
Eins ist ohne Frage: Die Hände von Angelina Jolie haben einen Oscar verdient. Fast animalisch knochig, langgestreckt, auf die pure Askese reduziert, spielt Jolie mit ihren Händen nonverbal vielleicht beeindruckender als sie es bewusst, mit Worten, könnte – jede Geste wird von diesen Händen dramatisch überspitzt, hypertrophiert. Selbst mit den pulsierenden Adern hinter ihren Augenlidern kann Jolie große Gefühle kommunizieren. Nahezu erschreckend dünn geworden, ermöglicht ihr das schiere Melodrama ihres wie ausgemergelt wirkenden Körper seine ansonsten oft zurückhaltende Spielweise, ganz im Gegenteil – in den Momenten, wo die Darstellerin auch noch große Gesten zeigt, überspielt sie ihre Rolle. Die schiere Physis von Angelina Jolie bringt das ganze Elend einer Mutter, der ein fremdes Kind von der Polizei untergeschoben wird, zutage. Hier ist ein weiter Weg von der Power-Figur der Lara Croft und selbst der comichaft überzeichneten coolen Frauenklischee aus Wanted zu der fragilen und trotzdem starken, fast sturen Figur der Christine Collins.
Es ist insofern eine Glanzleistung von Regisseur Clint Eastwood, trotz des Starkults um Pitt und Jolie, der nur allzu leicht eine historische, auf den Tatsachen des Falles der Wineville Chicken Murders basierende Protagonistin hätte überstrahlen können, auf Angelina Jolie zu setzen. Eastwoods Regie und Jolies Underacting verleihen dem Plot des TV- und Comicautors J. Michael Straczynski eine Würde, die in anderen Händen vielleicht schnell verloren gegangen wäre – denn die Handlung an sich würde sich in schlechteren Händen sicher auch gut für einen schlechten TV-Movie eignen. Die Handlung, obwohl eng an den historischen Kontext gebunden, verläuft relativ linear in den klassischen Mutter-verliert-Kind / Serialkiller-Handlungsbahnen. Einzig herausragendes Element ist der Themenkomplex der Polizeiwillkür, der ein wenig an die Idee hinter Gangs of New York erinnert – das amerikanische Establishment ist aus Verbrecherclans hervorgegangen -, zum anderen stark die Tonalität von James Ellroys Büchern erinnert. Über die teilweise berechenbare Eskalation der Handlung und einige verquaste unlogische Elemente der Handlung kommt man also ohnehin schon nur über das Konstrukt «based on a true story» hinweg, das die arg passenden Zufälle verschleiert – ohne eine kraftvolle Regie allerdings wäre dieser Stoff verloren gewesen. Es fehlt an Subtextualität, es fehlt an Bedeutung, Straczynski erzählt präzise – und mitunter zu lang – seine Geschichte, reiht die Dominosteine auf und lässt sie fallen, aber im Grunde hat man nie das Gefühl, es ginge um mehr, als um das eben offensichtliche. Das ist – verglichen etwa mit Revolutionary Road – für einen Autorenfilm erschreckend wenig, zumal wenn er als Ausstattungsfilm in der Vergangenheit spielt, wo immer die Gefahr droht, das hinter den berauschenden Epochebildern alter Autos und leerer Straßen wenig Inhalt wartet.
Eastwood kontert die allzu leicht digital herbeizitierbare Magie der Vergangenheit geschickt durch crossentwickelte, harte Farben mit Grün- und Blaustich, die sich eher nach den neunziger Jahren als nach den Zwanzigern anfühlen, ein seltsam moderner Anachronismus, weit entfernt von den ausgebluteten Pastellfarben, die man vielleicht erwarten würde. Auch die brutalen Kontraste – gleißendes, grelles Licht im Freien, die harsche Sonne des Wilden Westens, gegenüber den düsteren Innenräumen einer Zeit, in der elektrisches Licht noch nicht so alltäglich und hell war wie heute. Die Ästhetik von The Changeling schafft eine fast übernatürliche Atmosphäre, eine brillante Klarheit, die oft an die Spaghettiwestern erinnert, mit denen Eastwood seine Karriere begann. In dieser Welt ist es Collins/Jolie, die wie ein Cowboy in die fremde Stadt reitet, wie eine Hitchcock-Figur unvermittelt und unverdient in Gefahr gerät, der der Alltag entrissen wird. Je stärker der Widerstand, je unverlässlicher das offizielle Gesetz, dem sich Collins so kafkaesk entgegengestellt sieht, desto kräftiger und entschlossener wird die zierliche Frau, so scheint es.
