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DIANE ARBUS

Grant Morrison hat einmal von sich gesagt, er würde sein Leben so gestalten, daß es sich nach seinem Tod gut als Biographie lesen ließe. Das Gleiche scheint sich Diane Arbus gedacht zu haben, die ab 1957 ihr Leben geradezu frenetisch für die Nachwelt festhielt und, wie die aktuelle Retrospektive im Folkwang Museum Essen zeigt, sich dabei auch sehr gezielt als manisch-depressive Künstlerin zu inszenieren verstand. Notizbücher, gefüllt mit fast unleserlichen aber genialischen Vermerken, Zitaten, Telefonnummern; Ausrisse aus Magazinen; Briefe und Postkarten zeichnen das Bild einer Frau, die kaum weniger zerrissen, getrieben und vielleicht auch labil zu sein scheint als viele ihrer Photo-Subjekte. Zugleich sind diese Texte, die das Folkwang partiell im Original zeigt, neben der Nikon, Rolleiflex und einer Zweiaugen-Mamiya von Arbus, der wahre Schatz der Ausstellung, deren Bilder man aus ungezählten Werksammlungen zum Teil kennt wie den Rücken der eigenen Hand (ungeachtet der Tatsache, daß es ein Geschenk ist, diese Bilder als Original-Prints studieren zu dürfen, ohne Druckraster, ohne Kompromisse in der Wiedergabequalität, wenn auch leider in etwas dusteren Räumen und hinter nicht spiegelfreiem Glas).

Ihre Photos an sich sind längst Teil des kollektiven Unterbewußtseins, so tief in unsere Art, Photographie zu denken, hineingefräßt (und so ungefiltert von den Generationen von Photographen nach ihr übernommen), daß der ursprüngliche primitive Schock dieser Bilder heute durch die Arbus-Epigonen fast verdrängt ist. Die Kraft ist immer noch da, aber die Flut der Bilder von Photokünstlern auf den ästhetischen Spuren von Arbus hat uns immunisiert. Es ist heute immer noch de rigeur für viele Photographen, die Conditio Humana bloßstellen zu wollen, Schwäche und Nacktheit in der Pose zu suchen, dem klassischen Glamour die zugleich erschreckende und doch mitleidserweckende Portraitierung von Menschen entgegenzusetzen. Was also stärker, frischer wirkt als die Bilder: Der Einblick in die Technik, die Schwierigkeit beim Umstieg von 35 mm auf 6×6, die Bedeutung des zusätzlichen Blitzgerätes für ihre Arbeit; der Einblick in die Faszination für alles Bizarre, die sich von Anfang bis Ende durch ihr Werk zieht; ihre Bücher. Arbus hat stets das Monster im Menschen gesucht – oder den Menschen im Monster –, hat sich immer mit offensichtlicher Empathie einerseits, kaltem analytischen Blick andererseits an ihre Arbeit begeben.

