
The curious case of Benjamin Button zeigt einen Regisseur, der sich freischwimmt. Bereits in Zodiac bemühte sich David Fincher, einen möglichst wenig nach seiner üblichen Handschrift aussehenden Film zu produzieren, gerade obwohl er dort zum Genre von Sieben zurückkehrte. Button ist zugleich Gegenentwurf zu Zodiac und konsequente Weiterführung der Entpuppung von Fincher. Wo Zodiac ein zutiefst düsteres, ruhiges Drama ist, dessen Geschichte fast kontemplatv ruhig, in erstickten Bildern erzählt wird, ist Benjamin Button der vielleicht am wenigsten nach David Fincher aussehende Film in seiner Karriere – und lässt dennoch in jeder Sekunde den manischen Bildperfektionisten durchblitzen. Button, basierend auf F. Scott Fitzgeralds Kurzgeschichte und von Forrest-Gump-Autor Eric Roth massiv durch die Mangel gedreht und aufgebläht, ist Finchers Pièce de résistance, wiewohl Fight Club sein bester Film ist – es ist der Anti-Fight-Club, wenn auch (etwa in der Szene, in der ein Prediger Benjamin heilt) die zersetzte Ästhetik von Fight Club immer einmal wieder greifbar wird. Fincher, der bisher immer entweder zynisch-morbide Themen anging (Seven, Fight Club, Zodiac, Alien 4) oder relativ straighte Thriller produzierte (Panic Room, The Game) wird hier auf der Basis von Roths sehr an Gump erinnernden Plot zum großen Erzähler – man kann kann fast sagen, Button Button ist Finchers Amélie Poulain, ein Vergleich, den Fincher selbst mit einer erzählerisch massiv bei Jean-Pierre Jeunets 2001er Paris-Epos angelegten Sequenz (dem Taxi, das Daisy anfährt) unterstreicht (wobei Benjamin Button tatsächlich vielleicht sogar noch eher an Un Long Dimanche de Fiancailles erinnert.) So wie auch Jeunet zuvor eher für eine theatralische Ästhetik des Verfalls stand, und in Amélie seinen großen Mainstream-Film gefunden hat, in dem er sich als Romantiker und großer Märchenautor entpuppte, so hat auch Fincher hier einen Film gefunden, in dem er sich als großer klassischer Erzähler präsentieren kann, den er – wie der blinde Uhrmacher zu Beginn – mit ungeheuerer Meisterhaftigkeit Zahnrad um Zahnrad zusammensetzen darf.
Der kuriose Fall des Benjamin Button, der als Greis zur Welt kommt und rückwärts altert, bis er als Säugling stirbt, ist auf den ersten Blick eine wahre Produktionsorgie. Nicht nur hat Fincher mit Brad Pitt den Superstar schlechthin in der Hauptrolle, sondern auch die digitalen Effekte, die zum einen Buttons absurde Alterung steuern und Pitts Gesicht wahlweise auf Kleinwüchsige retuschieren oder so bereinigen, dass er wieder aussieht wie der Surf-Dude aus Thelma und Louise, zum anderen aber auch die jeweiligen Epochen von den 1920ern bis heute glaubhaft zum Leben erwecken, definieren das Projekt als High-End-Kino von fast drei Stunden Format, alles andere als eine Independent-Produktion. Es ist nicht ganz von der Hand zu weisen, dass Fincher vielleicht diesen Mainstream-Epos gemacht hat, um auf der anderen Seite Zodiac machen und finanzieren zu können, beide Filme sind Teil des gleichen Deals mit Warner. Das überraschende ist, mit welcher Energie Fincher sich in den immerhin von dem für eher seichte Middle-of-the-Road-Dramakost bekannten Ron Howard geerbten Film stürzt.
Das Ergebnis ist, unweigerlich, ein Film, der Fincher-Fans verstören muss, etwa so, als würde David Lynch das Remake von Gone With the Wind verfilmen – und dabei keinen Lynch-Film produzieren, sondern tatsächlich dem Stoff gerecht werden und einen Lynch-Film realisieren. Eine Auftragsarbeit also, die tut, was zu tun ist und den Auftrag dennoch transzendiert, ihn sich zu eigen macht und zu etwas neuem formt. Was Fincher hier leistet, ist dem epischen – und mitunter ziemlich tränendrüsenden – Melodrama des Drehbuchs eine passende Bildsprache zu verleihen, detailversessen, filmverliebt, professionell. Das Ergebnis ist ein sich seltsam altmodisch, seltsam europäisch anfühlender Film, der einerseits die Erzählweise des großen Hollywood-Kinos, andererseits die visuelle Mannerismen, die Finchers Oevre prägen, nur eben gewandelt - aus dem Dunkeln ins Licht. Es gab selten, bei all dem Tod, der Trauer, den Stürmen und den Unglücken, einen optimistischeren Fincher-Film. Die Kunst von Benjamin Button ist, eine zutiefst tragische Geschichte zu erzählen, die fast explodiert vor Melancholie, Verlust… und trotzdem eine große, positive, enorme Druckwelle zu erzeugen. Kino ist nicht rationales, sondern emotionales Erzählen – und die Wucht und Treffsicherheit der Bildgefühle hier ist überwältigend. Zugleich beeindruckt die Vielschichtigkeit an Motiven, die immer wieder im Film auftauchen, wie etwa Stürme und Wetter generell, Zeit, Licht, die Gleichheit von Jugend und Alter, die wunderbare Art wie der Film sich zu einem Loop wandelt. Die Treffsicherheit, mit der Fincher die Saiten unseres Gemütes zupft, wenn am Ende die rückwärts laufende Analoguhr durch eine moderne, magielose Digitaluhr ersetzt wird, Symbol der Profanität einer entzauberten Welt, ist so simpel wie bewundernswert, Fincher arbeitet wie ein Maestro mit perfekt gesetzten visuellen Symbolen und dem emotionalen Impact von solchen Designentscheidungen.
