
Eines der seltsamen Phänomene unseres Lebens in der «Digitalen Revolution» ist, dass der Ehrliche der Dumme ist… oder eben nicht ganz ehrlich sein kann. Fast symbolisch dafür ist die Tatsache, dass der Käufer einer legalen DVD zu Beginn des Films eine Art Moral-Trailer zwangsverordnet bekommt, der darauf hinweist, dass Raubkopieren illegal ist. In den Worten von Homer Simpson: «D’oh!». Deshalb hat man sich ja eine legale Filmversion gekauft, richtig? Noch weniger Zielgruppenpenetration ist ja kaum denkbar, das ist so, als würde ich nach dem Kauf eines neuen Fahrzeuges vom Händler einen Vortrag darüber hören müssen, dass Autodiebstahl ein Verbrechen ist – oder im Supermarkt nach dem Bezahlen vom Ladendetektiv aufgegriffen werden, um mir zwangsweise eine Infobroschüre gegen Ladendiebstahl durchzulesen. Als Belohnung für das richtige Verhalten bekommt der Käufer also jedesmal einen eher amateurhaften Zeigefinger-Video verabreicht, den er – hätte er den Film illegal herabgeladen – nicht ertragen müsste. Was hier noch eher Schildbürgerhaft wirkt, hat aber schon bei der Copy Protection von Software eine schärfere Kante, denn wer sich legale Software kauft, darf sich zum Teil mit so penetranten und hysterischen Kopierschutzmechanismen herumschlagen, dass ich einige Leute kenne, die sich erst eine Lizenz kaufen und dann trotzdem die gecrackte Version benutzen, um sich nicht mit Dongles, Sicherheits-CDs, DRM, Trojanersoftwares, Aktivierungen und anderen Finten abzumühen, sei es aus pragmatischen Gründen (wer will schon jedesmal zig CDs neben seinem Rechner liegen haben?), sei es aus Paranoia vor Herstellerzugriffen. Der legale Weg ist hier oft fast schwieriger als das «Ziehen» einer Hackversion – es sollte aber doch genau umgekehrt sein, oder?
Dazu kommt, dass man als Nutzer in manchen Bereichen schlicht kein Angebot hat. Und da Mutter Natur (ebenso wie die Nerds der Internetkultur) ein Vakuum verabscheut, füllt sich die Absenz eines legalen Angebotes fast automatisch mit illegalen Alternativen. Zwei Beispiele: Im Bereich der digitalen Comics hat sich fast die ganze Leserschaft inzwischen auf zwei oder drei Formate eingeschossen: PDF einerseits, meist aber die recht simplen Formate CBR und CBZ, die eigentlich nur Zip/Rar-Archive sind, in denen alphanumerisch die Seiten eines Heftes gepackt sind. Ohne große Gimmicks, dafür aber auch sehr einfach, kann man solche Formate mit einem Reader zB auf dem iPhone lesen. Nur bietet keiner der großen Comic-Verlage diese Formate an. Wer papierfrei lesen möchte, muss auf wenige Indie-Comics zurückgreifen oder darf sich etwa bei DC und Marvel einer spärlichen Online-Auswahl per Abonnement bedienen, die dazu noch mit einem Flash-Reader gelesen werden muss – in Sachen Performance und iPhone-tauglichkeit kein Glücksgriff. Dass es auf der anderen Seite im Grunde nahezu jedes jemals gedruckte Comic online verfügbar gibt, von den dreißiger Jahren bis heute, macht die Sache nicht einleuchtender. Es existiert de facto ein gigantisches Popkultur-Archiv der bunten Bilder… nur eben im rechtsfreien Raum. Neu erschienene Hefte sind wenige Tagen oder Stunden nach ihrem Erscheinen über Foren, Blogs und Suchmaschinen verfügbar… komplett kostenlos. Während auf der anderen Seite Marvel/Disney und DC/Warner (um nur die beiden größten US-Anbieter zu nennen, Dark Horse und IDW sind aber auch nur marginal weiter) anscheinend krampfhaft nach Wegen suchen, ihren Content digital zu vertreiben, aber nach Wegen mit Kontrollmechanismen, Einschränkungen und Limitierungen denken (man als legaler User also immer am Ende eine Art verkrüppeltes Produkt erhielte), gibt es jenseits des Copyrights längst eine saubere, einfache, offene Lösung. Nochmal der Autovergleich: Die Situation ist in etwa so als würde ein gekauftes Auto zum einen erst mal GAR nicht verfügbar sein, aber selbst wenn man dann in vielleicht drei oder vier Jahren eines bekäme, hätte es wahrscheinlich keinen Beifahrersitz, die Türen würden fehlen und mehr als 20 km/h wären einfach nicht drin. Wohlgemerkt: Man könnte sich aber jederzeit ein Fahrzeug im besten Zustand von einem Parkplatz nehmen. Das mag ein spezieller Fall sein, der nur mich betrifft – aber der eBook-Markt als Ganzes ist nicht viel weiter.
Ein ganz ähnliches Bild ergibt sich bei US-Serien. Wer aktuelle amerikanische Folgen sehen will, darf in Deutschland wahlweise bis zu einem Jahr auf die Synchronisierung warten bzw sich via Amazon die Staffel-DVD aus den Staaten bestellen oder mit ganz viel Glück bei iTunes die Staffel in B-Qualität herunterladen. Oder aber die Serie einen Tag nach Ausstrahlung in voller HD-Pracht binnen fünf Minuten auf dem Rechner haben. Es ist da vielleicht verständlich, dass ich fast niemanden mehr persönlich kenne, der noch ein Jahr wartet, um eine Serie im deutschen TV zu sehen. Die Frage ist weniger, ob man das gut findet oder nicht, sondern eher eine der fehlenden Alternativen. Denn die legalen Wege, eine Sendung z.B. via Internet bei einem der anbietenden Sender via Streaming zu sehen, ist per IP-Check ausgeschlossen. Die Wahl ist: Gar nicht schauen und aufs deutsche Fernsehen hoffen, ein Jahr warten – oder Rapidshare/Torrent. Auffallend ist dabei, dass die Sender seit einiger Zeit gerne Serien nach kürzester Zeit aus dem Programm kippen – und dann online, fast global, eine Enttäuschungsbekundung stattfindet. Die Serie hat Zuschauer, aber nicht mehr live, sondern zeitversetzt via Filesharing oder hosted Downloads… das Seufzen der Fans ist das Seufzen der illegalen Downloader. Von denen Fox, HBO, ABC und Co natürlich nichts haben. Die aber – und das ist der Clou – oft gar keine Chance haben, die Serie legal zu konsumieren.
