Eine der Seltsamkeiten des Designer-Berufs ist der Mythos der Eitelkeit. Opponiert man eine Idee des Kunden oder verteidigt man eine bestimmte gestalterische Linie, selbst wenn diese a priori gemeinsam erarbeitet wurde, so folgt vorhersehbar das Argument, man würde nur seine eigene «künstlerische» Eitelkeit durchsetzen wollen. Ich frage mich, woher dieser Mythos kommt. Der Beruf des Designers von seinem gesamten Ansatz und weitgehend auch von Mittel und Ergebnissen her einfach definitiv nicht künstlerisch. Insofern geht es auch hochselten um persönliche Eitelkeiten, wenn man als Profi darauf hinweist, daß eine bestimmte Idee einfach ästhetisch oder funktional im Rahmen eines bestimmten Konzeptes falsch, atonal ist. Niemand würde einem Mechaniker künstlerische Eitelkeit vorwerfen, wenn er darauf hinweist, daß man nicht mit defekten Bremsen weiterfahren sollte, oder den Elektriker beiseite schieben, um ein wenig selbst mit der Kombizange im Sicherungskasten herumfruckeln und dann dem Fachmann beleidigt Eitelkeit vorwerfen, wenn er entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlägt ist. Niemand würde der Anzug-Verkäuferin schließlich wirklich böse sein, wenn sie darauf hinweist, daß man in der Hose einen entsetzlichen dicken Hintern hat.
Der leicht herablassende Habitus, der ja hinter diesem Vorwurf der «Arroganz» bei Gestaltern steckt, emergiert aus dem Irrglauben, daß es bei Design um Geschmack ginge. Und Geschmäcker sind ja angeblich verschieden. An dieser Alltagsvorstellung ist aber falsch: Als Designer hat man keinen «Geschmack». Man denkt nicht in persönlichen «schön» oder «häßlich» Kategorien. Man denkt in funktionalen, systemischen Zusammenhängen, das ist fast wichtiger als die Fähigkeit zur ablativen Kreativität. Pars pro toto ist einer der Gründe, warum gute Designer so verbissen um Details kämpfen, weil der eine häßliche Flyer, das eine schlimme Plakat, der eine müde Kompromiß, die Architektur des Ganzen zerstört … und damit die Funktion der Arbeit. Bei Begriffen des Geschmackes geht es zu oft das Ornamentale, bei Begriffen der Funktion um das Grundsätzliche, Design ist in diesem Sinne eben keine künstlerische Selbstverwirklichung, sondern ein Beruf, in dem du Antworten auf Fragen des Kunden stellst, die dieser selbst nicht beantworten kann. Das bedeutet aber eben nicht, zum bloßen Handlanger visueller Vorstellungen des Kunden zu mutieren – das ist nicht Design, sondern Setzereiarbeit –, sondern mit dem Know-How des Experten einen Schritt tiefer und weiter zu gehen. Schmerzhaft sind für uns Gestalter die müden Kompromisse und die Ästhetikdebatte vor allem, weil wir wissen, daß der Kunde sich häufig selbst schadet, indem er durch geschmackliche kurzfristige Wünsche die Kohärenz seines Erscheinungsbildes beeinträchtig. Und zumindest unbewußt werden diese Störungen in der Außenwelt eben gespürt. Ist etwas klar, sachlich, durchdacht und in sich logisch? Oder stört da etwas? Ist da ein Mißton? Aus Gesprächen mit vielen Ex-Studenten weiß ich, daß die meisten Agenturen wider besseren Wissens auf Kundenwunsch im Kern schreckliche Anzeigen und Layouts produzieren, oft geprägt von der ängstlichen Insiderperspektive vieler Kunden, austauschbar, sicher, konturlos. Die Agenturen machen das widerstandslos, nur verständlich, wenn es darum geht, 50 oder 500 Arbeitsplätze zu sichern. Und vielleicht ist das auch mit ein Grund, warum so viel Werbung nicht funktioniert, verpufft. Sie ist ja austauschbar, sicher, konturlos. In der Flut der Reklame gehen sie alle unter, weil es nicht mehr darum geht, Erfolg zu haben, sondern Mißerfolg zu vermeiden. Was todsicher zum Mißerfolg führt. Wer als Kunde gegen den Gestalter ein Design nach dem eigenen Belieben durchsetzt, endet in der Beliebigkeit. Jedesmal wenn du dich als Kunde gegen deinen Gestalter durchsetzt, schadest du dir also am Ende selbst. Am Ende hast du Grafik-Kechte, die als Pixelschieber unmotiviert ihre Pflicht tun. Nichts könnte schlimmer sein, oder?
