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DEATH PROOF

Es wäre sicher ein Fehler, diesen Film als «echten» Tarantino zu betrachten, da er als Tail des Grindhouse-Projektes von Quentin Tarantino und Roberto Rodriguez eben bewusst als Junk angelegt ist, als Hommage an die billigen Double-Feature-Filme aus der Jugend der beiden Regisseure, die billigen B-Movies, Action, Horror und Sexploitation, deren Spurenelemente man in den Werken beider Regisseure ohnehin immer wieder findet. Es ist ein Fehler des Verleihs, auch wenn wir so in Deutschland eine etwas längere Filmfassung zu sehen bekommen, den Film als vollwertigen Tarantino zu vermarkten, der Film funktioniert so einfach nicht wirklich. Denn während vollwertige Filme wie Kill Bill oder Jackie Brown spürbar mit Handlung und Tiefe aufgeladen sind, bleibt das Grindhouse-Projekt ganz greifbar ein schneller Spaß, ebenso wie Tarantinos Four Rooms oder die Folgen von ER/CSI, bei denen er Regie geführt hat. Ein bisschen Junkyard-Spielplatz, im Grunde ein QT-Fetisch-Film, in dem sich Tarantino so pur wie nie zuvor – ohne jede Ablenkung durch einen realen Plot – seinen Hauptthemen widmet: Filme, Autos, Gewalt und Frauen.

Filme
Ex-Videothekar Tarantino erweist sich auch hier als wandelndes Filmlexikon zwischen High und Low Culture, der scheinbar übergangslos Jean Seberg, Sam Peckingpah, John Hughes, Kris Kristofferson, Steve McQueen, Burt Reynolds und Barry Newman aneinanderkettet. Death Proof erweist sich als fast erschlagender kultureller Zitatenschatz, ebenso vollgepackt mit Filmzitaten, Songs, Plakaten und anderen Restbeständen aus Tarantinos Kosmos, ein eklektizistisch glitzernder Cocktail, in dem fast jeder trashige Roadmovie eine Ehrensalve erhält, und Tarantino sogar mehrfach seine eigenen Filme zitiert (am auffälligsten mit der Farbe von Kims Wagen, mit den Big Kahuna Burgers, mit dem aus Kill Bill I stammenden Ringtone Twisted Nerve, mit dem großartigen Gastauftritt von Sherrif Earl McGraw (Kill Bill & Dusk Til Dawn) und und und). Auch dass mit Kurt Russel ein Schauspieler in der Hauptrolle präsent ist, der mit einem absoluten Junkmovie (John Carpenters Escape from NY) seine Filmkarriere begann und der hier die kaputte Coolness von Snake Plissken karikieren darf, macht deutlich, wie sehr sich Death Proof gegenüber anderen Tarantino-Filmen als quick & dirty abhebt, aber eben doch deutlich die Handschrift des Regisseurs zeigt. Die massive (Selbst-)Referentialität zeichnet ja auch Filme wie Pulp Fiction oder vor allem Kill Bill aus, ist hier aber noch greifbarer als in Kill Bill. Death Proof ist auf diesem Level ein Filmnerd-Festival, bis hinab zu den Nummernschilder ein alle Level des Films durchziehender Trip durch die Amerikanische Road-Movie-Geschichte mit klaren und auch sehr versteckten Andeutungen, die den gesamten Film zu einer Art Quiz werden lassen. Von der Ente auf Kurt Russels Motorhaube bis zum letzten T-Shirt, alles deutet auf etwas anderes hin, was den Film, der selbst fast ohne Handlung auskommt, noch mehr als Metamedium erscheinen lässt, als einen Film über Filme. Wo Kill Bill auf eine Flut von Western, Anime, Horrorfilme, sowie auf japanische und chinesische Kultmovies eingeht, konzentriert sich Death Proof auf meist amerikanische Muscle-Car-Movies. Dass Tarantino in der stilistischen Kopie schlechter B-Movies sogar so weit geht und Schnittfehler, Dialogdoppler, Farbsprünge, Anschlussfehler und so weiter, bewusst einbaut und so bereits rein optisch an die amerikanischen und italienischen Trashklassiker der Seventies anknüpft, ist da nur konsequent.

