
Der Nebel ist eine der älteren (und längeren) Kurzgeschichten von Stephen King, aus der Schaffensperiode, als King noch nicht «der» Horrorstar war. Eine nette kleine Story zwischen H.P. Lovecraft und John Carpenter, die King in ähnlicher Form durchaus öfter angeboten hat (z.B. in «Trucks», «The Stand»). Hier ist King noch nicht zum Mythologen erstarrt, der in jeder Geschichte die Arena des Kampes Good-versus-Evil betreten muss, und obwohl es viele King-spezifische Typologien gibt (Alltagsfiguren, Markennennung, Kind als Co-Protagonist), fühlt sich die Story eher nach einer sportiven kleinen apokalyptischen Fingerübung an und ist etwa «The Stand» (vor allem dem unerträglich christlichen zweiten Teil des Buches) in der lakonischen Art der Erzählung durchaus überlegen. Modern wirkte die Novella auch schon bei ihrem Erscheinen nicht, sie ist zu sehr eine Mixtur aus dem SF-Horror der späten Fünfziger Jahre («Them!» usw.) und eben Lovecrafts Gothic Horror – ähnlich wie bei Salem’s Lot besteht der Clou darin, diese Elemente klassischen und modernen Horrors erfolgreich zu fusionieren. Anfang der 80er mochte man damit noch jemanden schocken – als Horror noch deutlich naiver war – heute sicherlich nicht mehr.
Frank Darabonts ist der Go-to-Man, wenn es um King-Adaptionen geht und die Verfilmung tut tatsächlich ihr bestes, das Flair der Geschichte einzufangen. Vom Granulat des grobkörnigen Films über die sehr zeitlos gewählten Fahrzeuge und Kleidung tut The Mist alles, um zeitlich irgendwie unverortbar zu sein. Man erschrickt fast, als David Drayton in einer Szene sein Handy als Taschenlampe benutzt, weil es so ungewohnt modern wirkt. Ansonsten könnte der Film auch gut aus den 70ern oder 80ern sein. Und genau das ist eines der Probleme des Filmes – er wirkt optisch wie inhaltlich altbacken. Kings Story ist inzwischen längt durch einen neuen Härtegrad im Horrorgenre überschrieben und auch die Ästhetik des modernen Horrorfilms, die stark durch die Visuals von Werbung und Musikvideo geprägt ist, lässt The Mist eher grau und farblos wirken. Der Film setzt dabei aber leider zu wenig auf die psychologische Ebene der in einem Supermarkt durch einen unnatürlichen Nebel gefangenen Kleinstadtbürger, sondern geht sehr schnell an das klassische Horrorfilmmotiv der angreifenden Horrorwesen. Es ist fast überraschend, wie schnell der Film die doch eigentlich spannende Unsicherheit aufgibt und klar macht, das Drayton – der von Punisher-Darsteller Thomas Jane klar an den frühen Bruce Willis in Die Hard angelegt ist, Durchschnittsbürger, der in einer Ausnahmesituation über sich hinauswächst und zum All American Hero mutiert – im Recht ist und alle anderen eben nicht. Und wenn man auf die Cthullu-Mythos-inspirierten Monsterwesen setzt, sollten die eben auch wirklich gut sein. Sind sie aber leider nicht. CGI, es tut mir leid, macht einfach keine Angst. Einzig die Szene, in der aus einem Militärpolizisten Baby-Monsterinsekten schlüpfen, visuell ganz eindeutig an Phase IV angelehnt, ist unter dem Horroraspekt gelungen, der Rest ist einfach ödes 3D-Videospiel-Feeling. King lässt die meisten seiner Viecher einfach im Unklaren und die Andeutung ist schlimmer als das wirkliche Sehen – Darabont zeigt ein paar Spinnen, ein paar Insekten, ein paar Tentakel und ganz am Ende ein Monster, das spontan aus dem Jurassic Park marschiert zu sein scheint. Das macht nicht gerade Gänsehaut, zumal die Effekte echt auf einem Frühneunziger-Niveau daherkommen.