Es geht also nicht um die die mythische Designer-Eitelkeit, sondern um das Kundeninteresse, daß wir Designer in die Hand nehmen und im Laufe eines Projekts nahezu ausnahmslos irgendwann einmal gegen den – stets wohlmeinenden – Kunden selbst verteidigen müssen. Über die Jahre habe ich gelernt, daß selbst mit geringem Budget die besten Ergebnisse entstehen, wenn die Klienten sich aus der Vorstellung befreien, daß ihr individueller Geschmack mit der Lösung zusammenhängen muß. Dieser Mythos – «aber das muß mir doch gefallen…» ist ebenso tödlich wie der Mythos «aber das muß der Zielgruppe doch gefallen». Nein, es muß nicht gefallen. Es muß stimmen. Es muß durchdacht sein, irgendwoher kommen und irgendwohin führen. Es muß das richtige Molekül an der richtigen Stelle sein.
Diese Kongruenz ist oft schwer kommunizierbar. Dieses Gefühl Aus all den Möglichkeiten ist diese hier die richtige basiert ja auf einem polyvalenten, oft unbewußten Strom von Fachwissen, aufgesogener Kultur, Emotionen, Erinnerungen, Zukunft, technischem Know-How, angeeignetem und erarbeitetem Horizont, Experimentierlust, Neugier… so das die Lösung schwer, fast nur noch schamanisch, kommunikabel ist. Wie ein Architekt nur noch in nebulösen Worten erklären kann, warum ein Entwurf für den Ort und die Ansprüche perfekt ist, und sich in Floskeln flüchtet, so tut es unsere Branche auch. Entweder in diffuse Designer-Floskeln, die eben schrecklicherweise der Kunst entliehen sind, oder aber durch eine Begründung mithilfe der betriebswirtschaftlichen Krücke der Zielgruppe. Aber die Wahrheit ist: Wenn du dir Arbeiten anschaust, die Designer relativ unbeschadet ins Ziel gebracht haben, den Anlaß und die Lösung, die Frage und die Antwort, dann ist es so: Wenn der Designer was kann, stimmt die Sache einfach. Von Designer zu Designer natürlich unterschiedlich – ein Mike Meiré kommt zu einer anderen Antwort als ein Klaus Hesse als ein Fons Hickmann. Aber die Antwort wird in aller Regel gut sein. Und selten von einer rein künstlerischen Handschrift geprägt sein, sondern deutlich eine Reaktion, wenn auch eine mitunter unerwartete, auf die tatsächlichen tieferliegenden Fragestellungen des Kunden darstellen. Oft versucht der Designer dabei, ein Enthemmer zu sein, den seine Berufung ist ja, den Kunden mutiger, interessanter, spannender darzustellen als der sich vielleicht selbst sieht. Als Designer siehst du das Beste in deinen Kunden und projiziert es in die Zukunft… in der Hoffnung, daß die Realität (wie so oft) der Halb-Fiktion folgen wird.
Was nun keineswegs heißt, daß der Kunde nun gar keine Meinung haben darf, um Gottes Willen. Ganz im Gegenteil. Er muß nur bereit sein, ihr nicht als ultima ratio zu vertrauen und sie gegen seinen Gestalter durchzuboxen, er muß die eigene Beratungsresistenz abbauen, die eigenen Ängste. Jedes Gespräch mit Kunden, jeder Austausch hilft dir als Designer, die Antwort besser zu formulieren. Design ist ein Kennenlernprozeß der gegenseitigen Durchdringung, keine Auftragvergabe. Ich kenne keinen Kollegen, der nicht gerne mit den Kunden über deren Denken, deren Arbeit, deren Wahrnehmung redet. Designer sind hochneugierige Tiere. Aber der Kunde kann sich selbst nicht die Antwort auf seine Fragen geben, so wie ein Patient sich nicht selbst diagnostizieren kann (aber sehr wohl weiß, ob sein Arzt zu ihm paßt oder nicht). Debatte, Austausch, Kommunikation ist dabei immer richtig, jede Feedbackschleife zählt – aber die «Wer zahlt hat recht»-Haltung ist eben keine Kommunikation, sondern deren Ende.
