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Coraline 3D

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Es muss für Neil Gaiman seltsam sein, wenn Figuren aus seiner Phantasie so nachdrücklich real werden, auch wenn der amerikanische Starauor wahrscheinlich inzwischen daran gewöhnt ist. Auch wenn meine Erinnerung an das Buch nur noch schwach ist, fängt der Film den Geist der Erzählung souverän und phantasievoll ein und inszeniert Gaiman’s grelldüstere Alice-im-Wunderland-Modernisierung in umwerfende Bilder. Liebevoll in Stop-Motion-Technik und mit handgemachten Puppen produziert, zugleich aber auf der Höhe digitalen Zaubers, hat Henry Selick scheinbar keine Sekunde Mühe, die mal magischen, mal tiefschwarzen Phantasien Gaimans zu realisieren.

Die Story der kleinen Coraline, die von ihren Eltern vernachlässigt durch eine geheime Tür in ihrem Zimmer in eine andere, seltsam magisch anmutende Gegenwelt flieht und dort von ihrer «anderen» Mutter ideal umsorgt wird, wenn da nur nicht die Tatsache wäre, dass die neue Mutter darauf besteht, Coraline Knöpfe auf die Augen zu nähen, erwacht in der Puppenwelt, die sich wie eine Art High-Tech-Augsburger-Puppenkiste anfühlt, in einer Weise zu Leben, die kein reiner CGI-Animation-Film je bieten könnte. Die Bildwelt hat eine wunderbare Textur und eine Unbeholfenheit, die herrlich nostalgisch und insofern hochgradig glaubhaft wirkt. So sehr, dass moderne Gegenstände wie Laptop fast störend wirken in der betörend zeitlosen Welt von Selicks fast 450 Modelbauern, die scheinbar mühelos zwei ganze Welten auferstehen lassen, berstend mit wunderbaren exquisiten Details, die man beim ersten Sehen des Films kaum aufnehmen kann. Während es mich beim Buch irgendwie massiv gestört hat, jeden Ort der Handlung sozusagen zwei- bis dreimal zu besuchen (in der echten Welt, in der positiven Traumwelt und dann in der Alptraumvariante), behält der Film die computerspielartige Logik von Gaimans Buch zwar bei, aber in einem so hypnotischen, zwingenden Rhythmus, dass man der Handlung wie betört folgt und anders als im Buch niemals als willkürlich in Frage stellen will. Insgesamt baut Selick das Buch fast eher aus – vertieft Charaktere oder führt mit Whyborn sogar einen neuen ein -, was der ohnehin intelligent gebauten Sei-vorsichtig-was-du-dir-wünscht-Geschichte überraschend gut tut, ebenso wie die Verpflanzung nach Amerika unerwarteterweise kaum schadet.

Was Gaiman auf dem Papier nur stellenweise gelingt – die komplette Bezauberung des Lesers – gelingt Selick fast durchgehend. Coraline ist smart und sympathisch, eine moderne Pippi Langstrumpf, ohne naseweis oder nervig zu wirken, auch die delikate Balance, die Eltern als abgelenkt, aber nicht lieblos erscheinen zu lassen, glückt glaubhaft. In einem Film in dem so viel schiefgehen könnte, ist es fast ein kleines Wunder, wie viel hier meisterhaft gelingt – nicht zuletzt wie sehr Selick die Illustrationen von McKean einfängt (allein durch den etwas eckigen Puppencharme) und doch eine ganz eigene Version der Figur kreiert. Einziger Kritikpunkt, wenn auch nicht unbedingt meiner, mag sein, dass das Finale des Films nichts für die Nerven von sechsjährigen Kindern sein dürfte, für die dieser Film freigegeben ist, vor allem in 3D nicht. Wenn man doch schon als Erwachsener schon erschrocken zusammenzuckt… aber ich finde ja, Kinder kommen mit so etwas gut klar und Horror gehört in die Kindererzählung wie das Salz in die Suppe.

