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CORPORATE CLUSTERFUCK



Jürgen Siebert zeigt gerade drüben im Fontblog das neue «Corporate Design» der Stadt Gera.
Oberbürgermeister Dr. Norbert Vornehm erklärt den unsagbaren gestalterischen Müll, den irgendjemand mit CorelDraw und WordArt produziert zu haben scheint, tatsächlich zum «wichtigen Meilenstein» und verkündet, auch eine Stadtverwaltung brauche eben – wie ein Unternehmen – ein Corporate Design als «wettbewerbsentscheidender Wirtschaftsfaktor».

Mal abgesehen von der Qualität der Realisierung, die an sich bereits unerträglich ist (Arial als «moderne, aber nicht modische» Hausschrift, muahahahaha), wurmt mich diese gesamte dahinterstehende Wahrnehmung von Corporate Design. Denn nein, eine Stadt braucht kein CD. EineStadt braucht Infrastruktur, soziale Netze, schöne Bauten, Cafés, Arbeitsplätze, Kindergärten, Spielplätze, nette Beamte, Waldgebiete, lebendige Kultur, gute Restaurants, möglichst wenig JunkSpace, Einkaufsmöglichkeiten, einen schönen Wochenmarkt, Flair und kreative, gutgelaunte Einwohner. Münster ist auch Münster ohne ein Logo, Hamburg ist auch Hamburg ohne ein Logo, Wien bleibt Wien, egal, welche grafische Marke man dranpappt. Essen würde nicht schicker mit einem neuen Design ;-D. Ein guter Auftritt macht eine gute Stadt sicher etwas sympathischer, aber eine Stadt – auch wenn es sicher (siehe den entsprechenden Second-City-Bericht im Spiegel letzter Woche) eine Konkurrenz der Städte um Einwohner, Firmen, Prestige und Steuern gibt – wird nicht allein durch ein «Corporate Design» besser oder sonst irgend etwas. Design kann nicht zaubern. Ein Bäcker braucht kein Corporate Design, sondern gute Brötchen und ein nettes Lächeln. Es ist etwas irritierend, wenn eine Stadt papageienhaft eine längst verstaubte Weisheit nachbetet, die die Industrie, deren kommerzielle Logik hier ohne Sinn und Verstand nachgeäfft wird, selbst längst abgelegt hat – wirklich gute Unternehmen hängen der starren CI/CD-Lehre beiweitem nicht mehr so verbiestert an wie Gera es hier vorlebt, sondern praktizieren flexible, offene, dynamische Lösungen. Das ist in etwa so seltsam wie die Tatsache, dass Discounter und Supermärkte sich in letzter Zeit mit neuem Look aufpeppen wollen – «Design» ist auf dem langen Marsch durch die Instanzen anscheinend inzwischen am Arsch der Welt angekommen und jetzt wird der letzte Dreck noch aufgehübscht. Irgendeiner machts ja immer.

Nichts gegen ein konsequentes Städtemarketing, nichts gegen eng eingebundene Design-Maßnahmen in diesem Kontext. Design ist eins der besten Change-Management-Tools schlechthin, wenn der Designer mehr macht als nur irgendeine Scheiße golden anzupinseln. Jeder Designer, der sein Geld wert ist, wird weniger auf einem neuen Logo und Briefpapier und … aaaaaabsurd.. Baustellenschildern herumreiten als auf dem, was uns Designer wirklich interessiert: Das große Ganze, die Qualität, die Machbarkeit, die erreichbaren Ziele. Erst die Sache, dann die Gestallung.

So zeigt sich an der größten Stadt in Thüringen die Misere von Design als Oberflächenlackierung, unter der noch Rost steckt, der dann deutlich erkennbare Blasen wirft. Das Problem ist ja nicht das selbstgestrickt wirkende Logo, das gruselige Designmanual (auch so ein totes Werkzeug… wer macht sowas heute noch ernsthaft? Wer braucht Maßketten an Briefpapier, wenn es Word-Templates und Server dafür gibt?), das Problem ist die Gebrauchtwagenhändlerdenke, bei der Gestaltung nicht mehr als Konkretisierung eines Denkens und Handelns, als Visualisierung des Seins, als Abbildung eines Wollens, verstanden wird – sondern als Nebelschwade, als Deckmantel, als Potemkinsches Dorf. Design ist aber mehr als CorelDraw  – Design ist eine Art des Denkens.

27. August 2007 14:10 Uhr. Kategorie Design. 11 Antworten.

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