Das ist keine gute Situation – nicht nur für die sanft zwangsillegalisierten Nutzer, sondern auch für die Anbieter, deren Distribution schlichtweg kollabiert… und vor allem aber auch nicht für die Kreativen, die Bücher schreiben, Filme und Serien konzipieren, Comics zeichnen oder Musik einspielen. Das Vertriebssystem, in dem sie sich befinden, entzieht Ihnen systematisch den Gewinn ihrer Arbeit.Tatsächlich kenne ich niemanden, der gelegentlich etwas downloaded, der sich dieses Dilemmas nicht bewusst ist: Wenn du ein Album einer Band illegal herunterlädst, weil du ihre Musik toll findest, sorgst du dafür, dass sie keine Chance kriegen, ein nächstes Album zu produzieren. Wer das neueste Buch von Autor X herunterlädt, ohne zu bezahlen, treibt diesen dazu, den Beruf Schriftsteller aufgeben zu müssen. Unbezahlte Nutzung von Content sorgt dafür, dass es irgendwann eben keinen Content mehr gibt – weil alle Kreativen dann irgendwann bei Ikea die Regale füllen. Es ist insofern moralisch aber auch ganz pragmatisch durchaus im Sinne von Konsumenten kreativer Leistungen, für diese auch angemessen zu bezahlen. Ich glaube, die meisten Leute würden über das «angemessen» diskutieren wollen, und es gibt sicher notorische Fälle, die alles haben wollen, ohne zu bezahlen… aber ich bin Optimist genug, davon auszugehen, dass ein ausreichend großer Teil von Hörern, Lesern, Zuschauern, Softwarenutzern absolut bereit ist, für die gebotene Leistung auch zu bezahlen. Warum auch nicht?
Wenn man nur eine faire Chance bekäme.
Vor ein oder zwei Jahren gab es, wenn man seine Musik digitalisiert haben wollte, einen ausgesprochen kleinen Markt. CD kaufen und rippen (an sich ja fast auch schon Grauzone, sofern die CDs mit Kopierschutz versehen sind… erinnert sich noch jemand an Sonys gruselige Versuche, CDs unlesbar zu machen?), per IP-Modifikation in den Staaten einkaufen oder mit teil gruseligen DRM-Lösungen leben, was keine Lösung ist. Die Musikbranche hat sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, einfach und simpel MP3s, M4as oder ein anderes gebräuchliches Format zur Verfügung zu stellen, jedenfalls nicht ohne bizarre Fußangeln. Da man CDs zumindest relativ gemütlich bestellen konnte, war das «Rippen» immerhin noch ein – umständlicher und vor allem recht umweltunfreundlicher – Weg, an digitale Musik zu kommen und man hatte noch eine Art Hardcopy, die dann auf dem Dachboden zustauben konnte. Dennoch erinnere ich mich, zu der Zeit relativ viel Musik direkt heruntergeladen zu haben, weil z.B. die CD vergriffen war oder man nur einen Song suchte.
Heute ist, da iTunes inzwischen relativ DRM-frei ist und die Audioqualität sowie das Angebot recht brauchbar und da Amazon inzwischen auch ein recht umfassendes, DRM-freies Angebot aufweist, die SItuation grundlegend anders, und ich denke, ein Blick in meine iTunes-Rechnung des letzten Jahres dürfte ökonomisch belegen, wie sehr sich zumindest in meinem Fall für iTunes der Verzicht auf Barrieren gelohnt hat. Der einfache, komfortable Zugang zu Musik zu einem (halbwegs) fairen Preis – einen Tick zu teuer für reine Daten, aber immerhin billiger als die meisten CDs – hat effektiv dafür gesorgt, dass ich Musik fast ausschließlich online legal kaufe. Warum sich mit Torrents abplagen, wenn es auch einfacher geht? Und vor allem finde ich es ja durchaus gut, bezahlen zu können. Ich möchte ja, dass eine Band, die ich mag, finanziell ordentlich versorgt ist, um künstlerisch frei arbeiten zu können… und zu leben. Musiker ist ein Beruf. Ich zahle gern dafür. Und jetzt kann ich es endlich auch.
Das gleiche gilt, beim Stichwort iTunes, für Film. Halbwegs vertretbare Leihgebühren und ein langsam aber sicher wachsendes Angebot machen iTunes zur Alternative zum Schwarzdownload, wenn man nur mal eben einen Film sehen will. Nur: zu wenig, zu schlechte Qualität und natürlich teilweise unglaublich unaktuell. Dennoch: Das Grundprinzip stimmt auch hier. Seitdem iTunes Videos verleiht, präferiere ich diesen Weg, weil er sauberer, einfacher und fairer ist, wann immer möglich.
Ein letztes Beispiel, wieder Apple, ist iwork und Snow Leopard. iwork kostet in einer Lizenz für fünf Rechner 99 Euro, in einer Einzellizenz 59 Euro. Snow Leopard hat Schlagzeilen damit gemacht, dass es ein im Grunde vollwertiges Betriebssystem für wenige Euro auf den Markt bringt… selbst Linux-Packages sind ja teurer. Es macht einfach keinen Sinn, sich iWork raubkopieren zu wollen, weil der Preis einfach einleuchtend und extrem fair ist, vor allem gemessen an den Preisen, die Microsoft für Office nimmt. Wobei Office dann entsprechend auch häufiger raubkopiert wird, nicht nur, weil es das natürlich gebräuchlichere Software-Paket ist (und auf Windows läuft), sondern auch, weil der Preis für viele Nutzer die Raubkopie «rechtfertigt». Was natürlich Unsinn ist, aber iWork zeigt den richtigen Weg auf: Preis runter, Zugang vereinfachen, realen Absatz hoch. Es wird immer Raubkopien geben (schließlich cracken Leute ja anscheinend sogar die 0,79 €-Apps fürs iphone, was nun so gar keinen Sinn mehr macht), aber wer bei einer 60€-Software noch den Stressfaktor einer Grau/Schwarzkopie auf sich nimmt, dem ist ohnehin nicht zu helfen.
Die – ganz subjektive – Lehre für mich ist, dass das Copyright von den Vertreibern umgedacht werden muss. Sie müssen die Zootüren aufstoßen und die Bären aus den Käfigen lassen. Anstatt angstbehaftet als Verlag am Papier festzuhalten und jede Form von elektronischen Vertrieb nur mit zig Fußfesseln zuzulassen, gilt es, überhaupt erst einmal ein faires Angebot zu schaffen, dass eine solide und komfortable Alternative zu Torrent&Co bietet. Warum kann ich nicht bei Marvel, DC, Dark Horse oder IDW in einem Onlineshop die gesamte Backlist als cbr kaufen? Und – sagen wir mit Versatz von ein zwei Wochen oder einem Monat – auch aktuelle Ausgaben? Die Angst vor Raubkopien kann ja kaum der Grund sein – denn NOCH mehr Vertrieb von illegalen Material ist ja fast nicht denkbar. Es ist ja nicht so, als würde eine legale Version von Amazing Spider-Man die Raubkopie befeuern… die illegale Version gibt es ja ohnehin schon, und sei es von irgendwem handgescannt. Als User würde ich aber lieber zwischen 0,29 und 0,79 Dollar pro Heft direkt an den Verlag (oder iTunes o.ä.) abführen und damit ein paar Autoren, Zeichnern und Redakteuren ihr Gehalt sichern.
