
Für alle, die Angst haben, dass mit dem Tod Elmore Leonards eine Lücke in der amerikanischen Crime-Literatur entstehen können, dürften mit diesem Buch aufatmen – ich habe selten einen Autor gelesen, der so eng an Leonards lakonischem, knochtentrockenem Stil entlangarbeitet. Seine Figuren sind ähnliche Kleinganoven am Ende ihres Glücks, gebrochene Protagonisten, die so lächerlich wie mitleiderregend wie furchteinflössend sind, seine Dialoge sind sparsam, die Handlung mit allersparsamsten Strichen skizziert, so hart und effektiv wie eine Straßenprügelei. Ein besonderer Clou von Johnson ist, dass er Elmore und andere Autoren zwar «emuliert», übrigens nicht zuletzt auch die Coen-Brüder, dabei aber mit einer Art «Aussetzern» arbeitet. Die Story scheint immer wieder Blackouts zu haben, oder Blinde Flecke – seien es kleine Sprünge in der Handlung oder Dinge, die so beiläufig passieren, dass man sie fast nur aus dem Augenwinkel wahrzunehmen scheint, wenn sie wie helle Fische im trüben Wasser kurz aufblitzen. Der eigentliche Plot um den glücklosen Glücksspieler Jimmy Luntz, dei Gangster Juarez und Gambol, die ihm eine Lektion erteilen wollen und um Anita Desilvera, die ihrem Ex-Mann gerne seine veruntreuten 2,3 Millionen stehlen würde, ist so vertraut, so bekannt, dass es gerade diese schwarzen Löcher in der Erzählung sind, die das Buch so bemerkenswert machen. Der Autor vertraut darauf, dass seine Leser die Genrekonventionen, die Wendungen und Endungen dieser Art Crime-Geschichte in- und auswendig kennen, und springt so beherzt über teilweise wichtige Handlungselemente hinweg, dass dieser Breakbeat, die Lässigkeit eines erfahrenen, großartigen Autors, der Geschichte eine unglaubliche Coolness verleiht, ohne, dass man als Leser sagen könnte, warum eigentlich. Es ist die Pause, das Weggelassene, das Ungesagte, das wie so oft wichtiger wird, der Weißraum, der überhaupt erst eine Definition von Tiefe gibt. Es ist ein disassoziatives Moment der Erzählung, narrative Ohnmachtsanfälle, ein Flair von David Lynch, eine dicke Schicht von Surrealität, die wie Gallertemasse die Story überdeckt und unwirklich wirken lässt, weil sich die Handlung wie unter Wasser bricht und nie ganz greifbar scheint. So ist es kaum verwunderlich, dass das Ende abrupt wie ein Unfall wirkt, den Leser baumeln lässt und alles und nichts offen ist, die Story in einem weiteren Blackout endet, zu Ende erfunden sein will.
Man merkt Johnson an, dass er eigentlich ein Autor eines ganz anderen Kalibers ist, der hier fast eine Art Fingerübung absolviert (Nobody Move war eigentlich als vierteilige Serie für den US-Playboy geschrieben) und sich in einem Genre austobt, und dieses dabei ganz gründlich überspitzt, mit sichtbarem postmodernem Pop-Art-Spaß, ohne seine Figuren zu mehr als Skizzen zu vertiefen, ohne sich für die fast pornographischen Frauenrollen zu entschuldigen, und vor allem mit reichlich tiefer Verbeugung vor Tarantino, den Coens, Leonard, Ellroy und anderen Storytellern, die ihre Genregeschichten stilistisch so sicher missbrauchen, um die kleinen Details zu erzählen, diese Storys von Menschen in Ausnahmesituationen, deren ganze Bandbreite sich in scheinbar hingerotzten Dialogen entfalten kann. Nobody Move ist insofern ein kleines großes Buch von einem Autor, der in Tree of Smoke zeigt, das er auch ganz anders kann, und der hier mit spürbarer Freude und Insiderwissen ein Genre nicht nur de- sondern auch re-konstruiert.
10. Juni 2010 18:12 Uhr. Kategorie Buch. Tag Crime, Thriller. Keine Antwort.