DESIGN VS ART
„The one thing to say about Art is that it is one thing. Art is art-as-art and everything else is everything else. Art-as-art is nothing but at. Art is not what is not art.“
Ad Reinhardt
Eine der seltsamsten Sachen bei der ansonsten eher höflichen Entry-Podiumsdiskussion um Innovation und Design gestern abend war das kurze Aufbranden der Frage, ob Design Kunst ist. Diese Debatte kommt immer wieder auf, unter Kollegen wie mit Studenten und ehrlich gesagt, verstehe ich nicht ansatzweise, wo sie herkommt. Weil ich mich zunehmend frage, ob auch Köche, Schreiner und Bäcker auf irgendwelchen Symposien zusammenkommen, an ihrem Wein nippen, die Bügelfalten gerade streichen und dann von sich behaupten, «Künstler» zu sein. Die Absurdität dieser Behauptung, die Eitelkeit, die Naivität und der greifbare Wunsch, etwas anderes zu sein, als man de facto ist, wirkt dabei so atemberaubend, daß man nur schwer dagegen andiskutieren kann… es ist in etwa so, als würde man einem quengelnden Kind erklären wollen, warum der Mond nun mal nicht aus Käse sei, wenn das Kind permanent «Wohl. Wohl. Wohl. Wohl.» kreischt.
Sicher. Kunst ist vielleicht relativ. Es gibt einen relativistischen, einen «offenen» Kunstbegriff, der schier alles zur Kunst deklarieren kann. Dagegen ist auch zunächst wenig einzuwenden. Dieser Begriff ermöglicht uns im Alltag ja, daß wir auch den röhrenden Hirschen an der Wand als Kunst bezeichnen dürfen. Wir reden also in Wirklichkeit nicht über KUNST, sondern über Geschmack. I don’t know about art, but I know what I like. Es ist dieser Geschmack-ist-Privatsache-Ansatz, der jede kreative Anstrengung, die dir persönlich «schmeckt» zur Kunst diffamieren darf. Danach kann sicherlich ein Schweinebraten Kunst sein («Ein Gedicht!»), ein Stuhl, meinethalben ein Brötchen. Danach kann jede menschliche Leistung ein Kunstwerk sein – auch das Attentat auf das World Trade Center vom 11.9.2001. Ich habe im Kern keine Probleme mit diesem offenen Kunstbegriff, außer das er so schwammig, so zuckrig demokratisch ist, daß er wirklich alles, aber auch alles, vom Bild eines Vierjährigen bis zur Rolltreppe als object d’art klassifizierbar macht. Er ist unanfechtbar – und insofern auch nicht zu verteidigen. Das ist alles so sympathisch und warm und so waldorfweich, so subjektiv-geschmäcklerisch, so wohlwollend und ohne Ecken und Kanten, daß es einfach, Verzeihung, Bullshit ist. Wer sich auf dieser Basis als Designer zum Künstler deklariert…. oh, meinethalben. Aber denkt dran: Auch das Bild eines Vierjährigen ist nach diesem Approach «Kunst». Dieser Ansatz Everything-as-Art macht alles gleich, ist Wischiwaschi, eben Everything-as-Everything. Man kann mit diesem Zustand des grenzenlosen Gleichmachens glücklich sein und von einem Aufweichen der Trennlinien sprechen, aber bitte… die Trennlinien waren nie deutlicher, nie wichiger als heute. Ohne solche Kategorien darf man getrost jeden Diskurs über Kunst – und eben über Nicht-Kunst – abbrechen, weil man sich völig im Nebel des Gefühlten und Gefühligen bewegt, in dieser schwitzig-schwülen Sauna des klebrigen Geschmacks. In dieser emotiven Arena des Kitsches kann dann auch eine Rose mirnixdirnix zur Kunst werden, weil sie ja «irgendwie so schön» ist. Obwohl es bei einer natürlich wachsenden Rose nicht einmal einen Künstler, einen Urheber gibt. Und als ob «Schönheit» und «Ästhetik» auch nur im Geringsten Kriterium von Kunst wären. In diesem Everything-as-Art-Paradigma entsteht Kunst also wahrhaftig im Auge des Betrachters, braucht keinen Schöpfer mehr, keine Intention. Alles läßt sich qua «Oh, I love it» zur Kunst deklarieren bzw. diffamieren. Dahinter steckt die seltsame Eitelkeit des Betrachters: Wenn es mir gefällt, muß es doch Kunst sein. Look at all the beautiful colors.
