Vor einiger Zeit hat Didi mich vor die (natürlich komplett unlösbare) Aufgabe gestellt, meine fünf absoluten Lieblings-Klassiker-Songs zusammenzustellen. Ich habe drüber nachgedacht und bin gescheitert. Musik ist für mich zu wichtig und zu beweglich, als dass ich mich auf nur fünf Lieder festlegen könnte. Was ich mag, was mich bewegt, was ein «Klassiker» ist, das verändert sich permanent mit meinem Leben.
Dann habe ich heute versucht, jemanden zu erklären, wie ein einzelner Song im richtigen Moment plötzlich für mich hochwichtig geworden ist. Und gemerkt, dass dieser Ansatz funktioniert. Ich denke, ich werde keinen Countdown hinkriegen, es wäre unmöglich zu sagen, welcher Song jeweils relativ wichtiger ist und es ist auch egal. Ich weiß auch nicht, ob es fünf Songs sein werden oder vier oder sieben. Aber einen Versuch ist es wert.
Den Anfang macht aus obigen Anlaß All is full of Love, eigentlich eine Nummer von Björks Homogenic-Album, hier geht es aber um eine etwas Coverversion von Death Cab for Cutie auf The Photo Album. Der Track ist – für Death Cab Verhältnisse – relativ grob eingespielt, aber die Entwicklung vom relativ monotonen Bass-/Gitarren-Lauf zu dem hymnischen, inbrünstigen Ende, dem vertrackten Schlagzeug und der seltsamen Coda-Leere ist deutlich berührender, viel echter als die elektronische Version von Björk.
Ich habe den Track Ende November 05, an diesem eingeschneiten Wochenende, an einem Freitag morgen vielleicht 20 oder 30 mal hintereinander weg gehört. Nach einer Woche ohne Schlaf, im tiefen Schnee, während die Flocken um mich herum fielen und alles still und einsam war. Nach dem zwölften oder fünfzehnten Mal habe ich fast unbemerkt angefangen zu weinen, weil mich die absurd kindischen Lyrics von Björk an diesem Morgen mit seltamer Wucht aus der gewohnten Sicht auf die Welt boxten. Man nimmt die Welt normalerweise in ihrer Gesamtheit hin. Sie ist da, sie ist ja IMMER da. Wie ein Hintergrund-Geräusch, ein Summen. Du nimmst da salles als gegeben hin, nicht als gemacht, als selbstverständlich, nicht als außergewöhnlich. Aber nach einer Weile rückt dir Ben Gibbards inbrünstige Wiederholung des Refrains das Bild zurecht und du merkst, das wirklich alles voller Liebe ist. Der Schnee, die Spinnennetze zwischen den Laternen, die Blätter, wie Ziegelsteinen zu Häusern werden, wie Rauch aus Kaminen aufsteigt. Das alles macht Sinn, hat einen Plan, alles führt irgendwohin, ohne wirklich ein Ziel zu haben. Alles ist gut. Der Weißraum wird plötzlich zur Form. Du erkennst, dass alles nicht gegeben, sondern gemacht ist. Aus Prozessen hervorgeht, Design ist. Absicht hat, Sinn und Richtung. Du siehst es nur nie, weil deine Augen zu sind. Du siehst die Fehler, aber nicht das unsichtbar reibungslos Funktionierende. Du siehst die Probleme, aber nicht die ganz einfachen, guten, selbstverständlichen Dinge. Die aber trotzdem immer um dich herum sind, immer da, immer warten. Und wenn du deinen Kopf nur einen Hauch bewegst, nur etwas drehst, siehst du sie leuchten, dieses ganze komplexe Netzwerk aus Dingen, die die Natur geschaffen hat und die ihren eigenen Sinn machen und den anderen Dingen, die wir Menschen daraus liebevoll geformt haben. Die Form, die ein Ingenieur einem Auto gibt, die warmen Brötchen in ihrer Tüte. Diese ganzen kleinen Sachen, in die irgendwer einen Hauch seiner Liebe gesteckt hat.
Das ist so kitschig und so simpel und so wenig in Worte fassbar, wie es sich hier anhört. Und zugleich einer der wichtigsten Momente in meinen letzten Jahren. Der auch immer wieder verblasst und an den man festkrallen muss, um ihn nicht zu vergessen. Aber da ist diese Idee, dass das Leben gut ist, auch wenn schlimme Dinge passieren, dass Zynismus und Depression nur Angst und Verstecken sind. Das am Ende die Sache immer gut ausgehen wird, weil die Welt dich umarmt. Und man einfach dankbar und demütig sein kann, kleiner Teil dieser Maschine zu sein. Selbst zu geben, was man zu geben hat.
Und das ganze war eine ganz kleine, minimale Erfahrung. Nichts großes, religiöses, sondern ein winziger Moment, in dem der Vorhang zu Seite geht und du backstage blickst.
Aber wahrscheinlich war es doch einfach nur Schlafmangel.
Anyway, hier sind die Lyrics:
you’ll be given love
you’ll be taken care of
you’ll be given love
you have to trust it
maybe not from the sources
you’ve poured yours
into
maybe not
from the directions
you are
staring at
twist your head around
it’s all around you
all is full of love
all around you
all is full of love
you just ain’t receiving
all is full of love
your phone is off the hook
all is full of love
your doors are all shut
all is full of love
all is full of love
all is full of love
all is full of love
all is full of love
all is full of love
all is full of love …
4. Januar 2007 00:37 Uhr. Kategorie Leben. Eine Antwort.
[...] Wenn All is full of Love ein Ende einer Beziehung markiert, markiert London Calling genau den Anfang. Es ist so ein Filmklischee, das man als Paar «seinen» Song hat, aber in diesem einen Falle, für diese eine große Liebe, war es wirklich so. Man könnte darüber streiten, ob Love Will Tear Us Apart oder London Calling eher den Beginn von Sandra und mir wiederspiegelt (Virus Meadow von And Also The Trees käme auch als gesamtes Album recht gut in Frage), aber wenn ich wählen muss, dann ist und bleibt es London Calling und dieser Moment auf der Tanzfläche, wo sie hinfällt im Februar 1987, und ich ihr aufhelfe und wir uns ansehen. Auch wenn Beziehungen nach der Trennung immer irgendwie seltsam bitter wirken und auch wenn eine Beziehung in 19 Jahren irgendwann vielleicht nicht mehr weißbrennendes Napalm ist, sondern eher ein wärmendes Kaminfeuer… make no mistake, das erste Jahr war reine, pure und unglaubliche Magie. Dazu gehört die seltsame Prophezeiung einer wirren alten Frau ebenso wie der Geruch von Glühweinbonbons und eben London Calling. Ein großartiger, energetischer Soundtrack für das Ende der Teenagerzeit, frenetisch und traurig zugleich, von allen epochalen Tracks der frühen Achtziger sicherlich DER wichtigste. Ein Lied, das mit geballter Faust den Untergang feiert und mit blutigen aufgeplatzten Lippen störrisch die ewige Treue schwört. [...]