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Das Kabinett des Dr. Parnassus

hd schellnackNachdem ich mich jetzt seit drei Wochen daran versuche, vernünftig über Terry Gilliams neuen Film zu schreiben und an der schieren Tiefe des Films verzweifele, die eigentlich deutlich längeren Text verlangt als (selbst) hier lesbar wäre, um den Andeutungen, Verweisen, Fußnoten und Doppelbödigkeiten gerecht zu werden, mache ich es lieber kurz und dafür solange der Film noch halbwegs in den Kinos läuft…The Imaginarium of Doctor Parnassus, so der deutlich bessere Originaltitel, ist der Film, auf den man als Fan von Gilliam lange hat warten müssen, der Film, in dem die Tricktechnik endlich halbwegs mit der Phantasie des großen Regisseurs mithalten kann und seine Geschichte nicht mehr verkrüppelt wird durch alberne Effekte, wie noch zu Zeiten von Brazil. Wie bei Gilliam üblich, sieht alles nach wie vor ein wenig trashy aus, nicht so glatt wie bei FX-Stangenware à la Potter, aber die Fulminanz seiner Bilder, die auch die Computereffekte an die Grenze des Machbaren treibt, war selten so beeindruckend wie hier. Parnassus ist ein Triumph für Gilliam, ein Film gegen alle Widerstände, der wie kein Gilliam-Film zuvor auch einen Hauch autobiographische Züge in sich trägt – die Geschichte eines alternden Showmans, der in einer immer grauer werdenden Welt zum verdrogten Hippie-Anachronismus wird. Die Quatrobesetzung Ledger/Depp/Law/Farrell funktioniert ausgezeichnet (gerade bei Depp nahezu erschreckend, auch weil Ledger kurz zuvor noch Depp «channeled»), die Geschichte ist eine wilde Achterbahnfahrt durch Mythen und Zitate, der Film in sich so schillernd und phantasmagorisch wie das «Imaginarium» in Parnassus’ Kopf selbst. In einer Zeit, in der Trickeffekte nur dazu dienen, immer dünnere Fantasy-Handlungen zu kaschieren, ist hier erstmals erahnbar, welche narrative Tiefe man mit diesen Mitteln (und phantastischen Darstellern) erreichen kann, wenn man das Spiel beherrscht – von der ersten Sekunde an ist der Film doppelbödig, der Zuschauer unsicher und die Reise spannend, so wolkenhoch, das man nach der viel zu frühen Landung noch Druck auf den Ohren zu haben glaubt. Parnassus ist sicher die Sorte Film, die man zwei-, drei-, viermal sehen kann (vielleicht sogar muss), ohne sich zu langweilen, um dabei immer neue Details und Zusammenhänge zu entdecken. Der Film steckt fast wütend voller wilder Ideen und Konzepte, balanciert meisterhaft, wie Gaiman in seinen besten Momenten,  die normale Welt und das Übernatürliche, und vom Titel bis zur letzten Sekunde ein chaotisch überbrodelnder Schatz für Interpretationen und Deutungen. Es ist selten, dass ein Mainstream-Film heute so voller gezielter Tiefe und hermeneutischer Angebote steckt, ohne sich darin zu verlieren. Plummer und Cole sind umwerfend, Waits erwartungsgemäß grandios, Ledger zeigt erneut, dass wir mit ihm einen doppelbödigen und abgründigen Darsteller verloren haben, der zu einem zweiten Brando hätte werden können. Imaginarium ist Gilliams düster glühendes intensives Meisterwerk, ein Film, der seine anderen Filme zusammenhält, reflektiert, überbietet – es ist fast unverschämt, wie Gilliam im Alter nicht schlechter zu werden scheint, sondern immer besser, immer klarer in seiner Unklarheit wird.

8. Februar 2010 11:13 Uhr. Kategorie Film. Tag .
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