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DIE HARD 4.0

Den Originaltitel Live Free or Die Hard hat uns der deutsche Verleih erspart und – dem Hacker-Thema des Films entsprechend eine .0 an den Titel des vierten Teils der Stirb-langsam-Serie gehängt. Und tatsächlich ist dieser Software-Versionsnummer-Style sehr verräterisch, denn genauso fühlt sich Die Hard eben auch an: wie ein moderates Upgrade eines sehr vertrauten Standardprogramms. Kleine optische Verbesserungen, keine Überraschungen, irgendwie enttäuschend. Der Plot des Filmes fühlt sich entsprechend hochgradig wohlvertraut an, nicht nur aus der Die-Hard-Reihe selbst, sondern auch aus zahllosen anderen Filmen, wie etwa Password Swordfish, The Transporter und zahlreiche andere Filme des Testosteron-Kinos, wie es Willis und McTiernan im ersten Stirb-Langsam-Film eigentlich erst begründet haben.

Das Problem von Die Hard ist sicherlich, dass der erste Teil ein neues Genre begründet hat, das Märtyrer-Kino, bei dem der Protagonist durch eine fast biblisch anmutende Flut von Schmerzen gejagt wird, bevor er sein Ziel erreicht. Es gab selten zuvor einen Film, in dem der Good Guy ein so sadistisches Maß an Leid über sich ergehen lassen musste, bevor er im finalen reinigenden Rachemoment den Oberbösewicht, der seine Familie bedroht, ausschalten darf. Nach dem ersten Stirb Langsam gab es eine Flut von Filmen, die präzise diesem Muster folgten, so wie auch Seven eine Flut nahezu identisch aufgebauter Filme zeugte. Der mokante Obermacho Willis wurde bei einigen der Kopisten durch weniger grobschlächtig gezeichnete Figuren ersetzt, aber im Kern hat der erste Die Hard das moderne Helden-Kino grundlegend verändert und strahlend-lässige Supermänner à la James Bond durch einen harten, aber spürbar menschlicheren, verletzbareren Heldentypus ersetzt. Ab Die Hard hatten die meisten Actionhelden im Finale eben nicht mehr nur das Blut der Gegner am Hemd, die Tage eines lässigen Gentleman-Heroen, der im Anzug die Welt rettet, waren gezählt und nicht ohne Grund ist die aktuelle Fassung von Bond optisch wie inhaltlich eine Art John McLane, den die britische Regierung gegen seinen Willen in einen Smoking gestopft hat. Über die Jahre haben so viele Filme und Tv-Serien die Grundrezeptur von Die Hard übernommen und zum Teil verfeinert, dass das Original dann umgekehrt verblüffend an die Kopisten erinnert. McTiernan selbst hat das Genre in Schwarzeneggers Last Action Hero zur grässlichen Parodie hochgeschraubt.
Es hilft angesichts dieser Vorbelastung kaum, dass das Drehbuch von Die Hard 4 denkbar uninspiriert ist. Fast auf Autopilot wird eine generische Bedrohung inszeniert, kurz McLanes Status Quo vorgestellt, die entscheidenden Figuren zusammengebracht und los geht’s mit den genretypischen Explosion und Verfolgungsjagden. Die Hard 4 ist ein ungenierter Testosteron-Film, überraschend Sarkasmus- und Ironiefrei im Verhältnis zum ersten und zweiten Teil inszeniert, mit einer Grundstory, die man so schon tausendmal gesehen hat. Der Plot greift wie viele andere Filme Amerikas latente Angst vor dem Computerzeitalter auf, vor einem Angriff auf das fragile Cyber-Netzwerk – und so hat auch dieser Film die standardmäßigen bleichgesichtigen Hacker mit Bluetooth-Kopfhörern und TFT-Displays als Bösewichte anzubieten. Eine denkbar langweilige Konstellation, zumal die Hacker jenseits aller Logik alles lahmlegen und kontrollieren… selbst Bereiche, die gar nicht über Computer vernetzt sind. Ein Mausklick, schon stürzt irgendwo ein Aufzug ab. Es fällt schwer, einen solch dummen Grundplot zu verdauen, da hilft auch ein genialer Kevin Smith als typischer Hacker-Nerd wenig. Der Film zitiert gekonnt alle bereits bekannten Hacker-Nerd-Klischees, vom Alienware-Laptop, über ComicBooks bis hin zu zitierten Bands… und bietet dabei kaum mehr als ein Recycling bereits etablierter Ideen. Selbst der Look des Films, in harten Bleaching-Process-Kontrasten und ausgebluteten Farben, erinnert an ungezählte andere Filme. Die Verfolgungsjagd auf dem Highway zitiert Matrix II (der wiederum Terminator II zitierte). Vor allem aber ist Die Hard 4 selbstreferentiell. Willis kriecht durch Luft- und Aufzugsschächte, robbt durch Glas, selbst die Yippie-Yay-Kay-Motherfucker-Zeile aus Die Hard 2 wird (gemildert) aufgegriffen. Ganz wie bei einem Band-Revival alter Pop-Heroen wird auch hier eben nur ein Best-Of gespielt, denn wer will schon neue Songs hören? Kurzum: es gibt nichts ansatzweises Neues in diesem Film zu sehen. Ganz im Gegenteil, Die Hard 4 ist FSK 16 und somit deutlich hinter dem – damals relativ hohen – Härtegrad der ersten Teile zurück. War John McTiernans erster Teil ein seinerzeit für einen kommerziellen Film grenzverschiebend brutaler und blutiger Film Rouge, wirkt der letzte Franchise-Teil vor der Folie aktueller Gewaltfilme seltsam fade, farblos.

