
Okay, was ist der Unterschied zwischen einer britischen und einer deutschen Band? Diesmal etwa zwanzig Pfund Koks, glasklar 1:0 für die deutsche Combo. Die Infadels wirkten im Duisburger Parkhaus Meiderich bei der Nacht in Duisburg von EinsLive verglichen mit ihrem Gig in Köln letzten Monat irgendwie ruhiger – vielleicht, weil es einfach zu warm war, die Herren waren klatschnass verschwitzt, Keyboarder Ritchie klebte schon beim vierten Song das typische rote Hemd am Körper. Vielleicht ist es beim zweiten Mal nur nicht mehr so überraschend, mit welcher Gewalt die Infadels durch ihren AcidRock brettern, vielleicht lag es auch an den ganz offensichtlichen Problemen, die vor allem Gitarre und Drums während des gesamten Konzerts hatten, weil irgendwo an der wunderbar analogen Effektpedal-Kette (mit einem alten Electro Harmonix) des Gitarristen ein Kabelbruch war und dem Drummer quasi permanent die Inner-Ear-Headphones für seinen Clicktrack ausfielen. Der Gig war kurz, reiner Warmup für Deichkind, was ich etwas schade fand, die Infadels hätten auch 60 oder 90 Minuten sauber gefüllt. So wie es war, spielten sie kompakt und auf den Punkt ihre Debutalbum-Knaller runter (Semtex, Jagger 67) und gingen ohne Zugabe von der Bühne.
Und dann kommen Deichkind. Dazu muß man wissen, daß ich HipHop zwar höre, aber nicht sonderlich bewußt und deutschen Rap historisch eher etwas albern finde (so schrecklich wenig Ghetto in Germany). Insofern kenne ich von den Deichkindern gerade mal zwei drei Tracks und hab nicht allzuviel erwartet. Ja denkste. Der Beat geht los und quer durch die wunderbar gemütliche Parkanlage hinter dem Parkhaus, wo wir mit Wurst und Bier auf der Wiese prollen, stampfen auf einmal vier Weirdos in weißem Müllsack-Outfit, mit seltsamen dreieckigen Leuchtstab-Hüten, auf denen Wunderkerzen brennen, in den Händen Laser-Rhumbakugeln, die mit einer Fußballfanfare lärmen und die Bühne entern. Und Party machen. Das hast du noch nicht gesehen. Die Mucke ist gnadenloser Billig-Electro-Pop, (die Jungs covern nicht umsonst irgendwann die alte Klingeltechnohymne «No Limit» von 2Unlimited), bretternder Bass, harte Bassdrum, nix kompliziertes, der Gesang besteht zu 80% aus Delay, teilweise kaum zu verstehen, wenn Phillip, Buddy und der Rest durcheinander auf die Kacke hauen. Das Ganze läuft bei Deichkind inzwischen ja nicht mehr auch nur ansatzweise unter HipHop, sondern unter dem Label Electro Super Dance Band, und so sieht das auch aus. NDW meets Jägermeister. Angst- und schmerzfrei schmeißen sich Deichkind in das Halbplayback, und powern so gnadenlos nach vorne, daß man sich fragt, ob es auch Gigs gibt, wo das Publikum mal nicht ausrastet und wie die dann wohl aussehen. Den ohne völlig abfeiernde Crowd sieht man wahrscheinlich etwas dämlich aus in einem Outfit aus Gaffatape und Plastiktüte, mit aufbalsbaren Sektfklaschen und Baseballschlägern, Regenschirm, Leuchtstäben und Leuchtkugeln, angeklebten Hermes-Flügeln und splitterfasernackt mit Wackelbauch und C&A-Unterhose, die nicht so richtige Zweifel an der Penisgröße aufkommen läßt, vor so 100 oder 200 Leuten. Im Parkhaus aber geht die Meute fast surreal ab, Arme in die Luft, mitgröhlen, springen, stagediving, das komplette olle Bühnen-Ledersofa wird durch den Saal auf Händen getragen, als die Band es kurzentschlossen ins Publikum schiebt, und beim Reprise von Remmi Demmi (watch the video!) gibt es im Grunde keine Bühne mehr, weil die Leute oben stehen und mitfeiern. Soviel Liebe ist hart verdient, die Band tanzt, tobt, schwitzt, schreibt, macht an, zockt die Songs nahezu pausenlose durch, selbst zwischen den Zugaben machen sie über die Wireless-Microphone noch die Leute aus dem Garten an, singen dass letzte Stück zur Hälfte gar nicht auf der Bühne. Eine Band mit so extrem wenig Berührungsangst, mit soviel Mut zur Pogo-Performance sieht du selten. Und du hoffst, die sind privatversichert, weil Körperverletzungen und Alkoholvergiftungen hier offensichtlich Touralltag sind. Jackass olé. Ich seh die nicht mit einem Schopenhauer-Buch backstage einen Weißwein trinken, nope. Als Zuschauer weißt du nie ganz, ob du hier absurdes Theater siehst oder eine religiöse Sekte, denn wie die Audience bei Komm schon oder Bon Voyage abgehen, hat schon was ekstatisches. Und ich weiß immer noch nicht, ob ichs da nun wirklich das Bo auf der Bühne mitstand, oder ob einfach nur Bassmann Porky, unter seinem Battlestar-Galaxy-Helm ja eh kaum zu erkennen, nicht einfach nur zweimal türlich türlich sagen mußte. Man muß ja sparen wo man kann.