Und daran glaube ich eben nicht. Ein Schweinebraten ist keine Kunst, sondern ein Hauptgang auf einer Speisekarte, egal wie lecker er ist. Ein Stuhl ist kein Kunstobjekt, sondern ein Stuhl. Ein Brötchen ist ein Frühstücksprodukt, keine Kunst. Und wenn es noch so liebevoll handgeformt ist :-D.
Im engeren Kunstbegriff «Art-as-Art» bewegen wir uns in einem winzigen Splitter dessen, was die Allgemeinheit als Kunst an die Wand hängen würde, vor allem aber weit abseits des eigenen oder allgemeinen Geschmacks. Kunst will hier nicht schön sein, Kunst will keinem Zweck dienen, nichts verkaufen, keine Antworten liefern, vielleicht nicht einmal mehr Fragen stellen. Sie will nur SEIN. Sie muß nur raus. Der Künstler stellt seine Arbeit in den Raum, wobei es meist nicht Auftragsarbeit ist (und wenn dann meist staatlich bzw. privat mäzenenhaft gefördert), er holt etwas aus sich heraus– sicher auch in Reaktion auf seine Umwelt – was als finales Werk völlig zweck- und sinnfrei sein kann und darf, vielleicht sogar muß. Kunst ist das, was nicht funktionieren muß. Und genau deshalb funktioniert. Es ist das, was im höchsten Maße als Ergebnis wie in der Entstehung asozial gedacht sein darf, also losgelöst von den Lebensprozessen einer Gesellschaft. Die kein anderes Ziel hat als einen ästhetischen, intellektuellen oder emotionalen Stimulus – eine Reaktion, gleichwohl in welche Richtung.
Art-as-Art ist dabei natürlich ein sehr moderner Kunstbegriff, der des 20. Jahrhunderts, der Kunst von heute, der postphotographischen, konzeptionellen Kunst. Kunst wird hier oft durch den reinen Taufakt zur Kunst. Duchamp. Warhol. Es geht nicht um Mittel, um handwerkliches Können, es geht um Zeichensetzungsakte. Um Intention. Warhol war kein Designer, auch wenn seine Tools aus dem Bereich der Werbegrafik kommen. Er war ein Pop-Artist. Seine Kunst war Kunst qua Definition. Ansonsten wäre sie gar nichts mehr gewesen als nur ein Siebdruck etwa eines Curt-Swan-Superman. Eine Kopie. Lichtenstein dito. Die Kunst bei Pop-Art war mehr oder minder die schiere dreiste Deklaration des Alltags als Objekt der Kunst, die Rahmenänderung. Spätestens hier löst sich auch der Akt der Kunst – der jetzt als intellektueller oder emotionaler stattfindet – von dem des Handwerkens. Damien Hirst braucht seine Kühe nicht selbst zu zersägen, die Kunst ist, die Idee zu haben, präzise zerteilte Kuhkadaver in Glaskuben in einem Museum auszustellen. Kunst wird hier zur asozialen Idee, zur Perversion des Kreativen, das sich von Zweck und Form befreit hat, um völlig freiflottierend, bar von Verantwortung und Vernunft existieren zu können. Kunst ist, was Kunst ist.