Dito bei TV – ich würde liebend gern einen Staffelpass für aktuelle laufende Serien zahlen, wenn die Folgen auch tatsächlich in Echtzeit verfügbar wären (mit Untertiteln). Das ist es doch allemal wert und es wäre auch eine Respektsbekundung vor der Arbeit der Kreativen hinter einer TV-Serie, die man mag. Noch besser wäre ein Leihsystem, wo ich eine Folge nur leihe und nach einem bestimmten Zeitraum löscht sie sich halt bequem wieder von der Platte – wie bei Filmen (wobei 48 Stunden definitiv etwas kurz sind, auch hier wieder so ein Fall von Bestrafung legaler Nutzung, würde ich den gleichen Film illegal downloaden könnte ich ihn solange ansehen wie ich will und dann löschen, Apple sollte auf 72 Stunden aufstocken.) Ich hätte wenig dagegen, wenn Joss Whedon Geld dafür bekommt, dass ich etwa Dollhouse sehe – aber keine Chance, es sei denn, ich warte monatelang. Und als Anbieter zu hoffen, dass die Leute das tatsächlich noch wollen, wirkt etwas utopisch und antiquiert zugleich, oder?
Im e-Book-Markt beginnen die Verlage ebenfalls schleppend, zögernd und paranoid damit, ihre Inhalte online zu stellen. Vorsichtige Versuche von proprietären iphone-Büchern (d.h. Reader und Buch sind eins, völlig inakzeptabel als Speicherlösung), Verlage, die die e-Book-Veröffentlichung Monate hinter den Release als Hardcopy legen (damit sich das echte Buch auch noch verkauft und damit die Partner im Handel nicht verrückt spielen, die mit digitalem Vertrieb leider etwas zu Recht ihre Felle schwimmen sehen) und die immer noch nicht einfach als bizarr ad acta gelegte Diskussion über DRM (da hat die Buchbranche anscheinend nichts gelernt von der Havarie der Musikindustrie) prägen den Start, und das, obwohl ungezählte Bücher als PDF oder Textdatei längst verfügbar sind.
Es scheint fast so, als verhalten sich die Anbieter beim digitalen Vertrieb ihrer Produkte gerade so, als gäbe es das illegale Angebot gar nicht – um es dann natürlich sofort anzuprangern und für die Situation der jeweiligen Branche verantwortlich zu machen. Das Gespür dafür, dass zum einen ein Schwarzmarkt oft eine Reaktion auf einen fehlenden oder dysfunktionalen legalen Markt sein kann, scheint nicht ansatzweise vorhanden, geschweige denn eine angemessene Strategie um mit einer ganz realen, ganz handfesten Konkurrenzsituation umzugehen. Denn das illegale Angebot existiert, existiert flächendeckend, inzwischen weitestgehend fast komfortabel organisiert und die einzige Strategie damit umzugehen – jenseits rechtlicher Maßnahmen, die der Hydra des Internets zwar versuchen, einen Kopf abzuschlagen und dabei einzelne Betreiber und User symbolisch (oft auch unangemessen und insofern imageschädigend) strafen, systemisch aber das Problem nicht lösen, weil ein hier gelöschter Server anderenorts sofort wieder das Haupt heben wird, möglicherweise gleich mehrfach. Es geht also vielleicht gar nicht um die Frage, wie man illegales Kopieren bekämpfen kann, sondern, was man daraus lernen kann.
Ein alter Arbeitssoziologie-Professor von mir hat immer gesagt, Schwarzarbeit sei kein Problem, sondern ein Labor. Im Grunde seien Schwarzarbeiter doch genauso, wie von den neoliberalen Arbeitgebern gefordert: Flexibel, mobil, genügsam. Ob man es möge oder nicht, die «legale» Arbeit werde sich über kurz oder lang zumindest teilweise den Bedingungen der «illegalen» Arbeit anpassen müssen – und wahrscheinlich umgekehrt, weil irgendwann das illegale System dann an Sinnhaftigkeit verliert und nicht aufrechterhaltbar ist.
Nicht ganz so zugespitzt formuliert zeigt der illegale Umgang mit urheberrechtlich geschütztem Material aber auch skizzenhaft die Bedürfnisse der Nutzer. Ich bin nicht sicher, ob man es global so sagen kann, denke aber, dass der Effekt, dass illegale Downloads kostenfrei sind, für viele User nicht entscheidend wichtig ist. Denn die geben ja auch problemlos Geld für andere Güter aus, die man ebenfalls ähnlich risikofrei stehlen könnte. Im Bereich der Teenager mag das zutreffen, sicher auch in Schwellenländern, die via Torrent und Rapidshare billig an der westlichen Kultur teilhaben (was ja auch gut sein kann), aber für einen großen Teil der Nutzer zieht das Argument nicht. Ich mag mich irren und argumentiere rein plausibel ohne Zahlenwerk – aber ich würde behaupten, dass mehr raubkopiert wird als tatsächlich auch von den Usern selbst gewünscht wird. Ganz subjektiv gesprochen wird man in manchen Bereichen das Gefühl nicht los, dazu getrieben zu werden.
Abgesehen davon, dass eine generelle Neubetrachtung des Urheberrechtes sicher notwendig wäre – auch wenn dies eine fast unmöglich komplexe Materie geworden ist und die Entscheider hier nahezu surreal von Lobbyisten belagert sind -, vertun hier also ganze Branchen des Kultur- und Unterhaltungsindustrie Zukunftschancen und schaffen zugleich ungewollt eine sich etablierende Infrastruktur in der Halb-Illegalität, die sich mit jedem Monat und Jahr, in dem nichts passiert und keine offizielle gangbare Lösung existiert, weiter verfestigt und zusehends «normaler» wird.
