
Manchmal frage ich mich, warum Stardarsteller bestimmte Stoffe so faszinieren,wenn sie im Regiestuhl Platz nehmen. George Clooney hat mit Confessions of a Dangerous Mind und Good Night and Good Luck zweimal die mediale Historie von Amerika aufgegriffen, und auch Robert de Niros zweite Regiearbeit arbeitet ein Kapitel der Geschichte der USA auf. Und wie bei Clooney gelingt de Niro ein ruhiger, wohltuend unkommerzieller Film, der zeigt, dass hervorragende Darsteller eben auch hinter der Kamera ihre Kollegen zu Höchstleistungen führen können. Vielleicht hilft, dass deNiro vor der Kamera mit den besten Regisseuren seiner Generation zusammengearbeitet hat und auf die Erfahrung von Leuten wie Scorsese oder Coppola bauen kann.
Die auf mehreren Zeitebenen simultan erzählte komplexe Story dreht sich um Edward Wilson, der ausgehend von den Verbindungen seiner Skulls & Bones-Elitestudentengruppe erst den OSS im zweiten Weltkrieg und später die CIA mitbegründet. Wir folgen diesem Großinquisitor der Gegenspionage durch die Jahre des zweiten Weltkriegs bis zum Kalten Krieg und zur Invasion der Schweinbucht in den frühen Sechzigern der Kennedy-Ära. Vor diesem Hintergrund erzählt DeNiro die Geschichte eines introvertierten Lyrikers, der nach und nach zum kalten einsamen Geheimdienstbeamten wird, zum Paranoiker ohne Familie und ohne Freunde. Der seinem Vaterland alles opfert, seine Ehe, seine Gefühle und schließlich auch seinen Sohn. The Good Shepherd erzählt diese Tragödie des Einzelnen in der Maschinerie des Cold War in behutsamen, leisen Bildern, die – wie die von Matt Damon reduziert gegebene Hauptfigur – kaum etwas preisgeben. Die Bedeutung, die Wucht der Ereignisse entfaltet ihre Wirkung als schleichendes Gift, ohne offenbare Dramatik, in Gesten, in Symbolen, in Assoziationen.
Robert DeNiro vertraut auf seine bis ins letzte Glied überwältigend besetzte Crew, die durch die Bank kontrolliert und reduziert spielt, und in deren Pokerface-Agentengesichtern Emotion nur selten, dafür aber um so heftiger durchbricht. Kleine Details erzählen persönliche Tragödien, während wir durch die Jahrzehnte reisen – eine gigantische Narbe an Alec Baldwins Hals, die Art wie Angelina Jolie sich beim Gehen an Stühlen festhält, die Körperhaltung von Damon. Der Film erklärt wenig, drängt nichts auf, der Zuschauer muss selbst hinschauen und entdecken, mitarbeiten, mitdenken. Insofern ist Shepherd auch ein Film, der bei oberflächlichem Betrachten vielleicht langweilig wirken kann, zumal die historischen Hintergründe als gegeben vorausgesetzt, nie erläutert werden. Wer sich also mit der Geschichte der USA und dem russisch-amerikanischen Kalten Krieg der Sechziger nicht auskennt, wird einiges verpassen und einiges vielleicht nicht verstehen, weil DeNiro keine Fußnoten liefert. Dass die CIA bei der Schweinebuchtinvasion mit der Mafia zusammenarbeiteten, wird nur angerissen und wer den Background nicht kennt, ist mit der Szene zwischen Wilson und dem Mafiosi allein gelassen, versteht nicht, dass Wilson hier ein weiteren moralischen Grundpfeiler verliert.
DeNiro gelingt so ein kammerspielartiger, leiser, langsamer, emotional druckvoller Film, dessen Kameraarbeit (von Richard Richardson) eine ungeheure subtile Wucht entfaltet. Es ist das Psychogramm eines Mannes – und anhand von Wilson auch seiner Generation der Kalten Krieger – dessen langsamer Abstieg in seine persönliche Hölle durch das stets regungslose Pokerface des ewigen Bubigesicht Damon umso kraftvoller wirkt. Shepherd ist ein Meisterwerk des Understatement, des dezenten Acting, der Film will ebenso decodiert werden wie eine Geheimbotschaft. Ich habe selten so einen europäisch leisen US-Film gesehen, der mit so wenig Mitteln so viel erreicht. Die einzig wirklich laute Stelle – das übertrieben metaphorische Brautkleid im Wind – stört hier zunächst fast, weil die Regie sich eine offensichtliche cinematographiche Poesie erlaubt und kurz die absolute Zurückhaltung aufgibt. Was die ganze Szene aber im Kontext nur umso effizienter macht. Ebenso wuchtig bricht die gewaltsame Folter des russischen Überläufers Mironov in die Ruhe des Filmes, eine herausragende Szene, deren wahre Kraft darin liegt, dass Wilson und wir WISSEN, wer hier der wahre Mironov und wer der Betrüger ist und dass Wison nur deshalb dem falschen Mironov glaubt, weil er sich mit ihm angefreundet hat und Angst hat, noch einen Halt einer Menschlichkeit zu verlieren. Und wir deshalb wissen,w as es für ihn bedeutet, wenn er den falschen Mironov später doch noch enttarnt.
