
Sicher, ich hatte es mir noch schlimmer vorgestellt. Wo Bernd Eichinger hinpackt wächst bekanntlich kein Gras mehr und obwohl Tykwer sich als einer der besten deutschen Regisseure profiliert hat, gibt der Stoff des Buches ihm wenig Spielraum für seine typische Handschrift und der Pathos kann einen Regisseur mit Hang zum Stilisieren hier leicht übermannen. Nicht ohne Grund ist Das Parfum, immerhin die Verfilmung eines der bekanntesten deutschen Bücher der letzten Dekaden, bisher fast ausnahmslos verrissen worden.
Dabei steht der Film von der ersten Sekunde an vor einem unlösbaren und verständlichem Problem… wie transferiert man olfaktorische Reize ins visuelle Medium? Im Buch viel einfacher: Geruch lädt ein zur Assoziation, zur Beschreibung zur Simile… im Film, wo man zeigen muss,nicht erklären kann,nahezu unmöglich. Man kann sicher mit digitalen Effekten arbeiten und ein oder zweimal greift Tykwer darauf zurück – aber mehr wäre nicht sinnvoll gewesen, selbst diese beiden Momente haben schon einen touch too much, wirken zu modern im Kontext des Gesamtfilmes.
Das Parfum zeigt die Grenzen von Kino gegenüber der Literatur auf. Es gibt Dinge, über die kann man schreiben, aber die kann man eben nicht verfilmen. So wie eine Autoverfolgungsjagd im Film funktioniert, im Buch aber zu Tode langweilen würde. Verloren auch die Nuancen, die literarischen Andeutungen, nicht zuletzt die Möglichkeit des Autors, emotional diffus, distanziert zu bleiben. Der Film macht sich stets gemein mit seinen Helden und so wird Grenouille hier nicht emotionsloser Katalysator einer Erzählung, sondern eine Art Jesus/Superheld/Jack the Ripper im Historiengewande. Die Sequenz beim Parfumeur Baldini (Dustin Hoffman) erinnert unweigerlich an die Vorführung von Superkräften, auch die Sequenz, in der die Kamera Grenouilles Geruchssinn Richis und seiner Tochter Laura (Rachel Hurd-Wood) folgt, wirkt dem Actionkino à la Matrix entlehnt.
Paris und Frankreich des 18. Jahrhunderts auferstehen zu lassen, ist sicher eine Herausforderung. Setbau und Styling geben hier ihr bestes, in kleinen Details, im unendlichen Dreck der Massen. Dennoch habe ich mich nicht ganz von dem Gefühl befreien können, einen ZDF-Weihnachtsvierteiler oder einen WDR-Schulfilm zu sehen. Vielleicht ist man ausgerechnet dieses historische Umfeld bereits so gewohnt, dass es zum Klischee erstarrt ist, aber die Kostüme, die Gesichter, die schwarzen Fingernägel, die Zähne, die Grimassen, dieses ins Musical überzogene Elend, andererseits die ebenso überzeichnete fette gepuderte Oberschicht. Das wirkt so ermüdend deja vu. Tykwer und Eichinger haben den bereits als Schablone beim Publikum festgesetzten Bildern nichts hinzuzufügen, nichts zu ergänzen. Das dies durchaus geht, zeigen Filme wie Vidoc oder Pakt der Wölfe, die zwar ihre jeweils eigenen Probleme haben, dem Epochefilm aber sicher einen neuen, postmodernen Twist verliehen konnten, wo Das Parfum leider eher brettbieder bleibt. Wo sich doch gerade dieser Film für deutlich mehr digitale Surrealitäten angeboten hätte. Nicht auszudenken, was ein Jeunet aus dem Stoff gemacht hätte.
Auch das Ende des Films, die Orgie in Grasse, sowie Grenouilles Tod auf dem Fischmarkt in Paris, geraten zu deutschmilde. Die Orgie verbreitet ein bisschen Woodstockflair und es gibt Bonuspunkte für den Mut zum (angedeuteten) Sex zwischen Männern, aber insgesamt fehlt es an Epos, an Wucht. Und auch der kannibalistische Tod von Jean-Baptiste kommt seltsam abstrakt und unwirklich daher, seltsam antiseptisch.
Ich denke, angesichts der in die Rechte investierten Summen wollte Eichinger in erster Linie einen Erfolgsfilm, der in Deutschland, aber auch in Ausland vor allem Geld einspielt. Das ist als Produzent seine Aufgabe. Man verfilmt keinen Zehn-Millionen-Euro-Film, damit am Ende drei Kunststudenten begeistert jauchzen, sondern geht auf die Masse. Kino, DVD, TV. Und die Masse, sicher, bedeutet Konsens. Bedeutet, keine Frage, Kommerzfilm. Dieses Schicksal teilt Parfum mit Elementarteilchen. Es ist Tom Tykwers Verdienst, diese Aufgabe mit ausgzeichnetem Casting, hochsolidem Handwerk und offensichtlicher Freude am klassischen Erzählfilm umgesetzt zu haben. Im Rahmen dessen, was wahrscheinlich möglich war, hat er alle Register gezogen. Die Gesichte ist so eingedampft und zugleich aufgebauschtt, dass sie einem breiten Publikum als Tragödie nachvollziehbar ist, auch um den Preis, dass Süskinds Figur hier plötzlich zum romantischen Serial Killer wird, der nicht entrückt dem perfekten Parfum nachjagt, sondern eine Art Liebesdienst erfüllt. Tykwer hat, wo immer er konnte, mit dem großen Publikum im Kopf, ein bisschen Thriller, ein bisschen Historienfilm und ein bißchen Romanze gemischt und heraus kommt ein Film, von dem er wahrscheinlich am besten weiß, daß es ein job well done ist, der aber lange nicht heranreicht an seine kleineren, intimeren Filme. Vieles an diesem Film hätte peinlich und albern wirken können und Tom Tykwer hat es geschafft, das fast durchweg zu vermeiden – und das ist bei einer solchen Kompromiss-Produktion, bei der immerhin zwei der Produzenten auch als Drehbuchautoren aufgeführt sind, schon eine mehr als beachtenswerte Leistung. Aber im Endeffekt leidet der Film unter der Hybris der Verkaufszwangs, unter einer unendlichen Schaulust im Wortsinne, hier wird geklotzt, nicht gekleckert, hier soll beeindruckt werden. Eichinger, das Gefühl wird man nicht ganz los, will sich hier noch einmal ein Monument hinsetzen.Musik, Bilder, Einstellungen, Darstellergesichter, hier ist wenig Platz für das kleine Intime, das wirklich mitreißende. In diese Leistungsschau der Bilder, in diesen greifbar nervösen Versuch, bloß nichts Falsch zu machen, um Gottes Willen einen unangreifbaren Film zu machen, den großen Mainstream-Erfolg auf Knopfdruck… in all diesem stirbt irgendetwas. Eichinger und Tykwer haben dem Buch nichts entgegenzusetzen, verfilmen nur. Und versuchen, als erfahrene Magier, mit viel Lärm und viel Bombast davon abzulenken, dass in der Essenz recht wenig geboten wird.