Der Plot der Kurzgeschichte wird glatt und gekonnt und einigermaßen an der Vorlage herabgespult und die schauspielerischen Leistungen sind so gut, wie man es bei der eben doch etwas platten Geschichten erwarten darf. King pinselt seine Figuren mit groben Borsten und so hat man halt einen dummen Redneck-Hinterwäldler dabei, die durchgeknallte religiöse Irre, den strahlenden Helden, das angsterfüllte Kind, die alte Lehrerin, die morgens Näel frühstückt, den Panikmann blablablabla… und so weiter. Es ist nicht gerade so, dass da große Überraschungen zu erwarten sind, die Figuren sind überraschungs- und bruchfrei berechenbar, und wenn der ohnehin nervende Macho-Dorftrottel ruckizucki zum überzeugtesten Bibelfreak mutiert, ist das schon fast beleidigend linear. Die Figuren sind dem Zuschauer niemals nah genug, um eine emotioanel Verbindung aufzubauen, ihre Handlungen und ihr Tod sind gänzlich egal. Vielleicht auch, weil sie immer wie ausgestanzt wirken, aus der Schreibfabrik stereotyper Charaktere.
Die einzige echte Überraschung liefert der Film am Ende, wo sich Darabont plötzlich von der Vorlage trennt. Im der Story überlebt unsere kleine Handvoll Helden, flüchtet durch den Nebel und hört plötzlich im Radio die Stimmen anderer Überlebender. Ende. Ein bittersüßes Hitchcock-HappyEnd, bei dem die an sich auswegslose Situation eigentlich fortbesteht und der weitere Fortgang ungewiss ist, das Publikum aber trotzdem ein gewisses Dénouement mitnimmt.
Aber Darabont schreibt das Ende komplett um, und kommt zu seinem eigenen bittersweet finale, aber eines, das den Film völlig entwertet. Ob man es mag oder nicht, The Mist ist der klassische Heroen-Film und Drayton ist von der ersten Sekunde an der glasklare Held des ganzen, der nicht untätig rumsitzt, nicht religiösem Wahn verfällt und trotz seiner eigenen Angst versucht, für sich und seinen Sohn das richtige zu tun. Er hat genau so viel Angst wie alle anderen, aber er gibt … nicht… auf.
Am Ende des Films aber, nachdem er etwas stupide mit seinem Jeep und fünf Überlebenden durch den Nebel düst (wohlgemerkt, ohne dabei jemals angegriffen zu werden, aber leider auch ohne auf die ja doch etwas naheliegende Idee zu kommen, sich mal irgendwo Benzin zu besorgen, was ja nun nicht unmöglich sein sollte), geht Drayton und seiner Crew der Sprit aus. Und so, mit dem Verlust von Rohöl, geht die Zivilisation unter. Drayton, der zuvor selbst im Angesicht der Monster nicht aufgab, bringt seine mit den verbliebenen vier Kugeln seiner Waffe seine Begleiter, einschließlich seines eigenen Sohns, um. Als er halb wahnsinnig aus dem Wagen steigt, um sich dem sicheren Tod durch die Monster zu stellen, stellt er dann nur leider fest, dass der Nebel sich genau jetzt verzieht (das ist Timing, eh?) und die Soldaten mit Feuerwerfern und Panzern die bösen Monster vertreiben.
