Die Faszination Buch lässt sich offenbar im Film schlecht einfangen – das beginnt schon mit einem Kinoplakat, das aus rein grafischen Gründen das Cover eines Buches auch noch einmal auf die Rückseite retuschieren muss, obwohl kein Buch der Welt von vorn und hinten gleich aussieht – es ist fast so, als sei dieses nicht verstehen von zwei Dimensionen, von Vorderseiten und Rückseiten, für das Kino, wo es immer nur eine Frontseite geben kann, unverständlich, überfordernd. Stephen Daldry macht aus Bernhard Schlinks ruhigem Bestseller einen Film, der die Magie des gedruckten Wortes, die ein zentrales Motiv ist, nicht widerspiegeln kann. Als starbesetztes Hollywood-Opus überrascht Der Vorleser seltsamerweise vor allem dann, wenn er nichts will - in den eher handlungsfreien Passagen mit stimmungsvollen Bildern, mit dem Ausdruck im Gesicht einer Gefängsniswärterin oder einer Angeklagten vor Gericht, mit einem gut gewählten Ort oder einer fast unbewussten Geste. Es gibt in diesen Randzonen des Films, in den Atempause sozusagen, seltene Momente von Kargheit und pathosfreier Größe, die um so bedauerlicher machen, dass jenseits dieser Momente ein fast bleierner Film entstanden ist, der dem subtilen doppelten Tabubruch nicht gerecht wird. Im Vorleser geht es zum einen um die Balance zwischen Kindesmißbrauch und Liebe – immerhin ist Michael 15 als er von Hanna doch recht eindeutig verführt wird, und spiegelbildlich um die Frage persönlicher Verantwortung im Holocaust. Das eine bespiegelt das andere und zeigt Hanna Schmitz als Opfer ihrer Verhältnisse, analphabetisch, ungebildet, obrigkeitsängstig und trotzdem – paradoxerweise – auch frei von vielen erlernten Regeln des gesellschaftlichen Kodex. Hanna ist sozusagen auch Analphabetin, wenn es darum geht, was moralisch falsch oder richtig ist, sie folgt ihren Instinkten, ihren Trieben, sei es Sex oder das Überleben, Lust oder Aggression. Sie ist hart gegen sich, hart gegen Michael, eine seltsame Einzelkämpferin inmitten einer sozialen Umwelt. Erst die Literatur, zunächst vorgelesen und später im Gefängnis im Selbststudium, ermöglicht ihr die Reflexion moralischer Vorstellungen und eine Neueinordnung ihrer Schuld in einen überindividuellen Kontext – was dann, gepaart mit der Unmöglichkeit ihrer Beziehung zu Michael als inzwischen alte Frau und der Aussichtslosigkeit einer Reintegration in die Gesellschaft zum Freitod führt.
Das subtile Täter/Opferspiel auf mehreren Ebenen ist im Buch schon oft so schwerhändig gelöst, dass es nicht umsonst als berechenbar interpretationsfähiger Abiturstoff möglich ist, im Film aber endgültig eine mitunter schwer zu ertragende Übung. Es mag an der Synchronisation liegen, dass die Dialoge wie Bowlingkugeln hilflos herumirren, ganze Szenen wahrscheinlich ohne Ton besser wären, weil das, was gesagt wird, nicht sagenswert erscheint, nur Worte, die ein Vakuum füllen. Wenn Daldry so die Sprachlosigkeit zwischen Vater und Tochter Berg zum Ausdruck bringen will, ist ihm das mit unfreiwillig komischer Präzision gelungen. Die Moralfrage, die Bruno Ganz (der absurderweise gerade eben frisch in Der Untergang ja selbst Adolf Hitler war, was diese Besetzung irgendwie zumindest irritierend macht) knopfäugig-routiniert herunterbrettert als griechischer Chor des Films, der in Vorlesungen die Metaebene praktischer- und eben langweiligerweise gleich mitliefert, wird auf den kleinsten gemeinsamen Nenner herabgebrochen, das komplexe Einzelschicksal zur Geschichte einer Frau, die im KZ arbeitet, weil sie sich schämt, nicht lesen zu können – und diese Scham ist so groß, dass sie die Liebe ihres Lebens vertreibt und lebenslänglich ins Gefängnis geht. Aha. Nicht lesen zu können ist also schlimmer als ein paar Hundert Juden auf dem Gewissen zu haben. Im Buch funktioniert das in einer seltsam gebrochenen Balance zumindest partiell – die Amoral, mit der Hanna ihre Beziehung zu Michael betreibt, ihre Tierhaftigkeit erlaubt uns zu glauben, dass sie unfähig ist, Schwäche zu zeigen. Nur, dass dies im Film keine Sekunde glaubhaft wird. Die kämpferische Kate Winslett gibt eine Hanna, der wir trotz aller tiefsinniger Blicke diese Gebrochenheit einfach nicht abnehmen.
