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DEPECHE MODE

Und ich weiß wieder, warum ich seit Jahren nicht mehr bei U2 war und auch REM meide. Großkonzerte sind sucky. In der LTU-Arena bei Depeche Mode waren Gahan und Konsorten vielleicht eben so groß wie mein kleiner Fingernagel, selbst die Videowalls waren kleiner als Handydisplays. Das Bühnendesign und die Musiker kannst du nur erahnen. Dem ensprechend schlecht, zu leise, zu mittig, zu breiig, ist der Sound. Du kannst die ausgetillten Versicherungsangestellten, die zu den Best of Depeche Mode 1980-1990 mitgröhlen, lauter hören, als die Band selbst. Was nicht wirklich eine Verbesserung darstellt. Depeche Mode selbst… ich habe die Band so vor zwanzig Jahren das letzte Mal in der Essener Grugahalle gesehen und selbst da war der kreative Zenith schon zugunsten von Chartpotential ansatzweise überschritten, wie ich finde – es war schon die Zeit post Construction Time Again. Inzwischen produzieren Depeche maßgeschneiderte Hits, funktionieren als Geldmaschine, bei der Gore die Songs produziert, Gahan seine einzigartige Stimme leiht und Andrew Fletcher die Fanbriefe beantwortet – und entsprechend war das Konzert ein funktionaler, weitgehend vorhersehbarer und die Zielgruppe bedienender Mix aus Tracks vom neuen Album (das ja eben promoted sein will) und Golden Oldies, bis hinab zu Just Can’t Get Enough, das Depeche dann seit rund 25 Jahren live spielen. DM fungiert so live nur noch als die eigene Coverband, die Songs werden gerade heruntergespielt, kaum variiert, es gibt keinerlei Freiraum für Improvisation oder Spaß und es ist zu befürchten, daß nahezu jedes Konzert absolut identisch realisiert wird, egal ob in Milano oder in Düsseldorf. Aufgenudelt auf Stadionrock-Niveau – nicht zuletzt durch das dazugespielte Bratschlagzeug, das den elektronischen Halbplaybacktracks den gewissen Hauch Dynamik verleihen soll, mit wechselndem Erfolg – verlieren die Songs jede Leichtigkeit und Transparenz, jede ursprüngliche Filigranität (die sich eben nicht in ein 45.000-Leute-Stadion retten läßt), was nicht wirklich dadurch aufgewertet wird, daß Gahan die Lyrics fast im Halbschlaf herunternöhlt, nur um so alle zehn Minuten mechanisch Massen-Aufmunter-Schreie à la «Thats right!» abzulassen, die, wenn man die Band etwas kennst, per se ebensfalls schon blind vorhersehbar plaziert sind. Du weißt schon fast, wann Gore singen darf (Gott, immer noch Somebody, surreal), wann die Balladen kommen, wann wieder ein alter Hit kommen muß, nach welchem Track die Main Show zu Ende ist, was die Zugaben sein werden… einzige Überraschung war, daß es nach Everything Counts noch einen (mauen) weiteren Zugabeblock gab und das die Band mit einem sehr ruhigen Track den Kehraus macht. Man mache sich nichts vor: Gore, Gahan und Fletcher do it for the money. Und das merkt man eben. Anders geht’s natürlich auch nicht, wenn du mit jeder Geste ohne jeden Aufwand 45.000 Leute zum Kreischen bringst. Das muß zynisch machen, diese namenlosen kreischenden Gesichter. Warum sich da noch wirklich anstrengen? Welche Ziele hat eine Band wie DM noch?

Und Sitzplätze, bei denen vor dir die sicher sonst braven, an diesem Abend aber alles gebenden Freizeit-Gahans den Tanzaffen machen, wenn Personal Jesus kommt, machen die Sache dann eben auch nicht besser. Wer weiß, vielleicht war der Gig in der dritten oder zweiten Reihe vorn schon okay, wenn man so eine Art 90s-Party mit DM-Live-Musik genießen kann und einfach schwitzend abtanzt und Behind The Wheel mitsingt und hofft, der DJ möge doch mal Photographic oder ToraToraTora auflegen. Aber diesen Spaßfaktor hat man nicht im Oberrang. Es war schon lustig, aber eher durch people watching, durch die Leutchen mit ihren Feuerzeugen und ihren Handyphotos (schau mal, der wiiinzig kleine Lichtfleck da hinten… das ist die Bühne gewesen. Und dieser Pixel hier, der hier, der schwarze… genau, das ist David Gahan) und dem ganzen Fanpulk und seinem Herdenverhalten. Die gleichen Leute die du hier siehst, die gehen auch unbeirrt zu Westernhagen oder Grönemeyer, da darf man dann eben auch ruhig ohne schlechtes Gewissen ablästern. Sich bei Everything Counts mal kurz nach hinten umzudrehen und die Gesichter der Masse zu begutachten… da kommt schon ein ungutes Berliner-Sportpalast-Feeling auf. Ich bin ehrlich – mir ist ein solches Stadion zu groß. Das Palladium oder E-Werk haben die optimale Größe. Groß genug für Live-Feeling und einen schönen lauten Sound, klein genug, um unbeschadet in die zweite Reihe zu kommen und die Band auch wirklich zu erleben. Eben echter. Der exzellente Gig von Massive Attack im Palladium vor zwei Jahren macht im Vergleich eben klar, daß größer nicht wirklich immer besser ist.

Ansonsten gab’s ein paar nette Momente an der Biertheke und irgendwie war es interessant, bei so einem Giganto-Gig zu der blinden Masse zu gehören. Aber ich habe stets Probleme mit Konzerten, wo ich nur dumm herumstehe und nicht moshen kann, und stets Probleme mit Bands, die sich aus Angst vor möglichen Fehlern und einer Under-Performance so starr in ein digitales Korsett einfügen, daß sie am Ende zu Schaltmomenten in der eigenen Show verkümmern… um so unter’m Strich zu kalt, zu hölzern und professionell (sprich: ohne Herz) ihren Job erledigen und – wie Depeche ja sehr wohl wissen – dabei eben dann nur noch Music for the Masses abliefern.

21. Januar 2006 01:58 Uhr. Kategorie Live. Keine Antwort.

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