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CURT SWAN



Während mir Silver-Age-Comicartist Jack Kirby mit seiner Arbeit an den Fantastic Four stets als Großmeister des Surrealen, des Wagneresken im Gedächtnis ist, lag Curt Swans Stärke kontrapunktisch darin, der unwirklichen Welt von Superman eine Textur zu verleihen, die die suspension of disbelief überhaupt erst ermöglichte. Was umso erstaunlicher ist, als daß Swan den Großteil seiner Karriere nicht wie Kirby mit Storys und Figuren arbeitete, die – wie bei Marvel – menschliche Makel hatten oder eine individuelle Charakterentwicklung zuließen, da DCs Figuren meist eher stereotyp angelegt waren, gegenüber den diffizileren, gebrocheneren Marvel-Figuren. Swan, in diesem Sinne sicherlich ein Vorläufer von Neal Adams oder auch Jim Aparo, schuf nach dem Rock-Hudson-on-stereoids-Superman, den Al Plastino und Wayne Boring in den 50er und 60er Jahre etabliert hatten, einen schlankeren, detaillierteren Man of Steel, der gar nicht mehr so stählern oder besser gesagt hölzern wirkte. Der in den Zwanzigern geborene Swan produzierte in seiner Laufbahn wahrscheinlich abertausende von Seiten, zahllose Cover, Artwork für Legion of Superheros, Superboy, Superman, Action Comics, Flash undundund… zu viele, um sie zu zählen. Umso verblüffender, daß er nicht nur über Dekaden ein workaholic war in einem Genre, das Penciller oft recht schnell verzehrt, sondern sich dabei auch kontinuierlich als Künstler weiterentwickelt hat. Swan verkörpert, vielleicht mehr als jeder andere Zeichner, den amerikanischen Arbeitsethos, den ihm sein Arbeitgeber DC leider nicht lohnte: Nach dem Reboot von Superman in den 80ern fand Swan kaum noch Arbeit bei DC und starb, so sagt man, verarmt und frustriert. Was vor allem bleibt, ist eine der Hochphasen von Superman in den späten Sechzigern und Anfang der Siebziger, die Arbeit mit dem kongenialen Murphy Anderson als Inker und mit Denny O’Neil und Elliot S! Maggin als Autoren, der Übergang von einem gottgleichem Superman, der in immer ähnlichen, aber eskalierend surrealen What-if-Szenarios gefangen war, zu einem auf menschliches Maß reduziertem Charakter. Diese Phase, 1971 um Superman breaks loose, wegweisend war für die nur allzu kontinuierlichen Reboots von Superman seitdem, ist für mich Swans Apex, fast schwer zu sagen bei einem Zeichner, der durchweg außerordentliche Qualität produziert hat und dessen Klarheit meist eher unter seinen mitunter schlechten Inkern leidete als unter eigenen Mängeln. Aber hier wird Supermans stets pappmaché-artige Welt erstmals dreidimensionaler, texturierter, die Anzüge sind nicht mehr stur blau (wiewohl dieses Merkmal von Clark Kent allzubald bald wiederkommen sollte) und Swan hat die Möglichkeit, spürbar mehr Realität abzubilden. Immer noch das workhorse, der verlässliche Alleskönner, ist Swan hier spürbar befreit und beflügelt, und erst eine Dekade später, als Superman wieder braver und mainstreamiger wurde, läßt dieser Schwung spürbar nach. Die Mimik und Körpersprache von Swans Superman ist der damaligen Zeit weit voraus. Denkt man heute spontan an Lois Lane oder Jimmy Olsen, denkt man meist an Swans Entwürfe der Figuren, schließlich hat er rein qua Output diese Welt visuell definiert. Der Job des Comiczeichners als world builder, als Designer, der sich unter hohem Zeitdruck Städte, Kleidung, Raumschiffe, extraterrestre Wesen und den ein oder anderen Gott ausdenken muß, erfüllt Swan mit präziser naturalistischer Gelassenheit. Ob Zeitungsverkäufer oder Außerirdischer, Helicopter oder Raumschiff, die perfekte Mischung aus Detailliebe und Abstraktion macht es bei Swan möglich, daß ein Cowboy auf einem geflügeltem Pferd nie wirklich out of place in einer dem modernen New York nachempfundenen Stadt anmutet, ebenso wie er einem in einen rotblauen Strampelanzug gewandeten Muskelprotz Tiefe und Charakter verleihen konnte wie kein Zeichner zuvor. Der eine Welt geschaffen hat, die absolut real und dreidimensional wirkte, in der aber zugleich glaubhaft ein Wesen existierte, das seinen Dress in der Sonne reinigt.

Während bei Jack Kirby also nahezu jeder Charakter ein Gott war, wurden bei Swan die Götter zu Menschen.

12. Oktober 2005 08:23 Uhr. Kategorie Design. Eine Antwort.

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