Daldry, der so darauf versessen ist, einen amerikanischen Film zu drehen (aus diesem so deutschen Thema), dass er zwei Deutsche in der minutiös nachgebauten 50er-Jahre-Deutschland absurderweise englische Bücher lesen lässt, verfällt in den Gestus einer reinen Nacherzählung, die dennoch den Punkt des Buches verpasst und sich anfühlt wie ein schlecht zusammengekürzter ZDF-Weihnachtsvierteiler (mit eben genau der Steifheit, die solche Produktionen haben). Krampfend verdichtet sich Der Vorleser zu einer pseudoemotionalen Schmonzette, die bestenfalls Menschen rührt, die auch Vier Minuten für tiefschürfend hielten. Das Ergebnis ist ein unglaublich kalkulierter Film, der keine Sekunde echt oder authentisch ist, dessen Gefühle wie aus einer Drehbuchmaschine herausgespuckt und am Reißbrett konstruiert wirken, der weder dem NS-Themenkomplex noch dem Vergewaltigungsthema und der Frage, inwieweit Michael selbst ein Opfer ist, gerecht wird. Am Schluss wirkt der Film zudem – wahrscheinlich unfreiwillig, weil überfordert von Zwischentönen oder Subtilität – latent antisemitisch. Die aufgrund ihrer Unbildung und Dummheit sozusagen stellvertretend für die Deutschen unschuldige KZ-Aufseherin wird zum Opfer und erhängt sich in ihrer Zelle, während wir die Tochter einer Überlebenden, Ilana Mather, in New York als snobistische, im edlen Apartement lebende Autorin erleben, die das Leiden ihrer Elterngeneration zu Geld gemacht hat. Schlimmer noch, wird der Holocaust so zur Folie für eine verschwiemelte Liebesgeschichte, zum Backgroundnoise, zum erzählerischen Standardrepertoire, zum Ausstattungsgenre.
Der größte Lapsus des Films aber, unweigerlich, ist, dass er nicht an die Kraft des geschriebenen Wortes glaubt. Wie auch? Ein Buch kann das ohne weiteres vermitteln – aber ein Film? Daldry liefert uns eine seltsam an Milk erinnernde Sequenz, in der Michael Cassetten für Hanna aufnimmt, die Literatur eher zum nervigen Hintergrundlärm erklärt, zu einer Flut und Textur aus Wortfetzen ohne Sinn und Kraft, die auf den Betrachter niederprasseln. Da ist keine Magie, weil der Film nicht an die Magie des Wortes glaubt, sondern an die des Bildes – weswegen passenderweise Der Vorleser auch dann am besten funktioniert, wenn nicht gesprochen wird. Bücher sind aus Sicht des Kinos bestenfalls Vorlagen durch Film zu Bildern aufgewertet werden – und das es in Wirklichkeit genau sogar nicht ist, kommt Kino nicht in den Sinn. Die magnetische Wirkung, die Befreiung, die Ermutigung zur Selbstverbesserung, der ganze Reichtum, der in Literatur steckt und den Hanna, die einfache dumme Hanna, die gern mehr sein möchte, die mehr sein könnte und schließlich auch mehr ist, so magnetisch findet – den versteht der Film sozusagen schon systemisch einfach nicht. Er spricht eine andere Sprache, kann andere Dinge – und so bleibt eins der zentralen Elemente der Erzählung im Film verborgen, unverständlich, Lost in Translation. In einem Buch können wir glauben, dass die Unfähigkeit zu Lesen die größte Strafe ist, als Lesender schluckst du das – in einem Film, in einem per se analphabetischen Medium, begegnen wir der gleichen These unweigerlich mit Unglauben und Skepsis. So wird Der Vorleser zu einem seltsam fehlgeborenen Wesen, dass eher unfreiwillig belustigt, wo es anrühren will, behäbig und grobschlächtig wirkt, wo es moralisch zwiespältig und doppelbödig werden soll. Wie der inhaltlich so andere Watchmen-Film beweist Der Vorleser nur, dass Kino an Literatur scheitert – und sei es nur ein etwas komplexeres Comic oder ein Buch auf Abiklausur-Niveau – wenn diese nicht in sich der Logik des Filmmediums per se bewegt (Handlung, etwas Dialog, Bildbeschreibung), sondern einen eben literarischen Stil hat (wenig Handlung, Introspektion, Metaphorik, Allegorien usw). Unfreiwillig lenkt