Das Reality Mining Project von Nathan Eagle hat sich neun Monate lang mit 350.000 Stunden Handy-Nutzung beschäftigt und eine umfassende Analyse der Verwendung von Mobiles geschaffen. Anhand der Daten konnte Eagles Team soziale Vernetzungen und Cliquenbildung feststellen, und aufgrund der Daten läßt sich durchaus auch zukünftiges Gruppenverhalten prophezeien. Ein Data-Mining der Handyinformationen (also Telefonate plus Rolodex plus Termindaten) bilden ein umfassendes Abbild des Lebens der Experimentteilnehmer.
Hier zeichnet sich etwas ab, was ich bereits bei Paris Hiltons Blackberry-Verlust anriß: Das Handy als Lebenspartner. Mobiles sind ja längst keine Telefone mehr, sondern rennen den PDAs als handlichere Alternative den Rang ab, wenn es darum geht, das eigene Leben zu choreographieren und dokumentieren. Sie mutieren zu einer Mischung aus digitalem Gedächtnis, im planerischen Sinne (was mache ich morgen) wie im dokumentarischen Sinne (was habe ich gestern gemacht). Das dies keineswegs (nur) so im Management ist, wie man vielleicht vermuten mag, sondern im höchsten Maße auch bei Teenagern und Studenten, denen man ein derart ver-terminiertes Leben gar nicht wünschen möchte, zeigt auf, daß zum einen hier bereits kapitalistische Zeitstrategien im jüngsten Alter aus den Medien erlernt und assimiliert werden, zum anderen aber der horror vacuii vor der freien, also schwerelosen, Zeit, zunimmt. Das Leben hat organisiert, geplant zu sein, wobei private Sphäre und Worksphere zunehmend verschmelzen oder doch zumindest mit den gleichen Tools organisiert werden. Omas Geburtstag und das Meeting in Frankfurt stehen friedlich im gleichen Outlook-Sheet.
Die digitale Gedächtnis-Funktion aber reicht natürlich weiter. Mit einem halbwegs guten Handy hat heute jeder jederzeit einen Photo- oder sogar Videoaufzeichner zur Hand. Alles und jedes im Leben wird recordable. Was die Frage aufwirft: WAS ist es wert, aufgezeichnet zu werden? Die Erkenntnis ist bereits jetzt, daß inzwischen bei jeder Katastrophe weltweit mindestens ein Betroffener ausreichend geistesgegenwärtig beziehungsweise schockbetäubt ist, um sein Handy zu zücken und die Situation für die Nachwelt aufzuzeichnen. Aber auch Geburtstage, Hochzeiten… aus den früheren Kodak-Momenten sind längst Nokia-Momente geworden. Du kaufst ein Hemd und willst wissen, was deine Freunde davon halten… ein Photo und MMS lösen das Problem. Zumal der Freundeskreis via Mobile ja medial extendiert ist. Es geht nicht mehr bloß um information at your fingertips, sondern um das gesamte soziale Netzwerk in der Hosentasche. Termine, Daten, SMS, Photos, Notizen, eMail, Telefonieren… und all das ist nur die Vorstufe auf das, was kommt, wenn die Instant-Messaging-Techniken die Mobiltelefone erreichen, wenn RFID Alltag wird, wenn sich die Mobiles völlig von der Maske der Telefone lösen. Das Handy wird so zum Dokument, zum Manifest des gelebten Daseins. Ein Abbild von Freundschaften, Erfahrungen, Erlebnissen. Das verlangt nicht nur nach Möglichkeiten, diese Daten beim Modelllwechsel oder Upgrade mitnehmen zu können (umgekehrt wird aus der Verweigerung der Crossgrade-Möglichkeiten eine enorme Chance zur Kundenbindung), sondern auch nach einer Kompetenz im Umgang mit diesen Chancen. Es ist nur eine Frage des (scheinbar stets exponential expandieren) Speicherplatzes, bis wir eigentlich und theoretisch unser gesamtes Leben durchgehend und permanent dokumentieren können, non-stop. Wie eine Flugzeug-Blackbox wären wir also ständig im Dokumentationsmodus, Regisseure des eigenen Daseins. Die Frage nach den Schattenseiten dieser durchgehenden Dokumentation des eigenen Daseins wirft (in wenig überzeugender Form) der Film Final Cut auf, der aber einer Kernfrage durch elegante Montage ausweicht: Wie soll man diesen Datenwust eigentlich jemals bewältigen? Wer will sich ein Leben in 365 Tagen/Jahr, 24 Stunden/Tag ansehen. Und: Ist das eigenen Leben eigentlich tatsächlich interessant, spannend genug, um der Aufzeichnung bzw. des Ansehens überhaupt wert zu sein? Kann es sich messen, in seiner gleichförmigen Alltäglichkeit, an der Inszenierung von Leben, die wir medial tagtäglich vorgelebt bekommen? Ist dein Leben so spannend wie eine Sitcom? Deine Freunde so lustig wie die Cast von Friends? Deine Probleme so dramatisch wie eine Daily Soap?