Autos
In einer der deutlicheren Filmreferenzen wird Gone in 60 Seconds genannt – «Das Original, nicht dieser Angelina Jolie Bullshit». Dahinter steckt mehr als nur eine Verneigung vor H.B. Halickis Granddaddy aller Autojagd-Filme, nämlich auch eine sehr greifbare Antipathie gegenüber neuen Autos. In Dominic Senas Remake mit Nic Cage und Angelina Jolie stehen primär moderne Muscle Cars im Vordergrund, nicht mehr die klassischen amerikanischen Dreamcars aus der Zeit vor der Ölkrise. Autos wie der 1971er Ford Mustang oder der Dodge Challenger. Getunte V8-Motoren, an denen jeder Zentimeter Blech nach Machismo und American Dream aussieht – und die auch nur auf den endlosen Highways in den USA wirklich Sinn machen. Liebevoll umkreist Tarantinos Kamera im staubtrockenen Licht von Texas diese Dinosaurier, Überbleibsel aus einer Zeit, in der man noch in Bars rauchen durfte und bei denen Autobauer noch nicht an Klimaschutz und Hybridmotoren dachten, sondern an Sexappeal. Das Auto ist ein Fetisch der US-Gesellschaft, ein Aphrodisaikum, ein Turn-On wie es am besten J.G. Ballard in Crash beschrieb. Und QT feiert diese Sehnsucht nach dem prä-digitalen Zeitalter, der analogen, mechanischen Welt, in der Detroit noch Mittelpunkt der Autokultur war, in der nicht windkanal- und marketinggetestete Kleinwagen auf den Highways unterwegs waren, sondern kraftvolle, böse, unsichere Maschinen mit harten Lenkrädern, riesigen Sitzen und ohne Airbags und anderen Schnickschnack. In der Autofahren noch ein gefährlicher Sport war. In der finalen Jagdsequenz zwischen Stuntman Mike und Kim, Zoe und Abby rasen die beiden Dodge über den Highway, im weißen Challenger sitzen die Helden, im schwarzen Charger der Schurke, so einfach kann die Welt sein. Während dieser Autoverfolgung rammen die Old-School-Muscle-Cars mehrere Mittelklassefahrzeuge und SUVs aus dem Weg, fast achtlos in die modernen Fahrzeuge rasend, die prompt ins Schleudern geraten und von der Straße trudeln. Besser kann man die Verachtung für moderne Autos, für die heutige Kultur, für ein verwöhntes, verweichlichtes Zeitalter, vielleicht nicht in Bilder packen. Die Dinosaurier, die metallene Haut längst rissig und verbeult, nehmen sich neben den modernen Lutschbonbon-Autos immer noch aus wie ledergesichtige Kriegsveteranen, wie Cowboys inmitten einer Gesellschaft, die ihr Fleisch im Supermarkt kauft. So wie Russels Knautschgesicht den Männermythos einer vergangenen Zeit heraufbeschwört – und sei diese Zeit auch nur 40 Jahre her – so sind auch die Autos selbst Abgesang einer härteren, ehrlicheren, dreckigeren Welt.

Gewalt
Death Proof ist kein Film fürs erste Date. Die Gewalt ist kurz und hart und blutig und wie Stuntman Mike zuerst Pam und dann Shanna, Arlene und Julia umbringt, ist schöner, ehrlicher Splatter. Denn schließlich ist Death Proof nicht nur irgendein Car-Chase-Movie, sondern ein Crossover mit Elementen aus Splatter/Serienmörder-Filmen. Wie in jedem guten Film dieses Genres erfährt man dabei wenig über den Täter, außer, dass er durch eine Narbe entstellt ist und seine mäßige Karriere als Stuntman irgendwann vor 15 Jahren beendet war. Kurt Russels fast opernhaft angelegter Stuntman Mike ist die Quintessenz desFilm-Slashers, der sein Mordinstrument, und was wäre phallischer als ein Auto, als Penisersatz benutzt und die Frauen, die er niemals ins Bett kriegen kann, umbringt. Eine Figur, die nahtlos anschließt an Genre-Proto/Stereotypen Freddy Krueger, Michael Myers oder Jason Voorhees und doch zugleich tiefer geht. Die Gewalt in Death Proof hat etwas Suizidales, Mike schrottet in der ersten Filmhälfte seinen Chevy Nova und landet selbst schwer verletzt im Krankenhaus. Russel schafft es, der Figur einen seltsamen surrealen Vibe zu geben, hinter die coole Fassade hängt er eine emotionale Tiefe, die sich in Mikes Gespräch mit Arlene im ersten Filmdrittel zeigt. Russel kann je nach Bedarf tödlich cool wirken, oder abrupt lächerlich, bedrohlich oder am Ende zum feige winselnden Verlierer mutieren, der von der Mädchenbande ganz im Stile eines Kungfu-Shaw-Brüder-Films vermöbelt wird. Anders als in bisherigen Tarantino-Filmen wirkt die Gewalt hier aber nie surreal überzeichnet oder gar ironisiert, nach der stilisierten Over-the-top-Blutorgie Kill Bill scheint Death Proof sogar relativ wenig Brutalität aufzuweisen. Aber wenn sie kommt, kommt sie frei von jeglichem Sarkasmus, hart, trocken und böse. Die Climax der ersten Filmhälfte ist so unerwartet, so grandios geschnitten, dass sie deutlich emotionaler wirkt als andere Filme, die vergleichsweise exhibitionistischer mit Verstümmelung umgehen.