Was vielleicht auch an der Story liegt. Ein Cyber-Angriff auf die USA, den man als Betrachter zu einem Großteil auf TFT-Displays mitkriegt, ist einfach nicht spannend. Jeder Bankraub hat mehr Action. Die Gegenspieler bleiben – mit Ausnahme von Maggie Q – völlig unspektakulär, Timothy Olyphant als frustrierter Verteidigungsministeriums-Angestellter auf Rachefeldzug ist etwa so spannend wie Farbe, die an der Wand trocknet. Irgendwie sind die Schurken von heute nicht mehr so spannend wie früher…
Was apropos erscheint, inszeniert sich Die Hard 4 doch als Generationskonflikt-Film. McLane als schlechtgelaunter alter Mann, der nicht nur den Freund seiner Tochter ganz à la Al Bundy schikaniert, sondern auch dem Hacker Matt Farrell mit seinem Musikgeschmack (Creedence Clearwater Revival) und dem Früher-war-alles-besser-Gerede auf die Nerven geht. Willis wirkt fast verloren in dieser digitalen Welt, ein Steinzeitmensch. In der Krise zeigt der 52 Jahre alte Ledernacken McLane dann aber natürlich der verweichlichten Cybergeneration ordentlich, was echte Männer sind. Das wirkt fast metafiktional, so als bräuchte das US-Kino die alten Helden (Stallone, Schwarzenegger, Willis), weil ein Mangel an jüngeren Macho-Superhelden herrscht, weil die neue Generation von Darstellern zu androgyn, zu weich ist. Wortkarg und übellaunig kämpft sich Willis durch genau die Sorte Film, die er nach Die Hard 3 eigentlich nie wieder machen wollte… einen klassischen Actionfilm nach den Rezepten der 80er Jahre, bei dem sich selbst die Spezialeffekte altmodisch handgemacht anfühlen. Die Hard 4 ist ein seltsamer Flashback, in dem die Vergangenheit über die Gegenwart triumphiert. Für die Amerikaner, die sich nach einfacheren Zeiten, simpleren Wahrheiten, weniger Komplexität, mehr Schwarz-Weiß sehnen, muss dieser Streifen geradezu Balsam sein.

Sehenswert ist Die Hard 4 trotz müder Story, uninspirierter Regie und teilweise farblosen Darstellern vor allem wegen Willis selbst, der hier fulminant gegen sein Alter ankämpft, und natürlich wegen der grandiosen Non-Stop-Actionssequenzen, denen sich auch nie so etwas wie eine Handlung in den Weg zu stellen wagt. Leider – wie Teil 3 – überzieht der vierte Die Hard hier extrem. Teil 1 und 2 lebten davon, dass die Action sich so gerade eben am Rande des Möglichen entlangbewegte. Als Willis in Teil 1 barfuß durch Glasscherben ging, litt man als Zuschauer mit, weil dieser McLane noch ein Mensch war, ein Everyman, einer von uns. In Die Hard 4 aber schießt Willis einen Helikopter mit einem Auto ab und kämpft mit bloßen Händen gegen einen F35-Militärjet. Die Action ist so derart überzogen, dass man oft keine emotionale Bindung zum Protagonisten auf der Leinwand mehr aufbauen kann, McLane ist einfach zu übermenschlich, zu unverwundbar, zu sehr ein glatzköpfiger Terminator. Auf diesen MacLane kannst du ein Gebäude, eine Brücke, ein Auto werfen, er schüttelt sich zweimal kurz und trappt unaufhaltbar seinem Ziel weiter entgegen, mit einem lässigen Spruch auf den Lippen. Das Gefühl von Authentizität der ersten beiden Teile, die Realität, die Ironie, die Trockenheit… all das stellt sich bei Die Hard 4 keine Sekunde ein, der Film bleibt ein effizientes, virtuoses, hochglänzend poliertes und durchkalkuliertes Stück Kommerzkino ohne jeden eigenen Herzschlag. Was zurückbleibt, ist ein billiger Nachgeschmack, wie nach dem Besuch eines Freizeitparks, wo man zwar Spaß hatte, aber doch klar sieht, dass man hier nur durchkalkulierte Entertainment-Massenware erlebt hat.

6. Juli 2007 20:03 Uhr. Kategorie Film. 11 Antworten.

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