Die Magie des Filmes wird noch betont durch die Tatsache, dass er in 3D produziert ist. Nach den Trailern der zahlreichen kommenden 3D-Filme (die alle noch seltsam Low-Budget wirken, und auch sehr disneyfiziert) und dem Film selbst ist klar, dass 3D bei Animationsfilmen aus dem Rechner lange nicht so überzeugend wirkt wie bei echten Figuren, die ein viel differenziertes Spiel mit Tiefenebenen erlauben. Coraline arbeitet relativ verhalten mit 3D-Effekten, vielleicht um auch in 2D noch gut zu funktionieren, aber die Tiefenwirkung ist sehr natürlich und absolut umwerfend. Nur selten erlaubt sich Selick einen auffälligen In-Your-Face-Effekt, aber wenn er es tut, wird die unglaubliche räumliche Wirkung der Dreidimensionalität, die schiere Dramatik von 3D, atemberaubend. Über echte Horrorfilme in der dritten Dimension mag man gar nicht nachdenken. Aber auch die dezente Nutzung der Möglichkeiten, etwa um Text dreidimensional auf der Handlung schweben zu lassen, oder um die schlagartig nicht nur als Tiefenschärfe-Illusion sondern eben tatsächlich vorhandene Z-Achse narrativ zu nutzen (indem Vorder- und Hintergrundhandlungen viel räumlicher abgrenzbar sind), zeigen auf, wieviel tatsächliche Wucht in 3D stecken. Das ist viel, viel mehr als ein Gimmick, das ist ein absoluter Gamechanger. Die großen Firmen werden eine Menge Energie in 3D stecken, weil hier – für eine gewisse Zeit – mit der aufwendigen hochauflösenden Digitalprojektion und den polgefilterten Doppelbildern ein Technologievorsprung existiert, der die Leute wieder in die Kinosessel locken könnte. Die Brille – weit entfernt von der rotgrünen Brille aus den 60ern – ist eine Sache, die sicher noch besser zu lösen ist, aber ich würde mich wundern, wenn 3D nicht der logische nächste Standard wird. So wie der Wechsel von Stumm- zum Tonfilm und vom Schwarzweiß- zum Farbfilm ist dieser Übergang zur Stereoskopie wirklich, im Wortsinne greifbar, ein Paradigmenwechsel. Details in den Trailerfilmen – wie etwa die Nachtsichtbrille, die sich einer der Kampfhamster (seufz) in G-Force überzieht und die dann wirklich auf den Augen des Zuschauers zu sitzen scheint, zeigen ansatzweise, was diese Technik an Möglichkeiten birgt. Real 3D und ähnliche Technologien – und man kann nur hoffen, dass bald ein eindeutiger Standard emergiert – wird sicher, wie der 3D-Boom der 50s, zunächst eine ganze Flut von Kinder-, Horror, Action- und Effektfilmen hervorbringen, aber mittelfristig breitflächig durchsetzen, langfristig wahrscheinlich auch im Heimkino-Bereich, mittelfristig aber in Kinos oder Public-Viewing, und dabei ganz nebenbei die digitale Revolution im Kino vorwärts schieben und das Zelluloid – for better or worse – ablösen.

Die Mischung der zauberhaften Bildwelt von Coraline und dem weit jenseits von plattem Gimmick eingesetztem stereoskopischen Effekt ist – anders kann man das nicht sagen – umwerfend. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es einen besten «ersten» Film für 3D geben kann. Der Mix aus Nostalgie und völlig ungewohnter Filmwahrnehmung ist fesselnd und der perfekte nächste Schritt für die Filmwelten von Selick nach dem Riesenpfirsich und der Nacht vor Weihnachten – ein konsequentes Verschieben von Sehgewohnheiten und ein absolutes Entrücken in eine andere Wirklichkeit, die überzeugender und bizarrer zugleich kaum noch denkbar scheint.Coraline ist ein Klassiker, jetzt schon, für (unerschrockene) Kinder und für Erwachsene, ein surreales Märchen, das sich in seiner leichtfüßigen Mischung aus Goth und moderner Fabel kaum hinter den Gebrüder Grimm oder Lewis Carroll verstecken muss, im Gegenteil.Die 3D-Welle wird wahrscheinlich viele B-Filme hervorbringen, die nur durch das stereoskopische Gimmick Tickets verkaufen, aber Coraline gehört sicher nicht dazu.

18. August 2009 09:38 Uhr. Kategorie Film. Tag . Eine Antwort.

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