Wie die Ur-Prodigy verbinden Deichkind Punk und Rave zu einer seltsamen Fusion, machen dabei aber eben nicht auf aggro wie die Briten, sondern geben eine groteske White-Trash-Party, Al Bundy auf LSD, CHeech and Chong in Pornoland. Während des Gigs denkst du, daß du immer supernett sein solltest zu kiffenden Loosertypen, die mit 37 noch in einer WG wohnen und an ihrer Musik frickeln, weil du nienienie sicher sein kannst, ob die acht Jahre später nicht auch so auf einer Bühne stehen und die Leute massiv headfucken.
Insgesamt die Sorte Konzert, wo es einfach böse ist, wenn man selbst derjenige ist, der im don’t drink and drive Kosmos leben muß und sich nicht alle Sicherungen durchknallen kann, um mitzupogen, scheiß auf die Alterswürde.
Nach dem Break verwackelte Handyphotos, courtesy of Steffi:
Jede Menge Bilder auch bei EinsLive…












13. Mai 2006 09:35 Uhr. Kategorie Live. 6 Antworten.
HD, wenns mal mit diesem “deprimierenden und schrecklichen Beruf” (HD @ fontblog) nix mehr sein sollte, steht Dir auch noch eine blendende Karriere als Konzertberichterstatter offen. Danke für deine Rezension für Angehörige der DD&D-Fraktion. Auf Deichkind habe ich schon immer große Stücke gehalten – freut mich, dass die Jungs immer noch kicken. Deine ursprüngliche Einschätzung teilen viele, die nur die Chartdinger kennen. Dabei sind das olle Schamanen. Fick die Alterswürde!
Bis bald, H.
Henning Krause, Ladies und Gentlemen. :-D
Der Mann, mit dem ich seit ewig mal ein Typoprojekt machen will und wenn ichs dann mal habe, HAT ER KEINE ZEIT.
Weil er zu Recht viel zu viel zu tun hat, weil er im wahrsten Sinne des Wortes zur Creme deutscher Typo-Macher gehört.
Das Deichkind-Ding war sehr dicke, die Website/Tourblog von denen ist so tough wie die Konzerte. Hab gestern einen Ausschnitt des Gigs nochmal im Radio gehört, das ist mehr als surreal. Ich frag mich wirklich, was Leute denken, die das nur hören, aber nicht sehen konnten.
Und, mea culpa, ich hatte die Herren echt so in der Liga Fettes Brot verortet. Wo sie nicht hingehören.
Ich hoffe, ich schaffs in Berlin rechtzeitig zu deiner Font-Präsentation am Samstag, der husthust* geheimnisumwitterten ;-D.
[...] Eins muß ich ja mal zugeben: ich steh’ eigentlich nicht so auf HipHop. Und ich glaube, ich weiß jetzt warum: ich habe vorher noch nie ‘ne Show von Der Fall Böse gesehen. Obwohl, wenn ich so lese, was HD über ein Konzert von Deichkind schreibt, dann muß das wohl auch sehr geil gewesen sein. Egal, jetzt also Der Fall Böse. [...]
