DETAIL IS EVERYTHING

Im Design gibt es oft die Debatte, das wir Gestalter Detailfanatiker sind. Anführungszeichen, Auslassungspunkte, Detailsdetailsdetails. Aber ich glaube nach wie vor fest an das buddhistische «Alles ist Detail». Wenn die Details nicht stimmen, kann das große Ganze erst recht nicht stimmen. Das Große ist die Summe vieler kleiner richtiger liebevoller Nuancen. Das hat nicht nur mit handwerklichem Selbstverständnis zu tun, sondern mit Respekt vor der Arbeit, die man macht und damit vor dem Kunden (und den Menschen, die er mit seiner Kommunikation erreichen will) selbst. Auch wenn der Laie sie nicht entdeckt, sind typographische Details deshalb nicht zuletzt ein Code, mit denen die Profis sich von Boot zu Boot zuwinken, die Könner und Kenner. Schriftwahl, Kapitälchen, Ligaturen, wir erkennen einen guten Designer an diesen Sicherheiten, so wie sich Geschäftsmänner an den richtigen Schuhen und der korrekten Uhr erkennen und Musiker an der 60er-Jahre-Telecaster samt passendem Röhrenverstärker und bestmöglicher Saiten sowie ein in jahrelangem Trial-and-Error entdecktes und heißgeliebtes Plektrum. Das alles ist beileibe kein Selbstzweck, kein Mythos, sondern erfüllt in der Summe eine Arbeit, in unserem Falle ein Druckwerk oder eine Homepage, mit einem Mehrwert, einer Sinnhaftigkeit, die auch der finale Rezipient subkutan wahrnehmen wird. So wie ein Dramatiker bis aufs Blut um eine winzige Nuance im Dialog einer Figur kämpfen wird, kämpfen wir Designer also nicht umsonst um Minuskelziffern oder ästhetischen Randausgleich, um eine bestimmte Schrift oder eine winzige Farbnuance.

Ich verzweifele oft an diesem eigenen Perfektionismus, weil er so schwer zu kommunizieren ist. Everything must be beautiful, aber erklär das mal einem Laien, wenn er dir nicht einfach Vertrauen schenkt. manchmal kommt man sich also vor wie ein durchgeknallter Hochzeitsplaner, der etwas tuckig mit den Armen wedelt und auf völlig abstrusen Minutia besteht, die kein Normalsterblicher versteht.

Und dann war ich heute bei einem alten Kunden, der sich von uns 2006 getrennt hat. Und habe Medien gesehen, die basierend auf unseren alten Arbeiten fortgeführt wurden. Die auf den ersten Blick ein Nachbau sind und sich erst bei näherer Betrachtung als Bizarro-Versionen aus der Twilight-Zone entpuppen. Je tiefer man einsteigt, desto schlimmer ist, was du entdeckst. Das fängt an mit liebloser Bildauswahl, nicht nachbearbeiteten Digital-Bildern, und steigert sich dann… die falschen Anführungszeichen (deutsche statt französische Guillemets), Abweichungen von wichtigen typographischen Übereinkünften, keine Kapitälchen, kein ästhetischer Randausgleich, Ziffern mal als Minuskelziffern, mal als Tabellenziffern, und das in einem einzigen Textblock gemischt bei Groß/Kleinschreibung, die nach Minuskel verlangt. Bildtitel, die wahllos durchs Bild laufen und so unlesbar werden. Relativ sinnfreie Abweichungen vom Corporate Design, die die ja schon bei der Entwicklung vom Kunden durchgedrückten Kompromisse nun wirklich nicht gerade erträglicher oder kohärenter machen, im Gegenteil. Und das Endergebnis, schon zu unserer Zeit ein Druckwerk, auf dem wir unseren Namen wohlweislich nicht drauf hatten, ist endgültig beliebig geworden. Was auf den ersten Blick noch als solider Nachbau durchgeht, wirkt wie ein Fraktal: je näher man herangeht, desto mehr Lieblosigkeit im Detail sieht man. Auch verständlich: Welcher Designer mag mit Liebe die Entwürfe eines anderen emulieren? Das kann nur wenig Spaß bereiten, man wartet ja nur darauf, die eigenen Ideen umzusetzen.

Dies ist insofern keineswegs als Kollegenschelte zu verstehen, zumal ich ohnehin nicht weiß wer es gemacht hat, denn (wahrscheinlich wie schon bei uns aus gutem Grund): es fehlt auch hier der Name der Gestalter. Ich kritisiere nicht die Arbeit von Nachfolgern, das wäre albern. Aber mir wurde schlagartig klar, dass die Liebe zum Detail eben keineswegs hyperventilierendes Armfuchteln ist, sondern die absolute Essenz des Berufs: Du achtest als Designer auf die Dinge, auf die sonst keiner achtet. Du bist präzise, soweit im Zeitrahmen möglich, und arbeitest auf Perfektion hin, auf Dichte und Kohärenz. Und du hast dein Handwerk beieinander. Denn die Summe der vielen Details ist das Design. Die Essenz von tausend richtigen Entscheidungen. Die Komposition besteht aus den einzelnen Noten, das Buch aus den einzelnen Buchstaben, das Corporate Design aus den zahllosen gestalterischen Miniatur-Entscheidungen. Und die Achtung vor diesen Details, ergo die Rolle als Qualitätswächter, ist die Funktion des Designers in Gestaltungsprozeß. geht diese Funktion verloren, geht auch die Hyperkohärenz des Endproduktes verloren. Das Innere geht verloren, wenn nur genug Details lieblos missachtet werden. Design ist Liebe. Insofern ist vielleicht egal, ob man es einem Laien erklären kann oder nicht. Wenn der Kunde diese Liebe zum Detail nicht versteht, wird es sich in seiner eigenen Arbeit niederschlagen und dann ist gutes Design sein letztes Problem. Hat der Kunde selbst ein Gespür für Detail-Liebe, wird seine eigene Arbeit davon durchtränkt sein und er wird dich und deine Leidenschaft respektieren. Das hat nichts mit Fachwissen zu tun (ich muss auch nicht Piano studiert haben, um Glenn Gould zu würdigen, oder?), sondern mit Respekt vor deiner Leistung als Designer. Denn als Designer bist und bleibst du Schamane und Stratege, der zugleich das große Ganze und Langfristige und auch das kleinste Detail iim Kopf haben muß und diese widersprüchlichen Pole vereinbaren und gegen die Kurzfristigkeit der Alltagskompromisse verteidigen muss.

Also:
Love the Details…