
Wolfgang Murnbergers Knochenmann ist der dritte Film in der auf den Romanen von Wolfgang Haas basierenden Simon-Brenner-Reihe. Das Drehbuch weicht deutlich vom Roman ab, ist aber von Haas – und Hauptdarsteller Hader – selbst verfasst, so dass man hier wohl tatsächlich von einer adaptierenden Absicht sprechen darf, die dem Film auch insgesamt schlüssig und schnell macht und den Zuschauer zusammen mit dem Ex-Polizisten und glücklosen Privatdetektiv sofort ins Geschehen wirft. Brenner, als Repo-Man wider Willen damit beschäftigt, Autos aus unbezahlten Leasingverträgen für seinem Freund, Möchtegern-Womanizer und (inzwischen) Arbeitgeber Berti zurückzuführen. Der berühmte letzte Job führt ihn ins Grenzgebiet zur Slovakei, wo er den gelben Beetle von einem Herrn Horvarth zurückführen soll, der aber nicht auffindbar ist und ominös verschwunden scheint. Brenner gerät unversehens in einen absurden Erpressungsfall, zahlreiche Morde, verliebt sich, lernt Schlittschuhfahren, isst Menschenfleisch, hat Sex, verliert einen Finger und muss lernen, dass das Landleben nix für ihn ist.
Haas, Murnberger und Hader schleppen einen typisch verknautschen österreichischen down-on-his-luck-Marlowe-Typus aus dem staubigen Los Angeles in die Kitschidylle der österreichischen Berge, wo sich schell herausstellt, dass von Idylle keine Rede sein kann. Schon die weitwinkeligen, immer leicht schrägen Kameraeinstellungen, die grässliche Landdisko, der Porsche des Juniorchefs vom Gasthof Löschenkohl, wo Brenner unterkommt, und natürlich der ungut jede Nacht durchhämmernde Knochenzermahler in der Fleischerei im Keller vom Löschenkohl machen klar, dass hier der bizarre Kleingangster-Flair von Joel und Ethan Coem und die Groteske von Kottan ermittelt zusammenkommen. Die durchaus nicht dumm gestrickte Ganoverei um Löschenkoh-Senior ist trotz der vielen Nebenfiguren gut durchdringbare und läuft auf soliden Schienen auf ihre surreale Climax zu, ein grandioses Kostümfest mit Opus- und Spider-Murphy-Gang-Klassiker, garniert mit ausblutenden Hasen und Menschen. Murnberger garniert den bitterschwarzen Kriminalfall mit derben Zoten, lässigem Österreicher Schmäh («Geh Scheißen!») und einer zarten Love-Amongst-the-Ruinied-Romanze, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist und für Brenner in bester Donald-Duck-Manier nur in einer weiteren süßsauren Halb-Niederlage endet. Zugleich, und das ist Leistung des Films, ist «Der Knochenmann» eine Charakterstudie, die Josef Bierbiechler abgibt, mit weichen Untertönen und mit starrer Miene. In vielerlei Hinsicht ist sein Totmacher die liebevollste, sanfteste Figur des Films, mit den besten Absichten, nur zu immer abscheulicheren Taten gezwungen, die mit der Konsequenz von Dominosteinen fallen, und sein Gesicht immer stumpfer, leerer wird. Wo seine Gegenspieler aus Bratislava oft nur Karikatur sind, gefährliche Testosteron-Narren, ist Löschenkohl Senior eine virile Bedrohung, eine greifbare Gefahr, weil er aus Liebe handelt, und (natürlich) tragisch daran scheitert. In einem Film, der souverän und entspannt abstruse Komik, unterschwellige Brutalität und wunderbare Charaktermomente nebeneinander zu stellen vermag, der aus einem vorhersehbaren und in jedem anderen Film wahrscheinlich endlos platten Transsexuellen-Plotmoment eine zugleich bizarr-witzige und doch wirklich rührende Wendung zu melken versteht, kann keiner mit seiner Liebe und des anderen Gleichgültigkeit und Angst so richtig umgehen, trotz zahlreicher fast sanfter Momente, die aber seltene Ausnahmen in einem Meer fehlschlagender Kommunikationen sind. So wie eine Reihe von Mißverständnissen zu mehreren Morden führt, sind es eben auch kleine Mißverständnisse, Ängste, die Beziehungen unmöglich machen – es ist kein Zufall, dass Bierbichler die von Madita gespielte slovakische Prositutierte und ihr Auto mit einem fast koitalen Akt in den gefrorenen See schiebt, kein Zufall, dass sich der Sextourismus-Puff ebenso wie der Maskenball ebenso wie der Sex zwischen Brenner und seiner Birgit stets um die Dysfunktion von Liebe und Sexualität drehen. Wie das Löschenkohl-Monstrum mischen auch Haas und Murnberger die verschiedensten Elemente und Genrezutaten durch den Mixer, Horror, Krimi, Heimatfilm, Romanze, Drama, Groteske und die Mixtur führt zu einem Ergebnis, dass auf jeden Fall absolut unbedingt sehenswert ist, weil hinter der Kulisse des Alpenhorrors ein sehr relevanter Film über die Liebe in all ihren Facetten und Unmöglichkeiten lauert.
7. März 2009 18:34 Uhr. Kategorie Film. Tag Crime, Drama. Keine Antwort.