Die Gewalt steht hier noch deutlicher im Gegensatz zu den lang ausgestreckten Dialogsequenzen als bisher bei QT. War schon Kill Bill nahezu in einen Sprech- und einen Actionteil untergliedert, so wird diese Tendenz bei Tarantino hier vollends manifest. Der Anfang beider Filmhälften liefert scheinbar belang- und endlos wirkende Small-Talk-Fetzen aus dem Leben der beiden Girlgruppen. Kulturelle Anspielungen, gespräche über Figuren, die im weiteren Verlauf nie wichtig werden und andere Gimmicks hauchen den Figuren Leben ein und machen als postmoderne Fingerübung einfach Spaß. So wie Tarantino schon in Pulp Fiction eine Fallhöhe zwischen Small Talk (die berühmte Viertelpfünder-Passage von John Travolta etwa) und Ultragewalt herzustellen vermochte, lullt auch Death Proof den Betrachter effektiv ein, bis die Alltäglichkeit abrupt gestört wird. Ganz à la Elmore Leonard ist dabei Russel der fast albern wirkende Gernegroß im Satinjäckchen, der nur so lange eine Witznummer ist, bis er die ersten Leute auf dem Gewissen hat. Das dabei im zweiten Teil des Filmes die Handlung der ersten Teils nahezu spiegelbildlich stattfindet und Mike vielleicht zu schnell auf eine ebenbürtige Truppe von Tough Chicks trifft, ist der Dialoglastigkeit des Filmes geschuldet, die dem Film das Slasher-übliche Tempo nimmt.

In ihrem Gespräch mit Mike antwortet sein späteres Opfer Pam auf die Frage, wie denn ihrer Meinung nach tödlich wirkende Stunts in Filmen gemacht werden, bei denen sich Autos mehrfach überschlagen und in Brand gehen: «Ähm.. CGI?» Die Verachtung des durch die Computertechnologie arbeitslos gewordenen Stuntman-Losers scheint Tarantino zu teilen. Wie bei den Autos, ist er auch bei den Effekten Traditionalist, Death Proof ist rein visuell eine Verbeugung vor der klassischen Stuntarbeit, nicht umsonst spielt Uma-Thurman-Stuntdouble Zoe Bell sich selbst in einer der Hauptrollen spielt. Es ist eine Hommage an das Unperfekte, das Grobschlächtige, das letztendlich Brutale im Film. Eine Sehnsucht nach einer Zeit also, paradoxerweise, in der Frauenhasser wie Stuntman Mike noch am Drücker waren. Womit wir beim letzten Fetisch wären…

Frauen
Bei Death Proof agiert Tarantino nicht nur als Autor, Regisseur und vor der Kamera, sondern auch erstmals als Kameramann. Mehr Auteur-Kino geht kaum. Während seinen älteren Filme stets Männerfilme sind und Themen wie Ehre, Macht, Gewalt und anderes Alpha-Male-Gehabe zentral sind, ist Death Proof wie schon Kill Bill ein Frauenfilm. Nicht ganz in dem Sinne eines Meg-Ryan-Filmes, aber Tarantino präsentiert starke, selbstbewusste Frauen, die den Männern den Rang abgelaufen haben in Sachen Sexualität und Durchsetzungsvermögen. Während «The Bride» in Kill Bill noch fast herkömmlichen Rollenklischees folgte (Heirat, Kinder), wird bei Death Proof bereits zu Anfang klar, dass die Girls das Sagen haben. QT huldigt in Death Proof auf fast verschwenderische Art und Weise seinem Fuß- und Hinternfetisch, degradiert die Mädchen also im klassischen Exploitation-Film zu eindeutigen Sexobjekten, lässt die Kamera genüsslich und voyeuristisch an den Körpern seiner weiblichen Hauptdarsteller entlanggleiten, nutzt sie ebenso als Fetischobjekte wie die Rundungen der Autokarossen. Death Proof fehlt in manchen Sequenzen nicht mehr viel zu einem sehr sehr soften Pornofilm.

