Es ist beinahe ein Axiom unter Designern, unter Lehrenden und unter Studenten, dass Design darin bestünde, Lösungen für Probleme zu entwickeln. Ohne Briefing, so das Dogma, gibt es kein Design. Hakt man im Gespräch genauer nach, wird schnell unklar, was für Probleme hier eigentlich gemeint sind – und worin die «Lösung» besteht. Selbst im weitesten Sinne gefasst, hat Design (und schon gar nicht Kommunikationsdesign) Krieg, Hunger, Gewalt oder Umweltprobleme «gelöst», im Gegenteil. Es kommen mehr Beispiele in den Sinn, in denen gerade das Grafik Design sich nur zu leicht in den Dienst totalitärer Systeme einspannen ließ oder bis heute blendend als kriegerisches Propagandawerkzeug fungiert. Dazu kommt, dass qua Design Konsumartikel verkauft werden, die oft eher Teil des Problems als der Lösung sind. Mehr verkaufte Hamburger und Autos retten die Welt sicher nicht. Unser Handwerk, im Camouflage der Werbung, füttert den immer neuen Hunger nach Produkten, die als Glückssurrogat den horror vacui des modernen Daseins füllen sollen, und doch nie satt machen. Design ist hier das Styling-Feigenblatt eines Müll produzierenden Überschuss-Systems, das selbst Teil und zugleich Motor globaler ökonomischer und ökologischer Probleme ist. Je länger man hinschaut, um so weniger ist angewandtes Design ein Lösungsmechanismus, sondern eher Steigbügelhalter der Problememacher.
«Es gibt keine Lösung, weil es kein Problem gibt», lautet Marcel Duchamps berühmter Spruch, der Probleme als unsinnige geistige Erfindungen erkannte. Was wir als Probleme bezeichnen, sind polymorphe Lebensprozesse einer Spezies und ihrer Systeme, die man sicher begrenzt steuern und beeinflussen, aber kaum als «Probleme» dauerhaft beseitigen kann. Jede so genannte Lösung birgt zugleich in sich ein neues, anderes Problem – die Vorstellung, dass es eine Art »Endlösung» geben kann, die alle menschlichen Probleme löst, verrät wie kryptofaschistoid diese Denkrichtung faktisch ist. Der mechanistische Denkansatz, dass Design praktische Lösungen zu produzieren habe, ist Nonsens. Die wirklichen Fortschritte (die in sich jeweils, wie gesagt, neues Problempotential bergen) kommen stets aus der Technologie, von Ingenieuren, Biologen, Mediziner, Programmieren, aber nicht von Stylisten, so dass der Versuch, Design zum Fortschrittsmotor zu deklarieren, eher anmaßend wirkt. Designer haben den Stuhl, das Auto oder die Schrift nicht erfunden – sie modulieren nur die Ästhetik des Umgangs mit diesen Erfindungen. Wir sind keine Macher, wir sind Former.
Designer sollten also aufhören, sich zu mehr oder etwas anderem machen zu wollen als sie eigentlich sind. Wir sind keine Anthropologen, Psychologen, Nuklearforscher oder Kybernetiker. Wir forschen nicht, wir spielen. Würde sich ein Autor, ein Musiker, ein Regisseur als Problemlöser verstehen? Diese irrige Selbst-Definition schränkt die Designer in ihrem wahren Potential ein, sie führt uns zunehmend in die Stagnation, die Sackgasse. Design erfüllt sicherlich eine Aufgabe, egal ob bloße Umsatzsteigerung bei kommerziellen Design oder frei selbstgestellte Thematik im konzeptionellen Bereich – aber das ist etwas weit anderes und deutlich freieres als das Beseitigen von Problemen.
Design ist in erster Linie die Erzeugung von Interfaces, von Übersetzungen, von Kommunikationsversuchen. Typographie ist ein Interface für Schrift – Schrift ist ein Interface für Phoneme – Phoneme für Sprache – Sprache für Denken – Denken für Realität. Design schafft also ein engagierendes mediales Anlog von Realität. Das Screendesign eines Betriebsystems gibt der menschenfremd binären Sprache eines Computers ein analoge, für uns User nachvollziehbares Gesicht. Ein Corporate Design gibt einem amorphen Luhmannschen System einer Unternehmung, die aus Geldströmen und Geschäftsprozessen besteht, ein greifbares, den Mitarbeitern und Kunden verständliches Bild. Ob Ikone zum Programmstart oder Logo zum Konsumimpuls – Design gives shape to Black Boxes, wie Norbert Bolz sagt. Design steuert User beim Navigieren auf Oberflächen, es kann sie effizient dirigieren, aber auch elegant verwirren, es kann ebenso laut wie leise, brutal wie sanft sein, es kann träumen und Gefühle wecken. Design kann persönliche Selbstfindung sein, wie ein Gedicht, wie ein Song sein, aber auch eine klare soziale Botschaft haben. Design kann technophile Science Fiction sein oder kritische Revolution, es kann im Gewand des puren Stylings Produkte verkaufen oder anarchisch zur Systemveränderung aufputschen. Unsere Werkzeuge sind so einfach und zugleich vielfältig wie die Musiknote, wie das Wort. Wie für Autoren und Komponisten steht Designern also ein unendliches Feld von Möglichkeiten zur Verfügung, eigenen Ausdruck und gesellschaftliche Ideen, die verschiedensten Ideen, Eindrücke und Ziele in einem ästhetisch überzeugenden Gebilde zu kommunizieren. Designer können – wie Musiker, wie Autoren –, billigen Mainstream-Pop für schnelles Geld ebenso produzieren wie komplexe, undurchdringliche E-Musik für eine atomare Zielgruppe, können Groschenromane schreiben oder den nächsten «Zauberberg». Entsprechend geht es nicht um Lösungen, sondern um Leidenschaften, Mut, Abenteuerlust, ebenso wie um Virtuosität mit dem eigenen Instrument, um Spaß an dem Dialog mit dem Publikum, um die Balance von Unterhaltung und Irritation, um kritische Auseinandersetzung mit dem Jetzt und dem Empfänger, dem Publikum, dem «User».
Erst, wenn sich Typographie und Design aus dem reduktionistischen, engstirnigen Korsett von Ursache und Wirkung befreien und aus diesem Kokon herausschlüpfen, wird sich herausstellen, welches interdisziplinäre und gesellschaftliche Potential überhaupt in unserem Bereich liegt. Wie in anderen kreativen Kulturbereichen wird man Tools entwickeln müssen, um Arbeiten kritisch zu analysieren und zu entwickeln, eine Semantik der Beurteilung von Design erarbeiten, wie wir sie bei Film, Musik, Buch, Kunst oder Theater wie selbstverständlich seit langem verwenden, während wir Designarbeiten fast wortlos gegenüberstehen, und diese öffentlich schon gar nicht kritisch gewürdigt und diskutiert werden. Design kann und muss raus aus dem selbstgewählten Exil zwischen stumpfer Dienstleistung einerseits und pseudo-künstlerischem Diffusat andererseits. Denn es kann Stellung beziehen, kann Herzen berühren, kann Köpfe entfachen. Und dann, aber erst dann, könnte Design vielleicht auch tatsächlich Probleme lösen.
erschienen in der Reflektor 1
17. November 2008 14:15 Uhr. Kategorie Design. Keine Antwort.