Abgesehen davon, dass also Verlage, Vertreiber usw. neue Lösungen brauchen, müssten auch die Produzenten von Kulturinhalten selbst anfangen, Chancen zu nutzen und Direktvertrieb online suchen. Ich habe vor einiger Zeit zu diesem Thema schon über Hörspiele sinniert – aber das gleiche gilt natürlich für Inhalte jeder Form. Das Vakuum kann/muss ja nicht nur von Schwarzangeboten aufgefangen werden, sondern kann auch Raum für kreative Macher bieten. Der Erfolg einer «kleinen» Serie wie Breaking Bad zeigt, dass recht mutige neue narrative Formen gerade heute mehr Chancen haben als jemals zuvor, weil sie sich global ihr Nischenpublikum suchen können. Im Grunde ist bereits heute absehbar, dass es einen nicht geringen Indiemarkt für Musik, Film, Serien, Bücher, Hörspiele und auch Tanz/Theater-Mitschnitte usw. geben wird, der sich über digitalen Vertrieb sehr gut wird etablieren können, entweder individuell oder – wahrscheinlicher – über gebündelte Plattformen, sei es iTunes oder eine völlig alternative Lösung.
Sich dagegen zu wehren und auf ein Vorübergehen des Wechsels von analogen zu digitalen Medien zu warten, ist wahrscheinlich vergebens. Das Konvergenzmedium «Web» wird – längst dann nicht mehr gebunden an die Idee von Computer, die sich im iphone-Zeitalter ja bereits auflöst – TV, Radio, Print und viele andere Medien vielleicht nicht ablösen, aber doch zumindest ganz entscheidend ergänzen. Dieser Wandel wird durch technologische Innovationen in Zukunft eher sprunghaft beschleunigt und die Kulturindustrie ist gut beraten, sich an die Spitze der Bewegung zu setzen und diese zu formen, anstatt hinterherzuhecheln. Dazu gehört ein moderner Umgang mit kreativen Angeboten und eine faire Kommunikation mit den Usern sowie ein global gleichzeitiges realistisches Angebot von Inhalten, das dem illegalen Download in Sachen Tempo und Komfort gleichzieht, nur eben mit dem zusätzlichen Bonus einer Art «Fair Trade» mit den Urhebern. Denn in einer Zeit, in der immer mehr Leute aus moralischen Gründen auf Fleisch verzichten oder umweltgerechte Produkte bevorzugen wäre es – wenn die grundsätzliche technische und inhaltliche Möglichkeit besteht – mehr als wahrscheinlich, dass ein großer Teil der Konsumenten sich auch mit Schauspielern, Autoren, Regisseuren, Musikern, Produzenten und den an kreativen Gewerken beteiligten anderen Dienstleistern solidarisiert… und zahlt. Denn eins ist doch seit Jahren klar: Wer für ein digital verfügbares Produkt zahlt, tut dies im Grunde freiwillig und verzichtet auf einen alternativ nahezu ausnahmeslos verfügbaren Download. Aus Respekt. Und darauf kann man aufbauen.
20. Januar 2010 11:40 Uhr. Kategorie Technik. Tag Gesellschaft, Kultur, Medien, Web. 22 Antworten.
Hallo und Respekt!
Respekt für diesen guten Post!
Das problem betrifft auch meine Branche, okay es sind Ebookratgeber,
aber bei den sogenannten Ebookshops haben wir das gleiche Problem.
Warum soll man bezahlen, wenn es doch auch illegal geht..
So denken viele und machen den seriösen Ebook Anbietern das Leben schwer.
Mittlerweile sind emule und wie sie alle heissen den meisten ja zu heiss
geworden, aber was an Ebooks so unter dr Hand getauscht wird, das tut schon weh.
Digitale Produkte im Internet verkaufen ist schon schwer genug,
aber die Schnäppchenmentalität der User gibt vielen meiner Kollegen den Rest!
Die meisten müssen schon dicke Boni anbieten und Gratisprodukte, damit
überhaupt noch ein Verkauf erfolgt!
Ich verkaufe ganz gut, aber ich musste mein Trafficproblem erst lösen.
Ich versuche mein Sortiment ausgewogen zu halten und arbeite viel mit Blogs!
Aber letztendlich ist das Internetbusiness ein kampf gegen Windmühlen.
Hier seht Ihr meinen Blog: http://www.der-ebook-blog.de
Und hier meinen Shop: http://www.ebookratgeber-online.net
Schreibt mir gerne Kommentare auf den Blog, ich würde mich freuen,
ehrliche Kritik wird auch veröffentlicht!
Ich werde diesen Blog hier in meinem Blog empfehlen,
Respekt!
Bernd Kracht
Deine Artikel lesen sich immer sehr schön!
[...] «Copy & Paste» von HD Schellnack [...]
Lieber HD, mein Komment jetzt nochmal hier, weil ich frivolerweise nicht in allen siebzig Sozialnetzen jedem Link hinterhersteige, der mir dargeboten wird, es sich jedoch hier bei diesem Klassetext lohnt:
Prima Text, nur im zweiten Absatz stolpere ich über das Wort «sauber» in dem Satz … «gibt es jenseits des Copyrights längst eine saubere, einfache, offene Lösung.»
Ehm, _jenseits_ des Copyrights sind die «Lösungen» illegal, also das genaue Gegenteil von sauber (sofern man Schmutz mit Böse gleich setzt). «Einfach» und «offen» stimmt dann ja auch wieder. Darum geht es Dir ja auch und das sehe ich 100%ig genauso. Na, ist nur das eine Adjektiv, über das ich gestolpert bin. Sonst: Chapeau!
Am schlimmsten finde ich eigentlich diese nervigen Registry tools!
Bei Logic muss man nur diese dumme Seriennummer abtippen und ich habs trotzdem original gekauft.
Beim Native Instruments Plugin habe ich weiterhin nur die Möglichkeit die bunte Verpackung in meinem Regal zu bestaunen, oder irgendwo einen Crack zu suchen.
Ich nutze die Software eh nicht, aber es geht mir um das Prinzip dass ich die Software gekauft habe und keine neue Seriennummer bekomme, weil dieses verdammte Windows damals einfach nicht mehr starten wollte.
Ausserdem bringt ein Kopierschutz nichts. Wer nicht zahlen will, der bekommt es auch irgendwie illegal. Wenn ich aber schon für Software zahle, möchte ich diese auch wenigstens stressfrei, ohne registry tools oder zumindest überhaupt nach einem Systemabsturz wieder mal nutzen können!
Ein Beispiel für einen – zwar kleinen – Verlag, der die Ebook-Thematik praktisch angeht ist “The Pragmatic Programmers” (http://pragprog.com/). Dort kann Hardcopies mit (inkl. Rabatt) oder ohne Ebook kaufen, nur das Ebook alleine. Wie man das braucht.
Als Ebookformate werden ungesicherte PDF-, Epub- und Mobi-Dateien angeboten. Diese Dateien sind mur mit Wasserzeichen versehen bzw. auf jeder Seite steht der Name des Käufers. An den Shop ist ein elektronisches Bücherregal gekoppelt, in dem alle gekauften Bücher ohne Einschränkung jederzeit eingesehen und wieder runtergeladen werden können.
