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Contagion

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Es ist Soderberghs Filmen anzusehen, dass er sich schnell zu langweilen scheint, anders ist die Bandbreite zwischen Ocean’s 11 und Solaris oder Full Frontal und The Informant kaum zu erklären – und auch Contagion fühlt sich nicht erkennbar nach einem typischen Soderbergh an, der Film entwickelt seine Handschrift aus der Sache, nicht aus stilistischen Vorlieben des Regisseurs. Die «Sache», das ist in diesem Fall ein Katastrophenfilm, wie man sie vor allem aus den Siebziger Jahren kennt, die ohne digitale Trickeffekte auskommen mussten und sich insofern primär auf die Charaktere und logischen Spannungsaufbau verlassen mussten, insofern aus heutiger Sicht mitunter auch eine gewisse Langsamkeit aufweisen. In dieser Hinsicht ist Contagion eine Art Anti-Emmerich-Film, der sich der Katastrophe als CGI-befeuertes Achterbahnspektakel komplett verweigert. Während in Filmen wie 2012 größtmögliche Vernichtungsszenarien benötigt werden und en passant ganze Kontinente untergehen müssen, um vergleichsweise banale Charakterwandlungen zu rechtfertigen, es also im pornographischen Sinne um die Action, nicht um die Rumpf-Handlung dazwischen geht, erzählt Soderbergh seine Geschichte ausgehend von dem denkbar banalsten, unscheinbarsten Auslöser.

Keine Alien-Invason, keine Flutwellen, Asteroiden oder neuen Eiszeiten sind nötig, um die gesellschaftliche Ordnung vorübergehend auszuhebeln, es reicht eine erst als Nachgedanke am Filmende enthüllte triviale Handlungsverkettung, um ein globales Bedrohungszenario zu erzeugen. Eine Fledermaus, ein Schwein, die Tierverwertungsindustrie (deren Brutalität Soderbergh fast beiläufig kommentiert), ein winziges bisschen Mangel an Hygiene plus globaler Kapitalismus plus internationaler Massenverkehr = Desaster. Es ist ja fast ein chaostheoretisches Klischee, dass hier der falsche Flügelschlag nicht eines Schmetterlings, sondern einer Fledermaus in Asien für einen (sozialen) Sturm in den USA sorgen kann – aber Soderbergh seziert diesen Prozess so sorgfältig und detailliert, mit so viel Zeit für unwichtige Details und Nebenfiguren, dass man sich an die besten, eher älteren Werke von Michael Crichton zurückdenken muss, an Filme wie Westworld oder an Bücher wie Andromeda Strain und Terminal Man.

Die Verwebung von Wissenschaft, Gesellschaft und Drama bringt Soderbergh auf ein Niveau, das ohne alle Mätzchen auskommt, selbst ohne die, für die man den Regisseur sonst kennt – Contagion ist ein denkbar unaufdringlicher, unprätentiöser Film, dessen Effekte nie Selbstzweck sind, sondern immer der Erzählung selbst dienen, auch wenn der Look keineswegs so minimalistisch ist wie noch in The Informant. Das Überraschende dabei ist, dass aus diesem Mix ein unverschämt spannender Film entsteht, der auf fast altmodische Art und Weise Spannung erzeugt, hier und da sicher unplausibel, aber immer ausreichend glaubhaft ist, weil seine Figuren vielseitig und realistisch wirken. Das Interessante ist daran, dass ein Film, der sich auf Reduktion und Verzicht besinnt, mitreißender ausfällt als Trickeffektorigien mit meterhohen pixelpräzisen Wellen und dass ein gezielt auf «normal» getrimmtes, sehr verhalten spielendes Ensemble glaubhafter und nachvollziehbarer «heroisch» sein kann als die Hollywood-Allzweck-Helden, bei denen die Suspension of disbelief einfach zu viel und zu harte Arbeit ist. Was Soderbergh damit gelingt, ist der Nachweis, dass ein Film fast besser als Thriller gelingen kann, wenn er auf die Blockbuster-Rezeptur weitgehend verzichtet… selbst wenn Soderbergh sich und dem Publikum ein fast schmalziges Happyend gönnt und dabei sogar vor dem verschärften Einsatz von U2 nicht zurückschreckt.

Ganz nebenbei ist Contagion aber auch ein Dominospiel, das dramatisch die Verwebung globaler Prozesse ins Wackeln bringt und methodisch einen Stein nach dem anderen zum Umfallen bringt. In der Camouflage eines Action-Dramas kann der Regisseur nicht nur einen Kommentar über die Angstgesellschaft einbauen, die von einem Schock zum anderen wankt und deren Kreislauf Medien und Politik befeuern, sondern auch die Schattenseite einer globalisierten Wirtschaft aufzeigen. Es fällt nicht schwer, die Virusepidemie gegen wirtschaftliche Zusammenhänge auszutauschen und wahrzunehmen, dass in dem von Steven Soderbergh ins Licht gebrachte Netzwerk weltweiter Kontakte auch jeder einzelne von uns mitgefangen ist, das keine Aktion mehr ohne Reaktion bleiben kann, eine Wirtschaftskrise in Athen Politiker in Peking und Bänker in New York in Schwingungen versetzt. Die Botschaft, die Soderberg durch seine lasziven Kameraeinstellungen auf Tassen, Haltegriffe und andere virenübertragenden Oberflächen also eigentlich kommuniziert hat vielleicht einen tieferen Sinn: Keep you hands clean.

13. November 2011 18:26 Uhr. Kategorie Film. Tag , . Keine Antwort.

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