Auf den ersten Blick mag es scheinen, als versuche Arbus, eine dokumentarische Photographie zu betreiben, vordergründig wollen gerade ihre entblößenden Bilder von Alltagsmenschen dokumentarischen Charakter besitzen. Aber in der Synopse ihrer Bilder wird schnell klar, daß das genaue Gegenteil der Fall ist. Auch im Rahmenmaterial wird dies unterstrichen: Arbus sucht die Freaks ganz gezielt auf, schafft selbst die Fiktion, ist ganz bewußt Autor, schreibt nicht umsonst lange Erklärungen und additive Texte zu ihren Bildern, ist demnach das photographische Gegenstück zu den semidokumentarischen Autoren der 60er, auch als historische Figur der Kulturszene eben ein deutliches Exponat der Sixties-Revolution in Schriftstellerei, Musik, moderner Kunst der USA, die ihre Künstler irgendwie persönlicher, romantischer, nicht zuletzt auch tragischer machte. Wie Morrison, wie Joplin starb dementsprechend auch Arbus tragisch. Man sollte sein Leben so leben, daß es eine gute Biographie abgibt… und ein Freitod ist immer eine gute Plattform für Legendenbildung. Arbus ist also Autor, schafft geschichtslose, zeitlose, letzlich unrealistische, surrealische Bilder aus den Großstädten, aus den Suburbs, aus der Moderne. Nudistencamps, Zirkus, Freakshows, Behinderteneinrichtungen, Transvestiten und immer wieder die «ganz normalen» Alltagsmenschen in ihrer ganzen urbanen Fatigue, der Langeweile, der fahlen Selbstinzenierung. In Arbus Bildern entstehen Carveresque Kurzgeschichten – wobei ich aber mehr und mehr feststelle, daß mich nicht die zentralen Figuren faszinieren, die en bloc nach und nach eben auch ermüdend, langweilig, monothematisch werden, der – womöglich gestellte – Exorzismus innerer Dämonen, vielleicht auch nur der reine Voyeurismus, sondern eher die Randdetails. Die Dinge, die auf Tischen stehen, an Wänden hängen. Einrichtungsgegenstände. In diesen kleinen Details stecken ganze Lebensgeschichten, viel mehr als in den müden Augen von Arbus’ Protagonisten, viel mehr als in den fetten Falten der Nudistencamp-Mitglieder. Es ist fast überraschend, daß – in der Zusammenschau – eher das fesselnd ist, was eben nicht zentrales Element ihrer Arbeit ist, sondern der (unfreiwillige) Nebeneffekt: Das Festhalten von Geschichte. Während man alberne Bodybuilder und gräßliche Neureiche so oder ähnlich auch heute sehen kann, fesselt mehr die Zeitmaschine Photographie, die ursprüngliche dokumentarische Funktion, die Arbus so gar nicht wirklich wollte. In dem Betrug von Arbus – uns künstlerisch durchgeplante Photos als dokumentarisch verkaufen zu wollen – schleicht sich trotz allem hartnäckig das zeitsymptomatische, verortende Element ein. Schrift auf Plakaten, Ziffernblätter von Uhren. Ein Lidstrich, eine Frisur. Nicht in allen Bildern, sicher – gerade die Halloweenbilder der Behinderten aus 1970-71 sind fröstelnd zeitlos, ortsunabhängig, losgelöst, eine Rückkehr zu den Anfängen von Arbus Arbeit, aber reiner, purer, kristalliner, von den Alltagsmenschen wieder zu den Freakshows.

In den Alltagsmenschen, nicht zuletzt, die Arbus mit Schnappschüssen einfängt oder gezielt in Szene setzt, genau den Augenblick einfangend, in der die Pose ermüdet, die Lider schlaff werden, der Kiefer herabhängt, das Gesicht entgleitet, der Blick nur einen Hauch zu starr wird, genau den Augenblick einfangend, in dem die Kamera uns also voyeuristisch entblößen und zugleich wohlgezielt als abstoßend inszenieren kann, in diesen Alltagsmenschen finden wir uns selbst wieder. Unsere Angst davor, vieleicht genau so auch auszusehen auf Photos. Wären wir bei Arbus besser weggekommen? Wohl kaum. Die Angst davor, daß unsere mühsam aufgebauten sozialen Fassaden reispapierdünn sind und für jeden Außenstehenden offensichtlich durchschaubar. Daß jeder sieht, wie wir den Bauch einziehen, die Schminke zu dick auftragen, wie die Jacke falsch sitzt oder gleich der ganze Körper. Es ist diese viktorianische Angst, die Arbus anspielt, daß unsere Fehlbarkeiten und Perversionen, Neurosen und Schwächen, in jeder Linie unseres Gesichtes, in jeder Pose unseres Körpers, ablesbar sind.