Die Crux von Parfum ist, abgesehen von der schieren Unverfilmbarkeit des ohnehin recht durchschnittlichen Buches, ist aber eben diese Tendenz zum Konsens. Ein kleinerer, mutigerer Film, der dem Stoff, aber auch dem Publikum mehr abverlangt hätte, wäre wahrscheinlich sehenswerter gewesen.
Das beste, insofern, war der wirklich großartige neue N-93-Nokia-Spot mit Gary Oldman ;-).
2. Oktober 2006 11:56 Uhr. Kategorie Film. 7 Antworten.
Dem Film hat, kurz gesagt, die Magie gefehlt. Süskind gilt nicht zu unrecht als derjenige, der den magischen Realismus in die deutschsprachige Literatur gebracht hat. Penibles Eintauchen in die soziale Welt des 18. Jahrhunderts und gleichzeitig immer der Verweis darauf, dass alles hier Fiktion ist, dass wir einer Fantasiegestalt mit unmöglichen Sinneswahrnehmungen folgen. Deshalb funktioniert der Schluss im Buch als konsequente Wende hin zur fiktionalen Logik. Im Film wirkt das Ende nur lächerlich, weil man nach all dem Sozialkitsch DAS nun nicht erwartet.
Immerhin eine der wenigen Sequenzen, die in die Kategorie der Massennacktszenen gehören. Und allenthalben solides Handwerk. Nur was bringt’s, wenn die Vision fehlt?
Magischer Realismus war der Oldman-Clip. So schön und simpel und wunderbar kann Werbung sein. «Üben, Lady. Üben.» Alt, aber großartig.
Parfum war zu viel Les Miserables und zu wenig Vidocq. Kubrick hätte den Film schön machen können in die eine Richtung, Jeunet , so absurd das zunächst klingt, in die andere. Jeunet ist aber sinnvollerweise eher damit beschäftigt, nichta uf Roman-Adaptionen, sondern auf NEUEN originären Filmstoff zu setzen und im Film die Geschichten zu erzählen, die sich für Film eignen. Kino ist immer besser mit neuen Drehbüchern, dienichgt auf einer Romanvorlage basieren. Buch ist Buch. Film ist Film.
Und verdammt, ich BIN mal so gar kein Bond-Fan, aber der 007-Trailer hat auf der großen Leinwand Spaß gemacht. Daniel Craig ist badass.
Oder vielleicht *schauder* Cronenberg? Wäre wohl auch in die falsche Richtung losgegangen. Tim Burton? Vielleicht zu lustig.
Der neue Bond schaut wirklich schön düster aus.
Nein, Cronenberg hätte A Scanner Darkly verfilmen sollen.
Nach Charlie Kaufmanns Drehbuch.
Und Tim Burton hatte ja schon mit Sleepy Hollow gesagt, was er in dem Genre Historical Thriller :-D zu sagen hat. Burton soll einfach machen, worauf er Lust hat, ohne allzuviel Rücksicht auf große Budgets. Big Fish und Schokoladenfabrik waren beide grandios.
Ich fand das Buch zum schnarchen und habe teilweise 20, 30 Seiten übersprungen. Vielleicht gibt mir der Film ja mehr, da mir die ausschweifenden Beschreibungen der Optik und der Gerüche im Buch zu langatmig waren. Trotzdem darf man das ja kaum laut sagen.
Ich hab das Buch auch aufgegeben. Eins der wenigen Bücher, die ich nicht durchgekriegt habe. Ich fand den Mix aus «hoher» Literatur und Unterhaltungsroman für die Wäschersfrauen irgendwie anstrengend. Irgendwie hatte mir das Buch wenig zu sagen und hat sich dabei zu sehr angestrengt.
Ich finde übrigens wirklich spannend, da Nokia quasi als erste mit ihrem Handy den kleinen selbstgedrehten Handy-Spot zur Kunstform zu erheben versuchen. Und das auf der Site auch durchaus sehr erfolgreich, die kurzen N93-Filmchen der User sind tatsächlich prima. Rein zeitlich ein schönes Zusammenfallen mit YouTube und anderen Video-Gräbern. Ich wills noch nicht übertreiben, aber ich kann mir denken, dass dem Kurzfilm ein ganz neues Zeitalter bevorsteht.