Der von mir absolut geliebte Rick Poynor ist seit langem an der Definition des Designers als Autor (nicht Auteur) interessiert. Und es ist tatsächlich die beste Definition der Arbeit. Ich glaube nicht an den Designer als freien Künstler. Wiewohl Kunst mit den Mitteln des Designs machbar ist, ist Design per se die Erstellung eines Gebrauchsgegenstandes, der seinen eigenen Zweck hat und dem du die entsprechenden Mittel zu geben hast. Selbst beim abgefahrensten CD-Artwork geht es noch um einen Konsumartikel. Du löst nicht deine eigenen Probleme, sondern die von anderen. Zugleich glaube ich – was beim letzten Satz zu naheliegt – nicht an den Designer als Dienstleister. Ein Designer ist kein Pizzabäcker. Design ist keine kausale Einbahnstraße mit Problem > Lösung. Im Grunde löst Design auch gar keine Probleme. Das ist ein viel zu lineares Denken, ein Marketingdenken, und nichts ist Design im Herzen ferner als klassisches Marketing. Marketing setzt Design als Verpackungs-Werkzeug strategisch am Ende einer davon losgelösten Entstehungkette ein, während es idealerweise am Anfang mit eingeklinkt wird.
Als Designer bist du Autor. Nicht nur im übertragenen Sinne, den Poynor meint, sondern auch viel greifbarer: Du «schreibst» verschiedene Texte, mal Belletristik, mal journalistisch, mal Essay. Mal Shortstoy, mal Wälzer. Was man eben gut kann. Wie ein echter Autor bist du oft der eigenen Arbeit hilflos gegenüber, verlangen Stoffe und Charaktere Dinge von dir, die du anfangs so gar nicht geplant hast. Ein Cover oder ein Plakat läßt sich nicht alles vom Designer gefallen, es muß eben «in
character» bleiben, es sagt dir schon sehr klar, was du machen sollst und besser läßt. Wie ein Autor bist du geplagt von der Unzufriedenheit mit den eigenen Mitteln und Möglichkeiten. Es gibt auch zahlreiche Regeln für gutes und für eher schlechtes Schreiben, von den simplen Rechtschreibregeln bis hin zu den feinen Details in Sachen Metaphorik und Stil. Wie ein Autor ist man sensibel und schnell persönlich berührt, wenn deine Protagonisten oder dein Plot angegriffen werden. Ein kleines Detail ändern zu müssen, kann die ganze Story ruinieren, weil für dich als Autor die Welt, die du schreibst eben aus lauter solchen Details besteht. Das ist manchmal unmöglich schwer zu komminzieren, wie ein solcher Kleinstbaustein das große Ganze ruinieren kann, aber man stelle sich nur mal vor, James Bond trüge pinke Socken. William Goldman («Which Lie did I tell») kann ein Lied davon singen, wie ein schlüssiges Drehbuch von solchen Petitessen zerschossen werden kann.
Was Poynor meint, ist, daß man als Designer, wie ein Autor oder ein Künstler, eine Schöpfungshöhe hat. Man kreiiert etwas – und ist dafür verantwortlich, sich selbst und der Welt gegenüber. Authorship ist eben nicht eine Dienstleistung, sondern ein Prozess. Der läuft ideal mit anderen Co-Autoren oder Lektoren, wenn man sich die Bälle zuwirft und fast nicht mehr erkennbar ist, wer wo welches Kapitel beigesteuert hat. Und… wenn du deinen Lektor respektieren kannst (weil er dich reziprok respektiert und versteht) und weißt, daß er dir vertraut und du ihm vertrauen kannst, redet man auch auf Augenhöhe über Änderungen und Modifikationen, hört gern auf kompetente Verbesserungsvorschläge, arbeitet an einer besseren Lösung. Kein Autor ist sich seiner Arbeit so sicher, daß er nicht auf Ratschläge und Input hört. Aber jeder Designer, der sein Geld wer ist, will wahrscheinlich sofort einen Job hinschmeissen, wenn der Kunde mit dem «Wer zahlt hat Recht»-Argument kommt. Nur, weil du ein Buch bezahlst, hast du ja auch noch lange keinen Einfluß auf die Geschichte, oder? Du kannst es lesen oder weglegen, aber nicht umschreiben. Wenn du es könntest, wärst du selbst Schriftsteller.
Jobs, die mich als Autor glücklich machen sind die, wo die Co-Autorenschaft zwischen Designer und Klienten möglichst früh beginnt. Wo man gemeinsam an einem Thema arbeitet, zu verschiedenen Ideen kommt und die besten Ergebnisse herausfiltert. Solche Kooperationen gab es immer wieder mit den verschiedensten Leuten, mal langfristig, mal wie ein schnelles Abenteuer, aber wenn es klappt, ist es immer eine Bereicherung. Kunden, die uns als Zweckerfüller sehen und Vorschriften machen, werden bei uns nicht glücklich. Dafür sind wir zu widerborstig, zu sehr am Austausch interessiert, am besseren Argument, an der gemeinsamen Story. Da gibt es andere, die können das besser als wir, die wollen nur ein Diktat aufnehmen und kassieren, denen ist die Geschichte per se egal. Uns eben nicht. Uns geht es darum, gemeinsam Stärken zu finden und eine Erfolgsgeschichte zu schreiben, die ehrlich ist, kein hohler Hype ist. Marketing, vielleicht auch die klassische Agentur-Werbung, ist die Kunst der feinen Lüge. Design ist Ehrlichkeit im besten Licht. Wenn Studenten mir mit Sprüchen kommen wie: «Hauptsache der Kunde ist zufrieden (oder auch nur der Dozent)», möchte ich sie durchschütteln. Es geht nicht um den Kunden, es geht nicht um den Dozenten, es geht nicht um die Verkaufe.
Die Hauptsache ist, daß die Geschichte gut wird.
28. Oktober 2005 21:17 Uhr. Kategorie Arbeit. Keine Antwort.