Wie ein Kriegsreporter sucht Arbus diesen einen Moment der Schwäche, als Gegenentwurf zum Fashion-Photographen (und war Arbus nichtgescheitere Modephotographin?), derden perfekten Moment, den HIGH POINT, abwartet, sucht Diane Arbus den LOW POINT. Beim Normalbürger wie bei Zurückgebliebenen, sie sucht nicht den Middle Ground, die menschliche Mitte, die Norm, sondern sie sucht den einen seltenen Moment von Verletzbarkeit und Schwäche, Häßlichkeit und Ekel, und greift sich ihn. Ihre Bilder sind Antipode zur glatten Glossyness, die versucht, die Menschen gut aussehen zu lassen – hier geht es gezielt, und verletztend, darum, sie at their worst zu zeigen. Vielleicht nicht berechnend, vielleicht sogar aus echter Zuneigung, vielleicht auch einfach, weil sie die Menschen eben so und nicht anders gesehen hat. Aber man mache sich nichts vor… auch wenn Arbus in ihren Texten Zuneigung zu den Freaks bekundet, sie als wahre Aristokraten bezeichnet, so schenkt keines ihrer Bilder den sozial Ausgestoßenen ihre Würde zurück. Wenn es eine Leistung von Arbus gibt, so die, daß sie Freaks und Normale gleichbehandelt, in beiden Gruppen ihrer Arbeit zielstrebig nach dem Moment der Schwäche jagt.

Das Ergebnis dieser Jagd ist bis heute von einer Kraft, die als Ausstellung fast körperlich erschöpfend ist. Die Augen sind taub nach einigen Stunden mit den Bildern von Arbus, der Monothematik, dem fleißigen Bienen-Enthusiasmus. Man ist zugleich auch berauscht und will sofort selbst eine Kamera greifen und selbst solche fratzengeilen Bilder machen – das ist das falsche Vermächtnis, das böse Versprechen der Arbus: Du mußt nur abdrücken, du mußt nur den richtigen Moment erwischen, das Leben ist häßlich. Nur so einfach ist es eben nicht. Arbus selbst schreibt über ihre Studenten, wie langweilig und flach ihre Bilder sind. Und so ist es bis heute. Die Inszenierung der Häßlichkeit will Tiefe, will Empathie, will, daß die Photographen nicht bloße Besucher und voyeure sind. Arbus Bildern sieht man die Sehnsucht an, die Identifikation, die eigene Suche. Arbus IST Freak, ist eins mit ihren Objekten. Da ist bei aller Bloßstellung auch so etwas wie eine Liebe zu spüren zu Transvestiten, zu Behinderten, zu Spießern, eine zugeneigte Neugierde, die so gar nicht zu den kalten, oft häßlichen Bildern passt. Die meisten Epigonen der Diane Arbus wirken im Vergleich gezähmt und brav, stilistisch und technisch versierter, aber studierter, cleverer, unehrlicher. Weniger hungrig. Sie verfolgen ihre Karriere mit weniger Wahn, weniger Manie. Kommen mit einiger Mühe vielleicht an den Punkt, an dem Arbus doch bereits vor 40, 50 Jahren waren, aber nicht viel weiter. Was an sich gut sein mag (es ist ja sinnvoll, diesen dokumentarisch-antidokumentarischen Ansatz, wenn auch verwässert, fortzusetzen). Aber es fehlt oft das so herrlich amoralische, die nackte gierig zitternde Neugier, die sich doch nie über ihre Subjekte stellt, sondern immer auf Augenhöhe kommuniziert, respektlos und aufdringlich wirkt, bei aller Kälte aber herzlich scheint, die ganz egoistisch in ihren Motiven ist und doch ehrlich bleibt. Im Antlitz der Monomanie von Diane Arbus, dieses wohlerzogenen jüdischen Upperclass-Mädchens, dieser manisch-depressiven, getriebenen Außenseiterin, wünscht man sich heute mehr Photographen, die so sehr die Suche nach ihrem eigenen persönlichen Druckpunkt in für uns alle magische Bilder umsetzen können.

21. Juli 2005 20:30 Uhr. Kategorie Design. Keine Antwort.

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