
Keine Frage: David Bowie ist durch sein Lebenswerk – eigentlich sogar schon nur durch die drei in Berlin entstandenden Platten Low, Lodger und Heroes –im Grunde völlig unangreifbar geworden, und sämtliche musikalischen Fehltritte sind im Grunde als dauerhafte, ruhelose Suche dieses Mannes zu deuten. Das Live-Album zur Reality-Tour, im Grunde ein Re-Release des 2004 bereits auf DVD gezeigten Tourmaterials – zeigt Bowie als postmodernen Stadionrocker, der sich nach seinem letzten rebellischen Aufbegehren gegen ein Dasein als menschliche Jukebox mit dem phantastischen 1st Outside-Album und der dazugehörigen, auf jegliches Hitmaterial verzichtenden Tour, nun scheinbar damit abgefunden hat, seine mannigfaltigen Konzepte und Positionen, Häutungen und Facetten relativ wahllos nebeneinander herunterzurocken. Und so steht hier fast so etwas wie eine Art Synopse des Schaffens von Bowie an, Höheflüge wie Rohrkrepierer, und in der lauten, glattgeschliffenen Livefassung darf man sich dann nicht wundern, wenn so verschiedene Tracks wie die von Bowie dereinst selbst so abgelehnten 80s-Koks-Kommerznummern Under Pressure, China Girl, aber auch Klassiker wie Life on Mars und auch das Trent-Reznor-inspirierte Hello Spaceboy nahtlos nebeneinander stehen, und auch in dem Jukebox-Rock-Feeling des Livesets nebeneinander völlig ahistorisch zu funktionieren scheinen. Rausgelöst aus den Konzepten früher Alben, rausgelöst aus dem ratlosen Popabsturz der 80er, rausgelöst aus dem phönixhaften Comeback Ende der 90er und dem vielleicht etwas zu smarten Selbstzitat, das Bowie seitdem mit jedem neuen Album (wie er selbst zugibt) produziert, wirken die Tracks allerdings etwas kraftlos, den wie so viele der wirklich stellaren Musiker war Bowie nie seine «Hits». Bowie war nie «Changes» oder «Fame» oder auch nur «Let’s Dance», ebensowenig wie The Police «Every Breath You Take» sind. Insofern ist es vielleicht ein wenig schade, wenn Bowie zur Human Jukebox mutiert und mit routinierten Sessionmusikern die ihn größtenteils schon seit den 90s begleiten (darunter Sterling Campbell und Gail Ann Dorsey), seriös seiner Arbeit nachgeht und die Nostalgie seines Publikums so solide bedient, wie es die Stones oder AC/DC scheinbar schmerzfrei bereits seit Dekaden tun. Von Bowie hätte man vielleicht mehr Sperrigkeit, mehr Abneigung gegen das reine Funktionieren als Popstar erwartet, aber vielleicht ist es auch legitim, wenn ein Star am Ende seines Wegs auch einfach mal Applaus und schnelles Geld sucht. Das Live-Album bietet insofern etwas schweinerockende und laute Fassungen einer als Best-of-zu betrachtenden Hitsammlung von Bowie, in der die wirklichen Hits natürlich fehlen, die Lieder für die man Bowie lieben gelernt hat. Und dennoch ist es natürlich großartig, auf Reality Tour jemanden wie Bowie vital und kraftvoll live zu hören und alte Songs in neuen Fassungen zu hören – und andere Bands mit ähnlich langer Geschichte haben ihre eigene Historie sicher noch mehr, noch entschlossener ausverkauft als ausgerechnet David Bowie. Mehr Respekt hatte ich vor Bowie allerdings tatsächlich Mitte der Neunziger, als er der Indieszene noch einmal zeigte, wie der Hase läuft und ein kluges, sperriges Album rausbrachte und die entsprechende Live-Attitude dazu bewies, die quasi seine ganze eigene Geschichte über Bord warf und einen kompletten Neuanfang darstellte. Wer weiß, vielleicht hat Bowie auch nur seinen Frieden gemacht mit sich selbst und seiner Patchwork-Karriere, mit den verschiedenen Identitäten und der rastlosen Suche nach musikalischem Ausdruck. Aber so ganz wird man eben das Gefühl nicht ganz los, Bowie und jemand wie Robbie Williams könnten auch gut ein Bier zusammen trinken. Und vielleicht ist Bowies Legende inzwischen sogar so groß, dass auch das irgendwie vertretbar wäre.
5. Mai 2010 09:09 Uhr. Kategorie Musik. Tag Pop. Keine Antwort.