Und Design ist etwas völlig anderes. Design ist tatsächlich ein Schweinebraten, nur: Design ist der Prozeß darüber nachzudenken, wie ein Schweinebraten besser funktionieren kann… schneller zuzubereiten, ästhetischer aufbereitet, besser schmeckend. Design ist ein zutiefst sozialer, positiv aufgeladener Vorgang, der insofern auch eher als die Kunst in Teamstrukturen stattfinden kann (Designer-Klient oder auch Designteams). Sogar idealerweise in Teamstrukturen stattfinden sollte, der runde Tisch ist und bleibt das Idealmodell des Designs– jeder bringt seine Ideen und Lösungen an den Tisch und die beste Idee, die man gemeinsam mit dem Know-How verschiedenster Bereiche erarbeitet, wird realisiert. Design ist also kommunikativ und interdisziplinär, wo Kunst meist monoman ist. Design ist zutiefst uneitel, wo Kunst ja legendär von Eitelkeit geprägt ist. Design ist Evolution. Design gebraucht Technik, Kunst stellt sie eher in Frage, oder pervertiert sie klug und richtigerweise, wendet sie kritisch und oft mit einem Grundpessimismus gegen sich selbst. Design will etwas, meist etwas Solides, Greifbares. Ein Ergebnis. Der Prozeß hat ein Ziel. Kunst ist der Prozeß, nicht primär das Endergebnis. Ein Staubsauger, egal wie kreativ sein Industrial Design sein mag, ist ein Staubsauger und für die Frage, ob er gut «gestaltet» ist, wird seine Funktionalität eben immer ein Kriterium sein, ebenso wie die ästhetische Ebene von Gestaltung ihrerseits der Funktion beizutragen hat… d.h. Audio- und Produktdesign ebenso wie Packaging und Benutzerhandbuch haben die Funktion genießbarer zu machen, zu erleichtern usw… dazu gehört sicher auch durchaus die Funktion, zu repräsentieren, Status zu kommunizieren, eben qua Produktdesign und damit meist qua Markenprodukt. Aber am Ende des Tages geht es doch immer erst einmal darum, Krümel vom Teppich zu kriegen. Kunst hingegen würde ein Staubsauger erst durch eine Ent-Funktionalisierung, durch einen Verneinung der Krümelbeseitigung. Anders gesagt: Erst wenn ein Schweinebraten kein Schweinebraten mehr sein will, hat er eine Chance, Kunst zu sein. Die Negation der Funktion ist doch die Funktion der Kunst, ihr eigentlicher Wert. Kunst darf sinnlos sein. Noch anders gesagt: Philippe Starcks berühmte Saftpresse Juicy Salif, die Anfang der 90er bei Alessi erschien, ist ein Kunstobjekt. Obwohl als «Design» bezeichnet ist die Saftpresse, ob sie es will oder nicht, sinnlos. Einfach deshalb, weil sie sich ihrer Funktion erledigt hat… denn Saft mit der Salif aus einer Zitrone zu bekommen ist ein höchst frustrierendes Erlebnis, weswegen die Juicy Salif auch meist eher als Dekorationsobjekt dient. Sie ist eine formelle Meditation, ein formales, abstraktes und skulpturales Objekt, das Starck nur qua Mimikry in die Designküchen – oft sogar eher in die Wohnzimmerschränke – gezaubert hat. Ob die Salif nun wirklich Kunst ist, sei einmal dahingestellt. DESIGN aber ist sie sicherlich nicht mehr.
Auch Architektur ist (meist) keine Kunst, sondern Design, die Dienstleistung, ein Haus zu bauen. Architektur löst ein sachliches Problem – und die Ästhetik, das Kunsthandwerk, das Ornamentale (oder der Verzicht darauf) springt als Lösungsmechanismus zur Seite. Es ist integral eingebettet, aber sinngerichtet, nicht freiflottierend, fokussiert, nicht Selbstzweck. Anders gesagt: Bei Design ist die Konnotation funktional und Denotation künstlerisch. Dieser künstlerische Ausdrucksaspekt ist eher die nonverbale Kommunikationsebene der Architektur, sie läuft unterschwellig mit, ist wichtig, aber nicht das Zentrum des Handelns. Und auch hier gibt es potentielle Grenzgänger, Gehry und Libeskind vielleicht, bei denen die Ästhetik von der denotativen Ebene auf die konnotative springt… aber doch das auch auf den zweiten Blick stets als Funktion. Wer Gehry kauft, will ja – meist um des Auffallens, der PR, der Besucherzahlen willen –, daß es nach Gehry ausschaut. Und das ist doch die pure Funktion.
