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Comeback

Maximilian Plettaus Dokumentarfilm von 2007 zeigt den Comeback-Versuch des ehemaligen Supermittelgewicht-Meisters Jürgen Hartenstein. Der Film zeigt in ruhigen, grobkörnigen Low-Budget-Bildern das Leben von «The Rock» Hartenstein, der sich – bewusst oder unbewusst – selbst nach medialen Vorbildern stilisiert. Er lebt in einer kargen Wohnung, die fast uneingerichtet junggesellig wirkt, trainiert am Sandsack auf seinem staubigen Dachboden, joggt durch den Park, besucht seine Großmutter, macht Joga, arbeitet als Türsteher und versucht, von einem Internetcafé aus telefonierend, immer wieder einen Fight in New York aufzutun, um zum Boxen zurückzukommen. Plettau, selbst an der Kamera, mit seinem Cousin als Tonmann, hat in seiner Abschlussarbeit einen stillen, wunderbar zurückhaltenden Film erzeugt, dessen grundsätzliche Sympathie für Hartenstein greifbar, der aber in seinen unkommentierten, langen Einstellungen auch Raum lässt für einen Blick hinter die Selbstinszenierung eines geschundenen Menschen, einen Einblick gibt in eine unbekannte Welt – was die beste Eigenschaft jedes Dokumentarfilms ist.

Es gibt in Stranger Than Fiction von Chuck Palahniuk eine Reportage aus der Welt des Amateurringens, die sich wie eine Fingerübung für Palahniuks Debüt Fight Club liest. Eine Welt, in der die Kämpfer kein Geld verdienen und sich trotzdem das Gesicht zu Brei schlagen und die Knochen brechen lassen, in der sich die Ringer gegenseitig an ihren deformierten Blumenkohlohren erkennen, wie eine geheime Schattenwelt, eine Secret Society, ein geheimer Kreis von Eingeweihten. Nicht anders wirkt die Welt von Hartenstein und seinem Trainer / Freund Markus Kone, der im Laufe des Films versucht, sein eigenes Gym aufzubauen. Es ist eine Welt von Männersymbolik, von Schlagworten wie Kameradschaft und Ehre, von gegeneinanderschlagenden Fäusten, von alten Weggefährten. Eine Welt, die nicht zufällig in ihrem Männergeruch an Soldaten erinnert, Gladiatoren, Samurais. Und Hartenstein, mit seinen kurzgeschorenen Haaren, seiner massigen Figur fühlt sich in dieser Welt sichtbar daheim, man spürt das Exoskelett eines unsichtbaren und alten Ehrenkodex, der ihn zusammenhält, wo andere nach einem solchen Karriereknick, einem solchen beruflichen und privaten Absturz, zusammenbrechen würden. Comeback zeigt ein Leben, das nüchtern betrachtet, eine Ruine ist, wenn die Kamera in Hartensteins kargem Zimmer langsam über Bilder des Boxers mit Axel Schulz oder den Klitschko-Brüdern streicht – die, die es geschafft haben, die oben geblieben sind. Hier ist ein Mann ohne Beziehung, ohne soliden Job, ohne Geld, der mit seiner Großmutter im breitesten pfälzischen Akzent über Buntwäsche diskutiert, der in seinem Dead-End-Job Türen öffnet und schließt. Zusammengehalten, aufrecht gehalten wird Hartenstein vom Mythos des Boxens, des Kämpfens, von dem Rocky-Mythos, den der Film mehrfach zitiert (etwa wenn Hartenstein Treppen hinaufjoggt, oder später in Philadelphia Stallones kleine Fußabdrücke betrachtet oder Passanten, an denen er vorbei läuft, das Rocky-Theme singen) – und der bereits im ersten Moment, wenn The Rock auf dem Dachboden schwitzend und keuchend in den Sandsack prügelt, deutlich wird. Boxen ist legendär, seit Ali, der Ausweg aus dem Ghetto, das DSDS der Jungs, die nicht die Goldkehle, aber eben harte Knöchel haben.

Es ist dieser Kodex, dieser amerikanische Traum vom Aufstieg aus der Gosse, der Jürgen Hartenstein zusammenhält, ihm Richtung und Kraft gibt. Kone und The Rock sind im besten Sinne Träumer, Optimisten, die sich in einer Subkultur bewegen, die bei aller Härte von diesen Träumen zehrt, sie ausnutzt und verkauft. Nirgends ist die Wunschmaschine des Kapitalismus in ihren Versprechen und ihren Abgründen so deutlich abgebildet wie im Sport, wo sich jeder einzelne bis aufs letzte ausbeutet und verkauft, wo es nur ganz unten oder ganz oben gibt, kaum Mittelfeld.


Dass auch der Traum von den USA am Ende leere Verlockung bleibt, zeigen Plettaus Bilder eines winzigen Hostels in New York, eines auf dem Times Square fast rührend verlorenen wirkenden Hartensteins, und des herabgekommenen Box-«Palast» in Philadelphia. In dem schäbigen Brownstone bekommt Hartenstein, dessen ganze Existenz in diesem einen Moment kondensiert, an dem alles hängt, in nur zwei Runden von einem zehn Jahre jüngeren, schlankeren, größeren und völlig entspannten, fast bekifft wirkendem Max Alexander nach allen Regeln der Kunst vermöbelt wird und nach einem ziemlich zweifelhaften Bodengang verliert. Für Alexander nur ein weiterer Sieg, für Hartenstein sichtbar die Niederlage seines Lebens. Umso unfassbarer, dass der Film damit endet, während bereits der Abspann läuft, dass Hartenstein erneut versucht, einen Kampf in den USA zu arrangieren. «Sieg ist eine Kette von Niederlagen» ist ein Motto des Films – und Hartenstein lebt das vor. Man kann nicht, bei aller Klarheit darüber, dass er mediale Klischees nachlebt, umhin, einen Respekt für die innere Würde und Energie von Jürgen Hartenstein zu fühlen, der im Laufe des Films im besten Sinne zu einem gebrochenen Helden wird, den man von ganzem Herzen einen Sieg gewünscht hätte.

Comeback belegt, wie sehr Dokumentarfilme heute in Sachen Humor, Dramaturgie und Wucht längst spannender sind als teure Hollywoodproduktionen. Vielleicht,weil das Klischee, dass nichts spannender ist als das echte Leben, wahr ist, vielleicht weil sie eine willkommene Abwechslung zur Freudschen Illusionsmaschine Hollywood sind und wir uns in den semi-realen Bildern eher wiederentdecken, in Ruhe und jenseits des puren Voyeurismus hinter die Fassade unser eigenen Inszenierungen und Illusionen blicken dürfen. Dass der Film dabei tatsächlich fast der fiktionalen Rocky-Narration folgt, ist dabei kein Zufall, sondern zeigt die enge Verzahnung von medialer Erzählung und echten Biographien, die sich an diesen Angeboten bereitwillig orientieren. Die Erkenntnis, wie erbärmlich vorgelebt und vorgekaut sich unsere Leben gestalten, prädestiniert durch Filme, Musik, Klischee, ist die vielleicht erschreckendste Wahrheit, die Plettaus Film belegt.

13. Januar 2009 15:59 Uhr. Kategorie Film. Tag . Keine Antwort.

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