So ist es vielleicht kein Zufall, dass Eastwood ihr nach dem Aufenthalt im Irrenheim eine Art grünen Charleston-Hut aufsetzt, der nicht mehr weich und wie eine Art mütterlicher Kaffeewärmer aussieht, sondern rigider wirkt, bis über die Augen ragend, ein grüner Sturmtruppen-Helm, unter dem stählern die in der E6-Entwicklung strahlendblauen Augen von Jolie aus dem schwarzen Mascara hervorblitzen. Zusammen mit dem Reverend Gustav Briegleb (etwas lustlos von John Malkovitch gespielt) – dessen Motivation im Film nie ganz klar wird – kämpft sie wie im Stile einer Roaring-Twenties-Jeanne-D’arc einen Krieg gegen die korrupten Polizisten ebenso wie gegen den Serientäter… so suggeriert es zumindest der Zusammenschnitt von Anhörung gegen die Polizeikorruption und Verhandlung gegen Gordon Northcott. Erst in der – etwas zu lang geratenem – Coda der Geschichte vermenschlicht Jolie wieder, geht ins Kino, hat eine andere Frisur, ein Date, ein Leben, eine Karriere. Es scheint, so suggeriert das Drehbuch, als sei sie an der Erfahrung insgesamt gereift und gewachsen. Bad things = good memories. Und mit ihr, so die Botschaft, heilt auch die korrupte Rechtssprechung in Los Angeles, symbolisch vielleicht die ganze Nation. Ebenso wichtig wie der ausgiebig zelebrierte Hinrichtungsmythos an Northcott, der ein wenig an die ausgedehnte Todeszehne in Hitchcocks Torn Curtain erinnert, ist die Selbstheilungskraft des Systems, das durch mutige Außenseiter zur Genese gebracht werden kann und insofern in toto funktioniert, auch wenn es sich einmal übermütig vergallopiert.Das grundsätzliche judikative und exekutive System wird aber hier nicht in Frage gestellt, im Gegenteil es repariert sich autonom – durch zwei Bauernopfer, der Film verschweigt die Tatsache, dass beide Polizisten später wieder in den Dienst zurückkehrten. Das lange Ende des Films lässt sich nur so deuten – als Geschichte, die sich weniger um den Slasher-Aspekt des Filmes kümmertals vielmehr um die Frage, inwieweit ein korrumpiertes System Antiviren entwickeln kann. Im System des pathologischen Rechtssystems von Los Angeles wird Christine Collins so zum One-Woman-Antikörper, der ganz im Stile alter Frank-Capra-Filme das gesamte System kurieren kann. Ein Schelm, wer da nicht an Guantanamo Bay denkt – das nur zu deutlich in den Folterszenen der Nervenheilanstalt zitiert wird. Oder ist es nur das Erbe der Bush-Jahre, das man unweigerlich selbst bei historisch inspirierten Filmen an das Amerika der letzten Jahre denken muss? Wie dem auch sei, als Parabel über das amerikanische Rechtsverständnis, den Antagonismus von Individuum und Kollektiv (in dem, ideologisch im Hollywood-Kino gar nicht anders denkbar, immer das Individuum den langfristigen Sieg erringen muß), der eigenen Abkehr von falschen Autoritätsfiguren, funktioniert der Film streckenweise einwandfrei – auch wenn er daran strauchelt, Collins’ Weggefährten allzu positiv darzustellen. Der Reverend Briegleb und der Anwalt (der stets ohnehin präsidial wirkende Goeff Pierson) kriegen keine tieferen, dreidimensionalen Motive verpasst – Selbstdarstellertum, Mediengier, was auch immer - sondern werden zu positiven Vertretern des Systems gemünzt, das insofern nicht zu verwerfen ist. Es ist dieser Optimismus, der den Film vielleicht schwächt. Changeling versucht nur ansatzweise, die kafkaeske Willkürbeziehung zwischen Staat und Bürger zu portraitieren, und bemüht viel sich zu sehr die vertraute Geschichte von Woman-vs-System à la Erin Brockovitch noch einmal zu iterieren, und so verpasst Eastwood alles in allem die Chance, einen deutlich düsteren und intensiveren Film zu produzieren und rauscht statt dessen so schnell von Station zu Station der Handlung, dass nur wenig Platz für wirkliche Empathie bleibt, selbst die traumatische Inhaftierung in ein Irrenheim schießt förmlich vorbei, eine Art Einer flog übers Kuckucksnest im Westentaschenformat. So richtig emotional möchte einen, trotz der epischen Länge, trotz de knochigen Hände, trotz der pulsenden Augenlider, dabei nicht immer alles wirklich berühren. Die Szenen, in denen Eastwood sich Zeit nimmt, funktionieren perfekt – etwa Northcotts Hinrichtung – andere sind handwerklich makellos umgesetzt und arbeiten gegen das allzu Offensichtliche bemüht an, kommen aber selten bei einem echten intensiven Gefühl an.
29. Januar 2009 14:24 Uhr. Kategorie Film. Tag Drama. 6 Antworten.
Hab nirgends ein Kino gefunden, das Changeling zeigt…
Wo denn?
Cinemaxx?
Holla, ich wußte nicht, dass man den Film hier in “Der Fremde Sohn” umgetauft hat, und suche die ganze Zeit nach “Changeling”… °-°
Nein, großartige Übersetzungsleistung :-D. Es KLINGT so schon nach Sat1
ich will auch mal wieder ins kino… mannometerpopeter
[...] Changeling präsentiert Clint Eastwood erneut einen Film der sich – wenn auch auf völlig andere Art – mit [...]