Die Grenzen erscheinen sicher etwas schwimmend, aber dabei doch glasklar. Ein Bürogebäude ist ein Bürogebäude, egal wie tough die Fassade daherkommt. Es wird immer ein Bürogebäude bleiben, eine Immobilie, eine Nutz- oder Mietfläche. Kunst aber wird niemals ein Bürogebäude sein. Der Entwurf von Frei Otto und Christoph Ingenhoven für den bisher unrealisierten Stuttgarter Bahnhof mag ungemein ästhetisch aussehen und sicherlich eine klare Spur kreativen Querdenkens bergen… aber diese Kreativität ist doch zweckgerichtet. Und dieser Zweck ist ein besserer Bahnhof. Der sanfter ins Stadtumfeld paßt, der in seiner Inszenierung Besuchern mehr Spaß macht und die Stadt bzw. die DB imagebildend aufwertet, ökologisch funktionaler als ältere Bauten. Der durchdacht und abgeklopft und – in jeder Hinsicht – ganz pragmatisch ist. Anwendungsbezogen, lösungsorientiert. Er ist ergo ein Stück sauberes Produktdesign. Wertarbeit im Sinne Dieter Rams. Das Formale, der künstlerisch-gestaltende Gestus, ist funktional eingebettet in diese Lösung, nahtloser und ehrlicher Teil von ihr. Dieser Bahnhof will ein Bahnhof sein. Kunst aber will kein Bahnhof sein, sondern Kunst. Erst wenn sich der gestaltende intellektuelle Aspekt so sehr von der pragmatischen Nutzbarkeit entfernt, daß der Bahnhof nahezu unbrauchbar wird, ist es kein Design mehr. Dann ist es entweder einfach nur Mist… oder vielleicht Kunst. Aber kein Bahnhof mehr.
Damit ist also keineswegs Art-as-Art definiert. Diese Aufgabe ist auch nicht zu bewältigen. Was Kunst ist, ist schwimmend, schwierig zu greifen. Aber was Design ist, ist viel einfacher. Design ist das, was für morgen funktioniert.
Jan Hoet hat das gestern schön gesagt: Design ist Heute. Nicht im Sinne von modern, sondern im Sinne von Auf-der-Höhe-der-Zeit. Ein Objekt, ein Bauwerk, eine Drucksache, die den Geist ihrer Zeit in sich trägt, die eigene Geschichte nachvollziehbar macht, moderne Materialien und Möglichkeiten sinnvoll nutzt und eine fühlbare Neugierde auf das MACHBARE in sich trägt, die im Jetzt unruhig vibriert und auf die Zukunft sinnt.
Das aber ist nicht Kunst, sondern angewandter Futurismus. Design ist Über-Morgen-nachdenken. Wo Kunst das Heute in Frage stellt, sinniert Design (meist fast perfide unbeirrbar optimistisch) über die Antworten auf Morgen nach. Design ist insofern die Antwort auf die Kunst, der pragmatische Zwillingsbruder. Wie kriegt man Mobiltelefon kleiner und smarter und die Akkus weniger umweltschädlich? Wie kriegt man verrottbare Joghurtverpackungen auf den Markt? Wie kriegt man – eine Nummer bescheidener – einen Onlineshop für Photos interaktiver und smarter und funktionaler und spaßiger und anregender und produktiver? Design reichert sozusagen die Gegenwart mit Antworten auf die Zukunft an. So wie Ingenieure über die Maschinen von morgen nachdenken, denken wir über die Kommunikation und die Haptik und die Töne und die Bilder und die Formen und die Farben von Morgen nach.