Der Vorleser als Film also vielleicht zu der Frage, die das Buch direkter stellt: Was mach der Analphabetismus aus dem Menschen? Hanna Schmitz wird durch ihre Abnabelung von der Welt der Literatur zum Tier erniedrigt, zum moralfreien Wesen, zum Kaspar Hauser des Holocaust. Die Verfilmung nun erweist sich als Medium für Nichtleser – ein Film über Analphabetismus für Analphabeten, der zugleich die Frage aufstellt, was aus einer Gesellschaft wird, die immer weniger liest, immer mehr schaut, immer weniger reflektiert, immer mehr konsumiert. Welche Verarmung diese Entwicklung darstellt – und das ist ganz sicher nicht die Absicht dieses Filmes – macht kaum ein Film klarer als ausgerechnet Der Vorleser, ein Film, in dem es ums Lesen geht und der das Lesen nicht verstanden hat.
18. März 2009 11:00 Uhr. Kategorie Film. Tag Drama. 16 Antworten.
flott geschrieben. eleganten plot gefunden… – dennoch: an deinem punkt des ‘lost in translation’ nehme ich eine andere abzweigung. buch und film sind reich an ebenen, aber es sind, so scheint es mir aus der distanz des lang gelesenen, eben nicht immer und ganz die selben und das ist gut so.
so schlich sich mir in den film das schoene moment der ‘entzeitlichung’ – wenn man das mal so sagen darf – ein. geliebter und geliebte altern nicht – hier taeuschen maske und der einspringende ralph fiennes bloss. – die grauen haare, die falten, das andere gesicht sind allenthalben ein kunstgriff, der uns zeigt, wie gleich sie sich geblieben sind, wie gleich sie sich selbst bleiben.
und das nun kann so nur – und wenn ich mich recht erinnere: tut so nur – der film.
wenn sie zum ende ihrer haftstrafe in ruhe und in dem schein einer eigenartigen zufriedenheit und eines beisichseins aus dem leben scheidet, dann doch eben gerade wohl deshalb, weil sie in ihrem leben nicht nichts geleistet hat. – im gegenteil, sie hat – was anderen, wenn nicht in die wiege, dann doch in kindergarten und erste grundschuljahre gelegt wurde – das lesen gelernt.
und so geht sie – dieses mal zufrieden und in frieden – und laesst ihn wiedereinmal zurueck.
auch die zeit ist – gegen alle falten – nicht absolutes, sondern es misst sie jeder fuer sich allein. – und wer glueck hat, misst sie zu zwein.
-
eine schoene neue note, die ich im buch nicht las, im film – gegen alles visuelle und wegen des visuellen – deutlich, deutlich sah.
Gerade mit dem Altern, so schlecht gemacht, hatte ich Probleme. Kate sah in alt bald besser aus als in jung – und das aus Alexandra Maria Lara dann Lena Olin wird, ist der seltsamste Special Effect ALLER ZEITEN.
Den Freitod fand ich so beisichseiend nicht, sondern eher aus der Erkenntnis der Unmöglichkeit einer Freiheit, einer Beziehung, eines Lebens draußen, aber nicht zuletzt auch einem Verstehen von Schuldigkeiten folgend – Hanna hat mit dem Lesen auch die Moral, den gesellschaftlichen Kodex inhaliert – nicht zuletzt auch den deutlichen russischen Kodex aus den Erzählungen von Tchechov (auch eine Sache, die im Film untergeht – welche Bücher Hanna liest, hat natürlich eine Bedeutung, in diesem Fall sogar auf mehreren Ebenen, da ja das Thema der minderen Rasse auch in der Erzählung vorkommt ;-D).
und so gesehen weisst fuer mich der film auch mit einem mehr an poesieauf. – wo das buch in aller absehbarkeit der geschehnisse ein bissel flach anmutet, da man sich als leser zu oft dem lesen um zwei seiten vorauseilend fuehlt, nur um dann tatsaechlich von dem gelesenen wieder eingeholt zu werden… – wo also das buch ‘nur’ in topos bzw topoi zugegebenermassen gewaltig ueberzeugen kann, aber eben etwas ‘literaturhaftes’ – etwas mehr ueber die krimiartige konstruktion einer gedanklich ungeheuer anregenden personenaufstellung hinausgehende – vermissen laesst, da faengt der film – in meinen augen – es wieder ein.