Auf der anderen Seite sidn QTs Mädchen Powergirls im besten Spice-Girl-Sinne. Ihre Sexualität nutzen sie als Machtquelle, Jungs sind in ihren Gesprächen mitunter zu reinen Sexobjekten degradiert, sie tragen Waffen und lassen sich auf Motorhauben festschnallen und werden trotzdem Gaga, wenn sie eine italienische Vogue in die Hände bekommen können. Die Frauen in Death Proof sind nicht die kristallharten entmenschlichten Killermaschinen wie wir sie aus Kill Bill kennen, und die sich im Falle von The Bride erst wieder rehumanisieren müssen, aber sie sind auch alles andere als hilflose Opfer. QT beweist ein gutes Ohr für Frauentalk in den Dialogsequenzen und entwirft zugleich eine Gesellschaft, in der sich die Rollenklischees von Mann und Frau aufgelöst haben, in der Machismo-Typen wie Stuntman Mike mit ihren Anmachsprüchen ausgedient haben und nur noch naive Opfer-Mädels wie Pam abschleppen können, aber von Frauen wie Abby und Co eben den Hintern versohlt kriegen. Es ist ein – nicht sonderlich mitfühlender – Abgesang auf einen Männertypus, der in einer zunehmend von Frauen dominierten Welt ausgedient hat. QT baut hier auf einem Heldentypus auf, der in Alien, Schweigen der Lämmer, Single White Female und anderen Filmen bereits etabliert wurde, aber selten so viel «machismo» hatte, so selbstverständlich war. Death Proof ist sicher nicht der erste postfeministische ilm, aber der erste, der den neuen Rollen-Status-Quo mit QTs cinematographischen Appeal flirrend heiß und lässig auf die Leinwand bringt. Wo der normale Slasher-Flick auf das last girl setzt, das zum Täter mutierende Scream-Girl-Opfer – Jamie Lee Curtis hat’s in Carpenters Halloween vorgemacht -, emergiert hier eher eine aus einem Russ-Meyer-Film entsprungene Truppe von Supervixens, die sich von vorneherein nichts gefallen lässt und gar nicht erst zum Opfer wird, sondern sofort mit breitem Grinsen zur Jagd auf den Killer ansetzt. Der Killer wird zur Beute.

Insgesamt ist Death Proof beileibe nicht an Kill Bill, Pulp Fiction oder Jackie Brown zu messen. Es fehlt an Tiefe, an Polyvalenz, an Handlung. Und dennoch ist er eine Studie von Tarantinos Faszination en miniature. Ein kleiner dreckiger Film – der gerade im Autokino wirklich absolut perfekt war – dessen totales Fehölen voN Handlung, wie auch die großartigen Edit-Fehler, keinen Zweifel dran lassen, dass er hingerotzt, low-budget, trashig sein SOLL. Death Proof ist ein Spaghetti-Western erster Güte, eine wunderbare Verbeugung vor einem sterbenden Genre, vor einem Punk-Denken über Film an sich. Nicht umsonst hebt Rodriguez Grindhouse-Beitrag auf das Erbe der Zombie-Filme ab, die ihre ganz eigene Trashlegende sind. Tarantino schließt mit diesem Film an sein Oevre als Kultregisseur (und -autor) an, als jemand, der wie David Lynch ohne falsche Rücksichten seiner ganz eigenen Vision von Kino-Erzählungen folgt und der sich in Death Proof seltsam pur wie selten zuvor zeigt. Die Frage ist, ob QT sich mit der Rolle des Meta-Filmers zufriedengibt und den Rest seiner Karriere Hommage betreibt, oder ob er (wieder) an den Punkt kommt, wo er auf der Basis seines enormen Know-Hows über die Filmhistorie wieder eigene Geschichten zu erzählen vermag. So oder so gibt es derzeit keinen zweiten Tarantino, und jeder seiner Filme ist an sich ein kleines Meisterwerk jenseits von Gut und Böse, insofern darf man auf Inglorious Bastards, den nächsten «echten» QT schon jetzt gespannt sein.

30. Juli 2007 18:19 Uhr. Kategorie Film.
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