Design ist also, darüber nachzudenken, wie der Schweinebraten von morgen sein könnte. Die Hoffnung darauf, ihn schneller produzieren zu können, gesünder zu machen, leckerer zu machen und zugleich
Wobei, um die Sache noch einmal zu komplizieren, Design keine Werbung ist. Werbung will NIX. Die will eben nur funktionieren. Loslos, kauf mein Hundefutter/meine Pickelcreme/meine Nudelsuppe. Die will nur das nackte Primat des Marketing und des Umsatzes. Was völlig okay ist, aber zunehmend nicht so richtig funktioniert. Die kreative Konnotation wird hier bei der Lösungsfindung soweit zurückgefahren, das sie fast nur noch unfreiwillig durchblitzt. Werbung kann, muß aber kein Design beinhalten. So wie das Design Stilmittel der Kunst einsetzt, kann die Werbung Stilmittel des Designs (und somit nochmals gefiltert der Kunst) verwenden. Schweinebratenwerbung will also einzig und allein die bestehenden Braten verkaufen und Design findet dabei mal eher durch Zu- beziehungsweise Unfall statt. Werbung ist nicht im Heute, sondern immer im Gestern. Sie befriedigt, was die Leute wollen (oder was sie wollen sollen), nicht was sie brauchen. Weil sie nicht über morgen nachdenkt. Sie ist nachgeschaltet. Reine Verkaufe, wenig integral. Sie ist eben kein Futurismus (auch wenn sie durchaus Trends miterschaffen kann).
Werbung verändert nichts. Design verändert.
Wir haben also die Dreifaltigkeit von Werbung | Design | Kunst. Mit diesen drei Schubladen, wobei einzelne Arbeiten sicher auch immer mal wieder die Genregrenzen sprengen, müssen wir zumindest im Groben leben. Und damit lebt es sich auch okay. Ein Krimi-Autor will schließlich nicht unbedingt mit einem Historienschinken-Romancier verwechselt werden. Oder mit Samuel Beckett. Es gibt einen sinnvollen Unterschied zwischen einem Porno-Streifen, einem Tarantino-Film und einem Greenaway-Film.
Als Designer würden wir darüber lachen, wenn sich z.B. die Agentur, die Werbung für Iglo oder Ferrero-Küßchen macht, als «Künstler» bezeichnen wollte, oder? Zumal sie sich auch noch dabei SELBST als Künstler definieren will.
Und doch machen wir immer wieder genau das selbe. Immer wieder sehe ich Kollegen, die sich hinsetzen mit ihren Imagebroschüren, ihren Websites, ihren Visitenkarten, ihren Büchern und Zeitschriften – ergo ihren Verkaufshilfen, die sie in Auftragsarbeit produzieren – und sich selbst als Künstler sehen. Oder Architekten, mit ihren Bahnhöfen und Hochhäusern, Brücken und Kaufpalästen – ero mit ihren Nutzgebäuden, die sie in Auftragsarbeit produzieren–, die sich selbst als Künstler sehen. Was treibt uns dazu? Ist «Künstler»-sein denn soviel besser? Ist Designer oder Architekt zu sein nichts wert, wenn man nicht in den vermeintlich höheren Sphären der Kunst sein Unwesen zu treiben meint? Ist das eine Art Minderwertigkeitskomplex? Oder doch kollektive Hybris?
Die Folgen sind drastisch. Abgesehen davon, daß Studenten den Spagat zwischen kreativer Neugier/Futurismus und Eben-Nicht-einfach-Künstler-sein-sondern-stringent-etwas-kommunizieren-können nur schwer verstehen (kreativ sein UND funktional denken) und an dieser extremen Herausforderung handwerklich wie persönlich sehr oft scheitern, ist es auch in der Praxis immer wieder anstrengend, auf dieser diffusen Kunst-Ebene diskutieren zu müssen. Denn Künstler sind ja brotlos, machen doch sowieso, was sie machen müssen, toben sich aus. Da geht es nicht um eine erlernte Profession, um ein hochspezielles Know-How, um eine ausgebildete und seltene Fähigkeit (oder eher – in Anlehnung an Bruce Sterling – eine Allergie), sondern ja «nur» um die Kunst. Und die Reaktion – wie eben so oft bei moderner Kunst – ist dann ein: Ach, das kann ich auch selbst. Das ist Schattenseite des offenen Kunstbegriffes… man macht sich gemein. Neben dieser pragmatischen Ebene ist es aber etwas darüber gelagert auch einfach nervend und im Hinblick auf das zu erreichende irreführend bis gefährlich, über Design mit den Kriterien des Kunst reden zu wollen, also mit dem Werkzeugkasten des Geschmacks.