[...] Die Show selbst – okay, nach Deichkind wirkt wahrscheinlich ALLES statisch – ist nicht allzu bemerkenswert. Solides Licht, etwas dünner Sound (keine Frage… der Bass fehlt halt doch), Brian macht ein paar typische Drummer-Mätzchen, Nick wirkt wie ein TV-Abziehbild vom Junkie-Rockstar, Karen O tanzt und mimt wie eine Zwischenfall-Tänzerin auf LSD, und läßt sich sogar an zwei Stellen dazu herab, ansatzweise mit dem Publikum zu sprechen. Aber insgesamt wirkt der Gig, obwohl unglaublich kraftvoll und energetisch gespielt und durch und durch begeisternd, einfach etwas kurz, etwas herzlos herabgezockt, zu introvertiert, zu weit weg vom Publikum. Zwei kurze Zugaben, beide grandios, aber Gott, da will man doch mehr hören. Zumal gerade ein solches Trio wunderbar improvisieren und flexibel erfinden könnte. Etwas schade, ich hätte es mir noch länger geben können. [...]
[...] Die Mediengruppe hingegen, obwohl das Konzert wirklich gut anfängt, mutiert im Laufe des Konzertes zu so einer Art PartyRap-Event, BeastyBoys ohne die Größe. Und mal ehrlich, das wäre richtig gut, wenn nicht 90% müde aus dem Rechner tuckern würde. Da fehlt der Druck eines echten Drumkits, die Wut authentischer Instrumente und zwei Leute allein auf einer Bühne sind einfach keine Party. Gerade nach dem Druck von mit fällt das extraextrem auf und insofern durch. Zu steril, zu elektronisch, zu tot. Bei Deichkind verzeiht man das, weil es nicht eine Sekunde um Musik oder um Texte geht, sondern nur um die drei Spacker auf der Bühne, die gnadenlos nach den Eiern des Publikums schnappen. Gegen diese Frontalanarchie wirkt MTK leider etwas brav (wer nicht?) und studentisch, an die reine schiere ungefilterte Energie der Deichkinder kommen sie nicht heran. Leider, eigentlich. Beitrag vom 9. November 2006 aus der Kategorie LIVE. // Kommentare durch RSS 2.0 Feed verfolgen. // Kommentar schreiben // Trackback // // zurück zum Blog [...]
[...] Eins ist mal klar: Diesen Gig werden die Klaxons so schnell nicht vergessen. Im ziemlich vollgestopften Kölner Prime Club haben die New Raver aus London ihre Tour beendet und schienen selbst von den «fucking psychos» im Publikum überrascht zu sein – ebenso wie die Security, die von der Moshcrowd komplett überfordert war. Leuchtstäbe, Pogo und ich glaube, wir waren so drei viermal mit ein paar zig Leuten auf der Bühne, bis die Band teilweise nicht mehr spielen konnte. Ich hab selten ein Konzert erlebt, wo das Publikum SO derbe abgeht, selbst bei Deichkind war es dagegen fast noch normal. Reynolds und Co. beginnen den Gig mit einer seltsamen Punk-Nummer, die mal so gar nicht nach den Klax klingt und steigen dann aber sofort mit Atlantis to Interzone absolut voll ein und ab dem Song steht keiner mehr im Publikum ruhig. Nach dem ruhigeren Air-Konzert hab ich mich hier mitten ins Publikum geworfen und damn, ich war froh, am Ende noch meine Jacke am Leib und alle Knochen beieinander zu haben, das war hoher Seegang und mehr Spaß, als man für 18 Euro eigentlich haben dürfte. Die Band bringt die Songs des gesamten Album, überraschend gut (vor allem wenn man bedenkt, dass sie sich bei einigen Tracks vor lauter Publikum auf der Bühne kaum noch bewegen können und Reighton und Reynolds unter dem Druck der Masse gemeinsam gebeugt vor dem Mikrophon der Keyboards stehen… ), aber deutlich härter, mit einer soliden Prise Punk-Flair, die dem eher poppig produzierten Album mitunter fehlt. Live fällt auf, das nahezu jeder Track des Albums ein Hit ist, und die völlig verschwitzt auf der Bühne ackernden Klaxons das Publikum in immer wildere Tanzorgien stürzen. Es ist ein enger, heißer, frenetischer Gig und das Publikum vielleicht ein bisschen geiler, ein bisschen mehr Rave als die Band eigentlich selbst, der eigentliche Kick ist, in dieser wogenden, schwitzenden Masse zu stehen, Leute über Kopf zu tragen und einfach breit grinsend gemeinsam zu feiern. Was unter normalen Bedingungen rein musikalisch ein B-Gig wäre, schwingt sich so zu einem der besten persönlichen Konzerterlebnisse 2007 soweit auf, einfach vom reinen Party-Mach-Level her. Perfektes Tourende für die Band, würde ich mal schätzen :-D. [...]