Spitze ist auch die Möglichkeit, ein Beta-Buch zu kaufen und bei der Korrektur und Verbeserung des Buches mitzuhelfen!
Zugegeben ist dieser Verlag ein sehr spezieller, aber mein Bücherregal sagt mir, dass der Ansatz richtig ist ;-)
man kann gegen die borniertheit der rechtevertreiber gar nicht laut genug anschreien. über dein eingangsbeispiel, die anti-raubkopie-werbung auf dvds, habe ich mich schon so oft aufgeregt. nicht nur sind diese absolut deplaziert, fürchterlich nervig (singende kinder), und lassen sich teilweise nicht überspringen, nein… ich finde “hart aber fair” gerade zu menschenverachtend. gerade weil man wie besprochen stellenweise keine alternative hat.
in amerika startet in wenigen wochen die 6. staffel von lost, und ich freue mich wie ein kleines kind darauf. wie viele habe ich mich im deutschen fernsehen anstecken lassen, aber irgendwann wurde das loch, dass zwischen der deutschen “erstausstrahlung”, und den im internet angebotenen folgen klaffte zu groß. ich habe alle in deutschland verfügbaren staffeln legal erworben, und als dvd im regal stehen. wenn der dealer der mich anfixt, irgendwann keinen stoff mehr verkauft, geh ich halt zu nem anderen. ich hab keine zeit und bin süchtig, verdammt! wenn irgendwann die 5. und 6. staffel beim elektronikkonsumfachgvertrieb meiner wahl erhätlich sind, sind sie für mich ein pflichtkauf. ich würde aber gerne JETZT das doppelte des boxpreises bezahlen, um die staffel JETZT bei der erstaustrahlung zu sehen, mit einem coupon für die dvd-box, wenn sie dann in 2 jahren hierzulande erscheint.
den kopierschutz auf dvds finde ich übrigens auch nervig, da er mich zwingt, filme oder serien die ich unterwegs auf meinem iphone gucken möchte über torrents nochmal herunterzuladen. ich will keine tauschbörsen benutzen, und ich möchte eine dvd, die ich gekauft habe, nicht nochmal via itunes bezahlen, nur um sie unterwegs zu schauen. absurderweise mache ich mich strafbar, weil ich ein produkt, für dass ich bezahlt habe, benutzen möchte. wenn ich ein buch kaufe, schreibt mir der verlag ja auch nicht vor, wo ich das zu lesen habe.
Ein Denkanstoß zum ersten Absatz: Der Hinweis, das Raubkopieren illegal ist, ist nicht vergleichbar mit deinen nachfolgenden Beispielen. Sie richtet sich ja nicht an den erhlichen Käufer einer DVD sondern an den jenigen, der diese DVD kopiert. Auf dein Beispiel bezogen, du kaufst dir ein Auto und der Händler weist dich darauf hin, dass das exakte Nachbauen des Wagens eine Straftat ist. Der Vergleich zum Autodiebstahl hinkt ein wenig wie ich meine.
Aber den Kern, das Kopierschutzmaßnahmen eine permanente Unterstellungdarstellt hast du sehr gut getroffen. Erstaunlich ist, dass auf elektronischen Datenträgern ein Copyright-Vermerk nicht zum Schutz ausreicht. Anscheinend ist die vermeintlich unbedeutende Raubkopie nicht so stark im gesellschaftlichen Unrechtsbewusstsein verankert wie z.B. Autodiebstahl oder ein Banküberfall.
Ich will nicht sagen, dass es nicht möglich ist, aber ich vermute, dass die Illegalität in der Natur der Sache liegt. Einfach zu handhabendes Quellmedium + simple Kopiermechanismen führe zu einer schnellen Verbreitung. Die Schwelle beim Kauf einer legalen Lizenz ist da schon höher. Ist Raubkopieren nun ein Phänomen oder eine Sache der Gerechtigkeit und gesellschaflichen Moral? Bei erstem wäre dann wohl das Produkt fehlerhaft um diese Illegalität zu vermeiden.
>Der Vergleich zum Autodiebstahl hinkt ein wenig wie ich meine.
Unweigerlich. Da ich aber als normaler User eine gekaufte DVD in der Regel nicht wirklich raubkopieren werde, sondern GUCKEN will, ist es eher nervig, mir einen Moraltrailer vorzusetzen, der bei mir an der total falschen Adresse ist. Nervt einfach und da nicht skipbar nervt es gleich doppelt.
>Illegalität in der Natur der Sache liegt
Da bin ich unsicher. Es ist supereinfach, in einem Kaufhaus zu klauen, Kameras und Detektive hin oder her. Macht aber kaum einer. Das hat etwas mit «Öffentlichkeit» zu tun, aber eben, wie du ja sagst, mit gefühlter Moral. Die zu stärken – online, aber auch im Alltag – ist eine der zentralen Aufgaben der Demokratie. Aber nicht mit der Keule, sondern durch Kommunikation, passende Angebote und eine Art gesellschaftlichen Konvent. Im übrigen, auch wenn das platt ist, darf man sich kaum beschweren, wenn irgendwelche Kids sich Raubkopien ziehen, wenn die Mentalität der Bänker, Manager und Politiker ja auch eher in Richtung Nach-mir-die-Flut. Wenn ich daran denke, was in der Geschäftsführung von Karstadt zB abgegangen sein muss, finde ich ein paar MP3-Tracks volkswirtschaftlich vergleichsweise harmlos. Die Sache ist – aber so hoch wollte ich es gar nicht hängen – dass man natürlich gerade in der emergierenden ultratransparenten Gesellschaft, auf die wir zugehen, nicht eine Zweiklassen-Moral verordnen kann, vor allem nicht von oben. Erst wenn die Gier als akzeptables soziales Paradigma obsolet geworden ist, kann man hier einen Wandel erwarten.
Eine Nummer kleiner gesagt kann ich aber nur ganz individuell sagen: Ich glaube, dass deutlich weniger Leute raubkopieren WOLLEN als es Leute gibt, die es tatsächlich TUN. Es geht nicht ums Geld, es geht um die Vertriebsstrukturen und künstliche Barrieren, die die Anbieter möglichst schnell aufheben könnten, bevor sich illegale Strukturen verfestigen.