Individueller Geschmack hat im Design keinen Platz. Stil des Designers, Handschrift, eine gewachsene Ästhetik sicher. Markenziele, mögliche Träume und Wünsche des finalen Konsumenten von Design, oh sicher. (Nicht zu verwechseln mit der Chimäre der Zielgruppe, bitte.)
Aber Geschmack? Keine Spur. Mit «Geschmack» entsteht bestenfalls Werbung. Da mag Marketingchef X ein Grün so sehr, weil er es frisch findet. Und man bemüht vielleicht die Werbepsychologie, die grün dann faktisch auch als frisch und lebendig analysiert… und vergißt, das solche Klischees ein Hamsterrad der Ästhetik sind, ein träge dahinschepperndes Perpetuum Mobile. Grün ist frisch weil Grün frisch ist. Wird klar, warum Werbung insofern selten «Morgen» ist?
Designer neigen dazu, das Geschmacksargument auch noch tatsächlich durchzulassen, weil sie von ihrem EIGENEN Geschmackssinn ausgehen. Der aber ist wie gesagt allergisch, infiziert, geschult und trainiert und ebensowenig «nur» individueller Geschmack wie die Geschmacksnerven eines Meistersommeliers mit denen eines Ladenmädchens zu vergleichen wären.
Petr van Blokland stellt in seinem Design-the-Designprozess den Vergleich auf zwischen TicTacToe, Schach, Go eben Design. Bei TicTacToe bringt jeder Zug 4 neue potentielle Züge mit sich, im Schach sind es etwa 35, bei dem an Komplexität fast nicht zu meisternden Spiel Go sind es rund 100 solcher Entscheidungsverzweigungen… und bei Design über 1000. Jede Entscheidung im Designprozeß zieht also 1000 potentielle NEUE Entscheidungen nach sich.
Redet ein Designer also über «Geschmack», so redet er von etwas ganz anderem als den Alltags-Geschmack.
Er hat mit einer eigenen Geschmacksentscheidung – meist unbewußt und in Echtzeit – eine supra-individuelle Kette von Einordnungen und Kategorisierungen vollzogen, die seinen Geschmack über Jahre der Beschäftigung mit Ästhetik ausgebildet haben. So wie ein Linguist ein Gedicht ganz anders sieht, ein Kunsthistoriker ein Gemälde intuitiv «geschmacklich» ganz anders wahrnimmt. Unsere Geschmacksnerven sind trainiert. Unser «Geschmack» ist professionalisiert, kontextualisiert, reaktiv, intuitiv und geschult, geschult, geschult. Und insofern nicht wirklich mit der Alltagsästhetik vergleichbar. Ein guter Innenarchitekt wird Materialien und Konstellationen nicht aufgrund von «Mag ich / Mag ich nicht» wählen, sondern in Einklang mit der Aufgabe, mit dem Raum, mit der Persönlichkeit der Nutzer, mit psychologischen Aspekten, mit aktuellen oder kommenden modischen Trends, mit einem Gespür für Aktualität vs. Zeitlosigkeit. Aber nicht nur, weil er pink gerade todschick findet. Sondern, weil er in der Lage ist, in Echtzeit aus einem großen angesammelten Wissensarray Entscheidungsprozesse abzurufen und sicher an ein mögliches (und eben im Hinblick auf die Lösung wahrscheinliches) von mehreren denkbaren Zielen zu gelangen – so wie ein Londoner Taxifahrer tausende von kleinen Straßen auswendig kennen muß, um an sein Ziel zu kommen. Der schaut nicht in den Stadtplan und der reagiert eben auch seltsam muffig, wenn der Fahrgast ihm den Weg erklären will… denn er weiß ja, was er tut. Aber der würde sich dennoch nie als Künstler betrachten. Sondern nur als Profi.