Es geht also nicht um Kunst, es geht nicht um «gefallen». Es geht um Richtig oder Falsch. Die Frage ist nicht, ob dir der Anzug gefällt, sondern ob du darin gut aussiehst. Und wenn dir ein rosa Hawaiihemd mit grünen Bermudashorts und Bademeisterschlappen noch so gut gefällt, es stimmt eben nicht wirklich für ein Businessmeeting. Angela Merkel mag vielleicht privat Schlabberpullis oder pinke Kostüme mögen, aber es gibt Profis, die ihr völlig zurecht für offizielle Anlässe in ihrer Rolle als Kanzlerin zu einem anderen Outfit raten werden. Nicht, weil ihr das besser stünde, sondern weil es kontextuell stimmt. Und wir kämen doch nie auf die Idee, das habe mit Kunst zu tun. Oder gar mit Eitelkeit. Das ist einfach der Job von Merkels Beratern. Zu wissen, wie sie ihr Vorteile geltend macht und ihre Nachteile überwindet.
Designer sind, in diesem Sinne, Unternehmensberater, keine Künstler. Chirurgen, keine Primadonnas. Kommunikationsexperten, keine DTP-Operatoren.
Was allerdings stimmt, ist der Mythos, daß wir literweise Kaffee konsumieren :-D
10. Mai 2006 17:06 Uhr. Kategorie Design. 6 Antworten.
da ich oft dazu neige bei langen texten nur anfang und ende zu lesen, beschränke ich mich auf die sache mit dem kaffee und geh mir erstmal einen holen. dann lese ich eventuell den rest des texts, denn der anfang hat mir gefallen.
wie, sie wollen mich röntgen? ich weiß doch selber was ich habe! jetzt geben sie mir erstmal ‘ne ladung morphium und dat skalpell, sie arroganter fatzke …
Ah, weil jetzt die zweite Anfrage kommt: Nein, der Tetx bezieht sich auf nichts Aktuelles, er ist als Skizze etwa vier Wochen ab. Aber ja, das Problem hat man fast täglich in diesem Beruf, durchaus nicht nur wir, sondern nahezu alle Designer, die den Job mit Inbrunst betreiben. .
Ganz richtig. Das kann ich auch HD beipflichten, es ist wirklich so. Kunden haben keine Ahnung, trauen nur sich selbst, erst nach dem dritten Treffen lassen sie sich einweichen, dann fassen sie sich ein Herz. Und lassen sich hoffentlich vom Designer überzeugen.
Wenn das nur so einfach wäre.
Oh hey, nicht mißverstehen: Kunden haben eine MENGE Ahnung. Alles anderew wäre wirkliuch arrogant. Ich bewundere die meisten Leute, für die ich arbeite, die in ihrem Metier ausnahmslos Ahnung haben und aucvh generell oft einen Horizont haben, der beneidenswert st. Wen man für Künstler, Dramaturgen, Intendanten, Architekten, Selfmade-Men-Geschäftsleute und generell für engagierte Entrepreneure arbeitet, ist das gar nicht anders denkbar.
Ich bin auch jemand, der ohen Kunde nicht kann. Ich bin kein Kunst-Designer, der irgendwelche Buchprojekte loszieht oder so. Ich brauche das Problem,d as ich lösen kann. Und insofern die spannenden Klienten.
Kunden haben eine MENGE Ahnung. Ich liebe meine Kunden. Jeden einzelnen. Manchmal geht man auseinander, weil man nicht zusammenpasst, klar. Aber ch bin Samurai für meine Kunden. Ich würde nur gern mein Bestes für Sie geben und bin manchmal frustriert, wenn ich in den Krieg ziehen will und nur in den Sandkasten darf, wenn ich Kämpfe führen muß, von denen ich weiß, daß man sie von vorneherein verloren hat, weil man die falschen Waffen aufs Feld führt. Da ärgert man sich, irrsinnig sogar, aber nicht aus gekränktem Künstlerstolz, das ist der Punkt, sondern weil du deinen Job FÜR den Kunden nicht optimal machen kannst. Weil du nur 40% kriegst, wo du qweißt, daß 90 oder sogar 100% im Spiel gewesen wären.