Letzteres kann ich sofort unterschreiben. Ein Problem der Raubkopiene sehe ich auch darin, dass das Einstiegsalter sehr gering ist. Kinder und Jugendliche haben noch gar kein so ausgereiftes Unrechtsempfinden wie unser einer. In dieser Gruppe sieht sich jeder als das Zentrum der Welt. Wenn hier seitens der Eltern oder des gesellschaftlichen Umfeldes kein Training dieser psychischen Eigenschaft statt findet ist der Weg zur gesellschaftlichen Akzeptanz vorgezeichnet. Daher auch das große Kopfschütteln angesichts der rigiden Versuche der Konzerne ihre geistigen Werte zu schützen. Das man diese Belehrung nicht überspringen kann ist wirklich eine dreiste Bevormundung, quasi Schuldvermutung mit dem Kauf. Ich frag mich wo die Schmerzgrenze liegt.
Es könnte auch als Kulturrevolution gesehen werden, in welcher wir gerade stecken. Der linke Flügel raubkopiert und der rechte Flügel fordert DRM und ein verschärftes Urheberrecht. Wenn aber die Subkultur der Raubkopierer wächst, dann sind das die Wähler, Produzenten und Käufer von morgen. Was wir also heute für illegal betrachten hat eigentlich nur noch nicht die richtige gesellschaftliche und politische Mehrheit gefunden.
In einem SciFi könnte sich die Situation derart zuspitzen bis Kreative Amok laufen und die Gesellschaft terrorisieren. Der linke Revolutions-Flügel, der dann bereits politisch an der Macht ist, wird sich bestätigt fühlen und Gesetze zum Schutz der Bürger erlassen, welche Kreativität als solche ad absurdum führen und jegliche Forderung nach urheberrechtlicher Vergütung als terroristischen Akt ansehen. Wer etwas veröffentlicht tut dies zum Wohle aller und zum Fortschritt der Gesellschaft. Ein Festhalten am geistigen Eigentum wird als Rückständig empfunden :-P Bin gespannt wann der Stoff verfilmt auf DVD erscheint.
sehr guter text, hd!
Stephan:
>Der linke Flügel raubkopiert und der rechte Flügel fordert DRM und ein verschärftes Urheberrecht
Ganz kurzes (haha) Veto: Ich glaube, es ist gar nicht sinnvoll, einer Handlung wie Copyrightverstoß eine politische Colour zuzuschreiben. Zum einen, weil das nur eine idealistische Verbrämung eines zunächst illegalen Aktes ist – der, ganz anders als vielleicht Häuserbesetzen oder Anti-AKW-Demos, an sich keine politische Dimension hat. Vom Wohnzimmersessel aus einen Film aus dem Internet zu saugen ist kein politisches Statement und auch viel zu bequem dafür. Dazu kommt, dass die durchaus viel gravierenderen Fälle von Copyrightverletzungen nicht aus dem privaten Sektor kommen, sondern von Unternehmen selbst (Patentrechte, Markenschutz, Unternehmensspionage uswpp), und die sind nun wirklich nicht «links», sondern brav kapitalistisch.
Raubkopieren ist auch keine Subkultur, die irgendwo in Berliner Neukölln-Kellern von der Antifa betrieben wird, sondern findet im privaten Sektor durch alle Banken statt. Vom Schulhof-Videotausch (den es übrigens auch schon laaaaange vor dem Web gab, ebenso das berühmte «Einer kauft eine Platte, 30 Leute machen sich eine MC davon») über Geschäftsleute, die Hörbücher tauschen bis hin zu Senioren, die vom Neffen eine gecrackte Version von Word bekommen, um Briefe schreiben zu können. Ich denke, die Trefferquote liegt bei 80 oder 90%, wenn du einen beliebigen Rechner anschmeißt und nach Musik, Video, Photo, Text oder Software durchsuchst, die da eigentlich nicht drauf sein dürfte. Laß uns gar nicht von Blogs oder Forenbeiträgen anfangen, in die jemand ein ergoogletes (oder erixquicktes oder erbingtes ;-)) Bild einkopiert, ohne die Nutzungsfrage geklärt zu haben. Die Frage betrifft JEDEN. Ich kenne Leute, die selbst bei Unternehmen und Einrichtungen arbeiten, die für massiven Urheberschutz eintreten und sich selbst in Nutzungsfragen total unsicher sind. Es gibt wahrscheinlich nur Scheintote und Fanatiker, die in Deutschland fehlerfrei alle Regeln des Urhebergesetzes beachten. Es ist, ehrlich gesagt, nahezu unmöglich.
Es ist also nicht politisch. Und es ist – nach der akuten Gesetzeslage – verboten, gegen das Urheberrecht zu verstoßen, ergo sind wahrscheinlich 50-80% aller Deutschen in einer Grauzone. (Ja, die Zahl ist geraten,klar. Gibt’s da eine Erhebung?).
Ein anderes Beispiel: Ich habe im letzten Jahr die Milo gekauft. Und im deutschen Fontshop damals noch alter Version einfach nicht die passende Version für mich gefunden, vor lauter PS und TTF und OTF, OTF Pro, Einzelschnitten, Paketen. Es war ein Feiertag, tags drauf war Präsentation, der Font musste her. Im US-Fontshop hatte ich die Fonts nach fünf Minuten richtig zusammen – da ich aber meinen Warenkorb auch nicht einfach nach Deutschland übertragen konnte, half mir das nichts. Bis ich nach zwei Stunden Sucherei und unter Zeitdruck so genervt war, dass ich in den USA gekauft habe. Was ich als Deutscher gar nicht darf und was als Ex-Fontshopbeirat mal so richtig Scheiße war, wie ihr mir glauben könnt. Ich mag den US-Fontshop und sein Team, aber mein Geld soll ja eigentlich an Holger Fehsenfeld und sein Team gehen, gelle? An einem Werktag hätte ich Stefan Lehr angerufen und die Sache per Telefon geklärt – was einige Monate später an anderer Stelle gut funktionierte und sogar Geld sparte :-D (Stefan rockt!!!) – aber so dickfellig bin ich nicht, an einem Feiertag bei den Sieberts zuhause anzurufen. Und, man mache sich nichts vor, es ist ja einfach, mit ein paar Klicks etwas falsches zu tun – einfach statt Germany Zimbabwe als Heimatstaat eingeben, Kreditkarte wird trotzdem genommen (hihihi) und man kann weiterarbeiten. Inzwischen ist der Fontshop Deutschland deutlich moderner und kundenorientierter aufgestellt und damit so etwas nicht mehr nötig – auch wenn ich den US-Store immer noch einen Ticken übersichtlicher finde, aber deren Datenbank muss auch «nur» Schriften abbilden, keine Bilder. An diesem Beispiel wurde mir aber drastisch klar, dass die Bedingungen (und nicht nur die Moral oder das Gesetz) eben auch das Handeln formen (Das Sein bestimmt das Bewusstsein).