Und sorry, so makaber so ein Ende ja ist, so dumm ist es auch. Wenn der Held seine eigene Gang umbringt und andererseits die religiösen Irren im Supermarkt wahrscheinlich überleben (plus minus ein oder zwei Blutopfer), wenn also Drayton von vornherein immer im Unrecht war… dann geht das einfach gegen die Regeln des Genres, in dem sich der Film aber bis auf die letzten 5 Minuten ermüdend bewegt. Der David Drayton , den wir 120 Minuten begleiten, würde nie – nie im Leben – seinen eigenen Sohn erschießen. Die vier Kugeln in der Waffe wären in irgendwelchen Monstern gelandet, nie woanders. Es gibt so viel Auswege aus dieser Situation, die Hinrichtung wäre einfach nie notwendig gewesen. Das ist einfach dumm. Und es passt nicht als Ende an den eigenen Film. Im Verlauf des Filmes bringen sich zwei Soldaten um und kommen als miese Feiglinge rüber – und am Ende ist das dann doch plötzlich der beste Ausweg? Das wäre doch auch in den ersten 30 Minuten schon gegangen, im Supermarkt war doch sicher genug Munition für alle.
Dazu kommt, dass ein Clou der Geschichte eben ist, und das betont King selbst, dass es eben keine Story ist, wo alles am Ende ein böser Traum war oder wo – ganz im Sinne der 50s-Horrorfilme das gute alte Militär für Ordnung sorgt. Nur im Film sorgt das Militär für Ordnung und am Ende war alles nur ein böser Traum. Und unser Held hat ganz ohne Grund vier Menschen umgebracht, darunter seinen eigenen Sohn. In einem an sich mutigeren Film wäre das Ende okay gewesen, eine schöne düstere EC-Comic-Moritat… aber in einem so kreuzbraven Heldenfilmchen? Geht nicht. Das eigentliche Ende der Story ist schon ein Kompromiss – das kleine Happy End im großen Desaster -, aber der Film dreht diese Logik um – kein Happy-End, aber auch kein Weltuntergang mehr. Und so haben Militär und religiöse Fundamentalisten eben RECHT. Sitz einfach still in der Ecke und warte auf Gott und Regierung and everything will be allright. Ja, wie schön. Her mit den Menschenopfern, bitte.
21. Januar 2008 16:47 Uhr. Kategorie Film. 4 Antworten.
oh, das hört sich übel an. der nebel war eine der ersten kurzgeschichten, die ich von king gelesen habe und habe sie immer gut gefunden. dass sie jetzt durch solch ein peinliches ende auf ihre alten tage völlig demontiert wird hat sie wirklich nicht verdient. aber bis auf die untypische und “eher einfach” zu verfilmende story the green mile, habe ich ich bisher auch noch keine befriedigende verfilmung gesehen.
Wobei The Green Mile ein geradezu unerträglich schlechtes Buch war, eines der absolut letzten King-Dinger, dass ich überhaupt gelesen habe und Manifest seiner seltsamen christlichen Anwandlungen. Nahezu jedes King-Buch seit Es und The Stand beschäftigt sich mit der Welt en miniatur als einer Art Arena für den Kampf von Gott und Teufel. Das ist einmal erträglich, in Wiederholung die Pest und als Motiv für einen Horrorautor einfach zu gutbürgerlich. King ist ohnehin so ein Ding, dass man mit 16-18 lesen kann (The Shining ist nach wie vor ein solides Buch, Pet Semetary neben dem Sachbuch Danse Macabre immer noch sein bestes), aber dann geht die Reise – ob in der Genreliteratur oder eben auch darüber hinaus – eben weiter. Der Mann ist der Konsalik des Horrors und obwohl er so Ende der Siebziger als hungriger gefrusteteter Lehrer wirklich exzellente kurze Sachen geschrieben hat, in denen einzelne Zeilen hervorlodern, ist sein später Output ein Trauerspiel. Wie bei so vielen Rockstars ;-D
ja, ich erinnere mich noch gut an die zeit, in der einzelne textzeilen bei brosis hervorloderten =D
Ich mag King nach wie vor recht gerne und als Horrorautor sehe ich ihn schon lange nicht mehr. Ich mag die in den meisten Geschichten verwobene Überstory mit Parallelwelt und pipapo. Wenn ich mich vollkommen einer schönen Sprache hingeben will lese ich selbstredend etwas anderes.