an Lebenszeit wegfrisst, liegt diese Zielsetzung auch nahe. Das ist ein im positivsten Sinne unprofessionelles Ziel, ein eben nicht-berufliches, ein zudem auch auf den ersten Blick nicht zielkonformes in Hinsicht auf normative Managementziele. Diffuse Begriffe wie «Glücklichkeit» und «Zufriedenheit» bringen ja keinen materiell meßbaren Mehrwert, sind per se auch nicht meßbar, entziehen sich also dem Controlling durch ihre ureigene Natur. Welcher Aktionär ist zufrieden, wenn er liest, daß in diesem Geschäftsjahr ein Zuwachs an Zufriedenheit mit dem eigenen Tun erreicht wurde? Glück liegt hier auch nicht in Sekundärzielen vieler Manager, im Streben nach Erfolg, nach höheren Gehalt, Ruhm vielleicht, sondern in kleinen, absolut unquantifizierbaren Parametern. Diese eben möglichst engen Fugen zwischen ICH und Arbeit sind es, die ein Ding wie die Potter-Party rechtfertigen. Und diese Kongruenz, diese Nachbarschaftlichkeit von Privatleben und Rollenfunktion im Beruf, macht dann auch den ERFOLG aus.

Denn wenn ein Unternehmen das tut, was es möglichst kollektiv «glücklich macht», überträgt sich das auf Produkte, auf Marketing, auf Design und Planungsstrategien. Zufriedenheit wird als ungreifbarer Faktor im Endprodukt manifest. Du siehst, ob ein Designer glücklich mit seinem Produkt ist, ob ein Händler seine Ware mit Herz verkauft, ob eine Werbung mit Herz gemacht ist. Man kann Begeisterung greifen. Man merkt, ob ein Theaterstück nur ein Haus voll machen soll, etwa als boulevardeske Komödie, oder ob Dramaturgen, Regie, Intendanz und Darsteller hier wirklich alles geben, absolut aufgehen, Spaß haben und auf die Konsequenzen pfeifen. Und man merkt eben, ob eine Potter-Party nur Bücher verkaufen soll oder ob es ein echtes Fest ist.

Verborgen hierin steckt eine Erfolgsstrategie, die sich auch auf Aktiengesellschaften und Konzerne übertragen läßt, aber ein grundsätzliches Umdenken im Verständnis von Verkaufen und Management, Zielsetzung und Existenzberechtigung einer Unternehmung bedingt. Dauerhaft wird der am erfolgreichsten verkaufen, der am wenigsten darüber nachdenkt, der nicht verkrampft, sondern der – so albern/kitschig das klingt – dem eigenen Herzen folgt. Das bedeutet zum einen, daß wir Manager mit Herz und Ideen brauchen, die über das nächste Quartal hinausdenken, die im wirklichen Wortsinne leben, atmen, Entrepreneure sind, keine BWL-Zombies. Das bedeutet, weg vom Controlling und weg von der Marktplanung, hin zum Bauchgefühl. Das ist keine Zukunftsstrategie, sondern vielmehr eine Rückkehr zu einem Denken, daß in den Anfängen der kapitalistischen Revolution gang und gäbe wahr. Die Gründer zahlreicher großer Unternehmen haben genau einfach nur daß getan, was für sie völlig logisch und einleuchtend und herzensrichtig war. Howard Hughes ging es nie ums Geld… Geld war Mittel, nicht Zweck. Krupp. Virgin, Vitra. Die Liste der Beispiele ist schier endlos. Und es ist durchaus auch eine Zukunftsstrategie: Als Mercedes noch nicht daran dachte, möglichst viele Autos an den Mann zu bringen, sondern einfach die besten Autos schlechthin zu bauen, ging es Daimler noch bestens. Seitdem es Apple wieder darum geht, nicht ein paar Rechner mehr oder weniger zu verkaufen, sondern Teil einer hedonistischen Technorati-Kultur zu sein, ist der zeitweise fast greifbare Untergang der Marke abgewendet. Stimmt das Metaziel, ist also das Unternehmen wirklich eine UNTERNEHMUNG, eine Expedition, eine Exploration, bei der die Fuge zwischen Sein und Wollen möglichst klein und perfekt dicht gearbeitet ist – dann stellt sich der Erfolg (ceteris paribus) sicherlich eher ein als im umgekehrten Fall. Sagt ein Manager: «Ich würde ja gern, aber ich kann ja nicht.», so hat er er ein Problem und damit auch seine Unternehmung. Radikale Selbstverwirklichung, das Shanghaien durchaus auch großer Unternehmen als Medium einer Reise ins eigene Glück ist also eher erfolgsversprechend als die permanente Selbstverneinung und Subsumierung unter imaginäre Sachzwänge. Diese Art der Vorsicht schafft zwar sicher einen gewissen Schutz vor Mißerfolgen, schafft aber auch nie wirklichen Erfolg, der aus Lust am Abenteuer und lateralem Denken erwächst, nicht aus Vorsicht. Ganz abgesehen davon, daß im Top-Management mit diesem Ansatz eventuell auch das mitunter extreme Maß an psychosozialen Stress, die Entfremdung von Familie und Freunden, die Fixierung auf einen undankbaren und am Ende isolierenden Job, zurückgehen würde.

Das eigene Glück suchen. Die eigenen Kunden glücklicher machen wollen. Die eigene Crew glücklicher machen wollen. Das Richtige tun.

Man darf gar nicht darüber nachdenken, wie unterschiedlich unsere Wirtschaft, und im Glaspalast der kapitalistischen Vernetzung somit eigentlich unsere gesamte Welt aussähe, wenn die Entscheider in der Wirtschaft dieser ganz simplen Maxime folgen würden. Das wird nicht von heute auf morgen, vielleicht auch nie kommen. Die Controller, diese grauen Herren, haben das Heft zu fest in der Hand, die Lustfeindlichkeit sitzt zu tief, der Wunsch nach Komfort. Aber die Hoffnung, daß eines Tages die wirklichen Unternehmer wiederkommen, die Macher, die Seefahrer… die sollte man nicht aufgeben. Denn dort, wo sie in der Wirtschaft antreten, haben sie meist Erfolg. Und das könnte irgendwann ja doch Schule machen…

1. Oktober 2005 19:44 Uhr. Kategorie Leben. Keine Antwort.

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