Und diese Erkenntnis lässt sich übertragen auf wahrscheinlich recht viele Nutzer, die unter fairen und offenen Bedingungen ganz anders agieren könnten. Wie Fabian oben sagt: ABC würde an mir als User direkt Geld verdienen, wenn ich Lost 6 als Staffelpass bei denen direkt oder via iTunes bekäme – mit Untertitel, und bitte in Echtzeit,also spätestens einen Tag nach Ausstrahlung, nicht wie bei Fringe in der letzten Saison mit wochenlangen Verzögerungen. Und ich würd’s gerne zahlen. Lost gehört zu den meistheruntergeladenen Serien der Welt – ist irgendjemandem klar, warum das so ist? Ich behaupte mal ganz dreist, ein großer Teil der weltweiten Fans der Serie würde mit Kusshand dem Sender, dem Team und den Autoren/Regisseuren/Produzenten Geld in die Taschen packen, wenn man nur irgendwie könnte. Weg vom Werbemodell, hin zum bezahlten Download – den muss es dann aber auch geben (ohne Streaming, ohne DRM, ohne Fußangeln, zum fairen Preis). Ich bin ziemlich sicher, unter solchen Bedingungen hätte es für Dollhouse auch noch eine 3. und 4. Staffel gegeben.
Anders gesagt: TV braucht das, was für Comics in den 80ern der Direct Market war, nur als Online-Analog. Und Comics brauchen einen direkten Online-Markt. Gerade bei der Art, wie Marvel und DC inzwischen über hunderte von Hefte gehende Mega-Events erzählen (Final Crisis, Civil War, Blackest Night, Dark Reign… alles auch sehr optimistische Titel :-D), würde ein Download-Flatrate-Abo geradezu Sinn machen. Statt sozusagen «Singles» (monatliche Hefte, Floppies) zu verkaufen und statt «Albums zu vberkaufen (TPBs) könnte man einen «Stream» publizieren und der Leser würde nichts mehr verpassen. Die neue Struktur von Amazing Spider-Man (3x im Monat plus Extras) fordert das doch geradezu heraus. Die Zeit ist reift dafür. Ich würd gern einfach einzeln oder im Abo bei iTunes oder Marvel direkt meine Comics herunterladen – einfaches CBR/CBZ reicht doch. Das wäre im übrigen mit NULL Aufwand zu machen, wenn man den ganzen DRM-Müll weglässt. Die digitalen Bilddaten existieren, ein Onlineshop wäre in zwei Stunden aufgestellt, den Server wird Marvel wohl eh haben. Es macht ökonomisch keinen Sinn, auf solchen Content-Schätzen zu sitzen und sie nicht digital angemessen zu verwerten, sondern den Raubkopierern völlig konkurrenzlos das Feld zu überlassen und selbst eine so unpraktikable Lösung anzubieten, dass an einen legalen Weg zu digitalen Comics kaum zu denken ist derzeit. Und anstatt kompliziert auf Longbox und proprietäre iphone-Apps zu setzen gibt es eine Lösung, die in einem Monat online sein könnte – als Gesamtarchiv wohlgemerkt. Anklicken, 59 cent abbuchen, bingo. Mit Mengenrabatten, mit Möglichkeit zum Flatrate-Abo. Jesus. Wenn die Welt eins vom App-Store gelernt haben sollte, dann die Tatsache, dass eine Million mal 0,79c eine verdammte Menge Geld ergeben kann :-D.
Geistiges Eigentum ist eine diffizile Sache. Ich bin absolut dafür, mehr als dafür, dass man Urheberschaft hoch achtet, dass kreative Leistung entlohnt wird, dass man nicht einfach als Nutzer illegal unbezahlten Content «saugt». Das ist Scheiße und entzieht ganzen Branchen die Überlebensenergie. Niemand kann wollen, dass Autoren, Musiker, Filmer und andere Kreative wieder brotlose Künstler sein müssen.
Noch komplexer wird die Frage nach geistigem Eigentum und den Vor/Nachteilen bei Copyrights im Bereich Forschung, Software, Patente usw – aber dieses Fass kann und will ich gar nicht aufmachen, das ist eine Nummer zu groß für hier.
Es geht mir auch gar nicht um die Frage, ob der derzeitige Urheberschutz gut oder schlecht ist (er ist gut, aber nicht mehr zeitgemäß und er wird von Lobbyisten verschiedenster Färbung mißbraucht), sondern vielmehr ganz pragmatisch um die Frage, ob die Anbieterseite nicht durch relativ einfache Umdenkprozesse – nicht immer einfach, weil es hier auch um internationale Nutzungsverträge geht – ihre Situation verbessern kann. Einfach, weil ich am Beispiel von iTunes drastisch gesehen habe, was ein besseres Angebot, Verzicht auf DRM (auch wenn es immer noch Watermarking und zahlreiche abstruse Regeln bei Apple gibt, wie etwa die legendären und deutlich unzureichenden 5 Aktivierungen) bewirkt haben.
Oder, ganz akut, die Erkenntnis, dass ich bei Software wie CCC gern einen Betrag spende – völlig freiwillig, Carbon Copy läuft ja auch ohne und der Nag-Screen lässt sich durch Lügen umgehen – weil ich will, dass Mike Bombich daran weiter arbeiten kann. Je charmanter und offener eine Software zu mir ist, umso höher seltsamerweise meine Bereitschaft, zu zahlen. Beim Upgrade auf OS X 10.6 hätte ich eigentlich etwas schummeln und mir eine «private» Familienlizenz holen können – fand dann den Preis generell aber so freundlich, dass ich eben doch 5 einzelne Lizenzen gekauft habe. Fairness mit Fairness belohnen.
Ich stelle also in keiner Weise geistiges Eigentum in Frage – als Designer wäre ich da ja auch schön blöde, oder? Sondern die Vertriebstaktiken der Rechteverwerter (böses Wort, eigentlich), die einfach um Jahre hinter den de facto existierenden illegalen Vertriebswegen hinterherhinken. Ganz drastisch überzeichnet ist das so, als habe ein Bäcker nur von 5-5.15 morgens seinen Laden geöffnet und wundert sich dann, warum die hungernde Kundschaft, die nicht kaufen kann, was sie kaufen möchte, irgendwann anfängt, ihm die Scheibe einzuschlagen und die Brötchen zu klauen. Es macht den Diebstahl nicht legaler – aber es zeigt einen Weg auf, wie der Bäcker ihn verhindern kann, indem er nämlich einfach seine Öffnungszeiten marktgerechter macht.