Fincher verliert sich dabei nie in den dicht verwobenen Details seiner Geschichte, oder gar des Bedeutungskosmos dahinter, sondern schafft es, am Ende der 166 Minuten Spielzeit einen epischen Bild-Gobelin produziert zu haben, der im vielerlei Hinsicht an die Bücher von John Irving erinnert, makaber, facettiert, trotz einer wahren Schar von Figuren klar fokussiert, lustig, traurig… es gibt fast keine Saite, an der Fincher nicht zupft bei seinem Trip durch das 20. Jahrhundert, das bei diesem Wandteppich den Faden bildet. Buttons erste Fahrt nach New York, die nächtlichblaue Tanzszene von Daisy, die Marlon-Brando-Pose auf dem Motorrad, der Nouvelle-Vague/Alain-Delon-Look im Pariser Krankenhaus oder auf dem Boot… der Film ist, below the line, eine einzige ausgedehnte Verbeugung vor dem Kino des letzten Jahrhunderts. Nur ein Regisseur etwa kann auf die Idee kommen, dass Erinnerungen aussehen wie kratziger alter Film – als sei unser Denken bereits vom Kino geprägt, spiegelt das Filmmaterial das Feeling der Epoche wider, an die man sich erinnert. Etwas sehr berechenbar als gigantische Rückblende angelegt, in der wiederum zahlreiche andere Rückblenden verschiedenster Figuren eingebettet sind, nimmt Fincher tatsächlich die cinematographische Ästhetik der jeweiligen Dekade auf, nicht nur in Farben und Filmmaterialien, sondern auch in dem Setbau, der Mode, der Körpersprache seiner Akteure – und geht damit viel weiter als Forest Gump, der seine Geschichte viel weniger mit einen Gespür für die Möglichkeiten mit einem (post)modernen Publikum erzählt. Fincher weiß, dass er dem Publikum solche ästhetischen Kunstgriffe nicht nur zutrauen kann, sondern hiermit die emotionale Botschaft des Films sogar auflädt, weil er die jeweilige Epoche mit Hilfe der Bildimpulse, die unser kollektives Film-Gedächtnis mit der jeweiligen Periode verknüpft, emotional effektiver wieder auferstehen lassen kann. So muss er niemals groß erklären, dass wir in den sechziger oder achtziger Jahren sind, und selbst kulturelle Referenzen wie ein Beatles-Song im Fernsehen sind fast überflüssig, weil man durch den Film per se, nicht durch die Erzählung, die Schauspieler, sondern durch Licht, Form, Design und Materialität, bereits verlässlich in einer spezifischen Dekade verortet ist. Die Fähigkeit, Film als Designmoment zu begreifen ist nicht neu bei Fincher – alle seine Arbeiten zeichnen sich hierdurch aus, Ästhetik als Eigenwert zu verstehen -, aber im Kontext eines Mainstreamfilmes ist der Effekt atemberaubend. Eine Geschichte, die in anderen Händen ein haarsträubendes Melodrama geworden wäre, gerät bei Fincher zu einer lustvollen Meditation über Zeit und Sterben, Liebe und Alter, Träume und Verlust, zu einem Film über Ankommen und Loslassen, Erreichen und Weggehen. Benjamin Button ist ganz großes Gefühlskino, inklusive Kloß im Hals im letzten Viertel, hundsgemein mit Pathos angereichert und genau in diesem Genre, genau in diesem an sich unerträglichen Brei von Geigen und Gefühlen, ein ausgezeichnet gemachter, ein grandioser Film. Ein Film, so albern das klingen mag, der völlig schamlos großes Hollywood-Kino sein will, der umarmt, was Fincher sonst vermeidet, der jeden emotionalen Knopf drückt, den man nur drücken kann. genau dafür wird Fincher sicherlich eine Menge Kritik einstecken müssen, für den Mangel an Zynismus, für den ungebremsten Optimismus bei aller Trauer, die den Film durchzieht, für den Hunger nach Leben, auch wenn man siebenmal vom Blitz getroffen wurde. Aber eben diese Eigenschaften machen den Film großartig, zumal in Finchers Schaffen, dessen visuelles Flair und talent für perfektes Detail hier eben in der epischen Breite auch absolut überzeugen kann, einen fast antiquiert breitwandigen, nahezu makellos, zeitlosen Film ergibt. Was bei Forrest Gump eben gerade nicht funktioniert, greift hier atemberaubend – The curious case of Benjamin Button ist definitiv ein Jahrhundertfilm, und das nicht nur, weil er ein Jahrhundert Kino auf drei Stunden kondensiert.
30. Januar 2009 10:12 Uhr. Kategorie Film. Tag Drama. 2 Antworten.
ich mochte den film nicht. über die gesamte länge habe ich “forrest gump in schlecht” gedacht. vergleichbare rahmenhandlung mit krankenhauszimmer/parkbank, tod der mutter (fühlt sich willkürlich und gezwungen itegriert an), der kapitän auffällig ähnliche züge wie lieutenant dan aber viel weniger scharf gezeichnet. das gleiche problem mit allen anderen nebendarstellern, für keinen wird sich richtig viel zeit genommen. die konfliktsituation mit dem leiblichen vater und der tod irgendwie überflüssig. die symbole wie der kolibri, billig und aufgesetzt. da fand ich forrest gump aber um längen besser.
[...] und angereicherter Fassung eben der vertrauten Hollywood-Ästhetik, wo der andere Oscar-Favorit Benjamin Button (der rein sachlich betrachtet die Oscars deutlich eher verdient hätte) eher der Abgesang auf das [...]