Das größte Glück in diesem Job ist nach wie vor, wenn der Kunde mutig ist und es dann auch (da betet man ja für) auch draußen am Markt greift und der Mut mittelfristig belohnt wird. Und die Kunden nicht bei kurzfristigen Rückschlägen einknicken, aufrecht bleiben.
Gute Kunden sind Gold wert.
Die Probleme beginnen einfach da, wo sie dich entweder für einen überspannten Künstler halten, den es auszubremsen gilt oder als Satzmaschine mißverstehen, die nur dazu da ist, die eigenen Ideen umzusetzen. Die beiden extreme hast du recht selten, aber Ansätze davon prägen oft das Verhältnis zwischen Kunden und Designer und sind irritierend. Als ob wir Gestalter nur in Pixeln und Fonts denken und nicht in Marketing-Begriffen. Wir denken nur ANDERS darüber und sind seit Jahren weg vom falschen Begriff der stets ja anscheinend etwas zu sturen (oder dummen) Zielgruppe, die man via Holzhammer endlich zum Kauf/Handeln bewegen muß. Dieses etwas veraltete Marketing-Denken funktioniert einfach nicht mehr und wir wissen das. (Nichts gegen die Zielgruppe, es gibt Produkte, wo die SEHR gut funktioniert, aber sie sollte kein Goldenes Kalb sein).
Worum es also einfach geht, ist, unseren Beruf als Kommunikations-Beruf zu verstehen, und sich vom Alltagsbegriff des «Geschmacks» zu lösen. Designer lösen – bei großen Kunden oft sehr aufwendig und wissenschaftlich, bei kleinen Etats eher aus dem intuitiven Erfahrungsschatz heraus – Kommunikationsprobleme. Sie spitzen zu, formulieren eine klare visuelle Position, die im Einklang nicht mit dem *aktuellen* Selbstbild des Kunden ist, sondern mit einem potentiellen Zukunftsbild. Ist ja an sich eine einfache Sache, mit der man Kollegen auch gar nicht kommen braucht, die wissen ja alle, was ich meine.
Designer entwerfen. Und Kommunikationsdesigner entwerfen eben nicht die Produkte von Morgen, sondern die Kommunikation von morgen,. sofern man sie nur läßt. Die IDeologie guten Produktdesigns, zwischen Zeitlosigkeit und Aktualität, zwischen Fun und Funktion, läßt sich ja nahtlos auf unseren Job übertragen.
Wir sind Futurologen. Wir sind Forscher, Pioniere. Und ja, wir bauen auch mal Scheiße, aber meist haben wir schon ein ganz gutes Gefühl dafür, wo im Nebel der richtige Weg ist.
Ok. Schöner Konter. Kunden sind im Prinzip sehr wichtig, wissen ja auch, was sie wollen. Designer müssen es ja ins bildhafte umsetzen, egal mit welcher Technik. Aber: einfach gut, pionierhaft und frisch!
Wobei ich persönlich im bildhaften gar nicht so denke. Das ist bei nodesign das etwas Schräge. Ich find Grafikdesign totlangweilig. Klar, da spiele ich auch mal gerne rum, aber ich bin viel sachlicher als viele Kollegen. Was ich wichtig finde, ist das Rückgrat dahinter. Deshalb wurmt mich auch immer etwas, wenn ein Konzept im Laufe einer Produktion verwässert wird, oder wie wir es gerade haben, einfach einer anderen Person zugeschrieben wird. Was ich meist mache, ist eine Story erfinden, dei in meinem Kopf völlig naheliegend und selbstverständlich ist. Ich glaub, viele Kunden sind dann etwas überrascht, woher diese Sachen kommen. Und dann darf ich durch den für mich meist oft leicht frustrierenden Prozess der Realisierung, der Kompromisse, des sieht-auf-Papier-nicht-so-aus-wie-in-meinem-Kopf, der miverstandenen Briefings und so weiter. Deshalb bin ich mit meinen Arbeiten meist sehr unglücklich… in meinem KOpf sahen sie ursprünglich sehr viel besser aus, die Durchführung (und sei es nur ein schlechter Druck oder FX, die man aus Budgetgründen nicht machen konnte) ist meist nur 50-80% der abstrakten Idee. Das ist auch gut so, so bleibt man hungrig. Wenn ich irgendwan den perfekten Job abgeliefert habe, kann ich ja aufhören.