Wirklich spannede diskusion! Und ich kann mich im Grunde auch nur HD anschließen. Der Schlüssel liegt in der einfachen und bequemen verfügbarkeit zu fairen Preisen.
swie bite sehen deine langen Vetos aus, HD???
nein, ich habe nichts getrunken:-) aber ich entschuldige mich für die dümmlichen Fehler im Text oben. Die sind aber dafür definitiv nicht raubkopiert (°__°)
Wie was?
Fabian wies mich übrigens darauf hin, das iTunes das oben beschriebene Problem am Beispiel von Lost anscheinend verstanden hat und die sechste Staffel in Echtzeit mit Untertiteln zum Download anbieten wird.
http://itunes.apple.com/WebObjects/MZStore.woa/wa/viewTVSeason?id=349932258&s=143443
Der Staffelpasspreis steht noch nicht fest, dürfte aber etwa bei 50 Euro liegen, wie bei Staffel 5.
Umso abstruser, dass Season 5 IMMER noch nicht, weder in Englisch noch in Deutsch, verfügbar ist – rund ein Jahr nach der Ausstrahlung.
Das Lost-6-Modell klingt vernünftiger: Sofort mit der US-Ausstrahlung in den iTunes-Store, auf Englisch mit optionalen Untertiteln (möglichst in beiden Sprachen), die abschaltbar sind, halbwegs fairer Preis (1,99 bis 2,99 pro Folge ist einen Hauch zu happig, auch bei HD-Auflösung, 0,99 bis 1,29 klingt sinnvoller und mehr nach «itunes»-Modell), und nach der Staffel in den USA löst sich der Staffelpass aus (die Download-Kunden können ihre Folgen aber behalten), so dass die deutschen Sender keine unmittelbare Konkurrenz haben. Nach der deutschen Ausstrahlung gehts dann bei iTunes wieder online, als Alternative zur DVD-Box o.ä. Kauft noch jemand DVDs???
Wobei ich nach wie vor nicht verstehe, warum sich iTunes nicht den normalen DVD/DVD-Box-Preisen annähert. Download sollte PREISWERTER sein als das physikalische Produkt, oder?
Nix für ungut, aber 59 Euro für iWork ist schlicht und ergreifend Dumping. Das wird gemacht, um die User an ein Stück Software zu binden. Und Apple macht das, weil sie es können, weil sie wissen, dass genügend Leute zu diesem Preis ihre Produkte kaufen werden, weil diese Leute etwas suchen, was zum Betriebssytem passt (und das erwarten sie von Apple).
Apple muss auch nicht eine einzige iWork-Lizenz verkaufen – sie müssen Computer verkaufen, der Rest ist Nebenschauplatz.
Das hat nix mit »kontra Raubkopie« zu tun, das ist ganz simples Wirtschaften und Konkurrenz-Wegdrücken. Kein unabhängiger Entwickler könnte diese Art Software zu diesem Preis herstellen
Also mal schön die Kirche im Dorf lassen… am Ende hast Du nämlich bloß noch Mainstream-Mist zum Billigpreis, weil sich die Alternativen nicht mehr lohnen.
>59 Euro für iWork ist schlicht und ergreifend Dumping
Entweder das, oder 500 Euro für Office ist schlicht und ergreifend Wucher, oder?
Das gleiche Phänomen habe ich bei Photoshop und Pixelmator. Pixelmator hat natürlich nicht den gleichen Leistungsumfang wie PS, und nicht dessen Status – ist also keine echte Alternative – ist dafür aber unglaublich schneller, volles 64bit, und kostet nur einen Bruchteil. Ohne die beiden Softwares zu vergleichen – kann es sein, dass Office oder PS so teuer sind, weil sie Monopolstellungen haben? Und iwork bzw. Pixelmator nicht?
Apple lebt, nebenbei, nicht mehr nur vom Hardwareverkauf – ebensowenig wie sie iWork verkaufen müssen (oder Logic oder FC), müssten sie noch MacPros verkaufen. Trotzdem ist Apple – durch die Bank – keine Dumping-Firma. Logic und FC sind alles andere als preiswert. Und iWork wird niemals Office «wegdrücken» (obwohl es in Teilbereichen deutlich besser ist), sondern dient eher als preiswerte Alternative dazu im eigenen Marktsegment.
Wobei der Mainstream-Mist in diesem Falle ja sogar eher Office ist, das – aus meiner Sicht – von Version zu Version untragbarer wird (vor allem auf Windows, Office 2007 war eine Zumutung), das immer noch kein richtiges OpenType beherrscht (6 oder 7 Jahre nach Markteinführung) und von Powerpoint will ich gar nicht anfangen, das ist meine persönliche Grusel-Software. Während ich Keynote beispielsweise deutlich gelungener, schneller, sicherer und intuitiver finde. An fast allen iwork-Programmen fehlt sicher einiges an Features (Autosave beispielsweise und bei iWeb an allen Ecken und Enden, beispielsweise beim halbwegs vernünftigen Code am Ende, da kommt nur Müll raus, mehr als ein Skizziertool wird das nie), aber bei 60 Euro ist das ja auch okay. Trotzdem schreibe ich Texte inzwischen in iWork oder – tada – in Ommwriter. Ich hab keine Lust, mit einer total überladenen Software zu arbeiten, nur um mal einen Brief zu schreiben. Selbst Buzzword macht mehr Spaß (naja, nicht wirklich, obwohl gleichzeitig zu dritt in einem Text rumwerkeln sehr lustig ist und Word kann das immer noch nicht…).
Mir geht es auch weniger um die GRÜNDE, warum eine Software preiswert und die andere teuer ist , sondern um den EFFEKT. 60-Euo-Software wird kaum raubkopiert, weil der Risiko/Nutzen-Effekt nur noch sehr klein ist für eine breite Menge an Menschen. Faire Preise und Verfügbarkeit plus Service minus Paranoia-DRM = Umsatz.
Wirklich wirklich guter Post :)
Danke.
Es darf ja gar nicht wahr sein…
iTunes geht endlich den richtigen Weg und bietet zeitgleich zur US-Ausstrahlung die sechste Staffel von LOST zum Download an.
Und was passiert?
Obwohl ich ansonsten Filme via iTunes-Rent sehen kann, sind die GEKAUFTEN Folgen von Lost plötzlich HDCP-kodiert, haben also ein Digital Rights Management, und ich kann sie NICHT via den Mini-DP-Ausgang an meinem Beamer sehen.
Apple spinnt. Und zwar absolut – das ist einfach nur ein Fiasko. Vor einem Jahr, als der Unibody neu war, wäre das akzeptabel, aber jetzt doch nicht mehr.
Okay, dann kaufe ich die gesamte Staffel eben nicht bei itunes, schreibe die 6 Euro für ersten beiden Folgen als Lehrgeld ab und kann immer noch nicht legal Lost sehen.
Es ist einfach nur bizarr.