-
ein gramm poesie schadet nie.
sorry, hatte deine antwort nicht gelesen. – mach ich jetz.
:-D
Meinungen können und sollen ja divergieren – aber noch flacher als der Film wäre ein Remake von Dynastie :-D. Aber gut, ich hab ja sogar an Slumdog Millionaire was zu kritteln (aber nur ganz ein bisserl).
:)
hatte, wie gesagt, deine antwort nicht gelesen – und bin mit ihr jetzt – ganz ehrlich – leicht ueberfordert.
so bleiben wir in diesem punkte getrennt. schadet ja nix.
bei slumdog waere ich bei dir.
Slumdog leidet unter dem Oscar-Bonus. Der Film ist super als modernes Märchen, trägt aber de Vorschusslorbeeren (die er in im internationalen Markt vorab nicht hatte) nicht wirklich – ich hatte ernsthaft mit etwas besserem als Benjamin Button gerechnet und das KANN Boyle nicht einlösen :-D.
Das Ding am Vorleser ist, dass das Buch schon nicht wirklich großes Kino ist – und auch nicht die Sorte Stoff, die sich für großes Kino eignet.
na ja. besser als benjamin bluemchen ist slumdog wohl allemal.
die unertraegliche einsamheit des alterns… ein schoenes zitat – ‘klavierspielen lernt man nicht durch ueben sondern durch fuehlen’ – und das war’s. – gaehn…
slumdog mit grippe im konosessel genossen, und da war mir schon der speed zu schnell, die musik zu laut etc etc… – kann aber von der persoenlichen verfassung abstrahieren und dann bleibt noch ne menge gutes. – bis auf…. bis auf…. bis darauf, dass es ja eigentlich vom thema und von allem ein englischer film ganz in der tradition des neuen britischen kinos war. – und da schleimt er sich son bischen klakuliert ein, reitet eine bollywood welle und bedient unsere lust nach diesem speziell exotischen, das wir so einfach garnicht verstehen wuerden, wenn es eben tatsaechlich in indisch authentischen erzaehlstrukturen daher kommen wuerde.
denke, dass dieser – oder ein ganz aehnlicher – vorwurf dem film hauefig gemacht wird. beim ueberfliegen mancher headlines kam es mir so vor.
viel fassade – und irgendwie eben auch – wie du richtig sagst – zu viel oscar-bohei, dass man denkt, gleich schlaegt einem was ganz ungeheuerliches um die ohren – sone ganz unglaubliche mischung aus mama mia und babel vielleicht mit viel neuem und ganz viel unerklaerlichem. – stattdessen: eine story typisch englischer filmromantik wie man sie schon tausendfach gesehen hat. nur diesmal mit chicken massalah serviert statt mit fish n chips.
btw.
hab nie eine bsprechung von dir zu ‘helvetica’ gelesen. – hab ich die verpasst?
was mir in helvetica sehr gefallen hat, war spiekermanns reflektion zur eigenen person. da fuhlte ich – wie soll ichs sagen – doch eine gewisse erleichterung.
man muss halt – wie zb spiekermanns schriften – nicht immer alles verstehen.
es reicht durchaus, dass man etwas nicht mag.
spiekermanns streitbarkeit war mir bekannt – seine umstrittenheit war mir so nicht bewusst.
hahar…
stoeberte gerade in deinen archiven…. – was man halt so macht, freitag abends… – und da sehe ich, dass deine rezension des benjamin button dich zu einem ganz anderen fazit fuehrt, als mich mein halber satz. – naja – in der kuerze schiesst man immer etwas schaerfer….
zu helvetica fand ich nichts.
erhelle mich!
Bruno Ganz in “Der Bunker”? Ahaaa. Ich glaub eher, es ist “Der Untergang” gemeint, was ein “klitzekleiner” Unterschied ist.
:-D
Da (und an den Tippfehlern) merkt man, dass ich die Sachen in einem Rutsch rausschreibe. Ich korrigier’s – danke!
was für eine zeitverschwendung…