Bezeichnen sich Designer aber als Künstler, laufen sie immer wieder in die Falle, sich unter Wert zu verkaufen. Kunst ist relativ. Design ist absolut. Oder umgekehrt :-D. Anders gesagt: Design ist ein sozialer Akt. Die Qualität hängt von der Zusammenarbeit ab, ist ein diskursiver Akt. Ich habe immer wieder Kunden, die mir acht Zeilen Briefing zum Fraß vorwerfen und dennoch ein Ergebnis wollen, ein gutes zudem, und einfach nicht verstehen, daß meine Leistung weniger ist, ein lustiges Logo aus dem Nichts heraus zu malen, als vielmehr, MIT IHNEN ZU REDEN. Sie auszufragen, sie auszupressen, sie zu foltern und zu nerven und zu löchern und zu hinterfragen. Das macht die Arbeit mit guten Designern zu einem höchst anstrengenden Akt, zu einem Round-Table, zu einer permanenten Debatte. Das finden die einen Kunden wahrhaft schrecklich, die wollen dann meist eben nur Werbung, kein Design… und die anderen finden das anregend und wachsen mit, ertragen die Anstrengung und wissen, daß dieser Sport fit macht und fit hält und die Verkalkung vermeidet. Designer verkaufen ungebremsten Enthusiasmus, Glaube an den Kunden und Optimismus… und sind zugleich das permanente Säurebad der Ideen, sowohl der eigenen als auch der des Kunden. Designer sind ungeduldig, unruhig und sagen verdächtig oft Sachen wie «In fünf Jahren machen wir…». Denn da sitzen sie mental schon. Und von Kunden, die das begeistert mittragen, von denen kriegst du selbst dann auch in gleicher Münze aus ihrem Sujet zurückgegeben, da beginnen gegenseitige Lern- und Befruchtungsprozesse, da beginnt Evolution, da beginnt an allen Fronten Designdenken. Mit solchen Menschen machst du dann Design. Echtes Design, umfassendes Design, von der ersten Produktidee bis zur finalen Printkommunikation. Diesen kleinen unsicheren Schritt in die Zukunft in allem, was du tust. Mit solchen Kunden hast du dann auch den Mut, ausgetretenen Wege zu verlassen und etwas Neues zu versuchen. Weil man auch mal danebengreifen darf, weil Trial & Error funktioniert. Wer immer nur Erfolge will, braucht Werbung, braucht das Gestern. Im Heute (und noch mehr im Morgen) muß man auch mal auf den Hintern fallen dürfen. Mit den anderen Kunden machst du eben Werbung. Und Kunst… oh Gott, für die Kunst bräuchtest du doch gar keine Klienten.
Anders gesagt: Als Designer wird man immer wieder auch Werbung machen (und dabei versuchen, Design herauszumelken). Aber als Designer macht man nur dann Kunst, wenn man den Kern des Designs hinter sich läßt: Den Diskurs, die Klienten, die Funktionalität. Es sieht dann vielleicht noch aus wie Design – Mimikry olé –, aber das ist in Zeiten allgemeiner Medienkonvergenz ja unvermeidlich, die Tools werden immer identischer.
Insofern ist es durchaus nicht so, daß die Grenzen verschwimmen. Gerade, weil sie technologisch verschwimmen. Um zu wissen, wo du hingehst, mußt du wissen, wo du herkommst. Als Designer kommen wir in direkter Linie von Leonardo da Vinci. Nichts täte dem polylateralen Futuristen da Vinci mehr Unrecht, als ihn als «Künstler» zu bezeichnen. Und nichts führt uns Designer im Mikro- wie im Makrobereich mehr auf den falschen Weg als das Selbstverständnis «Kunst» produzieren zu wollen oder müssen (wiewohl ich das jedem wirklich gönne und selbst Spaß an Design-as-Art habe). Was wir sind ist dies: Architekten und Ingenieure der Kommunikation, von Heute und von Morgen. Das ist die Verantwortung, in ihrer ganzen technologischen und ästhetischen Bandbreite. Große Verantwortung und große Macht.
Und das ist nicht mehr oder weniger, aber auf jeden Fall etwas komplett anderes als Kunst.
Und ihr dachtet, ich schreibe keine langen Texte mehr, hm?