Die Verwendung von Symbolik und Metaphern ist in Shepherd so klug und dezent eingesetzt, dass man den Film wahrscheinlich zweimal sehen muss, um bestimmte Motive zu verstehen. In literarischer Hochform transzendiert DeNiros Geschichte sich selbst, liefert einen vielschichtigen Plot, der nachdenklich macht und neugierig auf die neuere Geschichte der Vereinigten Staaten. Es ist kein CIA-Skandalfilm, aber ein Film über die menschliche Deformation im Amt. «Am Ende sind wir alle Angestellte», sagt DeNiro als von seiner Diabetes quälend langsam aufgefressener General Bill Sullivan an einer Stelle des Films, und das finale Bild von Wilson ist genau dies… ein Angestellter, Essenz des seelenlosen kafkaesquen Beamten, dem am Ende einerseits die Kraft fehlt, die Träume, die sein Vater für ihn hatte, wirklich zu leben, aber andererseits eben auch die Kraft, am Ende wie sein Vater einen Schlußstrich zu ziehen und Selbstmord zu begehen, der einfach weitermacht, weil es keine Alternative mehr für ihn gibt. Nach Vier Minuten ist es eine Wohltat, so viel emotionalen Impact so dezent und so entspannt präsentiert zu bekommen, ohne falsche Emotionalität, ohne störendes Pseudo-Drama. DeNiro entfaltet seine Geschichte via Vakuum, über das Nichtgezeigte, daß Ungesagte, die Pause. Er schafft einen Film, der zugleich eine große Erzählung amerikanischer Paranoia und Historie ist und doch einen engen Fokus auf die endlose seelische Korruption des Einzelnen setzt. Ein grauer Winterfilm, grobkörnig und depressiv, ohne Wärme oder Hoffnung – und einer der besten Filme dieses Jahres bisher.
17. Februar 2007 16:04 Uhr. Kategorie Film. 11 Antworten.
Jetzt hab ich extra nur die letzte Zeile gelesen, weil ich den Film selber noch sehen will :)
Und ich nur den ersten Absatz… ;-)
LOL. Komm, Simone… du liest IMMER nur den ersten Absatz :-D.
Ganz nebenbei, ein wirklich schönes Original-Plakat. Sehr mutige Aufteilung, die im Stadtbild so gar nicht funktionieren würde. Mehr Buchcover als Plakat, aber wunderbar. Mit einer horizontalen Teilung hat man mich ja immer schon zu 50% an der Angel :-D
Auch ein Film, den ich noch sehen möchte, aber in den vergangenen Tagen war ein normaler Kinobetrieb hier in Berlin ja nicht möglich und auf den Berlinalestreß hatte ich keinen Bock.
@HD: wie meine Mutter immer sagt: Kind, Du bist zu ehrlich… Stimmt HD ;-)
Was heißt bitte LOL, außer Lots of Love, was in diesem Zusammenhang gar keinen Sinn macht??
Laughing Out Loud.
Im Englischen würde man aber sagen: “For crying out loud” – ich bin sicher Mom kann das bestätigen. Also muss es heissen: FCOL
http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Abk%C3%BCrzungen_%28Netzjargon%29#L
Hd, die Übersetzung von Laughing out Loud kenne ich wohl schon – ich sprach von der Nutzung im Zusammenhang… Hope you’re laughing at me, not about me ;-) Obwohl, egal – wenn ich jemanden zum Lachen bringen kann – ist ja positiv.
Danke für diese hervorragende Kritik. Ich sehe vieles ähnlich, aber dieser Text gibt noch mal neue Anregungen.
http://www.lutzsindermann.de/blog/?p=215