Dennoch, der Wunsch, das eigene Leben festzuhalten, ist sehr stark und alt. Teil auch unserer Kulturgeschichte. Und sei es nur die Dokumentation des ewig gleichen. Weihnachten 1978, Weihnachten 1979, Weihnachten 1980… nur die Gesichter werden älter, die Gardinen gelber. Aber die Photoalben sind voll von solchen per se nichtssagenden Bildern unserer Großeltern, die wir Enkel posthum fasziniert betrachten. Auch die Normalität wird spannend, wenn sie Dokument einer vergangenen Zeit ist. Nicht nur bei den eigenen Großeltern, sondern sogar noch intensiver bei privaten Bildern von Fremden.
Bereits heute hat jeder Semi-Prominente das Bedürfnis, seine meist ja doch eher mediokren Erlebnisse in Buchform zu gießen, bereits heute haben wir teil an den Hochzeitsvorbereitungen einer deutschen Sängerin. Bereits heute stiften die Privatsender Vorbilder mit ihren RealitySoaps, in denen normale Menschen durch eine potemkinsche Erlebniswelt gejagt werden und bei Häuserbau, Hochzeit, Autokauf und anderen Nichtigkeiten begleitet werden. Das jeder ein Star sein kann, dieses klassische Versprechen der Leistungsgesellschaft, mit dem die Masse atemlos vor Hoffnung gehalten wird, war nie so greifbar wie in Zeiten von Internet und digitalen Kommunikationstechnologien. Blogs sind da nur ein Anfang. Schließlich dokumentieren wir doch alle – gerade ich, hier – wie ein ehedem rationierter Zugang zur Öffentlichkeit plötzlich demokratisiert, egalisiert ist. Der seltsame Misch aus Meinungsäußerung und Tagebuch-Spur, den ein Blog darstellt… zeigt uns den Weg in die Handy-Gesellschaft., in der potentiell jeder jederzeit alles in seinem Leben dokumentieren und speichern und veröffentlichen kann.
Abgesehen davon, daß sich hier kurz/mittelfristig einfach komplett neue Berufsfelder und Marktchancen abzeichnen, gibt es hier auch eine soziale Chance. Freundes-Netzwerke, die in der hochmobilen Arbeitsgesellschaft, immer fragiler werden, können durch das elektronische Exoskelett stabilisiert werden. Ziehen Freunde nach der Schule an einen Studienort, wechseln Arbeitskollegen berufsbedingt von Berlin nach Japan… es ist bereits heute machbar, weiter Kontakt zu halten. ICQ ist es egal, ob man drei Meter voneinander entfernt sitzt oder eine halbe Welt entfernt ist. Im Büro schreibe ich genauso eine Im an Julia, die mir gegenübersitzt, wie an Kirsten in Kanada oder Markus in Hamburg. Distanz wird digital egalisiert. Zugleich vertiefen Blogs deine Wahrnehmung deiner Mitmenschen, lassen sich – ausreichend Exhibitionismus der Blogger vorausgesetzt – an Elementen ihres Lebens teilhaben, die im Face-to-Face niemals zur Sprache gekommen wären. Solche inzwischen so selbstverständlich wirkenden lateralen Erweiterungen der Kommunikation sind sicher auch kritikwürdig, denn sie sind indirekt und gehen rein zeitlich ja auch oft zu Kosten von f2f, aber sie sind dennoch unterm Strich aus meiner Sicht eine Bereicherung. Der Wechsel der Wahrnehmung der Welt von der tatsächlichen irdischen Sphäre zu einer technologischen, gebauten Sphäre aus Transmissionen und Vernetzungen. In deren Schattenbereichen eine postreale, posthumane und zum Teil auch postkonsumaristische Gesellschaft entsteht, eine seltsame neue Tribalkultur, die für Marketing und Werbung immer ungreifbarer wird und zugleich immer anfälliger. Die technologische und soziale Weiterentwicklung dieser Tendenzen in den mobilen Alltag wird, im Sinne des chinesischen Sprichwortes, spannend werden…
26. Juli 2005 10:13 Uhr. Kategorie Technik. Keine Antwort.